Kampfbereit

Kapitel 79

Verbundenheit

Nun ist er da. In Leonies Elternhaus. Ihm gegenüber Peter, Leons Opa. In diesem Moment weiß er nicht, wie ihm geschieht. Letzten Freitag rief ihn Peter an und klagte über das Schweigen seiner Tochter. Ingeborg und er machen sich große Sorgen, darum bat Peter um dieses Treffen. Im ersten Impuls lehnte Marco ab, doch er erinnerte sich an das besondere Gefühl der Verbundenheit, als Peter ihm den Arm um seine Schultern legte und ihm seine Unterstützung versprach. Darum sagte er kurzerhand zu.

Nun sitzt er am runden Tisch in der Küche und beobachtet Peter dabei, wie er umständlich die Kaffeemaschine bedient, die Milch in einem kleinen Topf erwärmt und nebenbei auf dem Tisch Schachteln mit verschiedenen Keksen aufeinander türmt. In großen Tassen serviert er den Kaffee, stellt den heißen Topf auf die Holztischplatte und reißt eine Packung mit Schoko- und eine mit Zitronenkeksen auf.

Der spartanische Tisch entlockt Marco ein schelmisches Grinsen, denn er erinnert sich an die vielen Ermahnungen seiner Mama. Dieser chaotische Anblick würde sie zur Weißglut treiben, denn ihr ist ein schön gedeckter Tisch immer noch sehr wichtig. Sie hat ihre Söhne wiederholt und energisch darauf hingewiesen, man könnte sogar behaupten, gedrillt.

Aber wenn er allein ist, dann hält er es wie Peter. Nur nicht zu viel Aufwand. Nur nicht zu viel Tamtam. Peter, der sich gerade zu ihm an den Tisch setzt, wird ihm immer sympathischer.

Allumfassende Angst

„Danke, dass du gekommen bist. Meine Frau ist gerade aus dem Haus gegangen und Leonie ist, wie in den letzten Tagen, den ganzen Vormittag unterwegs und wie ich sie kenne, wird sie erst spät nach Hause kommen. Also sind wir, Gott sei Dank, ungestört. Meine Tochter geht uns aus dem Weg und will nicht ein einziges Wort über diese Krankheit verlieren. Normalerweise ist sie diejenige, die alles diskutieren und besprechen möchte, aber diese allumfassende Angst um ihren Sohn hat sie buchstäblich verstummen lassen.“, etwas holprig und sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlend, beginnt Peter das Gespräch.

„Es ist mir durchaus bewusst, dass sich Leonie durch unser Treffen hintergangen fühlen könnte, aber ihr Verhalten erinnert mich an meine eigene Geschichte und ich möchte nicht, dass sich diese wiederholt. Darum nochmals danke für dein Kommen.“, traurig blickt Peter an Marco vorbei und versucht die richtigen Worte zu finden.

„Aber was können wir denn besprechen? Ich habe nun mal diese Krankheit in mir und ich weiß selbst nicht, wie ich damit umgehen soll. Noch ratloser bin ich, wenn ich daran denke, dass mein geliebter Sohn diese Krankheit von mir geerbt haben könnte. Immer wieder steigt eine nackte, eisige Angst in mir auf.“, verzweifelt umklammert Marco seine Kaffeetasse und starrt in die schwarze Brühe. Beklemmende Gefühle steigen in ihm hoch. Als ob dieses schwarze Loch ihn in sich hineinziehen würde, als ob dieser schwarze Untergrund ihn verschlingen möchte.

Auf in den Kampf

„Auf in den Kampf!“, mit lauter Stimme reißt Peter Marco aus seiner Versenkung.

„Auf in den Kampf!“, wiederholt Leonies Vater noch einmal die nicht passend erscheinende Aufforderung.

Verdutzt starrt Marco Leons Opa an.

„Ja auf in den Kampf! Das meine ich wirklich ernst. Du siehst aus, als ob du aufgeben möchtest. Als würdest du vor der Angst kapitulieren.“, mit einem noch ernsteren Gesicht und seine Tasse mit einem lauten Knall auf den Tisch stellend, blickt Peter Marco direkt in die Augen.

„Meine Eltern haben beide vor dieser Angst kapituliert und meine Mutter wurde durch diesen grauenhaften Seelenzustand zerstört. Wenn ich Leonie beobachte und auch dich jetzt so vor mir sehe, dann kommt mir vor, dass auch ihr aufgeben wollt.“, resignierend senken sich Peters Schultern.

Die Geschichte wissen wollend, heben sich Marcos Augenbrauen.

„Meine Mutter ist durch einen schweren Schicksalsschlag in eine tragische Schwermut gefallen und konnte sich nie mehr daraus befreien. Mein Vater hatte nicht das Wissen und auch nicht die Kraft, ihr aus diesem dunklen, alles verschlingenden Loch zu helfen. Beide waren zwar gläubig, aber es war ihnen, aus mir unbekannten Gründen, nicht möglich, sich am Glauben aufzurichten. Ich habe damals mit all meiner Kraft versucht, meiner Mama zu helfen, aber als Kind schaffte ich es natürlich nicht.“, traurig, zornig, aber auch aufmunternd, fängt Peter an, von seiner Geschichte zu erzählen.

Dein Kampf!

So etwas wie einen Hauch von Leichtigkeit spürend, hört Marco Peter interessiert und aufgeschlossen zu.

„Was ist deiner Mutter passiert, dass sie so schwer krank wurde?“, wollte Marco wissen.

„Meine Mutter verlor während der Schwangerschaft ihr letztes Kind. Für sie war dieser Verlust so groß, so schmerzlich, so allumfassend, dass sie sich nie mehr davon erholte. Sie verfiel in ein Schweigen und in eine Trauer, die uns alle mithineingezogen hat. Etwas später versuchte sie ihre Depression mit Alkohol zu lindern und fand aus dieser Sucht nie mehr heraus. Ich weiß, das ist Vergangenheit und man sollte in dieser nicht zu lange herumrühren, aber Leonie legt, zu meinem Entsetzen, ein ähnliches Schweigen an den Tag. Darum sorge ich mich, dass sie ihrer Großmutter nachfolgen könnte.“

„Aber ehrlich, was hat das jetzt mit mir zu tun?“, will nun Marco stirnrunzelnd wissen.

„Es ist dein Kampf. Du musst für Leon und Leonie einstehen. Du musst all deine Kraft, deinen Mut und deine Männlichkeit bündeln, um den beiden helfen zu können.“

Schon vergessen

„Aber was ist mit mir? Schon vergessen? Ich bin derjenige, der krank ist. Ich bin derjenige, dem diese Krankheit in spätestens ein paar Jahren um die Ohren fliegen wird!“, verständnislos starrt Marco Peter an. „Sollte da nicht ich derjenige sein, dem geholfen werden muss? Ich weiß nicht, ob ich die Kraft dazu habe, anderen dabei zu helfen, ihr Schicksal zu tragen. Und ganz ehrlich, ich habe eine Heidenangst vor meiner Zukunft.“, mit zittrigen Händen stellt Marco seine Tasse auf den Tisch. Er hat noch nicht einen Schluck dieses schwarzen Getränkes trinken können.

„Wahrlich ich verstehe deine Angst.“, mit ehrlichem Blick, sieht Peter dem jungen Mann in dessen fragende Augen. „In schwierigen Situationen bete ich zum heiligen Josef und bitte ihn, mein Helfer zu sein. Die männlichste aller Aufgaben ist der Schutz von Frau und Kind und das hat dieser Mann mit all seiner Kraft gelebt. Diesen Schutz konnte mein Vater meiner Mutter, aufgrund gewisser Umstände, nicht bieten. Oft konnte auch ich meiner Familie diesen Schutz nicht geben. Es war mir viele Male nicht bewusst, welche Aufgabe mir in Wirklichkeit anvertraut war. Aber wir sind nun mal da, um die Drachen zu töten. Gerade an uns Männer und insbesondere an uns Väter wird diese Aufgabe gestellt. In allen Mythen, Märchen und sogar in den meisten modernen Lebensratgebern werden diese Anforderungen beschrieben.  Ganz aktuell hat es uns ein Mann vorgelebt. Der chinesische Arzt Doktor Li Wen Liang, der das Coronavirus entdeckte, der als Whistleblower ins Gefängnis geworfen wurde und dann selbst an diesem Virus verstorben ist. Er hat diese Aufgabe heldenmäßig gelebt. Es wurde ein Gedicht über ihn geschrieben, das heißt: „”I don’t want to be a hero.“ Doch er war ein Held, denn er wollte seine schwangere Frau, seine Eltern und seine Patienten beschützen. Er ist auf jeden Fall der männlichsten Aufgabe nachgekommen.“

Rede nur, wenn…

„Okay, aber noch einmal, wie soll mein Kampf aussehen? Wie kann ich Leonie und Leon unterstützen? Soll ich mich von ihnen trennen, damit sie meine Krankheit nicht sehen? Was räts du mir?“, ehrliche Neugier betonend, blickt Marco Peter jetzt seinerseits auffordernd an.

„Ratschläge zu erteilen ist immer eine schwierige Sache und ein weiser Mann, Paul Claudel, sagte einmal:Rede nur, wenn du gefragt wirst, aber lebe so, dass man dich fragt!“, so möchte ich dir vorleben und dich bei deinem Weg mit all meiner Kraft unterstützen. Ich kann dir dein Schicksal nicht abnehmen, aber ich kann dir zur Seite stehen. Ein guter Freund von mir ist Psychiater in Wien und er hat eine wunderbare Sichtweise auf das Mannsein, auf unsere Aufgaben und wie man mit Schwierigkeiten im Leben um gehen kann. Wenn du willst, gebe ich dir seine Nummer und du kannst dich mit ihm auf ein Gespräch treffen. Das wäre für mich schon ein erster Schritt des Kampfes.“

Psychiater

„Was? Du schickst mich gleich zu einem Psychiater? Entschuldige, aber wie kann der mir helfen?“, wütend starrt Marco sein Gegenüber an.

In großer Ruhe und Gelassenheit blickt Peter den Vater seines Enkels intensiv in dessen Augen. Tief in seinem Inneren ist er über seine Erfahrungen und über sein Wissen dankbar.

„Wenn mein Vater sich über die Ausmaße des Schmerzes, den ein Verlust eines Babys verursachen kann, erkundigt hätte, wenn er sich auf die Trauer meiner Mama eingelassen hätte, dann hätte er uns allen viel erspart. Wenn sich meine Mutter mit offenem Herzen zu einer richtigen Therapie aufgerafft hätte, hätten wir durch viel Leid nicht hindurch gemusst. Wenn ich mich schon früher mit meinen Mädels auseinandergesetzt hätte, wäre auch mir und meiner Familie viel Leid erspart geblieben. Und wenn du dich ernsthaft über deine Krankheit und mögliche Bewältigungsstrategien informierst, dann machst du den aktiven Versuch, das Bestmögliche für euch alle zu erwirken.“

„Insbesondere meiner Tochter und meinem Enkelsohn kann nur ein starker Mann, kann nur ein starker Vater zur Seite stehen, egal ob krank oder gesund. Und ja du hast Angst, aber glaub mir, wenn du den Kampf aufnimmst, wenn du in den Ring steigst, dann wird diese Angst verschwinden. Das kann ich dir, mein junger Freund, von ganzem Herzen versprechen!“

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