Verhütung oder Freiheit?

Kapitel 84

Was ist los!

„Also erzähl einmal, wie geht es jetzt bei dir weiter?“, wie immer mit der Tür ins Haus fallend, richtet Julia ihre erste Frage direkt an Leonie. „Ach, wie wohltuend ist es doch immer wieder, die oft schon ein klein wenig an Frechheit grenzende Offenheit meiner lieben Freundin zu hören.“, denkt sich Leonie lächelnd während sie den Blick in die Gruppe ihrer vier Gefährtinnen schweifen lässt.

Endlich haben sie es in dieser aufregenden Zeit geschafft, sich kurzfristig in Angelikas kleinem Bistro zu treffen. Endlich kann sie im Kreise ihrer geliebten Frauen verweilen. Entspannt und einmal nicht an ihre Sorgen denkend, blickt sich Leonie im kleinen, schnuckeligen Pub, Bistro oder Beisl, je nachdem wie man dieses kleine Gewölbe nennen will, um und genießt dieses spontane Treffen. Angelika bereitet liebevoll dekorierte Brötchen mit Tomaten, Mozzarella, kleinen Schinkenstreifen und Barbera d´Asti, einigen anderen leckeren Zutaten und serviert diese mit der ihr innewohnenden Fröhlichkeit. Sie stellt diese vorzüglichen Köstlichkeiten mit ihrem ebenfalls wunderbaren piemontesischen Rotwein auf den Tisch.

„So meine Lieben, da ihr mich so lange nicht besucht habt, werde ich euch mit meinen besten Gustostückerln verwöhnen. Ich habe euch sehr vermisst.“, strahlt Angelika die vier Mädels an.

Andrea, Julia, Lilly und Leonie erwidern mit fröhlichem Lachen die nette Begrüßung und erheben gemeinsam das Glas des vorzüglichen und stoßen auf ihre liebenswerte Freundin und begnadete Weinkennerin an.

„Also erzähl jetzt endlich, wie es bei euch weiter geht? Was hat der Arzt in Wien gesagt?“, will nun Julia immer noch wissen.

Floh im Ohr!

Leonie nimmt einen kleinen Schluck des roten Getränkes, in der weisen Voraussicht es bei diesem einen zu belassen. Sie fühlt sich ihrem Sohn verpflichtet, da sie Leon immer noch einmal in der Nacht stillt.

„Ich weiß gar nicht, was ich euch erzählen soll. Das Gespräch mit dem Arzt war gut und hat uns auch weitergebracht, jedoch nicht so, wie wir es uns vorgestellt haben. Herr Doktor Rösslhuber wird sich auf jeden Fall erkundigen, wann und wie wir Leon testen können und er wird, wenn Marco einwilligt, auch mit ihm weiterarbeiten. Dieser Arzt ist der Meinung, dass es sehr klug ist, sich mit der Krankheit schon im Vorfeld auseinander zu setzen um sich auf diese schwierige Zeit, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Marco zukommen wird, vorzubereiten.“.

„Aber entschuldige, wie soll man sich auf so etwas vorbereiten? Das kann man ja gar nicht planen, wie man im Falle von Schmerzen, von Verfall, von Hilflosigkeit reagieren soll.“, unverständig blickt Julia fragend in die Runde.

„Ja deswegen wird der Psychiater in nächster Zeit auch Marco begleiten, um mit ihm einige Verhaltensmuster und Szenarien zu besprechen. Aber stellt euch vor, dieser Doktor kam dann auf die Tugenden zu sprechen und hat damit Marco leider einen Floh ins Ohr gesetzt. Er erklärte ihm, dass er diese Tugenden einüben könnte, um dann mit der Situation und mit seinem Leben besser zurande zu kommen.“, berichtet Leonie, immer mulmiger werdend, weiter.

„Wie nennt man diese Tugenden noch einmal?“, fragt Angelika, die es immer wieder liebt zu philosophieren.

Die Mädchen raten unter immer herzlicher und lauter werdendem Gelächter, aber es fällt ihnen schwer das Gefragte zu beantworten.

Leonie, ob des Spaßes und der Unwissenheit ihrer Freundinnen selbst in das Lachen miteinstimmend, lässt die vier munter weiter mutmaßen, bis Lilly sie fragend ansieht: „Kannst du sie benennen?“.

Tugenden

„Mut, Gerechtigkeit, Weisheit, Glaube, Hoffnung und Liebe.“, zählt Leonie, sich ein Brötchen nehmend, souverän auf. „Aber das Blöde ist, dass Marco, aufgrund unserer gemeinsamen Elternschaft jetzt seine Hoffnung darauf baut, dass ich ihn durch meine Liebe doch noch glücklich machen kann.“, mit zweifelndem Blick, ihren Mund verziehend, sieht Leonie ihre Mädels an. „Nur das Problem dabei ist, dass ich ihn nicht liebe, ich mag ihn, aber lieben?“, mit einem Achselzucken beißt sie herzhaft in das gerade von ihr genommene Brötchen hinein.

Andrea, die bis jetzt still vor sich hindenkend dem Gespräch gefolgt ist, zählt an den Fingern noch einmal nach und stellt die Frage: „Also was ich noch von meinem Religionsunterricht weiß, gibt es sieben und nicht sechs Tugenden. Ich glaube du hast den Verzicht nicht erwähnt und gerade diese Tugend ist eine, die unsere Gesellschaft so überhaupt nicht mehr im Fokus hat.“.

„Ja, du hast Recht, ich habe eine vergessen, aber die heißt nicht Verzicht, sondern diese Tugend nennt sich Maßhalten. Aber die ist jetzt nicht so mein Problem, denn es geht eher um die Liebe, die sich Marco von mir erhofft, die ich ihm aber in dieser Art und Weise, wie er sie will, nicht geben kann.

Pille?

„Während einer Vorlesung diskutierten wir mit einer Diätärztin über Verhaltensweisen, die dem Körper gut tun würden, dabei erklärte uns die Dozentin, dass das Verzichten ein wesentlicher Bestandteil des gesunden Lebens sei. In der Diskussion erwähnten einige junge Mädchen die Pille, die laut ihren Ansichten, gerade uns Frauen dieses Verzichten abgewöhnt hätte und dass der uneingeschränkte Konsum uns schaden würde. Ich habe dann selbst über dieses Medikament recherchiert und bin wirklich auf erschreckende Wahrheiten gestoßen. Ja wir sind wirklich eine Gesellschaft geworden, die alles im vollen auskosten möchte und das natürlich sofort.“, klärt Andrea ihre Weggefährtinnen auf.

„Ich glaub es einfach nicht! Jeder kommt mir mit neuen, ungewöhnlichen Ansätzen. Der Arzt mit den Tugenden, mein Vater mit den Lastentieren und du jetzt mit der Pille. Ich weiß nicht, was diese mit meinen Problemen zu schaffen hat?“, verständnislos starrt Leonie ihre überaus geliebte Freundin an. „Manchmal wäre es einfacher weniger belesene, philosophische, religiöse und reflektierte Menschen, um sich zu haben.“, denkt sie und ein kleines Lächeln durchzuckt ihre Gedanken.

„Wie es scheint, kennt Marco dieses Maßhalten nicht, wenn er sich von dir die große, aufopfernde Liebe erwartet. Echte, wahre Liebe bekommt man geschenkt, beziehungsweise wird einem hingegeben. Ich hätte damals diese Liebe, diese Hingabe bekommen, aber ich wusste um die Größe dieses Geschenkes nicht Bescheid und so habe ich es verworfen und mit Füßen getreten. Ich verlor dadurch mein Kind und meinen Mann. Auch durch die Pille wurde in unserer Gesellschaft die Hingabe an den anderen und das Maßhalten zerstört.“, an ihre eigene Abtreibung erinnernd, bricht es plötzlich in völliger Emotionalität aus Andrea heftig und laut heraus.

„Bitte entschuldige, aber was kann denn die Pille dafür? Ich nehme sie auch und ganz ehrlich, hätte Leonie sie damals genommen, dann wäre sie jetzt nicht in dieser Situation!“, fühlt sich Julia aus unerklärlichen Gründen angegriffen.

„Aber dann hätte sie auch nicht dieses entzückende Baby!“, versucht Angelika, die plötzlich hitzig gewordene Stimmung, etwas zu besänftigen.

Maßhalten

„Danke.“, schaltet sich nun Leonie wieder ein. „Aber vielleicht hat Andrea doch Recht. Die Pille ist wirklich nicht die Lösung, sondern das Maßhalten. Ich hätte mein Begehren zügeln sollen. Ich wollte das freie Leben, den besten Job und das ultimative Glück. Von Maßhalten oder Hingabe war ich weit, sehr weit entfernt.

„Auch ich nahm vor den Kindern, vor unserer Ehe, die Pille und ja ich kann bestätigen, dass das Zusammenkommen ein ganz anderes, ein ich würde sogar sagen, ein sterileres war. Als wir heirateten, konnte ich dieses kleine, rosa Ding von einem Moment zum anderen nicht mehr schlucken. Ich stoppte mit dieser Hormonbombe und daraufhin ereignete sich etwas Unglaubliches. Es war, als ob ich einen Schleier zwischen meinen Mann und mir hinweggezogen hätte. Als würde ich eine Art Sterilität aus unserer Beziehung nehmen. Wir mussten von da an zwar maßhalten, aber in kurzer Zeit änderte sich unser Sex von Grund auf. Er wurde näher, inniger, ich möchte sagen, er wurde erfüllter!“, die Röte ins Gesicht steigend, ist sich Lilly ihrer Ehrlichkeit bewusst.

„Diese Hingabe an den anderen hat eine ganz neue Qualität in unsere Beziehung gebracht und Leonie, du kannst nur mit einem Mann zusammen sein, den du von ganzem Herzen liebst.“, lächelt Lilly ihre Schwester liebevoll an.

Leonies Blick und ihre gesamte Aufmerksamkeit werden plötzlich von einer Regung vor dem Lokal eingefangen.  Sie steht auf, um vor das Beisl zu treten. Der Wind und der Regen haben die Straßen geleert und  sauber gefegt und der schmiedeeiserne Papageno, der ihr mit seinen zarten, eisernen Federn  immer wieder Leichtigkeit verspricht, strahlt in einem einzelnen Sonnenstrahl,  der durch die sommerlichen Gewitterwolken schimmert, schwarz und nass hell auf.

Strahlende Augen

An diesem stehend sieht Leonie Andreas, mit seiner Gitarre behängt, in einer Gruppe junger Mädchen und Buben lachend und scherzend. Für einen kurzen Augenblick dreht er sich um, erblickt sie und geht mit schnellen Schritten auf sie zu.

Die vier Freundinnen beobachten das Schauspiel und nehmen jede Regung zwischen den beiden wahr. Als sich Leonie umdreht und ins Lokal sieht, ziehen sich ihre Verbündeten mit Kichern und Gelächter an ihr Tischchen zurück.

„Habt ihr das Strahlen in Leonies Augen gesehen?“, will Angelika mit einem schelmischen Unterton wissen.

„Und ihre Reaktion und Körperhaltung? Wenn mich nicht alles täuscht, dann spielt sich gerade etwas da draußen ab, so wie sie gerade Hals über Kopf aus unserer Runde gestürmt ist.“, stellt nun auch Lilly lachend fest. „Dieser Mann ist die wahre Liebe meiner Schwester!“

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Meine Antwort an Leonie:

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