Durch Gottes Augen

Kapitel 92

Durch Gottes Augen

„Dieser immerwährende, nicht zu verstehende Personalmangel. Ich begreife es nicht, warum es in der Betreuung der alten Menschen so wenig Personal gibt.“, diese Gedanken denkend, fährt Schwester Laura, schnell und wie immer in Eile, mit ihrem Rad Richtung ihrer kurzfristig geänderten Arbeitsstätte, einem Pflegeheim in Salzburg. Seit einigen Tagen hilft die junge Nonne, aufgrund der desaströsen Personalzustände in der Abteilung für Demenzkranke, im Nachtdienst aus. Das staatliche Pflegeheim ist leider das einzige in Salzburg, das sich um Menschen, die unter Demenz leiden, kümmert. Es ist schäbig und müsste schon längst renoviert werden, aber die Stadt hat einfach kein Geld und so sind die Angehörigen gezwungen, ihre Lieben in so einer hässlichen Umgebung unterzubringen, dafür ist das Besuchen umso einfacher.  Lauras eigentlicher Beruf, oder ihre Berufung, ist die Arbeit im Hospiz. Ihre Lebensaufgabe sieht sie in der Begleitung von sterbenden Menschen und darum lautet ihr Motto nicht umsonst: der Mensch soll an der Hand eines Menschen sterben, nicht durch sie.  Besonders die Kranken, Hilfsbedürftigen aber auch die Alten, wie Kinder werdenden Menschen, sind Laura ein inniges Herzensanliegen und sie wollte, als sie in den Orden eintrat, den Menschen durch Gottes Augen sehen lernen. „Was willst du, was ich für dich tue?“, diese Bibelstelle, hängt auch auf ihrem Badezimmerspiegel, um sie immer daran zu erinnern. Und ja, in diesen alten, weisen, hilfesuchenden Augen der Kranken und Sterbenden erkennt sie das Antlitz des Herrn und so gelingt es ihr immer öfters, den Menschen mit einer großen, tiefen Liebe zu begegnen. Doch jetzt, als Nachtschwester auf der Demenzstation zu arbeiten, das ist für die so engagierte, junge Ordensfrau eine neue Herausforderung, vor allem, weil die Weitergabe von persönlichen Daten in dieser Abteilung eine Frechheit ist. Sie kennt weder den Familienhintergrund noch andere nützliche Informationen, die gerade für das Kennenlernen so wichtig wären, um sich schnellstmöglich auf die zu Begleitenden einzustellen.  Zumindest die medizinischen Fakten sind vollständig aufgezeichnet. Nur bei einer Patientin hat ihr ihre Vorgesetzte einige Stichwörter in die Hand gedrückt: „Gertrude, 1945 geboren, wohnhaft in Salzburg, nach einem Schlaganfall vor drei Jahren an schwerer Demenz leidend, unter anderem ausgeprägt durch eine Verschiebung des Tag- und Nachtrhythmus. Die Patientin leidet noch nicht unter dem vollständigen Verlust ihres Gedächtnisses, ab und zu erinnert sie sich an die Wirklichkeit. Sie ist in der Nacht aktiv und schreibt meistens Briefe und Texte. Während dieser Zeit will sie nicht gestört werden, aber gerade deshalb sollte man ein Auge auf sie werfen. Sie erlebte schon einige schlimme Anfälle.“ Da alle anderen Patienten auf der Station während der Nächte meistens ruhig sind und schlafen, hat ihr die Chefin nur diese Gertrude besonders ans Herz gelegt.

Grauschwarze Nebelwand

Heute liegt die dritte Nacht vor ihr, die sie auf der Station tätig ist und diese alte Lady bereitet Schwester Laura Kopfzerbrechen. Sie spürt trotz ihres jugendlichen Alters, aber aufgrund ihrer Erfahrungen mit Sterbenden, dass hier etwas Verborgenes schlummert, dass sich hier etwas im Dunkeln versteckt.

Die letzten zwei Nächte beobachtete Laura die alte Dame, die immer einige Stunden damit verbrachte, zu schreiben und wie es scheint, regelrecht mit den Wörtern zu kämpfen. Nichts konnte die Frau aufhalten. Laura versuchte einige Male mit ihr ins Gespräch zu kommen, sie bekam aber nur knappe, abwesende Wortfetzen zu hören und es fühlte sich so an, als ob eine grauschwarze Nebelwand, ein undurchdringlicher Schleier zwischen ihr und der alten Dame aufragen würde. Auch als die Klosterschwester eine längere Zeit hinter Gertrude verweilte und über ihren Rücken auf die Texte blickte, wirkte es, als ob die alte Dame sie gar nicht wahrnehmen würde. Der Text, den sie bei dieser Gelegenheit zu lesen bekam, begann mit ‚Liebe Leonie‘. Gefesselt von der persönlichen Anrede, las die Schwester, obwohl ihr bewusst war, dass sie hier eine Grenze übertritt, weiter und war über die deutliche und klare Sprache, in der der Brief verfasst ist, sehr verwundert. Vor ihr sitzt eine feine, sichtlich intelligente Dame und sie fragte sich, was diese Frau auf der Station der Dementen zu suchen hat.

Laura denkt den ganzen Tag über die ihr Anvertraute nach, die in einem feinen Nachthemd, mit dazu passendem Schlafrock, fast die ganze Nacht an ihrem kleinen, schon abgenutzten Tischchen sitzt, um Stunde um Stunde Texte und Briefe zu schreiben. Wieder steigt Ärger in ihr hoch, nichts Persönliches von diesem ihr zugedachten Menschen erfahren zu haben.

Als sie das Zimmer der alten Lady betritt, sitzt Gertrude, wie die zwei Nächte davor, an ihrem Platz, schreibend und tief versunken vor sich hin murmelnd.

Liebe Leonie

„Guten Abend.“, Laura tritt in das dunkle Zimmer, in dem nur die kleine, schnörkellose, hässliche Tischlampe einen kleinen Kreis, in dem die Schreibende sitzt, beleuchtet, aber den übrigen Raum in ein einsames Dunkel taucht. Gertrude dreht sich nicht um, murmelt eine kurze Begrüßung, schaut aber nicht von ihrem Tun auf. Doch diese Begrüßung zeigt Laura, die alte Dame hat mich heute tatsächlich wahrgenommen.

„Liebe Leonie“, steht auf dem weißen, schlichten Blatt Papier und Laura nimmt sich einen von den beiden Stühlen, die in jedem dieser kargen Zimmer stehen und setzt sich gegenüber. „Schreiben Sie einen Brief?“, mit weicher, liebevoller Stimme richtet sich Laura an die alte Dame, doch die beachtet sie mit keinem Blick.

Es ist ruhig auf der Station und deshalb lässt sich Laura heute nicht abschütteln, gedrängt von dem Geheimnis, das die alte Dame umhüllt.

„Wer ist Leonie?“, fragt Laura und um der Frage Nachdruck zu verleihen, tippt sie kurz auf den Namen. Durch diese kleine Berührung des Blattes, so als ob sie die graue Nebelwand durchstoßen hätte, schreckt Gertrude plötzlich auf. Als ob ein Schalter gedreht worden wäre, oder mehr noch, eine Büchse geöffnet wurde, registriert Gertrude die Nonne in diesem Augenblick mit wacher Aufmerksamkeit.

„Leonie“, mit einem herzlichen, offenen Lächeln, das das muntere Aufstehen begleitet, geht Gertrude zu ihrem Schrank, um aus diesem einen großen Stapel aus abgegriffenen Blättern zu holen. „Leonie ist meine Enkelin“, warm und mit fühlbarer Freude legt die alte Dame die Blätter vor Laura auf den Tisch.

In diesen Briefen

„Leonie ist die Tochter meiner Tochter Ingeborg und sie hat nach einem One-Night-Stand ein Baby bekommen. Leon. Sie hat sich für das Kind entschieden und damit großen Mut bewiesen. Ich teile ihr in den Briefen meine Meinung, meine Sichtweisen und meine Ratschläge mit. In diesem schreibe ich gerade,“, auf den Text deutend, „dass es besser wäre, Andreas zu heiraten und nicht Marco. Ich schreibe ihr, dass es nicht schlimm ist, wenn Marco nach Italien geht, denn er ist sehr krank, und da ist es wichtig, wenn er seine Wurzeln kennen lernt. Wissen sie, sein Vater war Italiener.“, Gertrude das Papier in die Hand nehmend, fährt mit einem freudigen, aber durch leicht nervöse Schwingungen gefärbtem Ton fort. „In diesen Briefen,“, auf den Stapel zeigend, „habe ich ihr schon so viele Ratschläge gegeben, obwohl ich sehr gut weiß, dass man es sich eigentlich ersparen könnte, Menschen etwas zu raten. Es ist besser so zu leben, dass der andere um Rat bittet, aber das geht bei uns leider nicht mehr.“, kurz verfinstert sich Gertrudes Blick, aber schnell leuchtet wieder Heiterkeit in ihren Gesichtszügen auf.

Verantwortung übernehmen

Auf den Stapel zeigend, fragt die alte Dame ihr junges Gegenüber: „Wollen Sie einige Briefe sehen?“

„Ja gerne:“, begeistert und froh darüber einen Kontakt zur älteren Seele gefunden zu haben, zeigt Laura ehrliche und verbindliche Anteilnahme.

„In diesem habe ich Leonie geschrieben, wie wichtig es ist, Verantwortung zu übernehmen!“, einen Brief aus dem Stapel ziehend, hält sie Laura ein Blatt hin, auf dem sie wieder, „Liebe Leonie“ lesen kann.

Eifrig sucht Gertrude ein Blatt nach dem anderen und legt es Laura vor: „In diesem Brief habe ich über die Würde des Menschen geschrieben und, dass diese Würde unantastbar ist.“, ein anderes Schriftstück nehmend: „in diesem habe ich ihr erzählt, das Dostojewski geschrieben hat, die Schönheit wird die Welt retten und in diesem habe ich ihr erklärt, dass so ein One-Night-Stand nicht klug ist. Und in diesem schrieb ich über den wahren Wert der Sexualität.“.

Bitte verzeih

Ein Brief nach dem anderen landet vor Laura und die junge Ordensschwester wird von Brief zu Brief sprachloser. Welch wunderbare Sätze, welch wunderbare Zitate diese weise, kluge Frau schrieb. Die alte Dame wird, durch das Vorlegen ihrer Texte aufgeregter und nervöser und durch ihre, immer wilder gestikulierenden Hände, schwebt plötzlich langsam, wie eine Feder im Wind, eines der Schriftstücke auf den Boden. Laura steht auf, hebt das gelbliche, abgegriffene, schon vielmals gelesene Blatt auf und ihr Blick fällt auf das Ende des Textes.

„Liebe Leonie, bitte verzeih mir, dass du nicht leben darfst. Deine Dich liebende, dich immer vermissende Omi!“, erschreckt starrt sie auf das Gelesene, steht auf und blättert alle Briefe durch und entdeckt, dass auf jedem der gleiche Abschiedsgruß steht: „Liebe Leonie, bitte verzeih mir, dass du nicht leben darfst. Deine Dich liebende, dich immer vermissende Omi!“,

Ungläubig starrt sie in Gertrudes Augen, die plötzlich schnell und unruhig von einem zum anderen Augenwinkel hetzen.

„Ist ihre Enkelin gestorben?“.

„Nein. Sie durfte gar nicht zur Welt kommen!“, die Schultern anspannend und kämpferisch die junge Frau taxierend, erhebt sich Gertrude und beginnt den Raum zu durchqueren.

Nur Selbstbestimmung zählte

„Wissen sie, als ich jung war, in Paris lebte und die neue Zeit, die neue Freiheit willkommen hieß, als ich die sexuelle Revolution mitbegründete und sie in allen Facetten lebte, habe ich meine beiden Schwangerschaften beendet. Damals war Selbstverwirklichung, Selbstbestimmung und das eigene Wohl, die alles bestimmende Doktrin und die galt es zu erfüllen!“, wie ein Staatsanwalt in einem Gericht, schreitet Gertrude vor Laura auf und ab.

„Ich habe meine beiden Töchter umgebracht, damit ich frei sein konnte. Es ging um mich und um niemanden anderen.“, Gertrude bleibt vor Laura stehen und starrt sie böse und abwehrend an.

„Aber was ist dann mit diesen Briefen, was ist mit Leonie?“, nicht wissend wie sie reagieren sollte, stellt Laura die Schicksalsfrage, die Gertrude bleich werden und in die Knie sinken lässt. Als ob ein Blitz eingeschlagen hätte, bricht die alte Dame zusammen und kauert auf dem kalten, abgenutzten, grüngrauen hässlichen Linoleumboden. „Ich habe nicht nur sie umgebracht, sondern ich verweigerte dadurch vielen Menschen das Leben.“, diesen einen Satz hört Laura aus den gemurmelten Worten leise und schwer verständlich heraus.

Fassungslos überlegt die Schwester, ob sie den Arzt holen sollte, findet sich aber Sekunden später ebenfalls auf dem Boden, die alte Frau umarmend. Wie ein Kind schmiegt sich Gertrude in die Arme der Klosterschwester und als ob das der Schlüssel zu ihrer Seele wäre, bricht sie in Tränen aus und weint ihren Schmerz am Herzen Lauras aus sich heraus.

Verzeihen

Nach einer gefühlten Ewigkeit ist es der jungen Nonne möglich, die vor Kälte erstarrte, noch immer weinende Frau ins Bett zu bringen, sie zu zudecken und ihr eine Wärmflasche unter die Decke zu schieben. Laura ist völlig verwundert über die geistige Klarheit, die durch die Worte, die Sätze und insbesonders über den Inhalt sichtbar und erkennbar wird. Diese alte Lady hat auf jeden Fall die richtigen, tragischen Schlüsse aus ihrem Verhalten gezogen. Langsam wird Gertrude ruhiger, ihre Tränen versiegen und durch die Wärme, die Geborgenheit und durch die Herzlichkeit dieser jungen Frau, entspannt sich das Gesicht der alten Lady.

Nach einem langen Schweigen beginnt Gertrude von neuem, aber jetzt mit einer viel ruhigeren Stimme: „Wissen Sie, in Wirklichkeit konnte ich den alles erdrückenden Schmerz meiner Abtreibungen nie überwinden und darum habe ich mir, wenn es mir schlecht ging, in meinen Träumen, in meiner Phantasie eine Familie erdacht. Einige dieser Briefe sind schon alt, denn seit vielen Jahren denke ich darüber nach, was alles hätte sein können. Gott wird mir diese Schuld nie verzeihen!“.  Auf ein Neues schimmern Tränen in den alten, glanzlosen, müden Augen und so drückt sich Gertrude in ihre Kissen und schließt die schwer gewordenen Lider. Man merkt ihr die Erschöpfung an und so sitzt Laura am Bett und streichelt die alten, von Altersflecken bedeckten, zusammengezogenen, verkrümmten und in der langen Zeit viel gebrauchten Hände.

„Was haben diese Hände alles gehalten, getragen und beschützt und was durften und konnten sie nicht beschützen.“, auch in die Augen der Ordensschwester steigen Tränen und sie flüstert der Schlafenden zu.

„Gott wird dir verzeihen und auch Leonie wird dieses tun.

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Meine Antwort an Leonie:

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