Geschenktes Herz

Kapitel 80

Eine lange Zeit

Auf diese, von ihr gestellte Frage, wartet sie selbst seit über 14 Monaten. In ihrem Herzen strahlend, nimmt sie wahr, wie er sich langsam zu ihr beugt und ihr einen leichten, fast nicht wahrnehmbaren Kuss auf ihre überraschten, rosa glänzenden Lippen haucht.

Zornentbrannt richtet sie sich auf, um dem Filou ihre Meinung zu sagen, blickt ihm jedoch in seine strahlenden, blaugrauen Augen. Rasenden Herzens und weichen Kniens haucht sie, unfähig zu weiteren Worten, „Entschuldigung“ und stürmt an dem jungen Mann vorbei ins Freie. Dieser Flashback zieht an ihrem inneren Auge vorbei und zaubert ihr ein Lächeln ins Gesicht. „Wie lange ist es her, dass sie diese blaugrauen Augen anstrahlten? Wie lange ist es her, dass sie sich in sie unsterblich verliebt hat?“, diese Fragen huschen in Sekundenschnelle durch ihren Kopf.

Heute, hier und jetzt, hält sie der damalige Filou fest umarmt und schenkt ihr diese wunderbaren Gefühle, die von einem leichten Kuss auszugehen scheinen. Gefühle, die sich von ihren Lippen in ihrem ganzen Körper ausdehnen. Welche Leichtigkeit beflügelt sie. Welche Freude, welches Glück kann nur ein einziger Kuss bewirken. Von den Gefühlen und Emotionen völlig überrascht und überwältigt, strahlt Leonie in die fragenden, ihr schon seit so langer Zeit bekannten Augen.

Dieser Platz

Leonie, Leon festhaltend, fühlt sich beschützt und geborgen in Andreas Armen und die Sonne wärmt die kleine Gemeinschaft mit all ihrer Kraft. Für einen kurzen Augenblick legt sie ihren Kopf auf seine Brust und spürt einen sanften Kuss auf ihrem Scheitel. Das ist der Platz, an dem sie immer sein wollte.

Auch dieses Gefühl ist ihr im Herzen vertraut, doch nun schiebt Andreas sie ganz sanft von sich.

„Darf ich dir helfen?“, wiederholt Andreas seine Frage. „Ich habe mich über Chorea Huntington informiert und es gibt viele Dinge, die man wissen sollte, die man beachten kann, um so besser mit dieser Krankheit umgehen zu können.“, wieder ganz der Arzt fängt Andreas sachlich und fokussiert an, von der Erkrankung zu sprechen.

„Warum können Männer nur so unromantisch sein?“, will Leonie mit einem verschmitzten Lächeln in ihren Gedanken wissen.

„Ja bitte hilf uns und steh uns zur Seite. Ich und vor allem mein Kleiner brauchen dich.“, einen leichten Kuss auf die Stirn des Babys drückend, strahlt Leonie ins Gesicht ihres Gegenübers.

Geschenktes Herz

Von Andreas Augen, von seinem gesamten Gesicht ausgehend, beginnt ein Funkeln, den Kreis der Drei aus zu leuchten. „Mit dieser Bitte hast du mir dein Herz geschenkt und noch viel mehr.“.

„In meinem Herzen liegt der Wunsch, dass Leon dir seines schenkt. Du musst wissen, seins ist ein ganz besonderes und wir sollten alle, mit all unserer Kraft, darauf aufpassen.“, den Sprössling in die Sonne hebend, blicken Andreas und Leonie gleichzeitig auf das Baby. Wunderbare Gefühle durchströmen die drei und ein fröhliches Glucksen entspringt dem winzigen Kindermund.

„Das zweitschönste im Leben eines Menschen ist, wenn ein anderer ihm sein Herz schenkt.“, fängt Andreas an, diesen Augenblick beschreiben zu wollen.

„Ein Herz geschenkt zu bekommen, ist doch die beste Sache von allen, oder? Was soll denn da noch drüberstehen?“, den Kopf leicht schüttelnd, blickt Leonie Andreas fragend an.

„Doch. Es ist die zweitbeste Sache. Für mich ist die beste aller Ereignisse die, wenn ein Kind, wenn der Partner, wenn der andere einem auch daran teilhaben lässt, was in diesem geschenkten Herzen vor sich geht. Wenn er den anderen tief und ehrlich an allen Freuden, allem Glück, aber vor allem an allen Sorgen, Nöten und Bedrückungen, die in seinem Herzen herumgeistern, teilhaben lässt. Als Kinderarzt habe ich mich auch mit Entwicklungspsychologie beschäftigt und lernte die sechs Bindungswurzeln des Herzens kennen. Eine faszinierende Geschichte.“, mit einem Lachen, nimmt Andreas den kleinen Leon aus Leonies Armen und wirft ihn mit einem Schwung in die Luft. Ein Schrei entfährt aus Leonies Kehle, aber sie verstummt sogleich, als sie die Sicherheit und die Selbstverständlichkeit beobachtet, mit der Andreas Leon behandelt.

Aus lauter Freude, über seinen kurzen Flug, lacht der kleine Kerl laut heraus und blickt erwartungsvoll zu Andreas, in der Hoffnung, noch einmal in den Himmel fliegen zu dürfen .

Andreas blickt Leonie fragend an und bemerkt, dass ein kleiner Hauch vom Schrecken noch in ihren Augen haftet, also hält er Leon fest in seinen Armen geborgen.

„Wenn dir Kinder ihr Herz schenken, ist es schon überaus beglückend, aber wenn sie dir auch noch erzählen, wie es in diesem wirklich aussieht, dann hast du gewonnen. Vom ersten Augenblick will ein Kind Mama und Papa sein Herz schenken, obwohl die Entwicklung es vom Beginn seines Lebens weg von ihnen drängt.“, den Kleinen im Arm haltend, beginnt Andreas den Weg entlang zu gehen. Leonie greift nach dem Kinderwagen und schließt auf die beiden Männer auf.

„Ja du hast Recht. Ich merke es oft, dass Leon sich von mir wegbewegen möchte. Wenn er seinen Großvater sieht, dann streckt er seine Ärmchen meinem Vater entgegen und möchte nichts lieber als weg von mir.“, fast ein wenig traurig wird sich Leonie bewusst, dass der Kleine immer größer wird und sie irgendwann verlassen wird.

„Ich möchte gar nicht daran denken. Meine Mama hat mir einen Klassiker über Kindererziehung geschenkt, er heißt glaube ich: „Kinder sind unsere Gäste und fragen uns nach dem Weg. Ich habe einige Stellen gelesen und finde die Ansätze sehr gut. Aber erzähl mir bitte noch mehr von dieser Herzensgeschichte.“, den schnellen Schritten Andreas fast nicht folgen könnend, will Leonie das vorher angesprochene wieder aufnehmen.

Herzenswurzeln

„Also wenn ich mich richtig daran erinnere, dann gibt es sechs Stufen, oder sechs Wurzeln des Herzens. Ich stelle mir die Wurzeln eines gesund gebundenen Menschen, wie die Wurzeln eines starken Baumes, vor. Mächtig, groß und allem standhaltend.“, mit starken Bildern vergleichend, beginnt Andreas seine Erklärung. Leonie erinnert sich sofort an ihren prächtigen Riesen: „Die schroff und hart wirkende Oberfläche strahlte Wärme aus. Sie spürte die Unebenheiten in ihrem Rücken und die harten und spitzen Ausbuchtungen des allumfassenden Panzers schmerzten sie, aber der Halt und die Stütze, die ihr dieser mächtige Naturgenosse bot, ließen sie aufatmen und ruhiger werden.“, die kleine Erinnerung zieht vor ihrem inneren Auge vorbei.

„Die erste Wurzel bildet dein Sohn jetzt gerade. Mit seinem Körper, mit seinen Sinnen und mit all seinem Wesen sehnt er sich nach Bindung zu dir. Die nächste Stufe erklimmt er, glaube ich, im zweiten Lebensjahr. Er krabbelt weg und will autonom werden. Trotzdem möchte er dir ähnlich werden und das ist die zweite Bindungswurzel, die in seinem Herzen gebildet wird“, Andreas blickt Leon mit einem zärtlichen Lächeln an und fährt fort.

Dritte

„Die dritte Wurzel wächst in Leons Herzen, wenn er alles selber machen möchte und du ihm dabei hilfst. Durch diese Unterstützung entwickelt sich eine große Loyalität und innige Nähe zu dir. Die vierte Wurzel heißt Wertschätzung. Jeder von uns möchte wertgeschätzt, jeder will beachtet und anerkannt werden. Wenn Leon diese Wertschätzung von dir  erfahren darf, beginnt die fünfte Wurzel zu wachsen. Wenn Leon sich wertgeschätzt fühlt und Vertrauen aufbauen konnte, dann erst ist es ihm möglich, dir und sein Herz zu schenken.“, mit ernstem Gesicht und durch ein Nicken bestätigt Andreas sein Wissen.

„OK, die ersten fünf. Auf die sechste Wurzel bin ich jetzt gespannt, wie ein Pfitschipfeil“, wirft Leonie freudig und gelöst ein.

„Das Herz dem anderen schenken, ist wirklich erst die fünfte von sechs. Die sechste und tiefste Wurzel einer Herzensbindung, einer gesunden Bindung ist, das Leon das Bedürfnis hat, dir alles zu erzählen, was in seinem Herzen so vor sich geht, was ihm auf seinem Herzen liegt. So wie du mich um meine Hilfe gebeten hast, indem du mir deinen Herzenskummer erzählt hast. Dieses Tun setzt ein großes Vertrauen und eine große Nähe zu mir voraus.“, mit einem einladenden Lächeln bleibt Andreas Leonie gegenüber stehen und blickt ihr tief in die Augen.

Flucht?

„Vielleicht können wir darauf ja aufbauen?“, verschmitzt setzt er Leon in seinen Wagen zurück, der daraufhin sofort lauthals zu protestieren beginnt.

„Ich glaube der Kleine wird hungrig sein.“, eine Sitzgelegenheit im Park suchend, steuert Leonie den Wagen mit schnellen Schritten durch die Wiese. Andreas, überrascht über ihre schnelle Flucht, bleibt wie angewurzelt stehen. „Habe ich schon wieder zu viel gesagt?“, durchblitzt es seine Gedanken.

Die Parkbank erreichend, die Ungeduld ihres Sohnes kennend, vergisst Leonie für einen Augenblick Andreas und mixt ihrem Kleinen eine Babyflasche mit dem von ihr mit gebrachtem heißen Wasser und dem Milchpulver. Mit großen Augen beobachtet Leon das Tun seiner Mutter und gluckst voll Vorfreude. Leonie hebt den Kleinen hoch, setzt sich auf die Bank und gibt ihm, ihn in ihren Armen festhaltend, seine Flasche. Der Kleine hungrig und glücklich, schenkt ihr in diesem Augenblick seine gesamte Aufmerksamkeit, seine ganze Liebe, sein ganzes Herz.

Andreas beobachtet die Situation und kann sich an die Geschichte vom Spielplatz erinnern. Vor einigen Monaten beobachtete er diese wunderschöne junge Frau und damals dachte er traurig bei sich, dass sie eine Mutter sei und so für ihn unerreichbar. Im Gegensatz zu damals ist sie jetzt wirklich eine Mama. Wie sie ihr Baby hält, wie sie ihr Kind füttert, wie sie es innig liebt, macht sie für ihn, unglaublich begehrenswert. Mit allen Fasern seines Herzens will er sie beschützen, will er sie vor allen Gefahren, vor allem Leid bewahren. Aus seiner Starre herausbrechend, geht er auf Leonie zu, die gerade in diesem Moment ihren Blick von ihrem Sohn löst und ihm ein inniges Lächeln schenkt.

Wunderbares Geschenk

Vor Mutter und Kind hinhockend, legt er seine Hand auf Leonies Knie, nimmt einen tiefen Atemzug und beginnt von neuem: „Danke für dein Vertrauen, für dein Herz und danke, dass du mir erlaubst an deinen Sorgen teilhaben zu dürfen. Ja, ich werde alles geben, um euch zu unterstützen, euch zu helfen, und euch mit all meiner Kraft zu beschützen. Auch ich werde dir immer wieder mein Herz schenken und dich an meinem teilhaben lassen.“, sein Innerstes nach außen kehrend, blickt Andreas Leonie mit offenen Augen an. Über das Baby gebeugt, bedankt sich Leonie langsam und bedächtig mit einem langen, intensiven Kuss, für dieses wunderbare Geschenk.

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