Sex, Reinheit - Liebe

Kapitel 87

Aus dem Spiegel

Ein Lächeln, verzerrt, als ob es auf seinem Mund festgezurrt, festgefroren wäre, starrt Andreas von seinem morgendlichen, noch unrasierten Gesicht aus dem Spiegel entgegen. In Wirklichkeit müsste er vor lauter Glück zerspringen, denn er hat Leonie seine Liebe gestanden, doch er erinnert sich mit einer nicht gekannten Bedrücktheit an den gestrigen Abend.

Leonie, auf seinen Kuss mit einer Leidenschaft antwortend, strahlt mit all ihrem Sein Begehren aus, das ihn augenblicklich wissen lässt, er könnte diese Spannung, die sich wie in einem magischen Spiel zwischen ihnen erhöhte, ausdehnen, aufbauen und ausweiten, um sie dann zur richtigen Zeit zu lösen. Eng verschlungen, Stille um sie herum und innige Zugehörigkeit in ihnen spürend, verweilen sie vor dem Brunnen auf dem Residenzplatz, der ihnen Schönheit, Freiheit und durch seinen Wasserstrahl, der mit Kraft und Anmut in die Höhe geschleudert wird, eben dieses Entzücken verleiht.

Ich liebe dich

Andreas Blick verliert sich in den unergründlichen Tiefen der Augen seiner Geliebten und alles was er jetzt will, was er von ganzem Herzen begehrt, ist, diese Frau mit all ihrem Sein haben zu wollen. Auch Leonies Körper signalisiert ihm, dass es für sie nichts Schöneres und Begehrlicheres geben könnte, als ihm zu gehören.

In diesem innigen, intimen Augenblick schlägt plötzlich eine Domglocke den Angelus. 20 Uhr. Werktag. Josefsglocke. Als hätte ihn der Blitz getroffen, drückt Andreas Leonie von sich und nimmt einen tiefen Atemzug. Der Schlag des Gongs bringt Andreas zurück in die Wirklichkeit. Josef.

„Ich liebe dich!“, mit einer endlos wirkenden Sehnsucht blickt er auf Leonie. „Ich liebe dich, aber ich werde auf dich warten.“

„Warten? In mir toben die gleichen Gefühle wie in dir. Ich möchte nichts lieber als mit dir zusammen sein.“, unsicher, ob der verwirrenden Worte, lächelt Leonie zaghaft an Andreas hoch.

„Das will ich aber nicht.“, fast ein wenig grob dreht sich Andreas von Leonie ab.

Nachdenklich starrt Andreas in sein verknittertes, immer noch unrasiertes Gesicht. Traurig, sich selbst einen Idioten schimpfend, denkt er an den weiteren Verlauf des missglückten Abends. Leonie durch seine Abfuhr gekränkt, reagierte zornig und drehte sich sogleich zum Gehen. Nach ein paar eiligen Schritten holte sie Andreas ein und versuchte seine Aussage zu erklären. Sich an ihre damaligen Gespräche über die Reinheit des Herzens erinnernd, schleudert Leonie Andreas ihren Zorn und ihre Enttäuschung entgegen: „Du mit deinen komischen, altmodischen Sichtweisen. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass wir bis zur Ehe warten sollten? Was ist, wenn ich gar nicht heiraten will?“.

Keine Ehe!

„Was ist, wenn ich gar nicht heiraten will?“, immer wieder geht ihm dieser Satz durch den Kopf. Wie ein Karussell dreht sich dieser und bringt Andreas schier zu Verzweiflung.

„Was ist, wenn sie gar nicht heiraten will?“, wiederholt er das Gesagte vor Stefan, seinem Freund und Ratgeber, den er in seiner Verzweiflung kurzerhand aufsucht. “ Was mache ich wirklich, wenn sie die Ehe nicht mit mir eingehen will? Du weißt, für mich ist die Ehe, geschlossen vor Gott,  ein sehr bedeutendes Sakrament. Dieser Bund von Gott geheiligt, enthält für mich das größte und schönste und kann eben nur mit seiner Hilfe bestehen.“

„Erzähl einmal, wie ist Leonie zu dieser Aussage gekommen? Hast du ihr einen Antrag gemacht?“, will Stefan von seinem verwirrten Freund wissen.

Schönheit – Erotik

„Nein, so weit sind wir noch nicht, aber ich habe ihr meine Liebe gestanden und dann ist der Abend trotzdem gehörig misslungen. Gestern Abend trafen wir uns zufällig, spazierten durch die Stadt und bewunderten den Brunnen auf dem Residenzplatz. Das erste Mal fiel Leonie die Stärke, die Schönheit, die Erotik dieses Kunstwerkes auf. Wir sprachen in wunderschönen Bildern von Spannung, Freiheit und Verantwortung und ehrlich, während dieses Redens entstand in mir eine körperliche Spannung, wie bei einem Pfeilbogen, aufs äußerste geweitet.  Nach meinen Empfindungen fühlte auch Leonie ähnlich. Jedenfalls gestand ich ihr meine Liebe und durch ihre Körpersprache erkannte ich, dass sie gerne mit mir zusammenkommen möchte. Und genau in diesen Augenblick läutet der Angelus und wie du weißt, schlagen sie an Werktagen immer die Josefsglocke. Vor meinem geistigen Auge entstand das Bild des heiligen Josefs und das brachte mich zur Besinnung. Ich beendete augenblicklich die Situation und Leonie war daraufhin sehr zornig. Ich weiß, sie ist ein emotionales Wesen, aber so beleidigt?“, den Kopf schüttelnd, blickt Andreas seinen Freund fragend an.

„Also jeder normale Mann würde dich jetzt zum Club der Volltrottel zählen. Jetzt wartest du auf diese Frau seit annähernd zwei Jahren, bekommst eine zweite Chance und dann vermasselst du sie. Dir ist wirklich nicht zu helfen.“, mit einem schelmischen Grinsen lächelt Stefan Andreas an.

„Bitte entschuldige, du warst derjenige, der uns auf die Idee der Reinheit des Herzens, das Warten auf die Ehe gebracht hat und jetzt nennst gerade du mich einen Volltrottel?“, zornig werdend will Andreas aufspringen, aber Stefan fordert ihn mit einem Lächeln auf, sich wieder zu setzen.

„Du hast natürlich recht mit deinen Vorsätzen und ich bin davon überzeugt, dass sich die Schönheit der Sexualität nur in einer Ehe, in einer sicheren Beziehung zur Vollkommenheit entfalten kann. Romano Guaradini tat den Ausspruch: Die Moderne muss die Liebe als etwas viel Weiträumigeres denken, als sie es tut. Weiträumig. Liebe, gerade die körperliche Liebe braucht, um in eine Weite, um in eine Freiheit und dadurch in die absolute Schönheit eintauchen zu können, einen geschützten Raum. Die körperliche Liebe ist wirklich viel umfassender, bewegender, erotischer und größer, als wir es in dieser modernen Zeit nur annähernd bedenken können. Das aber sieht die heutige Gesellschaft nicht und deshalb ist auch deine junge Freundin über deine Abwehr so verzweifelt. Die Moderne glaubt eben, dass es sich nur um ein körperliches Vergnügen handelt und dass es nichts mit einem großen, schönen und auch heiligen Tun zu tun hat, eben diesen heiligen, sich immer weitenden Raum.“, wie immer in seiner schönen, bildhaften Sprache erklärt Stefan seine Sicht der Dinge.

„Aber was tue ich, wenn Leonie gar nicht an diese Schönheit glaubt und auch nichts vom Sakrament der Ehe wissen will?  Wie soll ich darauf reagieren? Ist sie dann überhaupt die Richtige? Denn ich kann mir eine Beziehung ohne Gott und eben diesem schützenden Sakrament nicht vorstellen.“

„Dieses Sakrament ist das einzige, das sich Mann und Frau gegenseitig spenden. Welche Bibelstelle ist ein Schlüsselsatz, den gerade du so besonders liebst?“, mit einer lächelnden, fragenden Miene strahlt Stefan, wissend das Andreas die richtige Antwort findet, sein Gegenüber an.

„Sie werden ein Fleisch werden. Sie werden eins werden.“, plötzlich erhellt sich Andreas Antlitz und just in diesem Moment erinnert sich Stefan an Wickie, den ein Geistesblitz getroffen hat. Lächelnd sieht er die blau-gelben Sterne, wie in seinem damaligen Lieblingszeichentrickfilm hinter Andreas aufsteigen. „Heißt das für dich, dass wenn ich mit ihr eins bin, durch diese Einheit wir beide am gleichen mitwirken können? Dass allein nur durch meinen Glauben auch sie am Glauben teilhaben kann? O.K., das sind doch sehr skurrile Gedanken.“, diese Erkenntnis in sich mit Freude aufnehmend, strahlt Andreas mit einem breiten Grinsen zum Fenster.

„Wenn du sie innigst liebst, mit ihr eins wirst, dann hat sie auch ganz selbstverständlich an deiner Liebe zu Gott ihren Anteil. Du musst sie nur lieben und so wird auch sie Gott lieben, ohne dass es ihr so richtig bewusst ist.“, völlig neue Ansichten in den Raum stellend, erhebt sich Stefan und bringt ein Buch an den Tisch.

„Meine Frau hat mir aus diesem Roman vorgelesen und die Autorin beschreibt ihre Gedanken auf wunderbare Art und Weise. Jede wahre Liebe, besitzt eine Beziehung zur Urliebe, durch die Gott alles erschaffen hat und durch die er alles Erschaffene wieder zu sich heimholt. Die Ehe als die innigste Liebesgemeinschaft, die wir kennen, ist ein Abbild und Unterpfand dieser Urliebe. liest Stefan aus dem Buch vor. „Das heißt für dich mein lieber Freund:  wenn du, der du Gott liebst, bei ihr bleibst, so bleibt eben die Liebe zu Gott bei ihr. Sei also du durch deine Gottesliebe ihre Verbindung mit Gott. Glaube mir, wenn du Leonie mit all deinem Sein liebst, dann werden sich die Dinge richten. Denn wenn du sie und Gott liebst, ihr eins seid, dann ist es logischerweise gar nicht anders möglich, als dass sie durch dich Gott zu lieben beginnt. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Bei der Ehe, wenn man mit dem Anderen in Geist, Seele und durch den Körper eins wird, dann ist es klar ersichtlich, dass der andere sich ebenso verhält. Aber vielleicht gelingt es sogar viele Menschen zu Gott zu bringen, nur aufgrund dessen, dass sie geliebt werden. Geliebt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.“

„Willst du mir sagen, dass das die Lösung wäre. Ich brauche Leonie nur genug zu lieben und sie wird dadurch zu Gott finden? Sie wird dadurch erkennen, dass die Reinheit vor der Ehe gut ist und sie wird mir das Sakrament der Ehe spenden?“, immer noch ungläubig schüttelt Andreas wieder seinen Kopf.

„Ja, das glaube ich. Die Reinheit ist eine Herausforderung für euch beide. Aber gibt es nichts Schöneres als eine gelebte Liebe in einer Ehe? Dieses zarte Fühlen, diese Verbundenheit, dieses sich selbst und den anderen entdecken. Die Moderne muss die Liebe als etwas viel Weiträumigeres sehen, als sie es tut. Ja, diese weite, sich ausdehnende, grenzenlose, endlose und unendliche Liebe, die zwischen Mann und Frau entstehen kann, ist unermesslich. Das ist ein großartiges Geschenk, das uns Gott gegeben hat. Wir haben es leider mit unserer Gier und unserem falschen Begehren, weil wir die Sexualität nur auf das körperliche reduziert haben, kaputt gemacht.“, resümiert der kluge Vertraute.

Immer noch von seinen Gedanken berührt, sitzt Andreas auf dem Hocker im Proberaum, in dem er sich immer mit seinen Chormitgliedern trifft und lässt das Gedachte langsam in sich wirken.

„Also muss ich sie nur lieben. Nicht mehr und nicht weniger?“, mit einem immer breiter werdenden Lächeln liest der Freund im Gesicht seines Kameraden die Bestätigung ab.

„Ja. Nicht mehr und nicht weniger!“.

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