Leben lernen

Kapitel 78

Angst

Eiskalte, nackte Angst durchströmt Leonie seit Marcos Ankündigung, dass ihr Sohn Leon eine Erbkrankheit haben könnte. Es fühlt sich an, als würde sich jeden Moment der Boden unter ihren Füßen öffnen und sie mitsamt ihrem Kind verschlucken, als ob jeden Moment die Luft zum Atmen fehlen würde, als ob ihr jeden Moment das Wichtigste genommen werden könnte.

Seit dem schicksalhaften Abend ist Leonie bewegungsunfähig. Ihre Eltern versuchen immer wieder Lösungen vorzuschlagen, aber sie kann ihnen nicht einmal zuhören. Bevor die beiden mit ihr ins Gespräch kommen können, blockt sie ab, schnappt sich ihren Kleinen und geht spazieren, oder legt sich mit ihm ins Bett. Wie eine Ertrinkende klammert sie sich an ihren Sohn und lässt ihn keine Sekunde mehr aus den Augen. Von ihrer Arbeit hat sie sich krankgemeldet. Ihr Kopf und ihr Herz revoltieren und ihr ganzer Körper lehnt sich mit Schmerzen in den Gelenken und mit all seiner Kraft gegen die schreckliche Wahrheit auf.

Wie können wir helfen?

„Ich mach mir jetzt schön langsam um unsere Tochter Sorgen. Wie ein Zombie schleicht sie durchs Haus, isst nichts und reden will sie auch nicht!“, verunsichert wendet sich Ingeborg an Peter, nachdem Leonie wieder wortlos vom Frühstückstisch aufsteht, um mit Leon nach draußen zu gehen. „Sie ergreift einfach die Flucht und es ist ihr von weitem anzumerken, dass sie den Gesprächen und dem Problem in weitem  Bogen aus dem Weg gehen möchte. Gehen ist noch zu milde, sie läuft buchstäblich davon.“, mit Tränen in ihren Augen blickt Ingeborg ihrer jüngsten Tochter, die das Haus in großer Eile verlässt, nach.

Nun ist Leonie schon zwei Stunden mit Leon unterwegs und da er es so liebt, im Kinderwagen durch die Gegend zu fahren, schläft er tiefenentspannt in seinem sportlichen Gefährt. Sie hält es einfach nicht aus zu Hause und ihre Eltern nerven sie ungemein mit ihrer überbordenden Hilfsbereitschaft. Hallo, was können sie denn machen? Niemand kann etwas ändern. Leon ist krank. Ihr Baby ist krank und sie weiß nicht was sie tun soll. Warum kann es nicht sie selbst treffen? Warum muss ihr kleiner Sohn so etwas erfahren, erleben und erdulden? Wieder steigt Verzweiflung in ihr hoch und nur knapp kann sie die Tränen zurückhalten. Zwei der winzigen Perlen ihrer Traurigkeit finden trotzdem den Weg über die Wangen.

„Guten Morgen, wen haben wir denn da?“, wird sie plötzlich von hinten durch eine bekannte Stimme aus ihren Gedanken gerissen. Sich die Tränen schnell abwischend, dreht sie sich langsam um und setzt ein Lächeln auf, um ihren tiefen Schmerz nicht der Öffentlichkeit kund zu tun.

Andreas!

„Hallo Andreas!“, völlig verwundert, aber den kleinen Sprung ihres Herzens wahrnehmend, erkennt sie ihren, in seinem Laufoutfit sportlich und auch sexy aussehenden, Freund wieder.

Die letzten Monate war Andreas ihr gegenüber sehr distanziert gewesen, aber jetzt umarmt er sie plötzlich mit einer Kraft und Heftigkeit, die es ihr nicht mehr ermöglicht, ihre Tränen zurück zu halten. In seinen starken Armen, sich sicher und völlig geborgen fühlend, werden ihre aufgebauten Schutzwälle mit einem Schlag niedergerissen und ihr tiefer Schmerz bahnt sich seinen Weg. Verzweiflung, Angst und Hoffnungslosigkeit strömen aus ihrem Inneren heraus und sie schmiegt sich, haltsuchend, an ihren treuen Freund.

Lange stehen beide eng umschlungen mitten im Hellbrunner Park in Salzburg und nehmen nichts wahr. Weder die vielen Touristen, noch das nasse unwirtliche Wetter. Nichts und niemanden. Als ob sie auf einer Insel wären, abgeschottet von allem und jedem, nur den Schmerz, die Verzweiflung und die Angst spürend.

Kinder – himmlische Kunstwerke

Nach einer gefühlten Ewigkeit schiebt Andreas Leonie langsam vor sich und blickt ihr tief in die Augen. „Weißt du mein…“, Andreas stockt, denn er wollte Schatz sagen, aber es wird ihm sofort klar, dass das nicht passen würde und so fährt er nach einer kleinen Atempause fort. „Kinder sind himmlische Kunstwerke, die vom Vater im Himmel Stärkung, Hilfe und auch immer wieder Trost erfahren und bekommen“.

Wer hat Schuld?

Leonie starrt ihn ungläubig an, aber er erklärt sich sofort: „Marco erzählte mir von dem Verdacht, dass auch Leon diese Krankheit in sich tragen könnte. Er wusste nicht aus noch ein und er ist völlig verzweifelt. Glaub mir, es geht ihm nicht gut, er fühlt sich verantwortlich und  denkt, dass er an dieser Krankheit Schuld hätte!“

„Was heißt hier hätte? Wer den sonst?“, völlig aufgebracht starrt Leonie Andreas an, ihre Verzweiflung schlägt augenblicklich in Wut um.

Da nimmt Andreas unvermutet Leonie wieder in seine Arme, sie will sich zwar befreien, gibt den Widerstand aber dann doch schnell auf. Es fehlt ihr einfach die Kraft und so bleibt sie schweigend in dieser Umarmung verharrend. Als er sie freigibt, spürt sie eine kleine Erleichterung durch ihren Körper fließen.

Jeder hat seine Aufgabe.

„Weißt du, jedes Kind ist ein Geschenk Gottes und jedes Kind hat seine Aufgabe, seinen Plan, seine Schwächen und Stärken und jedes Kind, jeder Mensch wird von Gott über alles geliebt. Darum hat er mit absoluter Sicherheit auch für Leon einen Plan, ob gesund oder eben etwas beeinträchtigt.“, versucht ihr guter Freund sie aufzumuntern.

„Nur wie kann ich ihm helfen, wie kann ich ihn vor diesem Schicksal bewahren? Warum er, warum trifft es ihn und nicht mich? Dein Gott ist kein gerechter Gott. Er ist doch noch so klein. Wie sollen wir das nur schaffen?“, traurig und müde blickt Leonie direkt in die Augen ihres Gegenübers.

„Als erstes soll einmal geklärt werden, ob er überhaupt Träger ist. Danach müssen Schritte geplant werden, wie er ein gesundes Leben führen kann, denn normalerweise bricht die Krankheit erst im Alter von etwa 40 Jahren aus. Da hast du noch lange Zeit, ihn zu einem Menschen zu erziehen, der mit so einem Schicksal bestmöglich umgehen kann. Wenn wir ein Umfeld schaffen, wo sich Leon wohl und sicher fühlt, indem er nicht beschämt wird, er Fehler machen darf und trotz allem angenommen ist, dann kann er durch dieses Schicksal sehr viel lernen. Im sicheren Umfeld einer Familie können Kinder die Welt erobern und das Leben begreifen. In der Bibel gibt es die Botschaft, dass Gott als erstes gesagt hat‚ es ist sehr gut und so wird auch dein Kind sehr gut werden, unabhängig davon was bei den Tests herauskommen wird.“, aufmunternd erklärt Andreas Leonie einige Fakten.  „Du wirst nicht blind sein und wirst seine Schwächen sehen und ihm dabei helfen und ihn unterstützen, aber vor allem wirst du seine Stärken, seine Begabungen und seine Talente im Blick behalten. Wir brauchen einander, um dem Leben mutig begegnen zu können. Gerade in seiner vielleicht schwierigen Lebenslage wirst du ihn in seiner Beziehungsfähigkeit fördern. Glaub mir, du wirst aus diesem kleinen Kerl einen großen starken Mann machen, der eine stabile Persönlichkeit und glücklich und friedvoll sein wird und vielleicht auch mit dem christlichen Glauben etwas anfangen kann. Denn Kinder sind einfach himmlische Kunstwerke, die im Vater im Himmel Stärkung, Hilfe und auch Trost bekommen können. So auch dein geliebter Sohn.“, ernst und aufrichtig blickt Andreas Leonie an.

Alles will leben!

Nun wird Leon unruhig und Leonie nimmt ihren Sohn aus dem Kinderwagen. Sie hält ihn fest mit ihren schützenden Armen umfangen und blickt zuerst auf Andreas, um dann ihre Umgebung, die sie umringt, mit ihren Augen aufzunehmen. Satte grüne Wiesen, dahinter ein Sonnenblumenfeld, in dem die Blumen noch nicht aufgeblüht sind und Bäume in frischem, grünem Blätteroutfit. Rund um sie wächst es, blüht es und lebt es. Sie zieht die Luft in ihre Lungen, Erleichterung und ein ganz klein wenig Freude macht sich in ihr breit. Hoffnung wird dieser Zustand auch gerne genannt. Genau in diesem Moment trifft ein einzelner, wärmender Sonnenstrahl Leonie, Leon und Andreas. Die Wärme durchdringt sie augenblicklich.

„Könntest du mir dabei helfen?“, rutscht es plötzlich aus ihr heraus und sie blickt Andreas fragend an.

Auf diese Frage wartet er schon seit über 14 Monaten und strahlend nickt er leicht, beugt sich zu ihr und haucht ihr einen leichten, fast nicht wahrnehmbaren Kuss auf ihre überraschten, leicht rosa glänzenden Lippen.

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Meine Antwort an Leonie:

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