Spannung - Prickeln

Kapitel 86

Prickeln

Aufwühlendes Prickeln durchschleicht Leonie und hitzige Röte steigt in ihr hoch. Papageno, der ihr mit seinen schmiedeeisernen Federn immer Leichtigkeit schenkt, hält sie in ihrem äußeren Blickfeld fest, doch der Fokus ihrer gesamten Aufmerksamkeit ist auf den jungen Mann in der Gruppe von Jugendlichen gerichtet. Im Kreis ihrer Freundinnen, über ihre Zukunft sprechend, nahm sie die Regung vor dem Lokal wahr und trat blitzschnell vor die Tür. Irgendetwas versetzte sie urplötzlich in Spannung und zog sie wie an einem unsichtbaren Seil nach draußen.

So steht sie nun vor Angelikas Beisl und blickt zum Brunnen, auf dem die von ihr geliebte Statue aus der berühmten Mozartoper ruht. Andreas, seine Gitarre umgehängt, den Rücken ihr zugewandt, lacht und scherzt mit den jungen Leuten. Fröhlichkeit und spürbare Freiheit geht von dieser kleinen eingeschworenen Gruppe aus. In Leonie steigt die Hitze immer höher und als ob sie mit äußerster Spannung einen Pfeil abgeschossen und getroffen hätte, dreht sich Andreas plötzlich und mit einem Ruck zu ihr um. Ganz automatisch und selbstverständlich breitet sich das Lächeln, von ihrem Herzen ausgehend, in ihrem ganzen Körper aus und lässt ihr Gesicht in Freudestrahlen aufleuchten. Wie von selbst reagiert ihre Seele, ihr Herz, ihr Körper, ihre gesamten Sinne auf den Anblick dieses Mannes. Nichts ist gesteuert, geplant oder inszeniert. Nein ihre gesamte Natur, ihr gesamtes Sein sehnt sich nach dem anderen.

Sekundenschnell!

All diese Gedanken durchrasen in Sekundenschnelle ihren Verstand, während Andreas sich langsam in ihre Richtung bewegt. Mit einem Winken der linken Hand verabschiedet er sich von den anderen, ohne aber den Blick von Leonie zu lösen.

„Hallo, meine Schöne!“, begrüßt Andreas Leonie und nimmt sie ganz selbstverständlich in seine Arme. Leonie schließt die Augen und verweilt leise, in die Stille um sie herum eintauchend, in diesen Armen. Angekommen.

Als sie den Blick hebt, erhascht sie, aus ihren Augenwinkeln wahrnehmend, eine Bewegung hinter dem großen Fenster und erkennt ihre lachenden Freundinnen, die sich aber sofort ins Dunkel zurückziehen. Leonie schält sich aus der Umarmung, lächelt Andreas entgegen, während sie ihn an die Hand nimmt, um ihn in die schmale Gasse Richtung Altstadt zu führen.

„Kannst du einfach weg?“, will Andreas wissen und bleibt für einen Augenblick stehen, doch Leonie zieht ihn mit sich. Hand in Hand gehen beide schweigend über den Mozartplatz, am Glockenspiel vorbei, um vor dem großen Brunnen auf dem Residenzplatz zu stoppen. Drei nackte, in sich verschlungen Männer, die eine Muschel mit zwei Delphinen halten, erregen die Aufmerksamkeit der jungen Frau. Diese imposanten, muskulösen Männer fallen Leonie das erste Mal ins Auge. Die drei maskulinen Skulpturen stemmen die Delphine in die Höhe, die wiederum eine Schale halten, aus der dann schließlich ein titanischer Wasserstrahl in die Höhe schießt. Sie ist schon viele, viele hunderte Male an diesem imposanten Wasserspiel vorbeigefahren, vorbeispaziert und auch vorbeigeschlendert, aber dieses Zusammenspiel der Männer, der Delphine und des Wassers ist ihr noch nie aufgefallen.

Spannung

„Also diese drei Burschen kenne ich noch gar nicht.“, wirklich verwundert betrachtet Leonie das Kunstwerk.

„Ja weil du bis jetzt keinen Blick für männliche Schönheit hattest!“, scherzt nun Andreas seinerseits und drückt Leonie an sich.

„Aber warum habe ich sie wirklich immer übersehen? Sie zeigen uns in einer elementaren Form eine Männlichkeit, die uns Frauen doch so imponiert. Diese drei tragen seit sehr, sehr langer Zeit die zwei Fische und diese wiederum ermöglichen dem Wasser in unendliche Höhe zu steigen. Dieser Brunnen vermittelt mir heute Schönheit, Männlichkeit und auch Freiheit.“, grenzenlose Unabhängigkeit spürend, sieht Leonie an dem wunderschönen, großartigen Kunstwerk hoch.

„Vielleicht ist den Menschen in unserer Zeit diese Einmaligkeit, diese Schönheit nicht mehr bewusst, die die damaligen Künstler in vielen Bau- und Kunstwerken aber eben auch in Brunnen auszudrücken versuchten.“, beginnt Andreas, den Arm um Leonie legend, sein Wissen zu präsentieren. „Und übrigens sind das keine Fische, sondern Delphine!“.

„Ahja. Was ist das Besondere an Delphinen? Warum werden so oft genau diese Tiere in Bauten und Kunstwerken dargestellt? Auch in Rom gibt es viele Brunnen, mit eben diesen.“, neugierig, auf das springende Wasser blickend, richtet Leonie die Frage an Andreas.

„Wenn ich Delphine sehe, dann denke ich an Anmut, Schönheit und Freiheit. Auch Intelligenz kommt mir in den Sinn. In Frankreich war dieses Tier sehr lange in vielen Wappen abgebildet.“, erzählt Andreas aus seinem Wissensschatz.

„Dieser hohe, flinke Wasserstrahl erinnert mich irgendwie an das dahinschnellen der schlanken, grauen Gestalten auf der Meeresoberfläche. Man könnte sie mit Pfeilen vergleichen, die in einer enormen Spannung durch das Wasser gleiten!“, dieses anmutige Bild vor sich sehend, schmiegt sich Leonie noch näher an Andreas.

„Ja du hast Recht, dieser Brunnen drückt Spannung aus. Spannung zwischen den vier Pferden, den drei nackten Männern, den zwei Delphinen und dem in die Höhe schnellenden Wasserstrahl. Spannung, Schönheit und Freiheit.“, auf das Kunstwerk blickend, philosophiert der junge Mann in die Abendstunden hinein.

Kein fertiger Gedanke

Ein Gefühl, noch kein fertiger Gedanke, durchbricht Leonies Wahrnehmung. Sie schiebt Andreas von sich und setzt sich ihm gegenüber auf den Brunnenrand. „Glaubst du, dass es zwischen Mann und Frau Erwartungen, Aufregung und positive Spannungen geben soll?“, will sie plötzlich, an das Gespräch mit ihren Mädchen denkend und ihre jetzigen Gefühle beschreibend, wissen. „Und wie kann diese Spannung entstehen?“.

Andreas  lächelt sein hübsches Gegenüber etwas überrascht an. Die Spannung in ihm scheint wie bei einem gezogenen Pfeil aufs äußerste spürbar.

Aufregung, Spannung, Entzücken

„Du sprichst mir aus der Seele. Ich bin davon überzeugt, dass zwischen Mann und Frau immer wieder diese Aufregung, dieses Entzücken, diese Spannung herrschen muss.  Spannung in positiver, leidenschaftlicher, wenn du willst auch erotischer Ausprägung. Ohne diese wäre eine Beziehung, nicht  denkbar. Dieser Zustand der Spannung, gleich einem Pfeilbogen, gleich den Delphinen, wenn sie ungestüm und glänzend aus dem Wasser schnellen, sollte immer wieder aufgebaut, aufgezogen, aufgedehnt werden, um zum rechten und richtigen Moment gelöst und abgeschossen zu werden.“, einen kleinen Schritt auf Leonie zugehend, bilden Andreas Arme einen Schützen, der einen Bogen zieht, nach.  „Um all dies bewerkstelligen zu können, ist eines ganz, ganz wichtig. Nur in übernommener Verantwortung und in gelebter Freiheit, kann sich diese Spannung zwischen Mann und Frau immer wieder aufbauen, nur unter Freiheit und Verantwortung kann  diese Anziehung aufrecht erhalten bleiben und nur unter Freiheit und Verantwortung kann sich diese Spannung auch hie und da mit Kraft, Schönheit und Freude lösen.“, nun Leonie erreichend, versenken sich Andreas Augen in die unendlichen Blicke seiner Angebeteten.

„Aber sollte man nicht üben, sollte man den Pfeil nicht öfters abschießen, bevor man in den Wettkampf gehen kann.“, sich ihrer Zweideutigkeit vollkommen bewusst, grinst Leonie an Andreas hoch.

„Ja das glauben so viele in unserer Zeit. Ich bin der Meinung, dass Delphine nur ein gutes, schönes Leben führen können, wenn sie sich in ihrem natürlichen, für sie von Gott bestimmten Lebensraum, bewegen. Und das ist das freie Meer und nicht irgendein Aquarium. Sie fühlen sich in diesem Element wohl, an das sie sich angepasst haben. Unser Lebensraum der uns Sicherheit gibt, ist diese Welt, sind unsere Länder, Städte, Häuser, aber vor allem unser Beziehungen und Familien. Damit wir alle in Sicherheit und Freiheit leben können, sollten wir Menschen verantwortungsvoll agieren. In dem Wort Verantwortung steckt Antwort. Antwort an mein Gegenüber. Antwort an meine Mitmenschen. Antwort an meinen Partner. Um gute Antworten geben zu können, brauchen wir einen Rahmen, einen Platz, einen geschützten Raum. Den kann eben zwischen Mann und Frau die Ehe bieten und für die Kinder ist die Familie dieser Schutzbau.

„Aber sind wir nicht aus diesen alten, starren Mustern und Zwängen befreit worden?“, ihre Hände in das kühle, erfrischende Nass tauchend, blickt Leonie am Brunnen hoch.

Aus den Augen verloren

„Obwohl du schon so oft an diesem Kunstwerk vorbeigerast bist, ist es dir nicht aufgefallen. Vielleicht haben wir in unserer Hektik und in unserem alltäglichen, geschäftigen Leben vergessen, auf diese Großartigkeit und die Einmaligkeit unserer Stadt und ihrer Kunstwerke zu achten. Wir wurden sicher aus falschen Systemen befreit, jedoch war nicht alles schlecht, was früher war. Vielleicht hat man uns nicht nur befreit, sondern uns mehr genommen, als wir wollten oder mehr genommen als um was Menschen gekämpft haben. Das Pendel hat zu weit ausgeschlagen. Vielleicht haben wir aber auch das Wertvolle, das Vertrauende und die Schönheit unserer Beziehungen, Ehen und Familien aus den Augen verloren. Vielleicht liegt es an uns, dieser Welt wieder Antworten zu geben. Nämlich, dass es in all unseren Leben Spannungen gibt. Positive Spannungen wohlgemeint, wie zwischen Distanz und Nähe, zwischen Verstehen und Unverständnis, zwischen Verantwortung und Freiheit. Es heißt doch, Verantwortung zu leben bedeutet, jemanden in Freiheit setzen und jemanden zu sich selbst ermutigen. Diese Verantwortung ist eine große und mächtige Angelegenheit und darum erzeugt sie große Spannungen zwischen den Menschen, zwischen den Geschlechtern.“, nachdenklich blickt Andreas auf das wunderbare Bild der abendlichen Stadt. „Wir haben vergessen, auf die wahre Schönheit, auf unsere wahre Freiheit, auf unsere wahre Verantwortung zu achten und haben, nach meiner Meinung, die Spannung in unserem Sein verloren.“, holt Andreas von neuem in seiner Betrachtung aus.

„Aber wie gesagt, diese Spannung gerade zwischen den verschiedenen Geschlechtern, macht unser Leben schön und vor allem frei.“, mit einem Lächeln hebt Andreas Leonie vom Brunnenrand und drückt sie ganz an sich.

Ich liebe dich!

Leonie in seinen Armen wiegend, flüstert Andreas mit zärtlicher aber kräftiger Stimme über ihren Kopf hinweg zu: „Der Satz, ich liebe dich, heißt eigentlich implizit, dass ich Verantwortung übernehme.“.

Verwundert und fragend hebt Leonie ihren Kopf und blickt in seine strahlenden Augen. Seine Lippen ganz nah an sie bringend, haucht er: „Darum lass mir dir die Antwort geben: ich liebe dich!“.

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