Ehe - Kür der Liebe

Kapitel 91

Ich gehe!

„Er verlässt uns. Warum?“

Diese Gedanken denkend, den Schmerz und die Verwirrung nach dem letzten Gespräch in ihrem Herzen tragend, radelt Leonie, wie schon so oft, wenn sie Rat und Hilfe sucht, zu ihrer geliebten Omi.

„Ich gehe weg. Ich werde nach Italien ziehen, denn ich möchte meine väterlichen Wurzeln kennenlernen.“, vermeintlich ruhig und gelassen, Leon auf seinen Knien wippend, erklärt Marco Leonie sein Vorhaben.

„Das halte ich für eine brillante Idee. Ich bin wirklich überzeugt, zu wissen, woher man stammt, ist ein wesentlicher Punkt im Leben jedes Menschen. Wenn man seine Wurzeln kennt, ist es sicher einfacher, glücklich werden zu können. Wann fährst du und wie lange bleibst du?“, für Leon das Fläschchen, die Windeln und alle nötigen Dinge, die er für seinen Ausflug mit seinem Vater benötigt, herrichtend, huscht Leonie durch die kleine Wohnung in der Gstättengasse.

„Wahrscheinlich zwei bis drei Jahre.“, um dem Gesagten nicht zu viel Gewicht zu geben, antwortet Marco leise und verhalten und spielt bewusst mit Leon weiter, der das wilde Schaukeln mit seinem lauten, fröhlichen Quietschen honoriert.

Ich bin Vater

„Wie, zwei, drei Jahre?“, Leonie stoppt ihr Rumwurschteln und bleibt vor den beiden abrupt stehen. „Hast du vergessen, dass du einen Sohn hast, nämlich den, der sich gerade auf deinen Knien vor Vergnügen fast wegschmeißt?“, fragend, aber auch über Leons unbändiger Freude lächelnd, blickt Leonie Marco an.

Der junge Mann hebt seinen Kopf und starrt der Mutter seines Sohnes direkt in deren ungläubige Augen.

„Ja ich weiß, dass ich einen Sohn habe. Und ja ich weiß auch, dass ich  dem kleinen Kerl gegenüber als Vater eine Verantwortung zu tragen habe.“, Leon einen Kuss auf seinen, mit einem leichten, blonden Flaum bedeckten Kopf, drückend, schweigt Marco einige Sekunden, um dann mit einer eigenartigen Stimme weiter zu fahren: „Aber in mir steckt eine ungemütlich werdende Krankheit und dieses Wissen kostet mich meine ganze Kraft. Glaub mir, ich habe keine Ressourcen mehr, um ein guter Vater zu sein.“, Verzweiflung schwingt in den gehörten Worten mit und berührt eigenartig Leonies Herz. Irgendwie spürt sie, dass es sich hier nicht um den einzigen Schmerz oder um die einzige Wahrheit handelt.

„Aber du kannst uns doch nicht allein lassen. Dein Sohn liebt dich und obwohl wir nicht zusammen sind, können wir doch gute Eltern sein. Schau, wir haben es die letzten Wochen und Monate so gut hinbekommen. Sogar den furchtbaren Anfall unseres Babys haben wir miterlebt und die Situation doch gut gemeistert. Fahr nach Italien, besuch deine Verwandten und finde deine Wurzeln. Aber bitte nicht so lange. Nach zwei Jahren würde Leon dich nicht mehr kennen und er braucht dich doch.“, nun verspürt auch Leonie Verzweiflung in sich hochkommen und etwas schnürt ihr den Atem zu. „Kann das Leben nicht endlich einmal einfach sein?“ dieser Gedanke durchzuckt sie und versetzt ihr einen Stich ins Herz.

Verlassen

„Nein, das Leben ist nicht einfach.“, traurig aber gefasst antwortet Marco und Leonie merkt, dass sie das Gedachte laut ausgesprochen hatte.

„Omi, er geht nach Italien und er wird mich und Leon verlassen.“, mit Tränen in den Augen stürmt Leonie in die Wohnung ihrer geliebten Großmutter.

„Wer?“, will Gertrude kurz und bündig wissen, während sie ihre aufgebrachte Enkelin in ihre Wohnung eintreten lässt.

„Marco. Vor nicht einmal einer Stunde informierte er mich, dass er seine italienische Verwandtschaft kennenlernen möchte und dass er seine Wurzeln finden will.“, die Augen verdrehend und an ihrer Großmutter vorbeirauschend, sprudelt es aus Leonie heraus und dabei bemerkt sie nicht, dass Gertrude ihr langsam und mit schweren Schritten folgt. „Zwei bis drei Jahre will er wegbleiben, um sich selbst zu finden. So ein Blödsinn!“, schimpft Leonie und durchquert aufgebracht die Küche.

Mit einer ungeahnten Schwere setzt sich Gertrude an den Tisch und blickt ihre Enkelin fragend an.

„Du liebst ihn ja gar nicht. Warum regst du dich denn so auf?“, aus müden Augen blickt die alte Dame ihr junges Gegenüber an.

Ich kenne keinen

„Ja was hat das damit zu tun? Er ist trotz allem ein Vater und noch dazu ein Vater, der seinen Sohn über alles liebt. Da kann man doch nicht einfach abhauen!“.

„Glaubst du er verschwindet aus dem von ihm genannten Grund?“, will Gertrude mit immer leiser werdender Stimme wissen.

„Ich kenne keinen anderen.“

„Du liebst doch Andreas. Lass Marco gehen, denn, ich glaube er weiß was er tut. Darüber hinaus ist es wichtig, seine Wurzeln zu kennen.“, Gertrude legt ihre Hände auf den Tisch und nimmt einen tiefen Atemzug. „Schau, deine Mutter kennt ihren Vater nicht und leidet immer noch unter diesem Nichtwissen. Ich habe es damals versäumt, Kontakt zu ihrem Vater zu halten. Aber du, du warst so tapfer und bist das Risiko eingegangen, Marco einzuladen, Teil in eurem Leben zu sein.“, immer schwerer und langsamer kommen die Worte aus dem alten, geliebten Mund.

Leonie stutzt ein wenig, ihre Gefühle und ihre Emotionen beginnen in den Alarmmodus abzugleiten, aber sie ist noch zu wütend, um die immer unheilschwanger werdende Situation richtig einzuschätzen.

Ich weiß es

„Weißt du, die Ehe ist die Kür zwischen Mann und Frau und du und Andreas könnt diese Kür laufen. Ihr liebt euch, das weiß ich ganz genau. Ich weiß aus Erfahrung, dass die Ehe eigentlich ein Unding ist, denn Mann und Frau sind so unterschiedlich.“, einen schweren Atemzug nehmend, unterbricht Gertrude kurz, fährt aber dann mit der ungewohnten Ansprache fort: „aber Gott würde es euch schenken, dass ihr in Liebe und im Respekt zueinander gemeinsam leben und euch entwickeln könnt. Er wird euch in dieser Vereinigung die Kraft und die Macht geben, noch weitere Kinder zu bekommen. Wenn ihr euch versprecht, dass ihr beim anderen bleibt, in guten und schlechten Tagen, dann entsteht ein Rahmen, der der unendlichen Würde eurer Kinder und eurer eigenen Würde entspricht. Durch dein Versprechen, liebe Leonie, kommst du in einen anderen Level, in einen viel höheren, das verspreche ich dir.“, für Gertrudes Ohren ungewohnte, fremde Worte sagend, aber mit einer den ganzen Raum füllenden Anstrengung, die in große, zärtliche Liebe getaucht ist, fährt die Großmutter fort.

„Ich weiß mein Schatz, Menschen und Umstände verändern sich, du erlebst es jetzt hautnah mit Marco und seiner schlimmen Krankheit. Deshalb vertrau einer alten Frau, heirate Andreas und lade Gott in diesen Bund ein. Dieser Gott hilft immer, denn allein können die Menschen es nicht schaffen.“, die letzten Worte stotternd und undeutlich aussprechend, verzieht sich plötzlich, zu Leonies blanken Entsetzen, Gertrudes Gesicht in eine schreckliche Grimasse und ihr ganzer Körper erstarrt und kippt wie ein nasser, schwerer Sack auf den Tisch.

Ich komme mit

Leonie springt auf und hastet zu ihrer Großmutter, die sich immer mehr verkrampft. Völlig panisch, die Tasten durch ihre Tränen vor ihr verschwimmend, tippt Leonie verzweifelt die Nummern der Notrufzentrale ein.

Aus Angst vor einer Bewusstlosigkeit, zieht sie ihre Großmutter auf den Boden und hält sie in ihren Armen fest. „Omi“, flüstert sie verzweifelt und da kommen Erinnerung an eine Schulung über Lebensrettung in ihr hoch und so schreit sie: „Omi bitte lach mich an!“, doch die alten Gesichtszüge scheinen auf einer Seite wie gelähmt und die Mundwinkel hängen an beiden Seiten erschreckend weit nach unten.

Als die Sanitäter und der Notarzt durch die offene Wohnungstür stürmen, sehen sie eine junge Frau auf dem Boden liegend, eine alte Dame, die völlig erschöpft wirkt, in den Armen festhaltend und ihr sanfte leise Worte in deren Ohren flüsternd.

Der Notarzt beginnt augenblicklich mit der Untersuchung und sieht der Großmutter lächelnd ins Gesicht und bittet sie ebenfalls um ein Lächeln, doch die Gesichtszüge reagieren nicht. Daraufhin überkreuzt er beide Arme und bittet um einen Gegendruck, doch auch dieser Aufforderung kommt die alte Dame nicht nach. Sein Gesicht verfinstert sich und er nickt den beiden jungen Sanitätern auffordernd zu, die sofort die Trage ausklappen, um Leonies Großmutter für den Abtransport auf diese zu betten.

Ich liebe

„Ich kann jetzt keine endgültige Diagnose stellen, aber es sieht nach einem Schlaganfall aus.“, stellt der junge Notarzt, auch sichtlich berührt, fest. „Wenn Sie wollen, können Sie Ihre Großmutter gerne ins Krankenhaus begleiten.

Leonie, Omis Hand haltend, läuft neben der Tragbahre den Flur entlang, hinaus ins Freie und besteigt mit Gertrude den Rettungswagen.

„Omi bitte bleib bei uns. Omi bitte bleib bei uns.“, flüstert sie der alten Dame immer wieder zu.

Als sie in das Areal des Krankenhauses einbiegen, erinnert sich Leonie an die Fahrt mit ihrem, nach einem Fieberkrampf völlig erschöpften Baby, die noch keine drei Wochen her ist und sie wundert sich, dass sie in nur so kurzer Zeit, mit zwei von ihren Liebsten die gleiche Strecke fahren muss. „Kann das Leben nicht einfach sein?“, wieder durchschwingt sie dieser Gedanke.

Ein leichter, fast nicht fühlbarer Druck der alten Hand holt sie in die Gegenwart zurück und so blickt Leonie in das zarte, mit so vielen Lebensfalten durchzogenen, jetzt merklich entspanntere Gesicht und sie richtet wieder ihre ganze Aufmerksamkeit auf den geliebten Menschen, deren Augen plötzlich klar und fest auf sie blicken.

Mit einer weichen und für Leonie alles überwältigenden Liebe haucht Gertrude, bevor sich ihre Augen verdunkeln und sie zu verschwinden droht: „Mein geliebter Engel, heirate Andreas!“.

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Meine Antwort an Leonie:

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