Gottes Leitfaden

Kapitel 90

Welche Zukunft?

„Sie liebt ihn.“, war sein einziger, überwältigender, schmerzhafter, aber komischerweise auch erleichternder Gedanke.

Im Beisl sitzend, erwartet Marco Andreas. Er hat ein kühles, helles Bier vor sich stehen, das vielleicht seine innere Unruhe, seine innere Hitze zu kühlen vermag. Die letzten Monate waren von Schicksalsschlägen und Aufregungen erfüllt und haben Marco in seinem ganzen Wesen aufgerüttelt, verunsichert und wenn er ehrlich ist, mit ganzer Wucht aus seiner Bahn geworfen. Die letzte, tiefgreifende Erschütterung ist jetzt eine Woche her, eine Woche in der sich Marco noch mehr Sorgen und Gedanken über seine Zukunft und über die Zukunft seines Sohnes machte. Sein Schicksal ist beängstigend eng mit dem des Kleinen verknüpft, so dass ihm diese Gedanken die Luft zum Atmen nehmen. In seinen lebenslangen Träumen, ging es immer um Freiheit und Selbstbestimmung, als die wichtigsten Ziele und dem daraus resultierenden und erhofften Glück. Nichts von all dem scheint in greifbarer Nähe zu sein. Durch das Kind, das er über alles liebt, büßt er zwangsläufig einiges von diesen Zielen ein, was er gerne aus Liebe in Kauf nehmen würde, doch seine Krankheit bedrängt ihn und diese wichtigen Attribute so sehr, dass sein Inneres beängstigend ins Wanken gerät. Er verliert sich in diesem Augenblick in einem offenen, stürmischen Meer.

„Sie liebt ihn.“, war sein einziger, überwältigender, schmerzhafter, aber komischerweise auch erleichternder Gedanke.  Ja, seit er Leonie in den Armen von Andreas sehen konnte, seit er diese innige Verbundenheit zwischen den beiden spürte, seit dem wächst in ihm eine Erleichterung, die er zwar nicht erklären kann, aber die hoffnungsvolle und hie und da auch befreiende Gedanken in ihm hochsteigen lassen . Von dem Augenblick an, als er erfuhr, dass er Vater wird, sah er oft seine Zukunft mit glücklichen Familienbildern gefüllt, in der er mit Leonie vereint, ebendiese vergnügte, zuversichtliche Familie leben wird. Darum ist er über die Erleichterung, die er beim Anblick des Liebespaares fühlte, verwirrt und verunsichert. Aber trotz allem Unverständnis, ist diese Erleichterung da.

Welchen Leitfaden?

In der letzten Sitzung gab ihm der Arzt die ungewöhnliche Aufgabe, sich eine Skizze für seine Zukunft zu zeichnen, sozusagen einen Leitfaden für sein Leben zu spinnen. Darüber hinaus sollte er sich mit diesem unvermuteten Gefühl der Erleichterung, ehrlich und gewissenhaft auseinandersetzen.

„Es war wirklich ein harmloser Fieberkrampf!“, mit diesen Worten setzt sich Andreas mit einem etwas verhaltenen Lächeln an den Tisch. Marco verspürt eine Unsicherheit, eine Verwirrtheit, die von seinem sonst so souveränen Freund auszugehen scheint.

„Ja, ich freue mich sehr, dass mein Kleiner nicht ernsthaft krank ist!“, mit einem verhaltenen Lächeln blickt Marco aufmerksam in das Gesicht des anderen. „Und danke, dass du so schnell gekommen bist und dich um Leon gekümmert hast. Du hast ihn auch noch während der drei Tage besucht, die er im Krankenhaus bleiben musste. Vielen Dank. Aber ehrlich, dieser Schock, diese Angst um mein Kind hat mich tief getroffen und der Schrecken steckt mir noch in meinen Knochen.“, die Angst wieder in sich spürend, hebt Marco sein Glas Bier und nimmt einen großen Schluck.

„Ich werde weggehen. Ich werde nach Italien ziehen.“, plötzlich und wie aus der Luft gegriffen, setzt Marco Andreas diese unerwartete Neuigkeit vor. „Darum habe ich mich heute mit dir getroffen, weil du der Erste bist, dem ich meine Entscheidung erzähle.“, schnell und hastig strömen Marcos Worte über den Tisch in Richtung des verdutzten Freundes.

Welche Hölle?

„Ich verstehe dich gut. Sein eigenes Kind in solch einem Zustand zu sehen und ihm nicht helfen zu können, muss sehr schlimm sein. Ich kann es nur aus der Sicht eines Arztes beurteilen, aber als Vater muss es wirklich die Hölle sein. Aber deshalb musst du doch nicht abhauen!“, versucht Andreas die Situation zu verstehen.

„Es ist die Hölle. Der Schreck, den ich durch diesen Fieberkrampf erlitten habe, hat mich aufgerüttelt und brachte mich zum Nachdenken. Ich habe selbst eine schwere Krankheit und ich habe weder die Kraft noch die Lust, mich jetzt auch noch um ein anderes Leben zu kümmern. Ich liebe meinen Sohn über alles, aber ich glaube, es geht ihm ohne einen kranken Vater besser.“, mit einem lauten Knall stellt Marco seinen Gerstensaft auf den hölzernen, kleinen, schon sehr abgewetzten Tisch ab.

Welche Verantwortung

Andreas starrt seinen Freund verwundert und verwirrt an.

„Habe ich mich wirklich nicht verhört? Du willst dich feigerweise einfach vertschüssen?“, ungläubig schüttelt Andreas seinen Kopf.

„Ich habe mich, mit Absprache meines Therapeuten, der mir vorgeschlagen hat, einen Leitfaden für mein Leben zu spinnen, entschieden, mir eine Auszeit zu gönnen. Mein Lebensnetz ist zu brüchig, zu löchrig, mit diesem hätte keine Spinne eine Freude. Nein im Ernst. Ich bin noch nicht so weit, um die Verantwortung für Leon und Leonie übernehmen zu können. Ich kann es ja nicht einmal für mich selbst. Darum werde ich mein Netz neu knüpfen. Ich werde diesen Leitfaden, diesen Lebensfaden neu spinnen und deshalb ziehe ich in das Heimatdorf meines Vaters nach Italien. Ich hoffe dort meine italienische Heimat, meine italienischen Wurzeln zu finden.“, mit einem Lächeln blickt Marco seinen Freund an, doch der eisige Zug um seine Lippen verrät, dass sein Herz mit jedem Wort mehr erstarrt.

Andreas hört Marco fassungslos zu: „Was soll das genau bedeuten? Willst du Leonie und Leon allein lassen?“

„Ja. Sie kommt ohne mich besser zurecht!“

„Und dein Sohn?“, will Andreas mit einem mulmigen Gefühl wissen.

Welcher Gott?

„Für den habe ich im Moment keine Zeit. Zuerst muss ich mich selbst finden, muss ich mich mit meinem eigenen Schicksal versöhnen!“, aufgebracht, aber mit zittriger Stimme versucht Marco überzeugend zu klingen.

„Du sprichst von einem Leitfaden. Glaubst du, dass du den allein knüpfen, spinnen oder suchen kannst? Glaubst du nicht, dass wir so einen Leitfaden von einem anderen zugesprochen bekommen?  Dem, der diesen Leitfaden für dich schon von Anfang an gesponnen hat? Der dir dein Lebensnetz schon geknüpft hat und du dich nur hineinfallen lassen musst?“, sich dieser fordernden Frage bewusst, will Andreas sein Gegenüber aus der Reserve locken.

„Ah kommst du jetzt wieder mit deinem Gott daher? Dein Gott, der mir diese Krankheit schickt? Dein Gott, der meinen Sohn in Lebensgefahr bringt? Dieser, dein Gott soll mir einen Leitfaden geben können, der soll mein Netz schon geknüpft haben? Weißt du was, dieser dein Gott kann mir gestohlen bleiben und in Wirklichkeit könnt ihr mir alle gestohlen bleiben. Ich habe jetzt andere Dinge zu erledigen und es tut mir leid, aber ich glaube ich muss meinen eigenen Weg gehen und der führt mich nach Italien.“, mit absoluter Bestimmtheit und fester, eisiger Stimme schleudert Marco Andreas seine Entscheidung entgegen.

„Bist du jetzt nicht sehr egoistisch? Ich weiß, von dieser sogenannten christlichen Message über Verantwortung, Vatersein und von der großen sich hingebenden Liebe hältst du jetzt nichts. Aber glaube mir, wenn du dich trotz deiner großen Wut mit diesem Gott auf den Weg machst, wenn du hierbleibst und deinem Sohn beistehst, ihn durch deine Anwesenheit beim Wachsen und Gedeihen unterstützt und ihn mit deinem ganzen Herzen liebst, dann wirst du den richtigen Leitfaden in deinem Leben finden und dir ein gutes Leben aufbauen können.“, will Andreas seinen Freund überzeugen.

Welche Liebe?

Doch dieser springt auf und starrt ihn jetzt sichtlich aufgebracht an. „Du nennst mich egoistisch? Weißt du was, vergessen wir das alles. Ich werde Leonie noch diese Tage informieren und nächste Woche bin ich weg. Ich weiß nicht, wie lange ich bleiben werde, aber ich rechne mit zwei bis drei Jahren. Ich kann ja Leon anrufen und in der Weihnachtszeit bin ich bestimmt im Lande. Aber wie gesagt, ich habe genug Probleme und die muss ich erst einmal in den Griff bekommen, bevor ich daran denken kann, eine Familie zu gründen. Also mach es gut.“, Andreas die Hand hinhaltend, steht Marco abschiedsbereit vor seinem verwunderten, sprachlos gewordenen Freund.

Andreas, der nicht versteht, was gerade passiert, verharrt schweigend und still. So schüttelt er diese ausgestreckte Hand kurz, will seinen Freund noch mit einer burschikosen Umarmung zu sich ziehen, doch Marco stößt ihn mit einer verstörenden Wucht weg und stürmt aus dem Gasthaus.

Allein die schon einsamen Gassen von Salzburg durchquerend, ist es nur ein Gedanke, der Marco durch den Kopf schwirrt und seine Augen mit Tränen füllt.

„Sie liebt Andreas!“

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