Mysterium

Kapitel 76

Zurück!

„Hallo! Wo ist mein kleiner Schatz?“, mit freudiger Erwartung, doch müde und ausgelaugt von den letzten zwei Arbeitstagen in Wien, betritt Leonie ihr Elternhaus. Die gesamte und gefühlt ewig dauernde Zugfahrt von Wien nach Salzburg, sehnte sie sich mit jeder Faser ihres Herzens danach, ihren kleinen Sohn in die Arme schließen zu können.

„Warte!“, schnell und ein wenig hektisch stürmt Ingeborg aus der Küche, um ihre Tochter zu begrüßen, aber vor allem um sie aufzuhalten. „Ich habe ihn erst vor einer Stunde ins Bett gelegt, denn er war nach dem Mittagsausflug mit Opa fix und fertig.“, versucht Ingeborg ihre Tochter zu stoppen, aber Leonie stürmt trotz der Worte ihrer Mutter die Treppen hoch und erreicht außer Atem den oberen Stock. Leise und behutsam öffnet sie die Tür in ihr altes Kinderzimmer und tritt an das Bett ihres Sohnes. Friedlich und tiefenentspannt schläft Leon, auf dem Rücken liegend, im neuen hölzernen Gitterbett, das ihr Vater selbst für seinen Enkel gezimmert hat. Der Duft von frischem Holz lässt Leonie vermuten, dass dieses erst fertig geworden ist. „Groß ist er geworden“, denkt Leonie wehmütig und betrachtet verliebt den kleinen Kerl. Sanft küsst sie Leon auf die zarte Wange, verweilt noch einige Augenblicke am Bettchen, um dann wieder aus dem Zimmer zu schleichen. Wie gerne hätte sie den Kleinen hoch genommen, aber sie weiß, dass es unklug wäre, ihn in seinem Schlaf zu stören.

Was macht der hier?

“In der Küche angekommen stockt Leonie, denn am Küchentisch sitzt Marco. „Warum ist der hier?“, dieser Gedanke durchzuckt Leonies Kopf und sogleich spürt sie eine ziemlich angespannte Stimmung im Raum. Sie begrüßt ihn mit einem aufgesetzten Lächeln und küsst ihre Mutter zur Begrüßung schnell und unverbindlich auf die Wange. Sie setzt sich neben Marco an den Tisch und blickt ihre Mutter aus müden Augen fragend an.

„Mama. Was war ich für ein Dödel?“, um der ungemütlichen Stimmung zu entgehen, fängt Leonie sogleich zu quatschen an. „Ich dachte, ich werde leichten Herzens mein Kind bei euch lassen, um dann Wien und meinen Job genießen zu können. Aber weit gefehlt. Ich habe Leon so vermisst. Die gesamte Zeit machte ich mir Sorgen und ich stand Ängste, die ich zuvor noch nie erlebt habe, aus.“, sorgenvoll blickt Leonie Ingeborg an, die gerade das Abendessen vorbereitet.

„Entschuldige mal. Glaubst du, wir würden nicht auf deinen kleinen Schatz aufpassen können? Er ist unser fünfter Enkel, den wir über alles lieben. Keine Sekunde wurde er aus den Augen gelassen!“, sich über die Gedanken ihrer Tochter wundernd, wendet sich Ingeborg wieder dem Herd zu, auf dem zwei Töpfe leise und blubbernd vor sich hin schmoren.

„Ich weiß es auch nicht, aber ich hatte das bedrängende Gefühl, dass ihm etwas passieren könnte und ich nicht da wäre, um ihn zu beschützen.“, verstört starrt Leonie in den Raum, sich fragend, woher diese Gedanken kommen . Wie dunkle Wolken schweben diese Vorahnungen seit Tagen über ihr.

Es ist ein Mysterium!

„Mein Schatz, glaub mir, das ist ganz normal. Die tiefe Verbindung und die natürliche, bedingungslose Liebe einer Mutter zu ihrem Kind ist ein Mysterium, das von niemandem, weder von Ärzten, Psychologen oder Psychiatern, erforscht werden konnte. Geschweige denn von Politikern oder Wissenschaftlern. Leider nehmen sich diese, gerade in unserer Zeit, heraus, es zu wissen.“, Teller, Tassen und Besteck an den Tisch bringend, schüttelt Ingeborg verständnislos den Kopf.

Marco sitzt nach wie vor schweigend neben Leonie und das ungute Gefühl der letzten Tage steigt wieder in ihr hoch. Was ist hier los? Ernst blickt sie in die Gesichter der beiden und nimmt eine Traurigkeit war, die ihr Herz schwer werden lässt.

„Mama, bevor ich Leon in meinen Armen halten konnte, war auch ich der Meinung, dass es kein Problem wäre, ihn euch in die Obhut zu geben. Aber dass ich die letzten zwei Tage wie ein geschlagener Hund gelitten habe, dass ich mich nur sehr schwer auf meine Arbeit konzentrieren konnte und dass ich mich in Wirklichkeit die ganze Zeit nur nach ihm sehnte, das konnte und wollte ich vorher nicht wissen. Bei mir ist es noch skurriler, denn ich arbeite ja dafür, dass Frauen ihre Kinder weggenommen werden. Scheiß Leihmutterschaft.“, verständnislos über ihr Tun zieht Leonie die Augenbrauen hoch.  „Ich glaube, diesen Job kann ich vergessen!“, Leonie legt für einen kurzen Moment den Kopf auf den Tisch und atmet tief aus. Es hört sich so an, als ob ein schwerer Druck aus ihren Lungen entweichen würde.

Wir haben Filter!

„Ja meine Kleine, angeblich lerntest du in den letzten Tagen dieses Mysterium oder nennen wir es anschaulich Filter, kennen. Du hast diesen Filter in dir, der dir genau sagt, was richtig und falsch ist.“, Ingeborg dreht sich um und kommt ganz langsam an den Tisch. „Für mich ist Mutter Maria, mit ihrem bedingungslosen Ja immer wieder ein Vorbild. “, fährt Leons Oma fort. „Diesen Aspekt des Filters, hörte ich in einem Vortrag über die Gottesmutter. In diesem wurde Maria als Filter vorgestellt, damit Jesus ins Reine gebären werden konnte. Könnte es nicht sein, dass jede Mutter für ihr Kind ein Filter ist? Ein Filter der nur für Zuwendung, Freude, Angenommensein und Liebe durchlässig ist.“, ernst und leise erklärt Ingeborg Dinge, die aber ihre Tochter noch mehr verunsichern.

„Mama, was redest du da? Was ist hier los?“, spürend wie Panik in ihr aufsteigt, starrt Leonie zuerst ihre Mutter, dann Marco mit ängstlichen und fragenden Augen an, doch erdrückendes Schweigen macht sich breit.

Auch Marco, neben Leonie sitzend, fühlt sich immer unwohler.

„Jedes Kind ist ein hoffender, zukunftsweisender Anfang. Durch dieses Mysterium, durch diesen Filter seiner Mutter wird jedes Kind beschützt, gestärkt und geliebt.“, endet Ingeborg, aber eine traurige Färbung in der Stimme, lässt das Gesagte unheilvoll klingen.

Nicht jede Mutter ist liebevoll!

„Ach Mama, du hast so komische Ansichten. Es gibt auch Mütter, die ihre Kinder schlecht behandeln, beschämen, demütigen, misshandeln. Und wie schaut es mit Erbkrankheiten aus, die die Mutter weitergeben kann?“ will nun Leonie wissen.

„Oder der Vater!“, mischt sich plötzlich der bis dahin schweigende Marco in das Gespräch ein.

Bitte nicht!

Leonie durchzuckt eine Gewissheit, die ihre Panik nur noch mehr einheizt und auflodern lässt. Ingeborg hat neben ihr Platz genommen und blickt Marco Mut gebend an.

„Leonie ich muss dir leider was sagen.“, langsam und bedacht beginnt Marco. „Mein Vater ist an der Erbkrankheit Chorea Huntington erkrankt und gestorben. Ich habe diesen Veitstanz, wie er auch genannt wird, von ihm geerbt. Ich bekam die positiven Testergebnisse vor zwei Tagen und so bin ich hier, um dir die schreckliche Mitteilung zu unterbreiten, dass die Möglichkeit besteht, dass auch unser Sohn diese in seinen Genen trägt.“

„Ja wer schläft denn da so lange? Hast du noch nicht gehört, dass deine Mama schon da ist!“, klingt es auf einmal ganz leise aus dem Babyfon.

Leonie hört ihren Vater aus dem kleinen weißen Gerät tönen, wie er ins Zimmer von Leon schleicht, um ihn sanft zu wecken. „Typisch Mann, er kann es einfach nicht erwarten, bis der Kleine von selbst erwacht.“, denkt sie, nicht fähig die schreckliche Wahrheit annehmen zu können.

„Schaut einmal wer da schon munter ist!“, mit einem verschmitzten Lächeln betritt Peter die Küche, Leon auf seinem Arm.

„Hast du ihn geweckt?“, will Ingeborg wissen, aber das strahlende Lächeln ihres Enkels stoppt ihre Frage.

Ein lautes Quietschen kommt aus dem süßen Mund und seine kleinen Ärmchen strecken sich seiner Mama entgegen. Leonie springt auf, der Sessel kippt vom Schwung angestoßen um und sie nimmt ihren kleinen Sohn in die Arme, der sich sofort in diese schmiegt.

Versinken!

Fest umarmend, ihn mit Küssen überziehend, die Tränen mit aller Gewalt zurückhaltend, flüstert sie ihm in seine zierlichen Ohren. „Mein Schatz ich lasse dich nie, nie mehr allein und werde dich immer beschützen. Ich verspreche dir, es wird dir nie etwas passieren!“. Alle Anwesenden, in ihren Augen Tränen schimmernd, betrachten das Bild der jungen Mutter, die sich verzweifelt an ihrem Sohn festhält, in dem Raum, in dem sich die eben gesagten Worte wie eine übergroße, dunkle Wolke beängstigend ausbreiten.

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Meine Antwort an Leonie:

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