Keuschheit - Zeitgemäß?

Kapitel 88

Zorn, Verzweiflung!

Erbost und immer noch tief gekränkt, schnappt sich Leonie ihr Fahrrad, welches sie am Papagenoplatz abgestellt hat und braust in durchaus überhöhtem Tempo in Richtung ihres Elternhauses. Als sie an Angelikas Beisl vorbei huscht, sieht sie all ihre Freundinnen lachend und scherzend im hell erleuchteten Innenraum. Nach Andreas Abfuhr hat sie keine Lust mehr, in die ausgelassene Runde zurück zu kehren. In ihrer Wut und ihrem Unverständnis spürt sie nur mehr die innige Sehnsucht nach ihrem kleinen Liebling, der unter dem Schutz seiner Großeltern um diese Uhrzeit schon sicher schläft.

Sie wollte eigentlich zu ihren Eltern fahren, findet sich aber plötzlich vor dem Häuschen ihrer Oma wieder. Schon will sie absteigen und läuten, bis ihr mit einem kalten Schauer bewusst wird, dass dieses Schmuckstückchen ja nicht mehr Gertrude gehört, sondern ihrer Schwester mit deren Familie. Als ob der Zorn auf Andreas nicht genug wäre, kommt eine tiefe, traurige Verzweiflung in ihr hoch und sie schwingt sich zurück auf ihr Rad. Tränen vernebeln ihr die Sicht, darum fährt sie langsam und bedacht in die immer dunkler werdende Nacht. Mit wem könnte sie ihr fast zerspringendes Herz teilen? Omi. Ein tiefes Gefühl der Verbundenheit macht sich in ihrem Gefühlschaos breit. Nicht umsonst führte sie das Rad zu dem Häuschen, nicht umsonst zieht es sie immer wieder zu ihrer Großmutter, mit der sie schon seit je her all ihre Geheimnisse teilen konnte. Sie liebt ihre Mama, aber die Verbindung zwischen ihr und ihrer Omi war von Anfang an etwas ganz Besonderes. Vielleicht läuft daher ihr Leben so chaotisch ab. Auch Gertrudes Leben verlief nicht auf geraden Wegen.

Es dauert ein wenig, bis sie die alte, aber zarte, geliebte Stimme aus der Sprechanlage hört: „Oh Omi bitte entschuldige, dass ich dich so spät störe, aber ich muss unbedingt mit jemanden reden.“, aufgeregt und mit zittriger Stimme spricht Leonie ihrerseits in den Lautsprecher.

Richtige Entscheidung

„Aber natürlich, komm rauf mein Schatz.“, Gertrude drückt auf den Schlüssel und ein Summen lässt Leonie eintreten. An der Wohnungstür begrüßt die alte Dame ihre geliebte Enkelin wie immer mit überfließender Freude: „Du weißt, ich gehe sowieso immer sehr spät ins Bett und es ist ja erst zehn Uhr. Komm rein und lass uns gemeinsam einen Tee trinken.“, an die Seite tretend, lässt Gertrude Leonie in ihre Wohnung.

Während Leonie ihre Sneakers ablegt und in die Küche huscht, wundert sie sich wieder, wie ihre Oma ihr entzückendes, kuscheliges Häuschen gegen diese, zwar schöne, aber nicht heimelige Wohnung eintauschen konnte. „Omi ich verstehe dich immer noch nicht, wie du Lilly dein Häuschen schenken konntest.“.

„Ja mein Engel, euer aller Unverständnis ist mir sehr wohl bewusst. Aber vertrau mir, es ist und war für mich die richtige Entscheidung.“

„Aber Omi, du hattest es doch so fein mit deinem Garten, mit deinem Häuschen und ich glaube du hättest es in deinem Alter wirklich verdient, alles das zu haben, was dir zusteht.“, immer noch aufgebracht erhebt Leonie ihre Stimme und spricht das aus was sie sich schon so lange denkt.

„Was glaubst du, steht mir zu?“

„Ja, ein schöner Lebensabend, dein Häuschen und eben das ganze Glück auf dieser Erde!“, nun überschlägt sich Leonies Stimme, denn sie spricht aufgeregt und fast ein wenig panisch.

Ganzer Weltschmerz

„Meine Kleine,“, während Gertrude das Teewasser kochen lässt, deckt sie zwei Tassen, Zucker, Zitronen und einen kleinen Teller mit Käse, Weintrauben und Tucs, dem schmackhaften Salzgebäck, das Leonie so liebt, auf. Wie immer geht alles flink und flott und schon wirkt der gesamte Tisch verlockend und einladend. Leonie nimmt Platz und seufzt, als ob sie den gesamten Weltenschmerz zu tragen hätte. „Zu wissen was man will und was man nicht will, bedeutet für mich Glück. Und jemandem den man liebt, eine große Freude bereiten zu können, vermehrt dieses Glück noch viel, viel mehr!“, glücklich wirkend und mit der ihr innewohnenden Gelassenheit, nimmt Gertrude ebenfalls Platz und gießt den Tee vor Leonie auf.

„So mein Schatz, was ist dir nur einmal widerfahren, dass du so aus dem Häuschen bist?“, mit einem Lächeln wird Gertrude bewusst, dass das Wort Häuschen auf vielerlei Arten gebraucht werden kann.

Leonie schweigt und starrt das kochend heiße Wasser in der Teekanne an, das durch die Teeblätter, durch künstlerische, sich frei bewegende Schwingungen, langsam Farbe annimmt. Es ist faszinierend, dass der Geschmack und das gelbliche Braun sich nicht gleichmäßig ausbreiten, sondern sich wie in Bahnen im Wasser bewegt.

„Omi, ist das Leben nicht verrückt. Jetzt kenne ich zwei Männer, der eine, der der Vater meines Sohnes ist, möchte gerne mit mir zusammen sein und ich kann die Gefühle nicht erwidern und der andere, den ich wirklich sehr mag, der gerade will nichts von mir wissen. Wie kann man nur so dumm sein und den Falschen lieben?“, ohne Vorwarnung fällt Leonie mit ihrer Frage ins Haus.

„Sprichst du von diesem Andreas? Also der machte auf mich einen sehr vernünftigen Eindruck und dass er dich nicht will, das bezweifle ich sehr.“

Nicht will?

„Omi. Wir trafen uns heute zufällig in der Stadt, ich war gerade mit den Mädchen unterwegs, habe mich aber ihm zuliebe von den Girls weggestohlen. Wir spazierten zum Residenzbrunnen und hatten vor diesem Kunstwerk ein wunderbares Gespräch über Schönheit, Freiheit und Spannung. Daraufhin küssten wir uns leidenschaftlich und er gestand mir seine Liebe.“, Leonie beschreibt mit einem wiederkehrenden Lächeln, die letzten Stunden.

„Und da willst du sagen, dass er dich nicht will?“, unverständig blickt Gertrude ihre Enkelin an.

Tragisch?

„Die Geschichte ist ja noch nicht fertig.“, den Mund verziehend blickt Leonie ihre Omi an und gießt in beide Häferl den Tee ein. Die Tasse in beiden Händen haltend erzählt Leonie weiter: „Also wir stehen vor dem Brunnen und er gesteht mir seine Liebe. Wir küssten uns und ehrlich Omi, ich fühlte mich hoch erhoben, frei und durch und durch glücklich.“, mit einem tiefen Atemzug, aber ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht und wieder in die Spannung geratend, berichtet sie weiter. „Es war wunderschön, bis die Glocken des Doms mit einem lauten Klang läuteten. Plötzlich stieß er mich von sich, starrte mir in die Augen und sagte so etwas wie, er liebe mich, aber er werde auf mich warten. Soll heißen, dass er nicht mit mir schlafen will, was er mir ja vor einem Jahr schon durch die Blume erklärt hatte.“, einen Schluck nehmend, blicken Gertrude zwei fragende Augen an.

„Und was ist hier so tragisch?“, will Gertrude erstaunt wissen.

„Wie kann man jemanden lieben und nicht mit ihm Sex haben wollen? Das ist doch komplett unlogisch und vor allem ist es nicht ehrlich.  Andreas, dieser gestandene Kinderarzt, glaubt doch ernsthaft, dass man vor der Ehe nicht miteinander schlafen sollte. Er glaubt, dass die Keuschheit etwas ganz Großes, Einzigartiges und sogar etwas Notwendiges wäre. Er, der ja so gescheit ist, hat noch nicht kapiert, dass diese Keuschheit bedeutet, dass man etwas wegdrückt, dass man etwas nicht lebt, was man aber gerne möchte. Er hat nicht verstanden, dass dieses Verhalten, diese Keuschheit, in unserer Zeit nicht mehr angebracht ist.“, wieder Zorn in sich aufsteigen spürend, wird Leonies Stimme wieder lauter.

Keuschheit – Bewusst!

„Weißt du was Keuschheit in Wirklichkeit bedeutet?“, ihre Nasespitze nach vorne schiebend, den Kopf in die Höhe reckend, fragt Gertrude ihre Enkeltochter gerade heraus. Leonie weiß augenblicklich, wenn ihre Großmutter ihre Nase so bewegt, bekommt sie eine von Gertrudes Wahrheiten verkündet.

„Keuschheit bedeutet in Wirklichkeit, ‚Bewusst‘. Ich will etwas bewusst leben. Gerade in dieser Zeit höre und lese ich es auf allen Kanälen und in allen Zeitungen, dass wir alle wieder bewusst leben sollten. Wir sollten uns bewusst ernähren, bewusst bewegen, bewusst leben, aber wenn sie das Wort ‚Keuschheit‘ hören, dann laufen sie schreiend davon. Aber es ist eben genauso, wenn jemand keusch leben will, dann will er bewusst leben und vor allem bewusst lieben. Alles was ich lebe, alles was ich liebe, mache ich bewusst. Das wiederum zeigt, dass ich weiß, was ich will und vor allem was ich nicht will. Ich spanne meinen Pfeil und schieße ihn bewusst auf mein Ziel. Darum ist mir dein Zorn nicht einleuchtend. Dieser junge Mann scheint mir ein sehr kluger seiner Spezies zu sein.“, fast ein wenig verärgert über Leonies Ausbruch, schüttelt Gertrude unwillig den Kopf. Da sie aber in ein völlig erstauntes Gesicht blickt, fährt sie sanfter fort.

Mein Misslingen

„Du kennst meine Geschichte. Du kennst auch mein Misslingen. Eines kannst du mir glauben, ich habe viele Pfeile abgeschossen und verschossen und wenn ich traf, dann war es das falsche Ziel. Ich wusste nicht, was ich will und vor allem wusste ich nicht, was ich nicht will. Dadurch entstand mein größter, nie wiedergutzumachender Fehler, meine Abtreibung. Ich glaube, dieser Kinderarzt weiß sehr viel und dieses Wissen ist gerade in der Sexualität enorm wichtig. Er liebt nicht andere Frauen, sondern er weiß, dass er dich liebt, er weiß warum er dich liebt und das ist eine großartige Form der Zustimmung zu dir und auch zu seinen eigenen Empfindungen. Deshalb ist Keuschheit eine Haltung, die gerade in der Liebe enorm ist, denn die große Liebe ist bewusst, denn die große Liebe ist keusch.“, Gertrude, selbst von ihren Worten ergriffen, blickt auf und erkennt in den noch feuchten Augen ihrer geliebten Enkelin ein Strahlen, ein Leuchten, das  plötzlich ihr altes, weises, geläutertes Herz aufspringen lässt und sich augenblicklich jugendliche Freude in ihrem ganzen Körper ausbreitet.

Die Großmutter ergreift die Hände ihrer geliebten Enkelin und blickt durch die strahlenden blauen Augen tief in Leonies Herz: „Meine Kleine glaube mir, viele Männer lieben ihre Frauen, damit sie Sex bekommen, aber höre auf eine alte Seele: dieser junge Mann will zuerst dich kennen lernen, er will dich und sich prüfen, ob ihr für das große Abenteuer des Lebens, nämlich eine beständige Beziehung gerüstet seid.“, die Hände festhaltend und in großer Liebe mit dieser jungen Frau verbunden, nimmt Gertrude einen tiefen Atemzug und fährt fort: „Wenn es eine Beziehung sein soll, die das ganze Leben halten sollte und auch den Kindern, also deinem Leon und auch denen, die Gott euch noch schenken möge, Schutz geben soll, dann muss so eine Partnerschaft geprüft, geläutert werden. Diese Ansicht ist nicht alt und nicht verstaubt. Nein, sie ist in dieser Zeit mehr als revolutionär.“ In ihrem alten, geliebten Gesicht erstrahlt ein Lächeln, das seinen Ursprung nur aus einem weisen, wissenden und erfahrenen Herz schöpfen kann. Gertrude, die geliebte Oma fährt fort: „Ich verspreche dir eines, meine Kleine, wenn du ihn heiraten möchtest und ihr wirklich auf die Ehe wartet, dann wird jede kleinste Berührung, die ihr in der Zeit vor eurem Gelöbnis erleben dürft, mit Aussicht auf die große Zeit eurer Ehe, eine wahre Emotionsexplosion sein und euch einen kleinen Ausblick geben, wie schön es wird, wenn eure Pfeile zur richtigen Zeit, in der richtigen Spannung, das richtige Ziel treffen werden.“

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