Vaterherz

Kapitel 77

Chorea Huntington

Marco freut sich auf diesen heutigen Abend, aber zugleich hat er eine Heidenangst  davor. Was soll er seinem Freund erzählen, wie ihm seine Pläne darstellen. Jetzt sind drei Tage vergangen, seitdem sich seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt haben. In seinen Genen steckt die erschreckende, alles überschattende Wahrheit. Er trägt Chorea Huntington in sich. Seit dieser schwarzen Stunde wandelt er in einem dichten, immer dunkler werdenden Nebel. Ängste und Verzweiflung und tiefe Hoffnungslosigkeit geben sich die Hand und lassen ihm kaum mehr Luft zum Atmen.

Der diagnostizierende Arzt bestätigt ihm das positive Ergebnis, bietet ihm weitere Schritte an, aber nach der niederschmetternden Diagnose stürmt er aus dem Krankenhaus und will mit niemandem sprechen. Er zieht sich tief in sein verzweifeltes Inneres zurück. Nicht einmal seiner Mutter kann er diese schreckliche Nachricht mitteilen. Im Stillen und in völliger Einsamkeit entscheidet er in diesen drei Tagen, Leonie nichts von dieser Erbkrankheit und der Möglichkeit, dass auch Leon diese geerbt haben könnte, zu erzählen. Denn ehrlich, was soll es bringen? Wie sollen sie beide mit diesem Wissen umgehen? Und das Entscheidende, wie sollen sie ihren Sohn mit dieser Kenntnis erziehen, behandeln und ihn für eine gelingende Zukunft vorbereiten? Werden sie nicht automatisch mit Argusaugen die Entwicklung ihres Sprösslings beobachten und bei jedem Schnupfen, bei jedem Wehwehchen ein großes Drama inszenieren? Jede harmlose Krankheit würde als absolute Katastrophe interpretiert werden. Mit dieser Bedrohung ist ein normales Leben nicht mehr möglich und darum wird er dieses Damoklesschwert mit niemandem ausfechten und auskämpfen. Es reicht, wenn die Macht dieser Angst allein ihn im Griff hat. Nun steht er vor dem Lokal, in dem er Andreas trifft und er rechnet damit, dass ihn sein Freund auf das Ergebnis ansprechen wird.  Wie soll er sich aus diesem Schlamassel nur heraus manövrieren?

Abtreibung doch eine Lösung?

„Vielleicht wäre in so einem Fall eine Abtreibung doch eine sinnvolle Sache, denn durch diese kann man sein Kind vor dieser schweren Krankheit bewahren und sich selbst eine fast unmögliche Entscheidung ersparen.“ Bei einer seiner Internet-Recherchen kam er auf eine Seite, die erklärte, dass man in Österreich Kinder mit einer Behinderung bis kurz vor der Geburt töten lassen kann. Diese Gedanken denkend, betritt er mit zögernden Schritten die Bar.

„Hast du das gehört?“, aufgebracht und wütend, ohne ihn wirklich zu begrüßen, klopft Andreas ihm kurz auf die Schultern, um ihn sogleich an die Bar, wo zwei Bier auf sie warten, zu führen.

„Was soll ich gehört haben?“, will nun Marco neugierig wissen.

„Michelle William, eine Schauspielerin, hat den Golden Globe 2020 gewonnen und sich bei ihrer Ansprache theatralisch für diesen Preis bedankt. Mit fesselnder Stimme erklärte sie, dass sie nur auf Grund von pro choice die Möglichkeit hatte, diese Auszeichnung zu gewinnen und viele im Publikum waren davon tief berührt. Ich fass es nicht. In welcher Welt leben wir?“, Zornesfunken aus seinen Augen sprühend, starrt Andreas Marco an.

Pro Choice

„Ah pro choice, davon haben wir schon einmal gesprochen. Das hat mit Wahlfreiheit und mit Abtreibung zu tun. Doch eigentlich klingt es trotzdem recht positiv.“.

„Ja das ist dieser verdammte Euphemismus, den einige Mächtige in unserer Gesellschaft etablieren wollen, damit schlimme, katastrophale Handlungen, wie eben Abtreibung, durch schöne Worte den Menschen nicht mehr bewusst und klar sind. Es klingt gut, aber dahinter steckt p Pro choice heißt Wahlfreiheit, aber in Wirklichkeit wird es in der Abtreibungsdebatte dafür verwendet, das Recht zu haben, sein Kind töten lassen zu können.“, erklärt Andreas noch einmal.

Marco zuckt unmerklich zusammen. „Hätte auch er pro choice in Anspruch genommen? Hätte auch er, wenn er früher von seinem Sohn und von seiner eigenen Krankheit informiert gewesen wäre, sich gegen Leon entschieden?“. Ein tiefer Seufzer entschwindet seiner Lunge und Tränen schimmern im sonst gefassten Gesicht. Eine ankommende Nachricht bringt sein Handy zum leuchten und Leons Foto strahlt ihn, mit einer unbändigen Freude, vom Display an. „Gott sei Dank, hatte ich diese Möglichkeit nicht“, entfährt es ihm beim Blick auf seinen Sohn.

„Welche Möglichkeit hattest du nicht?“, fragt Andreas neugierig nach.

„Ach ich dachte nur laut darüber nach, ob ich pro choice genutzt hätte und ich bin überaus froh, diese Möglichkeit nicht bekommen zu haben. Nie und nimmer möchte ich meinen Sohn missen, trotzt meiner Kr…,“, plötzlich stockt Marco und verschluckt die letzten Silben des angefangenen Wortes.

„Deiner was?“, will Andreas, mit durchdringenden, neugierigen Augen wissen.

Marco überlegt hin und her, nimmt, um Zeit zu gewinnen einen Schluck vom mittlerweile warm gewordenen Bier und verzieht angewidert das Gesicht. „Ich mag Bier grundsätzlich nicht besonders , aber ein warmes ist ja wirklich entsetzlich.“, als würde er dieses ausspucken, schleudert er die Worte auf die Bar.

Peter

In dem Moment geht die Tür auf und zu Marcos Entsetzen betritt Peter, Leonies Vater, das Lokal. Freudig winkt Andreas ihn an die Bar und Peter nimmt die Einladung mit Begeisterung an. Er begrüßt die beiden jungen Männer und bestellt sich seinerseits ein Pfiff.

„Ist das nett, euch beide hier zu treffen. Bevor ich nach Hause gehe und von meiner Frau wieder eingeteilt werde, nehme ich mir noch für ein erfrischendes Bier Zeit!“, lächelt Peter und nimmt genussvoll einen großen Schluck von seinem noch kühlen Glas.

Kelomat

„Deiner was?“, fängt nun Andreas noch einmal an und stellt, um seiner Frage Ausdruck zu verleihen, das Glas mit einem lauten Krach auf die Bar zurück.

„Meiner Krankheit!“, als ob ein Kelomat explodieren würde, schießt die schreckliche Wahrheit aus Marco heraus. Er wollte es nicht, am wenigsten vor Leonies Vater, aber der innere Druck ist zu groß geworden und so weiht er Andreas und Peter, den Opa von Leon, in sein Drama ein.

„Ja ihr habt richtig gehört, ich bin Träger der Erbkrankheit Chorea Huntington und es besteht die Möglichkeit, dass ich sie an Leon weitergegeben habe. Und ja ich habe gerade darüber nachgedacht, ob ich die Wahlfreiheit, wenn ich gewusst hätte, dass ich diese Krankheit in mir trage und sie auch weitergeben kann, genutzt hätte!“.

„Hättest du?“

„Keine Ahnung. Aber jetzt, hier und heute danke ich deinem Gott dafür, dass ich nichts gewusst habe und dass ich Leon in meinen Armen tragen darf.“, ungläubig spürt Marco plötzlich Erleichterung in sich hochsteigen. Irgendwie fühlt er sich in Gegenwart dieser beiden Männer verstanden und aufgehoben.

„Wann wirst du es Leonie erzählen?“

„Gar nicht!“

„Warum nicht?“

„Weil es nichts ändert, weil es nichts bringt. Wir würden dieses Kind mit unserer Sorge erdrücken. Es würde jeder Schnupfen und jede Krankheit eine Katastrophe sein und ein normales Leben wäre dann nicht mehr möglich.“

Auf Lüge kann man nichts aufbauen

„Aber du kannst kein Glück auf eine Lüge aufbauen!“

„Mach ich doch nicht!“

„Doch, indem du Leonie diese wichtige Tatsache verschweigst, lügst du sie und deinen Sohn jeden Tag an. Dafür ist dein Vaterherz nicht geschaffen worden. Du willst Leon zu einem starken, selbstbewussten Mann erziehen. Das kannst du aber nicht, wenn du ihn mit jedem Wort, mit jeder Liebkosung, mit jedem Kuss belügst.“, ernst und unerbittlich blickt Andreas seinem Freund in die verzweifelten Augen.

„Aber kann ich, krank wie ich bin, überhaupt ein Vater sein?“

Schweigend und mit aufgerissenen Augen hört Peter entsetzt zu. Er weiß, diese Wahrheit wird alles in ihrem, in seinem Leben ändern. Sein Enkel könnte sehr schwer krank sein. Tief betroffen nimmt er einen tiefen Atemzug und schaut Marco mit ernstem, aber festem Blick in dessen junge Augen und legt seinen Arm um die vor Angst hochgezogenen Schultern.

Vaterherz

„Weißt du junger Mann, in unserer schnelllebigen Zeit wird oft vergessen, was ein Vaterherz wirklich ist und was es alles aushalten und bewältigen kann. Wie sehr dieses Herz lieben kann. So viele haben vergessen, was es bedeutet Familie zu haben und was es bedeutet seine Familie als Vater beschützen zu wollen. Als meine Töchter klein waren, habe ich viel Zeit, Gelegenheiten und schöne Momente mit meinen Mädchen verpasst. Ich war immer beschäftigt und mein Fokus lag nicht auf meinem Vaterherz. In meinen vielen Lebensjahren habe ich eines sicher gelernt, dass jede Mutter und jeder Vater die Kraft, das Wissen und die Liebe für ihre Kinder von Gott mitgeschenkt bekommen hat und mag das Schicksal auch noch so hart zuschlagen, wie in eurem Fall, er wird euch die Kraft geben.“, mit seinem starken Arm zieht Peter Marco für einen kurzen Augenblick an sich, um ihn dann wieder frei zu geben.

Zwei Männer

Für Marco fühlt es sich an, als würde ein Vater, sein Vater ihn beschützen.

„Ihr redet euch leicht. Ihr habt keine Ahnung, was es heißt, mit so einem Damokles-Schwert leben zu müssen.“, verbittert bestellt sich nun Marco einen Schnaps, den er in einem Zug hinunterkippt.

„Ja du hast Recht, ich weiß es nicht, ich habe von deinem Schmerz überhaupt keinen Ahnung. Aber ich habe kleine Patienten, die wirklich schwere Zeiten durchleben, ich sehe sie, sehe ihre Eltern, sehe ihr Leid und bin immer wieder von der ungeheuren Kraft, dem Mut und der übergroßen Liebe der Eltern zu ihren Kindern überrascht und berührt.“, versucht Andreas Marco aufzumuntern.

Zwei Männer stehen Marco gegenüber und als ob sie einen Kreis des Wissens, des Vertrauens, der Zugehörigkeit gebildet haben, strömt so etwas wie männliche Kraft über ihn. Er nimmt einen tiefen Atemzug und ein Lächeln umspielt seine Lippen.

Peter lächelt ihn seinerseits an: „Morgen kommt Leonie nach Hause und ja ich glaube auch, dass sie ein Recht hat, die Wahrheit zu erfahren. Ich und Andreas werden dir dabei helfen, wir werden dir zur Seite stehen und dir, Leonie und vor allem Leon bei allen Schwierigkeiten immer und jederzeit helfen.

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Meine Antwort an Leonie:

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