Geliebter Mann

Kapitel 84

Hello

Fünfzehn Monate ist es her, seit Leonie unsicher und tief verletzt auf derselben Zugstrecke nach Hause fuhr. Sie erinnert sich, wie sie damals vereinsamt und beschämt, nach der Nacht des One-Night-Stands, zweifelnd an der Sinnhaftigkeit ihres Tuns, im Abteil saß. In diesem Moment kommt , sowie damals, ein bekanntes, aber selten wahrgenommenes Gefühl in ihr hoch. Scham.

„Hello“ klingt es plötzlich im Kopf und es kommt ihr der Songtext in den Sinn. Theres such a difference between us. Ja es gibt so viele Unterschiede, so viele Abweichungen, so viele Verschiedenheiten zwischen ihnen. Wie damals sucht Leonie den Song auf Spotify und lauscht der rauchigen Stimme.

Tränen finden ihren Weg und sie wundert sich über ihre Verwirrtheit. Marcos Gesicht vor ihrem erzeugt dieses Durcheinander und sie sieht sein zärtliches Lächeln vor sich und wieder spürt sie den heftigen Stich in ihrem Herzen, als er voll Freude das ausspricht, was sie so gar nicht hören wollte: „Also, wenn ich Sie richtig verstehe, dann brauche ich zu diesen Tugenden nur noch die Liebe, dann ist es auch mir möglich, doch noch glücklich werden zu können.“

Bitte nicht.

Bitte nicht noch mehr Verantwortung, nicht noch mehr Last. Sie hat doch jetzt genug mit ihrem Sohn und mit ihrem Leben zu tun, muss sie sich jetzt auch noch um Marco kümmern? Ist sie dafür verantwortlich, dass er glücklich wird? Sie mag ihn, keine Frage, aber lieben? Wieder ein heftiger Angriff auf ihr Herz und die Tränen fangen von neuem an zu fließen. Hello, singt Adele mit ihrer wunderschönen, tiefen Stimme und veranlasst Leonie sich mit ihrem Sitz zu verschmelzen und ihren verwirrten, aufgescheuchten Gefühlen nachzuhängen.

Durch einen heftigen Ruck erwacht Leonie und erkennt, dass sie am Salzburger Bahnhof angekommen ist. Eilig packt sie ihre Tasche und springt hastig und schnell aus dem Zug, in der freudigen Erwartung ihre Mutter mit Leon auf dem Bahnsteig zu erblicken. Menschen hasten eilig an ihr vorbei, Touristen stehen mit ihren Koffern fragend und suchenden Blickes herum, Schaffner und Personal der ÖBB beladen die Züge oder geben Fragenden bereitwillig Auskunft. Aber kein bekanntes, geliebtes Gesicht erscheint in ihrem Blickfeld. Leonie stellt ihre Tasche ab und kramt nach dem Handy. Eine Sprachnachricht leuchtet auf: „Hallo mein Liebes, dein kleiner Schatz schläft noch und so bleibe ich mit ihm zu Hause. Peter ist schon auf dem Weg und wird dich beim Nordausgang abholen.“, kurz und bündig vernimmt sie Ingeborgs Stimme. Enttäuschung macht sich in Leonie breit, denn nichts hätte sie jetzt mehr getröstet, als ihren Sohn in die Arme zu schließen.

Hallo

„Hallo!“, schreit ihr ihr Vater wild winkend von der anderen Seite der Straße entgegen. Sein Hallo erinnert sie an Adele und zaubert ihr ein Lächeln ins Gesicht und sie grüßt ihn ebenso. Eine plötzlich aufkommende Freude in ihr spürend, strahlt sie ihren Vater an, um ihn gleich mit beiden Armen heftig zu umarmen.

„Wie war das heutige Gespräch mit Roland?“, will Peter Leonie von sich schiebend, wissen.

Mit einem lauten Stöhnen lässt sich Leonie auf den Beifahrersitz fallen und blickt mit einem Achselzucken in ihres Vaters lächelnde Augen.

Peter, seine Tochter kennend, weiß dass hier etwas nicht ganz in Ordnung ist und es am besten wäre, ein wenig stille Zeit vergehen zu lassen. Als sie schweigend durch die Stadt fahren, über die Staatsbrücke gelangen, um dann Richtung Süden ab zu biegen, fragt er noch einmal vorsichtig: „Wie war das Gespräch heute Morgen?“.

„Ach Papa, warum muss das Leben nur so kompliziert sein? Der Besuch bei deinem Freund war gut, er informierte uns über vieles und erklärte Marco, dass es klug ist, dass er, oder auch wir uns jetzt schon mit der Krankheit auseinandersetzen. Dann kam die Sprache auf die sieben Tugenden und eben auch auf die Liebe, die jedem Kranken sehr helfen kann und ich fürchte Marco erwartet nun von mir, dass ich ihm diese Liebe schenke. Aber Papa, das kann und will ich nicht.“, plötzlich macht sich der Druck, der sich seit Stunden immer mehr in ihr aufbaut Luft und die Tränen stürzen wie in einem Wildbach über ihr Gesicht.

Zeit für sie

„Ich will ihm ja helfen und ich finde es schlimm, dass genau er diese schreckliche Erbkrankheit in sich trägt. Aber ich bin die Falsche. Ich hatte einmal Sex mit ihm. Wir haben dadurch ein Kind miteinander, für das ich überaus dankbar bin, aber ich glaube nicht, dass ich ihn genug liebe, um ihm in dieser kommenden schwierigen Zeit helfen zu können!“, ihren Vater mit flehenden Augen ansehend, fährt sie fort: „Papa, ich glaube ich liebe einen anderen und ich weiß nicht, was ich jetzt tun soll.“, Verzweiflung macht sich in Leonie breit.

Tief in seinem Herzen weiß Peter, dass er lieber mit seiner Tochter dieses Dilemma besprechen möchte, als pünktlich zum Abendessen zu Hause zu sein, darum beschließt er kurzerhand rechts abzubiegen.

„Sollen wir nicht nach Hause, Mama wartet sicher schon auf uns!“, zögert Leonie noch ein wenig, aber ins Gesicht ihres Vaters blickend, erkennt sie, dass sich ihr Vater jetzt Zeit für sie nehmen will. So selten, aber so wertvoll sind diese Gelegenheiten, dass sie diese dankbar annimmt.

Schweigend gehen sie auf dem Wanderweg ihres Hausberges. Das langsame Gehen, die kühler werdende Abendluft in sich aufnehmend, merkt Leonie wie Ruhe und Frieden über sie kommen.

Lastenträger

„Papa. Bin ich für Marcos Glück verantwortlich?“, bereit und aufmerksam sehnt sich Leonies Innerstes nach einer Antwort.

Seine Schritte bedacht und langsam auf dem immer steiler werdenden Weg gehend, denkt Peter nach, um seine Worte ebenfalls langsam und bedacht wählen zu können.

„Männer sind Lastenträger und sie können erst durch die ihnen aufgebürdete Last, die ihnen übertragene Verantwortung, in ihre Männlichkeit kommen. Wir sind nun mal dafür geschaffen, Stärke zu zeigen, zu beschützen und uns für das Leben einzusetzen. Gerade an Jesus erkennst du, dass er die Last unserer Sünden auf sich genommen hat und uns dadurch alle rettete.“.

„Du kannst nicht Marcos Situation, mit der von Jesus vergleichen!“, unverständig unterbricht Leonie ihren Vater aufgebracht.

„Was hat Jesus getan? Er hat unsere Lasten, unsere Sünden getragen. Ich will dir mit diesem drastischen Beispiel nur verdeutlichen, dass Männer eben eine andere Aufgabe zugeteilt bekommen haben. Im Gegensatz zu euch Frauen, die eben das Leben schenken. Es macht sie einfach männlicher, wenn sie beschützen, wenn sie verteidigen, wenn sie tapfer und mutig sind. In allen Märchen, die auch du so gerne gehört hast, waren es die Männer, die ihre Geliebten beschützten und für sie ihr Leben einsetzten. Der Einsatz für das Leben ist nun mal männlich, darum verstehe ich auch nicht, dass sich so wenige Männer in der Abtreibungsfrage stark machen, aber das ist eine andere Geschichte.“.

Was hilft das mir?

„Papa, das ist alles schön und gut, aber was bedeutet das jetzt für mich?“, immer ungeduldiger werdend, beschleunigt Leonie ihr Tempo, froh darüber für die Zugreise ihre bequemen Sneakers gewählt zu haben.

„Mein Schatz du hast mich gefragt, ob du die Verantwortung über Marcos Leben trägst und ich sage dir ganz klar, nein. Dieser junge Mann hat ein schweres Los zu tragen und du kannst ihm sicher beistehen, aber die Verantwortung, die Last muss er selbst schultern. Du wirst sehen, er wird durch diesen Schicksalsschlag aus seinem bisher angenehmen Leben herauskatapultiert, er wird gefordert und er wird an und wahrscheinlich auch über seine Grenzen gebracht. Du kannst ihm zur Seite stehen, als Freundin oder als Frau, je nachdem wie du es selbst willst, aber du kannst niemals, ich wiederhole niemals sein Leid tragen oder ihm bei der Lösung helfen. Du würdest die falsche Rolle übernehmen, die euch alle ins Unglück stürzen würde.“, fast ein wenig aufgebracht wird Peters Stimme immer lauter.

„Warum ich das zu behaupten wage? Ich übernahm als Kind und Jugendlicher sehr lange mir nicht entsprechende Rollen. Ich brauchte, bis ich dieses erkannte, sehr, sehr lange und habe euch durch mein falsches Verhalten oft wehgetan. Wenn du Marco aufrichtig liebst, krank oder gesund, dann wirst du die Kraft finden, mit ihm seinen Weg zu gehen. Wenn du aber nicht so empfindest, dann ist es klüger, mit ihm eine verantwortungsvolle Elternschaft zu leben.“, seine Schritte stoppend, blickt Peter seiner Tochter liebevoll in deren fragende Augen.

„Aber lass ich ihn in seiner Not nicht allein?“, will Leonie, Scham in sich hochsteigend, wissen.

Reinheit

„Es ist nicht deine Aufgabe, ihn als Mann zu beschützen. Darum auch mein Versuch, dir die Geschichte Jesu näher zu bringen. Er war ein Mann und hat als Mann diese schwere Bürde tragen können.

Schweigend und langsam beginnen beide den Rückweg anzutreten. In einer Wegbiegung öffnet sich plötzlich ein wunderbarer Blick Richtung Norden, wo die Stadt im Sonnenuntergang in einen goldenen Schein getaucht ist. Dieses Gold weckt in Leonie die Erinnerung an den Abend , als sie auf der Brücke stand, dieses wunderbare, reine Licht über der Stadt in sich aufnahm und das erste Mal so etwas wie Reinheit in sich spürte. Da erklingt Andreas Stimme in ihrem Kopf: „Reinheit zu leben ist keine Frage der Zeit, sondern eine Frage der persönlichen Freiheit und Würde.“. Ihr Herz wird leicht und sie fühlt tief in diesem ihrem Herzen, einen sich weitenden Platz, einen sich weitenden Raum, der sich zu füllen beginnt. Je mehr dieses Etwas in sie einströmt, je leichter und erfüllter wird ihr zumute. Andreas Gesicht hebt sich vor ihr empor und da wird ihr klar, sein liebender Blick ist der Grund ihrer Freiheit, ihrer Würde, ihrer Reinheit.

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Meine Antwort an Leonie:

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