Du bist eine Königin!

Kapitel 93

Stille

4.30 Uhr. Stille. Eine friedliche Ruhe liegt auf der Station. Auf ihrem Kontrollgang sucht Schwester Laura jeden Einzelnen auf, um das Wohlergehen ihrer Schutzbefohlenen zu überprüfen. Immer wieder ist sie von den schlafenden, alten Angesichten überwältigt. Jedes einzelne spricht Bände. Jedes Antlitz, dieser von Falten und Furchen durchzogenen Gesichter, erzählt unzählige Geschichten. Mit großer Achtsamkeit betritt die junge Ordensschwester die Zimmer, überprüft die sanft Schlafenden, spricht für jeden Einzelnen ein Gebet und huscht ins nächste Zimmer weiter. Am Ende des Ganges betritt sie das Zimmer von Gertrude. Mit dieser hat sie vor nicht einmal zwei Stunden ein, sie tief erschütterndes, bewegendes Abenteuer erlebt. Die alte Dame zog sie in ihr dunkles Geheimnis. Sie habe, durch den nie überwunden Schmerz , den ihre Abtreibungen ihr zugefügt haben und  die nun schon mehr als sechzig Jahre zurückliegen, begonnen, Texte zu schreiben, um sich auf diesem Weg hinweg trösten zu können. Die alte Lady schrieb in den vergangenen Jahren Briefe an ihre erträumte Enkelin und hat einige dieser Botschaften der jungen Klosterschwester vorgelesen.

Kurz bevor sie das Zimmer erreicht, bekommt die Nonne eine, durch ihre jahrelang praktizierte Sterbebegleitung erlangte, vertraute Eingebung. Die alte Lady wird sich bald auf den Weg zum Herrn machen. Aufgrund dieses inneren Wissens, schreibt sie kurzerhand ihrem geistlichen Freund, Pfarrer Josef eine schnelle WhatsApp-Nachricht, in der Gewissheit, dass er alles daransetzen wird, ihre Bitte zu erfüllen: “Lieber Josef, bitte komm so schnell es dir möglich ist, ins Pflegeheim Salzburg, Demenzstation. Ich glaube, eine Patientin wird ihren letzten Weg gehen!”

Beruhigen

Während sie das Handy in die Tasche steckt und das Zimmer betritt, wird Schwester Laura augenblicklich klar, dass sie richtig liegt, denn die schlafende Patientin wälzt sich unruhig und nervös in ihrem Bett. Sie nimmt, wie eine Stunde zuvor, die alten, verkrümmten Hände in ihre und flüstert mit leiser und besänftigender Stimme der Schlafenden zu. Doch die alte Frau wird immer unruhiger und schlägt plötzlich um sich. Schwester Laura drückt den Notfallknopf und in kürzester Zeit erscheint der diensthabende Arzt und versucht ebenfalls Gertrude zu beruhigen. Da die Patientin nicht reagiert, verabreicht er ihr ein Beruhigungsmittel, das aber nicht wie gewünscht wirkt. Gertrude wehrt sich und fängt an zu kreischen und zu schreien. Plötzlich steht eine junge, blonde Frau in der Tür, überblickt kurz das Geschehen, hastet ans Bett, legt der alten Dame ihre Arme um die Schultern und flüstert ihr etwas ins Ohr. Augenblicklich beruhigt sich die Patientin und lehnt den Kopf an die Brust der gerade eben Erschienenen.

„Bitte entschuldigen Sie, aber wer sind Sie?“, verwundert starrt Laura die Frau an und merkt erst jetzt, dass diese hochschwanger ist.

Leonie

„Leonie“, die alte Dame liebevoll im Arm schaukelnd, ihr immer wieder einen monotonen Satz ins Ohr flüsternd, lächelt die junge Frau der völlig sprachlos gewordenen Klosterschwester entgegen. “Ich bin ihre Enkelin.“, erklärt sie kurz, um sich sogleich wieder mit dem monotonen Singsang, der die alte Dame aber zu beruhigen scheint, weiterzufahren: „Omi, ich bin es, deine Prinzessin. Omi wir sind alle Königinnen!“, hört Laura ganz leise zu sich herübertönen.

„Aber ich dachte, sie sind ein Traum?!“

Da entschlüpft Leonie ein leises, helles Kichern, aber sogleich verfinstert sich ihr Gesicht und ihr Blick wird deutlich ernster.

„Vor drei Jahren hatte meine Großmutter einen Schlaganfall und ist darauf hin in die Demenz gefallen. Sie hat uns, sie hat mich vergessen und erkennt mich seit diesem Schicksalstag nicht mehr. Nur in der Nacht, wenn sie ihre Briefe schreibt, müssen alte Erinnerungen in ihr hochkommen. Doch wenn ich sie besuche, bin ich für sie eine Fremde.“, mit trauriger, nach Einsamkeit schmeckender Stimme, umarmt Leonie ihre Omi und drückt der nun ruhig gewordenen, jetzt wieder schlafenden Frau einen Kuss auf deren Scheitel.

„Aber was ist mit den Briefen? Sie hat sie mir gezeigt und mir erklärt, dass sie ihre Familie nur erdacht hätte.“, immer noch fassungslos blickt die junge Nonne ihr Gegenüber an. Der Arzt wird zu einem neuen Notfall gerufen und verabschiedet sich hastig.

„Ja ich weiß, nicht nur ich bin für Omi Fiktion, sondern alle!“

„Alle?“

„Ja, alle!“, auf die verwunderte Nonne blickend, schüttelt Leonie verständnisvoll den Kopf und bettet nun die schlafende, alte Dame auf ihr Kissen zurück. Sie sieht den Stapel mit den Briefen auf dem kleinen Schreibtisch, auf dem noch immer die hässliche Lampe leuchtet und als ob Laura Gedanken lesen könnte, geht sie zu diesem, holt die Briefe und reicht sie Leonie, die an der Seite ihrer Oma in einer ungemütlichen Lage kauert.

Gemeinsame Zeit

„Die letzten drei Jahre habe ich meine Großmutter oft besucht und jedes Mal, wirklich jedes Mal, lag wieder ein neuer Brief für mich bereit.”, den Stapel in der Hand haltend, auf die vielen Briefe blickend, schweigt Leonie einige Momente gedankenverloren. Einzelne Tränen suchen sich einen Weg über das hübsche junge Gesicht. “In diesen Texten hat sie unsere Zeit beschrieben, hat sie die vielen Ratschläge, die sie mir schon vor ihrer Krankheit gegeben hatte, wiederholt. Bei jedem Besuch konnte ich wieder etwas von dieser alten Dame lernen, konnte ich mich an unsere gemeinsame Zeit erinnern, konnte über das Gewesene schmunzeln oder auch trauern, aber eines konnte ich nicht. Ich konnte nicht mehr mit ihr reden, lachen, ich konnte ihr nicht mehr sagen, wie lieb ich sie habe und wie sehr ich sie vermisse.“, jetzt den Tränen freien Lauf lassend, umarmt Leonie ihre Omi noch fester und legt ihr weinendes Antlitz an den Hals der alten, schlafenden Frau.

Tief bewegt beobachtet Laura dieses wunderschöne, ergreifende Geschehen, diese tiefe Liebe zwischen den beiden Generationen, bis plötzlich ein Schuldbewusstsein in ihr hochsteigt. Sie erinnert sich an ihre SMS an den Priester. „Bitte entschuldigen Sie, wenn ich mit einer außergewöhnlichen Idee aufwarte. Hatte ihre Großmutter schon eine Krankensalbung? Bitte erschrecken Sie nicht, aber so eine Krankensalbung kann man jederzeit empfangen, nicht erst wenn man im Sterben liegt. Ich hatte die Eingebung, dass ihre Großmutter, bevor sie zum Herrn heimgeht, noch einen Akt der Verzeihung, der Vergebung erleben sollte. Diese notwendende Vergebung könnte ihr ein befreundeter Priester, den ich schon verständigt habe, spenden.“, beschämt über ihr vorschnelles Handeln, lächelt Laura etwas verzagt, aber mit offenem Herzen ihr Gegenüber an.

Leonie weiß nicht, was sie sagen soll und so nickt sie einfach schweigend.

Beide Frauen blicken liebevoll zu Gertrude, die schlafend auf ihrem Kissen ruht. Der Morgen kündigt sich an, durch das Fenster leuchtet die immer heller werdende Dämmerung und ein hoffnungsvoller Tag erwacht.

 

Die beste Omi

„Auch ich hatte heute Nacht eine Eingebung.“, verwundert über die Gemeinsamkeit, beginnt Leonie wieder zu sprechen. „Mit blankem Schrecken erwachte ich mitten in der Nacht, mit dem festen Wissen, dass mich Omi dringend braucht. Ich sprang sofort aus dem Bett und fuhr, obwohl es erst drei Uhr morgens war, hier her.”, der alten Dame die Hände streichelnd, genauso wie es Laura vor nicht einmal drei Stunden tat, erzählt Leonie weiter. “Ich liebe diese alte Lady von ganzem Herzen und ja, sie hat einige Fehler gemacht, sie hat zwei ihrer Kinder abgetrieben, aber sie hat meiner Mama und meiner Tante das Leben geschenkt und damit auch uns dieses Dasein ermöglicht.  Sie war die liebste und beste Großmutter, die man sich vorstellen kann. Sie war immer für mich und meine Schwester, der sie sogar ihr Haus schenkte, da. Sie war diejenige, die mich ermunterte, mein erstes Kind nicht abzutreiben, sondern meinem Sohn das Leben zu schenken. Mein kleiner Liebling ist jetzt vier Jahre alt und ich liebe dieses Kind über alles.”, über die eingefallenen Wangen streichelnd, zeichnet Leonie ihre aufrichtige Wertschätzung und die tiefe Liebe, die sie für ihre Großmutter empfindet, in den schönsten Farben auf. „Meine Omi ist einer der wichtigsten Menschen in meinen Leben.“, traurig, aber in sich gefasst, nimmt die junge Frau einen tiefen Atemzug: „Wissen Sie, immer wieder, von klein an, bis zu ihrem Unglückstag sagte sie zu mir: mein Engel, vergiss nie, du bist die Tochter eines Königs und darum bist auch du eine Königin. Immer wieder, immer wieder, wiederholte sie: Du mein Engel bist eine Königin, wir sind alle Königinnen! Darum habe ich ihr in den drei Jahren des Vergessens, eben diesen Satz in ihrem Sinne wiederholt und diese ihr so vertraute Weisheit hat sie immer beruhigt.“, Leonies Blick geht an Laura vorbei und bleibt am schlichten, dunkelbraunen Holzkreuz hängen. „Lieber Jesus bitte, ich will meine Omi noch nicht verlieren, ich will sie in den Armen halten, auch wenn sie mich nicht mehr kennt.”, betet die Enkelin leise und mit stockender, erstickender Stimme.

Heilung

Leonies Aufmerksamkeit wird plötzlich von einer schwarz gekleideten Person, die mit einem kleinen Köfferchen im Türrahmen steht, abgelenkt. Das Gesicht ist durch den Wiederschein der grellen Lampen des Ganges nicht zu erkennen und trotzdem spürt Leonie sofort, dass etwas Erhabenes, etwas Heilendes von diesem Mann auszugehen scheint.

“Darf ich eintreten?”, um die intime Gemeinsamkeit nicht zu stören und deshalb auf eine Einladung wartend, verharrt der Priester geduldig auf seinem Platz. Leonie lächelt ihm freundlich entgegen und bittet ihn mit einem Kopfnicken, einzutreten.

„Schwester Laura hat mich gerufen, um dieser Patientin die Krankensalbung zu spenden. Ist das so in Ordnung?“, ruhig und gelassen stellt der Priester, die für Leonie nun doch erschreckende Frage.

Einen tiefen Atemzug nehmend, nickt die junge Frau und will dem Priester Platz machen, doch dieser gibt ihr zu verstehen, dass sie an der Seite der Großmutter bleiben soll. Er packt seinen kleinen Koffer aus und nimmt eine Stola, die auf der einen Seite weiß und auf der anderen Seite die Farbe Lila trägt, heraus. Auch ein kleines Fläschchen mit Weihwasser, ein schwarzes, kleines Büchlein und eine hübsche silberne Dose legt er auf Gertrudes Bett. „Glauben Sie, dass die Patientin eine Beichte ablegen könnte?“, will der Priester wissen, aber Schwester Laura schüttelt nur den Kopf. „Josef, die Dame ist leider dement, aber glaub mir, sie bereut ihr Tun von ganzem Herzen, denn sie hat es mir schon in erschreckender Weise erzählt.“.  Daraufhin legt sich der Priester die Stola um und beginnt aus dem schwarzen Büchlein eine Bibelstelle vor zu lesen: „Ist einer von euch krank? Dann rufe er die Ältesten der Gemeinde zu sich: sie sollen Gebete über ihn sprechen und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben!“. Pfarrer Josef liest einige kurze Texte, betet Fürbitten und legt die Hand auf den Scheitel der Großmutter. Einige Minuten später nimmt er das Silberdöschen, öffnet es und salbt die alte Dame an der Stirn und auf den Innenseiten der beiden Handflächen. Ein unbeschreiblicher, wundervoller Wohlgeruch breitet sich augenblicklich im heller werdenden Raum aus und Leonie beobachtet mit Verwunderung und tiefer Ergriffenheit das Geschehen. Nach der Salbung streckt der Priester seine Hand über Gertrudes Kopf und betet, mit sicherer und vertrauensvoller Stimme, einen Ablass. Tiefe, allumfassende Stille erfüllt den Raum. Leonies Tränen beginnen, vor tiefer Betroffenheit und innerster Berührung , wieder zu fließen.

Kein Moment, keine Augenblick, keine Zeit

Kein Moment, kein Augenblick, keine Zeit. Die vier Anwesenden sind im Jetzt gehalten, gefangen.

„Leonie.“, mit einer zarten, fast nicht hörbaren Stimme flüstert plötzlich Gertrude in die Stille hinein.

„Leonie, du lebst?“, ungläubig, aber überglücklich vom augenblicklichen Erkennen und Wahrnehmen der Wirklichkeit, strahlt Gertrudes Gesicht mit wachen Augen, wie eine lang vermisste, aufgehende Sonne, ihrer Enkelin entgegen.

„Omi!“, nicht begreifend, was gerade geschieht, starrt Leonie ihre Großmutter verwirrt an. Das ist das erste Mal seit drei Jahren, dass ihre Großmutter ihren Namen nennt.

„Leonie, du lebst?“, wiederholt die alte Dame verwundert, doch mit heller, froher Stimme.

„Ja, Omi, ich bin bei dir!“, Leonie stürzt zu ihrer Großmutter und umarmt diese mit einer heftigen, aber liebevollen Leidenschaft.

Die schwache alte Dame lächelt über ihr ganzes Gesicht, ihr Antlitz strahlt erkennend und erleuchtet dadurch den gesamten Raum.

Doch plötzlich bricht dieses Strahlen, als wäre es nur ein kurzes intensives Aufflackern gewesen, in sich zusammen und die alte Dame sinkt erschöpft in ihre Kissen zurück.

„Leonie!“, nur mehr ein Flüstern hauchend, das in ein Stöhnen abschwingt, ist aus dem Mund der Großmutter vernehmbar.

Leonie umarmt die alte Lady und realisiert, als sie den Körper festhält, augenblicklich, dass die Lebensgeister ihrer Omi beginnen zu entschweben.

Omi

„Omi“, aufgeregt, fast panisch versucht Leonie diese Geister zu beschwören: „Schau doch, ich bekomme ein Baby. Ich habe deinen Rat befolgt und Andreas geheiratet und wir erwarten unser erstes gemeinsames Kind!“, als ob sie ihre Großmutter hier auf Erden festhalten möchte, fährt die junge Frau verzweifelt fort. „Omi, Leon das Kind, das du gerettet hast, ist ein entzückender Vierjähriger und er macht uns jeden Tag so glücklich und Mama möchte dich sicher noch einmal in ihre Arme schließen. Omi bitte bleib noch da, wir brauchen dich doch!“, die Verzweiflung, die den ganzen Raum mit einer Eiseskälte füllt, ist für alle spürbar und Leonies Stimme wird immer hektischer. Doch die Atemzüge der alten Frau stocken und die Pausen zwischen ihnen werden immer länger.

Leonie klammert sich inständig an die Sterbende und flüstert  unaufhörlich eigenartige Worte in deren Ohren.  Nach einer gefühlten Ewigkeit tritt Laura an die Nachkommende und nickt ihr kurz zu.  Leonie versteht sofort und mit tränenerstickender Stimme flüstert sie: „Omi du hast Recht, wir sind Königinnen!“ und mit einem heftigen Aufschrei, der aber nur ganz leise durch das Zimmer tönt, drückt sie die nun Tote an ihre Brust und schreit, was sie ihrer Großmutter schon so lange sagen wollte, heraus:

„Danke Omi!  Wir leben!“.

ENDE

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