Tugenden

Kapitel 83

Wie kann ich helfen?

Nun sitzen sie und warten. In Leonie regen sich Gefühle, die sie am besten mit nervös, ängstlich und unsicher beschreiben würde. Ein Blick auf Marco lässt sie erkennen, dass es ihm ähnlich ergeht. Ein kaum erkennbarer Schweißfilm bedeckt seine Stirn und die Hände halten nervös eine Fachzeitschrift, in der er die Seiten viel zu schnell umblättert, als dass er darin lesen könnte. Der weiß gestrichene Raum mit seinen fünf bequemen, dunkelbraunen Sesseln und der hohen Stuckdecke, ist typisch für einen Wiener Altbau, in dem die Praxis des Psychiaters untergebracht ist. Die noble Adresse hat Leonie schon darauf hingewiesen, dass der Arzt ein gutverdienender seiner Sparte sein muss. Wenn die Angst um ihren Sohn nicht so vorherrschend wäre, dann könnte sie sich in diesen noblen und wunderschönen Räumen sehr wohl fühlen.

Die hohe, weiße Holztür öffnet sich und ein älterer, durchaus gutaussehender Mann betritt das Zimmer: „Guten Tag. Ich bin Doktor Rösselhuber und Sie müssen die Tochter meines alten Schulfreundes Peter sein.“, Leonie seine Hand reichend und diese Geste mit einem warmen Lächeln unterstreichend, heißt der Arzt die beiden gut gelaunt willkommen. Sogleich lässt die Anspannung, die auf Leonie lastet, nach und ihre Schultern senken sich unter den freundlichen Augen des Arztes. Auch Marco ergreift die ihm entgegengestreckte Hand und atmet hörbar aus.

Doktor Rösselhuber tritt zur Seite und führt Leonie und Marco in einen großen, hellen, einladenden Raum. Beide nehmen am dunklen Arbeitstisch, der eher einer Antiquität als einem Schreibtisch ähnelt, Platz.

„Also was bringt Sie zu mir? Peter erwähnte in unserem Gespräch, dass Sie Informationen und Hilfe bezüglich der Krankheit Chorea Huntington benötigen.“, den großen, pompösen Tisch umrundend, setzt sich der Arzt ihnen gegenüber.

Leonies Mut

Stockend und langsam beginnt Marco zu berichten. Er erzählt vom Leben seines Vaters, wie er von Italien nach Österreich gekommen ist, seine Mutter kennenlernte, heiratete und sich mit ihr ein Leben in Wien aufbaute. Er erzählte von seinen Brüdern, von seiner Leidenschaft am Tanz Tango Argentino, seinem Job und auch vom Abend, als er Leonie kennenlernte. Er erzählte von seiner überaus großen Freude, als er erfuhr, dass er Vater werden würde, von seiner Angst dem nicht gerecht zu werden und von seiner Bewunderung Leonie gegenüber, dass sie den Mut aufbrachte, dem ungeplanten Kind trotz allem das Leben zu schenken.

Schweigsam und aufmerksam hört der Arzt den Schilderungen zu.

„Als ich meiner Mutter die freudige Nachricht, dass sie Großmutter werden würde, mitteilte, hat sie mir die, von mir vergessene, Wahrheit über den frühen Tod meines Vaters erzählt. Sie berichtete mir, dass mein Vater an Chorea Huntington erkrankte und auch daran starb. Erst als Mama die Vergangenheit beschrieb, erinnerte ich mich an viele Bilder und an die oft traurigen Situationen aus meinen Kindertagen. Ich habe das alles verdrängt und wusste damals nicht, dass es sich hier um eine Erbkrankheit handelt. Jedenfalls hat Leonie vor sechs Monaten unserem Sohn das Leben geschenkt. Um Gewissheit zu bekommen, habe ich mich testen lassen. Ich trage diese Erbkrankheit in mir und darum sind wir heute bei Ihnen, weil wir gerne wissen möchten, wie wir mit dieser Information, mit diesem Damoklesschwert umgehen sollen.“, ratlos und mit traurigen, leeren Augen blickt Marco den ihm gegenübersitzenden Mann an.

„Ich finde es sehr klug, dass Sie sich mit diesen Fragen so verantwortungsvoll auseinandersetzen. Aus meiner Erfahrung kann ich bestätigen, dass es für Betroffene und ihr gesamtes Umfeld existentiell wichtig ist, sich Wissen und Kenntnisse über die Erkrankung und deren Auswirkungen anzueignen, um sich den bevorstehenden Aufgaben stellen und ein Leben mit einer solch schwerwiegenden Bürde meistern zu können. All die Veränderungen zu erkennen, sie richtig zuzuordnen, zu verstehen und dadurch mit ihnen umgehen zu können, bedarf der intensiven Auseinandersetzung mit dem Bild dieser Krankheit.“, ruhig und gelassen beginnt der Arzt.

Leonie blickt in die vertrauensvollen Augen und merkt an ihrem ganzen Körper, der sich sichtlich zu entspannen beginnt, dass das Gesagte ihr helfen wird.

Verschwiegen

„Leider wird gerade diese Krankheit oft innerhalb der Familie verschwiegen und es gibt keinen offenen Umgang mit dieser. Kaum bei einer anderen Erbkrankheit herrscht ein so ausgeprägtes Stillschweigen, vor allem gegenüber den Angehörigen. Um solch schwere Zeiten und Phasen überstehen zu können und sich dabei selber nicht zu überlasten, gehören Vertrauen, Liebe, Verständnis und insbesondere sehr viele Informationen dazu.“, mit vertrauensvoller, ruhiger Stimme holt der Arzt weiter aus.

„Ich will eigentlich nur wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass unser Sohn davon betroffen ist?“, plötzlich unterbricht Leonie den Arzt etwas unhöflich und energisch.

„Wie alt ist ihr Kleiner?“, will der Doktor sachlich wissen.

„Sechs Monate!“, gleichzeitig und etwas zu laut antworten Leonie und Marco.

„Durch die Kombination aus familiärer Krankheitsgeschichte und neurologischer Untersuchung kann die Krankheit in einem sehr frühen Stadium diagnostiziert werden. Aber wie früh das möglich ist, kann ich gerne für sie abklären. “, antwortet der Arzt sachlich.

Gen-Test

„Gibt es keine Gentests für Kinder? Ist es möglich herauszufinden, wann die Krankheit bei mir ausbrechen wird?“, will nun Marco seinerseits aufgeregt wissen.

„Ob eine Erkrankung tatsächlich vorliegt, kann mittels DNA-Untersuchung einer Blut- oder Speichelprobe festgestellt werden.“, der Herr in seinem weißen Kittel steht auf und nimmt ein Buch aus dem Wandregal in seine Hand. „Hat der noch nie was von einem Computer gehört!“, denkt sich Leonie schmunzelnd, bleibt aber doch ernst. Im Buch blätternd, die gesuchte Stelle findend, liest er laut vor. „Dieser Blut- oder Speicheltest ist aber keine Diagnose über den Zeitpunkt des Ausbruchs der Krankheit. Risikopersonen können sich diesem Gen-Test ab dem vollendeten 18. Lebensjahr unterziehen.“, immer noch ruhig und sachlich klappt er das Buch laut und fest zu.

Wie können wir damit umgehen?

Leonie erschrickt durch das Geräusch und sie merkt, dass ihre Anspannung wieder gestiegen ist.

„Also können wir unseren Sohn noch nicht testen? Wie sollen wir mit diesem Schwert, dass so bedrohlich über uns schwebt, umgehen, wie können wir damit leben?“, versucht Marco seiner Verzweiflung Raum zu geben.

„Bezüglich Ihres Sohnes werde ich mich in den nächsten Tagen bei Kollegen und Kinderärzten informieren.“, nachdenklich macht der Psychiater eine kurze Pause, bevor er langsam weiter spricht: „Was Sie angeht, lautet die erste Frage: Wie stellen Sie sich Ihr Leben vor? Wie wollen Sie Ihrer möglicherweise schweren Zukunftsaussicht begegnen? Eines zeigen uns die Aufzeichnungen immer wieder deutlich: Sind der Betroffene und seine Familie bereit, sich mit den Umständen der Erkrankung auseinander zu setzen, haben sie die Chance und die Kraft die Struktur der Familie zu erhalten und miteinander die Phasen der Erkrankung zu bewältigen.“, erklärt der Arzt und fährt fort: „Da Sie nun auch Vater eines Sohnes sind, haben Sie,  zwei Verantwortungen zu tragen. Sie werden vor die Herausforderung gestellt, sich als Mann und Vater zu bewähren.“, die Hände auf dem Tisch zusammenfaltend, lehnt sich der Arzt auf die Tischpatte.

Verantwortung?

„Aber wie soll ich Verantwortung für meinen Sohn tragen, wenn ich selbst kaum Luft zum Atmen finde.“, verwirrt versucht Marco die gehörten Worte zu ordnen.

„Es gibt Strategien, solchen schwierigen Situationen zu begegnen, denn es macht einen großen Unterschied, wie Sie Ihr Handeln ausrichten. Trotz all der Tragik, die solch eine Krankheit mit sich bringt, hat jeder die Freiheit doch unter vielen Verhaltensweisen zu entscheiden. Wollen Sie als ein Kämpfer oder als ein Opfer agieren? Können Sie in Ihrem Leben maßhalten? Gefällt es Ihnen Unordnung oder Unrecht zu leben, oder lieben Sie Ordnung und Recht? Agieren Sie gerne emotional und entscheiden oftmals aus Ihrem Gefühlen heraus, oder doch mit Verstand und Weisheit.“, fragend blickt Doktor Rösselhuber Marco direkt in dessen ungläubige Augen.

„Ist diese Frage ernst gemeint?“, will nun der junge Mann verunsichert wissen.

„Diese Verhaltensweisen, die ich gerade beschrieben habe, nennen wir Tugenden. Mit diesen wird es für Sie leichter, sich in Ihrem herausfordernden Leben besser zurecht zu finden.  Wenn Sie sich dazu erziehen könnten Mut, Gerechtigkeit, Maßhalten und Weisheit im Alltag einzuüben, sodass Sie zu Ihrer zweiten Natur werden, dann werden Sie eine Leichtigkeit des Seins erleben.“ tief durchatmend, verschränkt der Doktor seine Arme und lehnt sich entspannt in seinem großen, sehr modernen Bürosessel zurück.

Feigling

„Und Sie glauben, indem ich kein Feigling, kein Ungerechter, kein Getriebener und kein Dummer bin, kann ich mit dieser Krankheit leben und ein guter Vater sein?“, völlig verwirrt blickt Marco den ihm gegenüber Sitzenden fragend an.

„Ja, weil dadurch finden Sie zu ihrer Männlichkeit und für einen Mann ist es das wichtigste, seine Frau und sein Kind zu schützen!“, mit einem Augenzwinkern lächelt der Arzt Leonie an, der dieser Blick eine leichte Röte ins Gesicht treibt.

Leonie will die Situation schnell richtigstellen, aber Marco erhebt, mit einem fragenden Zug auf seinen Lippen, seine Stimme: „Bitte entschuldigen Sie, aber ob ich jetzt ein richtiger Mann bin oder nicht, wird nichts an meiner Krankheit ändern und vor allem daran wie ich mit ihr umgehen soll.“, ein Hauch von Ärger schwingt in Marcos Feststellung mit.

„Der amerikanische Psychologe Martin Seligman beschreibt drei Lebensmodelle: das angenehme, das gute und das sinnerfüllte Leben. Der Arzt Seligman, mittlerweile auch Bestsellerautor, promotet gerade im Hinblick auf diese Lebensmodelle, die klassischen Tugenden wie Gerechtigkeit, Maßhalten, Tapferkeit, Weisheit, Glaube und Liebe als die Handlungen, die uns dabei helfen, wahre Männer und wahre Frauen werden zu können. Tapferkeit ist besonders männlich und gibt Ihnen und Ihrem Sohn Halt und Sicherheit.“

Ratlos

Ratlos blicken Leonie und Marco dem Doktor entgegen, denn sie haben sich von diesem Treffen etwas anderes erwartet.

Mit einem Schmunzeln beginnt der Arzt von neuem: „Ich weiß, dieses Gespräch ist nicht ganz in Ihrem Sinne, aber dass Sie heute hier sind, ist schon ein sehr guter Schritt in die richtige Richtung. „Wenn Sie, eben durch die Einübung dieser Tugenden, Ihre Männlichkeit finden, wird es Ihnen möglich, einen Sinn in Ihrem Leben zu finden und dadurch mit Hoffnung in Ihre Zukunft blicken zu können. Ich glaube, Sie werden Hilfe benötigen und wenn Sie wollen, begleite ich Sie gerne auf diesem Weg, damit Sie den Glauben an Ihr Leben nicht verlieren.“

Verschmitzt erhellt sich Leonies Gesicht und sie lächelt den Arzt mit einem breiten Grinsen an. „Wenn Sie jetzt noch von der Liebe sprechen, dann haben wir alle Tugenden zusammen, oder?“.

Nachdenklich starrt Marco in den Raum und man sieht ihm an, dass seine Gedanken sich zu ordnen beginnen. Als ob der Groschen gefallen wäre, strahlt Marco Leonie plötzlich mit einem zärtlichen Lächeln an: „Also, wenn ich Sie richtig verstehe, dann brauche ich zu diesen Tugenden nur noch die Liebe, dann ist es auch mir möglich, doch noch glücklich werden zu können.“

Zum Anfang zurück…

Meine Antwort an Leonie:

Zum Brief

Video zum Thema:

Zum Video