Ersatz - Religionen

Kapitel 82

Eifersucht?

Ein mulmiges, ungutes Gefühl durchschleicht Ingeborg. Sie trifft heute ihre Schwester zum Kaffee in Gertrudes neuer Wohnung. Sie weiß nicht, wodurch ihre damalige gute und enge schwesterliche Beziehung gestört worden ist und ob sie je wieder in die altbekannte Harmonie gleiten wird. Sie war damals ein Teenager, als Susanne zur Welt kam, aber sie freute sich ungemein über die Geburt ihrer kleinen Schwester. Für sie war es ein großartiges Zeichen, dass sie jetzt eine normale Familie sein würden.  Obwohl Susanne mit ihrem eigenen Vater aufwachsen durfte, obwohl sie die Kleine, die Prinzessin in der Familie war, herrschte, so im Nachhinein betrachtet, immer eine gewisse gegenseitige Eifersucht.  Ingeborg hat viel darüber nachgedacht, mit anderen Menschen gesprochen und auch mit ihrem geistlichen Begleiter dieses Thema der Eifersucht betrachtet, aber sie ist nie auf den wahren Grund gestoßen. Vielleicht sollte sie wieder versuchen, wie schon gefühlte 100 Mal vorher, mit ihrer Schwester darüber ins Gespräch zu kommen. Sie könnte ja heute, in Gegenwart ihrer Mutter,  erneut das Gespräch dahingehend führen, um ihre Schwester nach der möglichen Ursache ihrer Distanz zu fragen. Es tut ihr einfach weh, mit Susanne keine harmonische Beziehung mehr leben zu können.

Rücksicht!

Gertrude begrüßt Ingeborg herzlich an der Tür und gibt ihr zu verstehen, dass Susanne schon eingetroffen und nicht gerade in bester Stimmung ist. Wie sehr hasst es Leonies Mutter, wenn Gertrude sie immer, um ihre Jüngste zu schützen, darauf aufmerksam macht, nur ja auf Susannes Launen Rücksicht zu nehmen. „Vielleicht ist das der Grund all der Ungereimtheiten zwischen uns.“, dieser nicht bekannte Gedanke durchblitzt augenblicklich Ingeborgs Kopf.

„Hallo meine liebe Schwester!“, Ingeborg begrüßt Susanne, die verdrossen am Tisch sitzt und keine Anstalten unternimmt, aufzustehen oder ihrerseits ihre große Schwester willkommen zu heißen.

Die schlichte, sehr elegante, dunkelblaue Kostümjacke passt wie immer zu den modernen Jeans und die weiße Seidenbluse blitzt schlicht aber bestechend hervor. Wieder einmal imponiert Susanne alleine durch ihre Art und Weise, wie sie sich kleidet. Schlicht, aber sehr elegant. Die goldene, lange Kette mit dem pompösen Anhänger schließt das Bild einer gut situierten, gebildeten, modernen Frau ab.

All diese Beschreibungen gehen Ingeborg durch den Kopf, während sie die Schwester, trotz deren Unmutes, liebevoll umarmt. „Vielleicht gehen die Eifersucht und die Distanz doch von meinem Herzen aus?“, denkt sich Ingeborg und setzt sich neben Susanne an den gemütlichen Tisch in der neuen Wohnung ihrer Mutter.

„Also ich verstehe immer noch nicht, warum du dein Haus Lilly vermacht  hast. Diese Wohnung hat nicht einmal annähernd das Flair und die Gemütlichkeit unseres Häuschens. Da hilft es auch nicht, dass du diesen alten Tisch mitgenommen hast. Dieser Holzkloss passt überhaupt nicht in die moderne, weiße Küche. Warum hast du dieses hässliche Teil überhaupt mitgenommen?“, will Susanne missmutig wissen.

Vergangenheit

„Weil ich diesen Tisch liebe und er mich an die schönen Zeiten, als ihr noch Kinder wart, erinnert.“, mit einem nachsichtigen Lächeln streicht Gertrude über die alte, von vielen Jahren gezeichnete Tischplatte. „Auch Lilly und Leonie versammelten sich oft an diesem und darum konnte und wollte ich ihn nicht weggeben. Die Zeiten, in denen hier kleine Kinder saßen, spielten und mit mir aßen, waren die schönsten in meinem Leben.“, erinnert sich die alte Dame und ein warmes Lächeln durchströmt den modernen, aber auch stilistisch zusammengewürfelten Raum. „und ganz ehrlich, ich würde mein Haus noch gerne besitzen, aber ich könnte die Arbeit, auch die im Garten, nicht mehr schaffen und darum ist es trotz der Wehmut richtig und gut, dass Lilly mit ihrer Familie in meinem Schmuckkästchen leben kann.“

Susanne verzieht unmerklich ihr Gesicht, erspart sich aber eine Erwähnung.

Die Stimmung scheint immer mehr ins Trübe und Dunkle zu kippen und Ingeborg beobachtet ihre Schwester aus den Augenwinkeln. Als ihre Mutter das Wort Kinder erwähnt, zuckt Susanne unmerklich zusammen. Der vermeintliche Schmerz ihrer Kinderlosigkeit, so glaubt zumindest Ingeborg, ist immer spürbarer und sie möchte Susanne am liebsten tröstend in ihre Arme schließen. Doch sie weiß, dass ihre Schwester diese Zärtlichkeit nicht zulassen würde. Um etwas zu sagen, beginnt Ingeborg mit einem sehr aktuellen Thema.

„Habt ihr die neuesten Nachrichten über die CO2 Werte gehört. Also ich glaube die Gesellschaft verrennt sich da schon wieder in einen manipulierten Hype!“, beginnt Ingeborg vermeintlich leicht und flockig mit der Klimadebatte.

„Ja genau!“, zischt Susanne sie an. „Typisch! Willst du leugnen, dass es einen dramatischen, sehr gefährlichen Klimawandel gibt?“, völlig überdreht blitzt Susanne ihre ältere Schwester an.

Blind

„Nein, im Gegensatz zur Meinung vieler, glaube ich, dass es warme und auch kalte Perioden auf dieser Erde gibt. Aber ich glaube nicht, dass der Mensch auf diese Phasen einen allzu großen Einfluss haben kann.“ jetzt auch aufgescheucht, antwortet Ingeborg knapp aber mit einem scharfen Unterton. „Ganz ehrlich, wie glaubst du können wir das Klima beeinflussen, wenn wir nicht einmal das Wetter, das nur ein Teil des Klimas ist, in irgendeiner Art und Weise ändern können. Ich bin der Meinung es gibt wichtigere Dinge zu beachten, um die wir uns Gedanken machen sollten“.

„Das ist wieder typisch du. Wenn die ganze westliche Welt kein anderes Thema kennt, wenn alle Medien auf diesen Zug aufspringen, dann muss ja etwas dran sein. Warum sollten so viele Journalisten, Zeitungen und Politiker über diese Gefahr sprechen, wenn nichts dran wäre? Bitte entschuldige große Schwester!“, mit einem bissigen Unterton spricht Susanne aufgebracht weiter, „aber unser Klima gehört geschützt und jeder der das verneint ist blind.“, wild gestikulierend streicht Susanne ihre Meinung vehement hervor.

„Willst du wirklich behaupten ich wäre blind? Klimawandel! Wenn ich diesen Ausdruck schon höre. Ich glaube eher, dass hier mittlerweile eine Ideologie aufgebaut werden soll. Für mich schaut es so aus, als ob Gender und Klima zu Ersatzreligionen hochstilisiert würden“, ernst und ärgerlich antwortet Ingeborg ihrer wütenden Schwester.

 

Ersatzreligionen?

„Aber Ingeborg. Ersatzreligionen! Ist das nicht etwas zu hoch gegriffen? Ich glaube schon, dass es wichtig ist, sich über beide Themen Gedanken zu machen. Denn ehrlich, es geht ja um deine Enkel, es geht um ihre Zukunft. Wenn das Klima kollabiert, dann ist das echt bedenklich.“, wirft Gertrude, die eigentlich solche Diskussionen liebt, jetzt aber über die Reizbarkeit ihrer Töchter verwundert ist, in die Runde ein.

„Ach Mama!“, genervt über die Parteinahme ihrer Mutter, verzieht Ingeborg ihr Gesicht während sie aufsteht, um die gerade frisch mit englischen Darjeeling Tee aufgegossenen Kanne, auf den Tisch zu holen. „Fast alle Politiker und so viele Menschen reagieren auch bei der Genderdebatte ähnlich, wie bei der sogenannten Klimadebatte.“, sich einen Tee einschenkend, holt Ingeborg noch weiter aus: „die Debatten verlaufen nach ähnlichen Schemata. Die Fakten sind zweitrangig, nur die Haltung zum Thema ist entscheidend.“, erklärt Ingeborg mit fester Überzeugung.

„Und du? Wie sieht es mit deiner Haltung aus? Du schmeißt ja immer alles in einen Topf. Wie ich dich kenne, sprichst du über Abtreibung oder künstliche Befruchtung in der gleichen Tonart!“, nervös und aufgestachelt starrt Susanne ihre Schwester kämpferisch an.

Jetzt sind wir am Punkt, denkt sich Ingeborg und nimmt einen tiefen Atemzug.

Klimaleugner

„Sei ehrlich Schwesterherz, fällt es dir nicht auch auf, dass wenn jemand eine andere Meinung hat, wenn jemand sich die Sache genau anschaut und dann kritisiert, er vom öffentlichen Diskurs ausgeschlossen wird? Mir kommt es vor, als ob eine Wahrheit verkündet wird und der Mensch sich nur sehr bedingt entscheiden kann. Wenn er die vertretene Meinung nicht teilt, wenn er diese nicht glaubt, dann ist er ein Klimaleugner, ein Frauenverächter, ein Konservativer, ein Rechter und schließlich und endlich, ein Nazi. Das hat für mich die gleichen Züge wie eine Religion. Wer nicht glaubt, wird exkommuniziert, der wird aus dem Diskurs geworfen, der wird diskreditiert, unter dem Motto, bist du nicht für uns, bist du gegen uns. Sogar Greta wird schon mit einem Heiligenschein dargestellt.“, sich in Rage redend, blickt Ingeborg in die Runde ihrer Familie.

„Nein, diese Debatten sollten auf Fakten beruhen, die Ergebnisse von Forschungen sind. Es soll diskutiert, gestritten, geforscht, analysiert und bewertet werden. Hier geht es ja um Wissenschaften und nicht um Glaubensfragen.“, plötzlich ruhiger werdend, lächelt Ingeborg ihre Schwester freundlich an. „In der Wissenschaft soll man um die Wahrheit ringen und nicht einfach verzerrte Fakten und Ansichten in die Welt setzen, unter der dann viele Menschen zu leiden haben, wie zu Stalins Zeiten, wo tausende Menschen auf Grund einer Pseudowissenschaft und einer Lüge vertrieben wurden, verhungern und  sterben mussten.“

„Aber du bist ja diejenige, die gläubig ist, was regst du dich denn auf, wenn andere gleich einer Religion handeln?“, jetzt doch etwas verwundert blickt Susanne Ingeborg fragend an.

Freiheit

„Weil es einen Unterschied macht, ob ich an etwas glaube, ob ich freiwillig mein Leben nach einem gewissen Bild gestalten will, oder ob ich gezwungen werde, nach Meinungen und Vorstellungen anderer leben zu müssen.“, ernst und klar schaltet sich nun Gertrude mit ein. „Deine Nichte Leonie hätte sich bald gegen ihr Baby entschieden, weil es in der Gesellschaft bei ungeplanten Schwangerschaften allgemein so praktiziert wird. In meinen Augen hat sich dieser Feminismus, in dem Abtreibung ein Menschenrecht werden soll,  auch zu einer Religion gewandelt. Oder nennen wir es doch besser, zu einer Ideologie.

Ingeborg, verdutzt über die Schützenhilfe ihrer Mutter, atmet erleichtert auf. Etwas ändert sich gerade im Gefüge zwischen den drei Frauen. Auch Gertrude scheint das zu spüren und legt noch ein Schäuflein nach. „Ich habe es euch ja schon erzählt, aber auch ich wurde durch diese Ideologie der Frauenbefreiung fehlgeleitet und hatte eine Abtreibung. Ich habe zu meinem Kind, zu eurem Geschwister nein gesagt und leide seit damals darunter.“, tapfer und entschlossen steht Gertrude auf und umrundet den Tisch und setzt sich neben ihre Jüngste.

Den Arm um Susannes Schultern legend, blickt Gertrude ihrer zweiten Tochter tief in deren fragende Augen. „Weißt du mein Schatz, durch deinen Vater habe ich die richtige Liebe kennengelernt. Eine Liebe, die so viel ertragen konnte, eine Liebe, die so vielem Stand hielt und eine Liebe, die uns bis zu seinem Tod verbunden hat. Ich weiß meine Kleine, dass du dir so eine Liebe von ganzem Herzen wünscht.”

Die große Liebe

Die Worte im Ohr nachhörend, schweift Ingeborgs Blick plötzlich ab. Vor ihr erscheint Leonie mit Leon auf dem Arm. Voll Liebe strahlt ihre Tochter den Sohn an und aus dem Hintergrund erscheint ein großer Mann, zwar nicht erkennbar, aber doch klar und deutlich anwesend. Er legt Leonie seine Hand auf die Schulter und haucht ihr einen zarten Kuss auf ihren Hinterkopf. Diese Vision vor sich sehend, lächelt Ingeborg in die Runde ihrer geliebten Frauen.

„Ja meine liebe Schwester, eine große Liebe ist immer möglich. Ich wünsche sie dir und allen Frauen in dieser Familie. Wir sollten uns nicht von Ideologien auseinander treiben lassen, sondern uns immer wieder bewusst werden, dass wir Frauen diejenigen sind, die die größte und innigste Liebe in die Welt bringen können.“

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