Ganz zu lieben!

Kapitel 75

Ganz zu lieben!

„Was liest du denn da?“, in das Wohnzimmer tretend, begrüßt Peter seine Ehefrau mit einer liebevollen Umarmung.

„Ich habe eine wunderbare Novelle von Werner Bergengrün, Der spanische Rosenstock, entdeckt. Welch inspirierende Sätze und Gedanken. Ein junges, sich liebendes Pärchen ist gezwungen sich zu trennen und zum Abschied erzählt er ihr eine berührende Geschichte von einer alles überdauernden Liebe, die durch einen Rosenstock symbolisiert wird.“

„Du lächelst?“, liebevoll blickt Peter seine langjährige Gefährtin an und sein Gesicht strahlt eine Wärme aus, die ihr Herz sofort zutiefst berührt und einen kleinen Luftsprung machen lässt. Seit so vielen Jahren hüpft ihr Herz bei diesen Blicken ihres Mannes. Ganz zu lieben, ist nach vielen Jahren des Kampfes ihr Leitspruch, ihre Lösung geworden. „Ganz zu lieben und geliebt zu werden, ist das nicht das was sich jeder Mensch von Herzen wünscht?“, ist ihre immer wieder kehrende Frage.

„Schläft unser kleiner Schatz schon?“, will Peter wissen.

„Ja, nach eurem langen Spaziergang brauchte ich ihm nur seine Flasche zu geben und seit dem schläft er zufrieden in Leonies Zimmer.“, glücklich berichtet Ingeborg von ihrem geliebten Enkel Leon.

Urgrund eines Lebens

„In dieser Novelle geht es um die große Liebe. Die Liebe, die alles überdauert, die Liebe, die warten kann, die Liebe, die durch einen Rosenstock aufrecht erhalten bleibt. Ich wünsche mir für Leonie auch so eine tragende Liebe.“, spricht Ingeborg aus, was ihr Herz, trotz des übergroßen Glücks, das sie durch ihren Enkel und ihre Tochter erfährt, immer wieder für einen kleinen Augenblick nachdenklich und traurig werden lässt. Wie ein dunkler Schleier durchschweifen diese trüben, angstmachende Gedanken von Zeit zu Zeit ihren Bauch, ihren Verstand, um dann schmerzhaft in ihrem Herz zu landen. In ihrer Hoffnung stellt sie sich Leonie immer wieder vor, wie sie eine Liebe geschenkt bekommt, in der die Hingabe, das Geschenk an den anderen, der Urgrund, das Fundament eines gemeinsamen Lebens ist.

Verzweiflung

„Wo bist du schon wieder?“, völlig hysterisch kreischt Ingeborg, ihren Mann suchend, durch die Räume. Schon wieder ist ihr Ehemann nicht auffindbar. So oft macht er sich klammheimlich davon. Er erzählt nicht, wohin er geht, was er macht oder wo er ist. Ingeborg, hochschwanger zu ihrem zweiten Kind, Leonie das schreiende Kleinkind auf ihrem Arm tragend, sucht Peter verzweifelt im ganzen Haus. Die Kleine lässt sich nicht beruhigen, die Küche ist völlig chaotisch und ihre Füße und ihr Rücken schmerzen von all dem Strecken, Beugen und Heben. Darüber hinaus sollte sie jetzt noch den Christbaum schmücken, denn morgen ist Weihnachten und ihre Mutter mit ihrem Mann und ihr Schwiegervater sind zum gemeinsamen Fest eingeladen. Alles hat sie allein zu stemmen. Nie kann sie sich auf ihren Mann verlassen. Plötzlich durchdringt sie ein stechender Schmerz und zwingt sie in die Knie. „Bitte kleines Baby, bitte komm noch nicht, es ist noch viel zu früh!“, voller Verzweiflung legt sich Ingeborg mit der noch wimmernden Leonie auf die Couch, Tränen der Erschöpfung und Müdigkeit fließen über ihr Gesicht. Ratlosigkeit macht sich in ihr breit. „Wie soll denn das weitergehen?“, fragend, einsam und in sich hineinweinend verharrt Ingeborg zwischen ungebügelten Hemden, Hosen und Kinderbekleidung liegend und wünscht sich nichts mehr als Schlaf, tiefen, erholsamen Schlaf.

„Wo ist Leonie?“, schreit Peter seine Frau an, während er versucht sie wach zu rütteln. Ingeborg ist in Sekunden munter und springt auf, aber der gleiche stechende Schmerz durchdringt ihren Körper und lässt sie zurück auf das Sofa sinken. „Wo ist Leonie?“, wieder schüttelt Peter seine Frau, die ihm mit schmerzverzehrtem Gesicht entgegen starrt. In diesem Moment hören beide ein leises Wimmern. Peter stürmt in die Küche und findet seine kleine Tochter im Besenschrank, zwischen Mopp und Besen eingezwängt und eingesperrt.

Ich kann nicht mehr!

Die weinende Leonie im Arm, steht er ärgerlich und zornig vor Ingeborg. Wie konnte sie am helllichten Tag schlafen und die Kleine völlig unbeaufsichtigt sich selbst überlassen. Er wollte ihr schon Vorwürfe machen, doch als er ins Gesicht seiner jungen Frau blickt, verschlägt es ihm die Sprache. Kreidebleich, mit dunklen Ringen unter den sonst so schönen Augen, blickt sie ihn leer und ausgelaugt an.

„Ich kann nicht mehr. Die Firma, das Haus, all die Schulden, die Kleine und jetzt noch die Schwangerschaft, all das könnte ich tragen, aber dass du mir nie sagst was du machst, wo du bist und dass du in Wirklichkeit dein Leben nur für dich lebst, diese Lieblosigkeit schaffe ich nicht mehr.“, leise und tonlos hält Ingeborg ihren schmerzenden Bauch und lehnt sich an das alte, verschlissene, hässliche, grüne Sofa, das Peter aus seinem Elternhaus mitgenommen hat.  Leise und kaum hörbar haucht sie in den Raum: „In Wirklichkeit bist du noch im Schmerz über den Verlust deiner Mutter gefangen!“.

Wärme des Lebens

„Jetzt sei einmal ehrlich, wie lange brauchten wir beide, um diese hingebende Liebe zu finden, um uns in unserer Ehe über diesen wesentlichen Aspekt der ganzen Liebe klar zu werden?“, fragend und amüsiert blickt Peter seine Frau an.

Ingeborg findet sich augenblicklich auf ihrer schönen Terrasse wieder, blickt in den Sonnenuntergang und die restliche Wärme des Tages berührt ihr Herz.

„Gerade du hast so lange gekämpft und ich glaube, wir sind auch noch nicht  dort angelangt, wie Gott sich eine Ehe gedacht hat.“, erklärt Peter ernst, aber gelassen. „ Auch bei Leonie ist noch nichts zu spät, wir sollten ihr die Zeit lassen, die sie braucht!“.

„Aber hat sie Zeit?  Sie ist jetzt Mutter und gerade als diese braucht sie doch Schutz, jemanden der sich an den alltäglichen Dingen beteiligt. Einen Vater, einen Mann, der am Abend Leon Rittergeschichten vorliest, der mit ihm rauft, tollt und sich auch balgt. Der ihn zum Fußballspielen begleitet, der mit ihm im Wald herumstreift, der ihm das Leben und auch den Glauben an Gott näherbringt!“, in ihrer Erinnerung zurückdenkend, wissend wie hart das Leben sein kann, spürt sie die Verzweiflung und die Einsamkeit von damals wieder deutlich und diese nimmt ihr jetzt noch die Luft zum Atmen.

Erinnerung

„Kannst du dich an den Abend von Lillys Geburt, als ich Leonie im Besenschrank verlor, erinnern? Ich war so allein, so einsam, so ohne einen Mann an meiner Seite.“, traurig blickt Ingeborg Peter, der etwas entgegen wollte, sich aber dann wie üblich doch zurückhielt, an. „Du warst damals noch so mit deiner Herkunftsfamilie, dem Schicksal deiner Mutter verbunden, dass du mich und Leonie meistens gar nicht wahrnahmst!“.

„Jemanden lieben, heißt ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat, so Dostojewski!“. Peter flüstert diese Weisheit in den Raum und lässt die Worte selbst ihre Bedeutung finden. Die Sonne verschwindet im Westen der Stadt. Genau in diesem Augenblick taucht sie den Garten, das Haus und die Terrasse, auf der Ingeborg mit Babyfon ausgestattet, verweilt, in ein goldenes, Frieden spendendes Licht.

„Jemand lieben, heißt ihn so zu sehen, wie Gott ihn gemeint hat“, wiederholt sie leise und bedacht.

„Ja, du hast Recht, ich musste dich erst kennenlernen, sowie halt Gott dich gemeint hat. Mit all deinen Fehlern, Verlusten und Wunden.“, leise und bedacht blickt Ingeborg ihren geliebten Mann an.

„Damals in der Nacht, den Schreck von Leonies kurzem Verschwinden in den Knochen, die überstürzte Geburt unserer Lilly miterlebend, und das im Arm halten von euch Dreien am Morgen,  machte mir klar, dass ich etwas ändern muss. Ich weiß, es dauerte noch sehr lange, aber mein Schatz, du gabst mir die Zeit, das Vertrauen und die Liebe, damit ich in diese Familie hineinwachsen konnte.“, erzählt Peter sich an die Zeit zurück erinnernd.

Die Liebe vollendet

Ingeborg lächelt und nimmt das kleine Buch zur Hand und beginnt laut vorzulesen: „Es muss wohl jeder von uns eine Schuld an allem Geschehen haben, wenn wir diese Schuld auch nicht deutlich zu erkennen vermögen. Und vielleicht soll ein Tropfen Schuld in jedem Becher Liebe sein. Denn wohl erprobt sich die Liebe in der Treue, aber sie vollendet sich erst in der Vergebung.“

Anerkennend über diese Erkenntnis nickt Peter und fährt fort: „Ja, wahrscheinlich hatten wir beide Schuld, aber durch dich lernte ich langsam dieses Vertrauen, dass der Mensch, den man über alles liebt, nicht einfach weggeht, dass er bleibt, dass er es mit mir aushält. Durch den Selbstmord meiner Mutter, zu dem sicher ihre schweren Depressionen geführt haben, habe ich jedes Vertrauen in Menschen verloren. Durch dein Festhalten an unserer Ehe, durch deine Vergebung und deine ganze Liebe, konnte ich dieses Vertrauen wieder lernen.“, strahlt Peter seine wunderschöne Frau an.

„Ich möchte doch nur, dass meine Tochter ein erfülltes Leben mit ihrem Sohn leben kann. Ich bin nun mal davon überzeugt, das gelingt nur in einer glücklichen Beziehung.“

Geduld

„Tja mein Schatz, diese Liebe haben wir uns aber auch hart erkämpft. Wir beide mussten einen schwierigen Weg gehen, bis wir uns ganz lieben konnten. Durch deine Geduld, durch deine Hingabe, die du mir immer wieder entgegenbrachtest, wurde mein Herz langsam wieder weich und dieser Liebe zugänglich. Und so wird es auch Leonie ergehen. Auch sie wird noch einige Zeit benötigen, bis sie den Wert eines Lebens der Hingabe erkennen kann. Gib zu, in ihrem Alter warst auch du weit davon entfernt, dein Leben als Geschenk an den anderen zu sehen, oder?“, lachend umarmt Peter liebevoll und stürmisch seine Frau.

„Du hast Recht, wir werden das nicht vom Zaun brechen können. Wie du immer so schön sagst, Geduld ist eine Tugend und ja diese Geduld werden wir aufbringen, denn in dieser sind wir beide wahrlich geübt.“

Ein leises Glucksen aus dem Babyfon lässt Ingeborg und Peter freudig wahrnehmen, dass sich diese Geduld, diese ganze Liebe so überaus glücksbringend ausgezahlt hat.

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