Liebes - Verbindung

Kapitel 74

Wieder arbeiten?

Nervös und aufgeregt hechtet Leonie durch die alte Walfischgasse Richtung Kanzlei, in der sie vor der Schwangerschaft gearbeitet hatte. Es ist heute ihr erster Arbeitstag nach der Karenzzeit und sie ist schon wieder zu spät, genau wie am Beginn ihrer Laufbahn. Ach, wie schnell sind die letzten sechs Monate vergangen. Damals, vor der Geburt ihres Sohnes, vereinbarte sie mit ihrer Chefin, Frau Hensel, sechs Monate zu Hause zu bleiben, um dann für 20 Stunden wieder einzusteigen. Alles schien damals ganz einfach und logisch.

Doch sie hat nicht damit gerechnet, wie sich alles durch ein Kind verändert und wie sehr sie dieses liebt. Nur schweren Herzens kann sie Leon bei ihren Eltern zurücklassen. „Wie kann man sich freiwillig von seinem Baby trennen? Er ist ja noch so klein. Was habe ich mir dabei gedacht?“, denkt sie traurig und hastet weiter durch die regnerische, nebelige Großstadt. Um sechs Uhr bestieg sie heute Morgen den Zug nach Wien und unter Tränen und einem schlechten Gewissen begibt sie sich jetzt zu ihrer Arbeit. Es ist so geplant, dass sie eine Nacht in Wien bleiben wird, um zwei volle Tage im Büro zu arbeiten und dann den Rest von zu Hause aus erledigt. Sie dachte, sie übergibt ihr Kind einfach ihrer Mutter und würde ganz froh sein, wieder nach Wien fahren zu dürfen, um selbstständig und selbstbestimmt leben zu können. Weit gefehlt.

Wie schnell sind die letzten Wochen vergangen. Leonie ist nach zwei Monaten Aufenthalt und liebevollster Betreuung ihrer Mutter, bei ihren Eltern aus und wieder in ihre eigene Wohnung eingezogen. Sie hat diese Zeit als frisch gebackene Mama unwahrscheinlich genossen. Ihr Sohn ist ein zufriedenes und braves Kind. Auf Rat ihrer Mama und Omi, hat sie  ihren Tagesablauf ganz auf ihr Kind ausgerichtet. Am Morgen blieb sie, mit Leon kuschelnd im Bett, danach besuchte sie mit ihm entweder ihre Mama oder Omi und verbrachte ihre Zeit im Kreis ihrer geliebten Frauen. Lilly kam oft dazu und so erlebte Leonie den Frühling und den Frühsommer in seinen schönsten Farben. Mama, Omi und Lilly unterstützten sie mit Rat und Tat und so war es für Leonie eine wunderbare, manchmal auch sehr anstrengende, aber erfüllte Zeit. Auch Marco erschien fast jedes Wochenende und er liebt seinen Sohn über alles. Doch die Anziehung zu diesem Mann, der der Vater ihres Sohnes ist, wurde leider nicht mehr, sondern nahm immer mehr ab. Irgendetwas störte Leonie an diesem so liebevollen Mann und sie fragte sich oft, wie sie ihn einmal so umwerfend finden konnte. Ganz anders bei Andreas, der sich bereit erklärt hatte, Leons Kinderarzt zu sein. Sie traf ihn nur, wenn ihr Sohn untersucht werden sollte oder eine Impfung anstand. Sonst ließ sich Andreas, zu ihrem Leidwesen, nicht sehr oft blicken.

Männerthemen

Sie weiß nur, dass sich Marco und Andreas öfters treffen und das ist ihr auch nicht ganz recht. Leonie weiß nicht, was sie will, denn in Wirklichkeit möchte sie sich mit diesem Männerthema jetzt nicht auseinandersetzen. Für sie gibt es nur ihren Sohn und der Kleine honoriert diese ungeteilte Aufmerksamkeit mit einer Fröhlichkeit und einer Ausgeglichenheit, wie es sich eine Mutter nur wünschen kann.

Lilly wundert sich häufig, dass gerade Leonie so ein ausgesprochen braves Baby bekommen hat. Ihre kleine Leonora ist um einiges lebhafter und aufgeweckter.

Und nun ist sie auf dem Weg zur Arbeit, wo sie doch eigentlich zu Hause bei ihrem Baby sein sollte. Gott sei Dank liebt Ingeborg ihren Enkel über alles und Leonie weiß, dass ihm bei seiner Oma nichts fehlen wird, aber sie vermisst ihn jetzt schon schmerzlich.

Um fünf Uhr stieg sie traurig und mit einem schweren Herzen aus ihrem Bett in ihrem alten Kinderzimmer, Leon neben sich, in seinem Kinderbettchen ruhig schlafend. Ihr Vater brachte sie frühmorgens zum Bahnhof und Tränen schimmerten beim Abschied in ihren Augen.

Wir passen auf!

„Mein Schatz, mach dir keine Sorgen. Mama und ich passen gut auf den Kleinen auf.“, nimmt Peter seine verzweifelte Tochter in den Arm.

„Ich weiß Papa.“, zieht Leonie die Luft ein. „Ich hätte nie gedacht, dass man einen Menschen so lieben kann!“.

„Willkommen im Klub der Eltern. Diese Liebe, diese Verbindung wird dich ab jetzt dein Leben lang begleiten. Bis zu deinem Tod wirst du dieses Kind über alles lieben.“, lächelnd drückt Peter seine Tochter und schiebt sie Richtung Bahnsteig 8, auf dem der Zug in drei Minuten die Gleise verlässt.

Leonie öffnet die Tür zu ihrem Büro und ein großes Hallo strömt ihr entgegen. All ihre Kollegen beglückwünschen sie und sogar ein kleines Geschenk wartet auf ihrem Schreibtisch. Sie freut sich über das Willkommen sein und macht sich so voll motiviert an die Arbeit.

Sie liest sich durch einige Artikel, ordnet und löscht einige Mails und sortiert ihre Gedanken, als es an der Tür klopft.

Stefan, ihr engster Kollege, huscht mit einem Lächeln in das gemeinsame Büro und umarmt Leonie stürmisch.

„Bin ich froh, dass du wieder da bist!“, strahlt er Leonie mit großer Freude an. „Die Alte wird immer ungemütlicher. Eigentlich wäre es besser, wenn sie sich selbst ein Kind bestellen würde. Vielleicht leitet sie dieses Projekt ja genau aus diesem Grund.“, boshaft grinst Stefan und fährt fort. „Jeden Tag ist sie noch frustrierter und noch schlechter gelaunt!“, auf Leonie Schreibtisch sitzend, plappert Stefan wie immer freudig und locker drauf los.

„Erzähl mir lieber was in der Zwischenzeit hier in der Kanzlei passiert ist.“, will Leonie neugierig wissen. „Seid ihr in Punkto Leihmutterschaft schon etwas vorangekommen?“

Stoppt Leihmutterschaft

„Nein, es ist schwieriger geworden. Es gibt eine neue Initiative „Stoppt Leihmutterschaft“ und die macht es uns ganz schön schwer!“, beginnt Stefan zu erzählen. Doch bevor er weiter ausholen kann, öffnet sich die Tür und ihre Chefin Frau Hensel steht im Türrahmen. Stefan springt hastig vom Tisch und steht stramm und brav zwischen Leonie und der Vorgesetzen.

„Hallo Leonie, es freut mich, Sie wieder bei uns zu haben. In 10 Minuten haben wir ein Meeting. Wir haben wieder neue Mitarbeiter und so erklären wir kurz, um was es geht und darüber hinaus können Sie sich über unsere Fortschritte und den Stand der Dinge informieren.“, kurz und knapp begrüßt Frau Hensel Leonie, um daraufhin sofort wieder zu verschwinden.

 

Kinder bestellen?

„Leihmutterschaft ist ein Gewinn für jede Gesellschaft und sie ermöglicht auf der einen Seite Frauen, die keine Kinder bekommen können, sich diesen so übermächtigen Wunsch zu erfüllen und andererseits hilft sie Frauen, das Familieneinkommen zu erhöhen und so ihren Kindern, Bildung, Arbeit und ein besseres Leben zu ermöglichen. Wie Sie alle wissen, ist die Leihmutterschaft eine neue Form der Reproduktionsmedizin. Es gibt die kommerzielle Leihmutterschaft, in der finanzielle Mittel fließen, während bei der altruistischen Form keine Bezahlung der Leihmutterschaft möglich ist. Wir in Österreich wollen beide Arten ermöglichen, wobei die kommerzielle die wahrscheinlich wichtigere werden wird.“, fängt Maria Hensel mit ihrem Vortag an.

„Wir bauen hier ein Team auf, das die Leihmutterschaft in Österreich einführen will, denn wir müssen der Bevölkerung und vor allem der Regierung erklären, dass es für die Gesellschaft ein großer Gewinn ist, wenn Frauen oder auch Männer, die sich ein Kind wünschen, sich auch ein Kind bestellen können.

Leonie wollte es gar nicht, aber ein Impuls in ihr schreit einfach in die Runde. „Was heißt hier bestellen? Man kann sich doch kein Kind bestellen! Das ist ja ein Mensch, wie Sie und ich. Das klingt nach Handel, nach Ware und nicht nach einem Menschen, einem Baby!“, der Schmerz, der seit dem Verlassen ihres Sohnes in ihr brennt, schwappt über die Grenzen ihrer Beherrschung und lässt sie alle Klugheit und Zurückhaltung vergessen.

Maria Hensel starrt irritiert Richtung Leonie und ihr Gesicht rötet sich in Sekundenschnelle und bekommt einen Anflug von Ärgernis und Wut.

„Bitte ich möchte nicht unterbrochen werden. Noch weniger von so unqualifizierten Aussagen!“, heftig und mit wütenden Augen bringt die Chefin Leonie zum Schweigen.

Hast du einen Vogel?

Stefan stößt Leonie in die Seite und zeigt ihr, während Frau Hensel sich wieder umdreht, den Vogel.

„Ist doch wahr. Die redet, als ob Kinder eine Ware wären. Geht’s noch?!“, erbost zischt Leonie Stefan beim Mittagslunch ihre Meinung zu. Da die gesamte Kantine des Bürogebäudes mit Menschen der verschiedensten Firmen, die meisten sind aus Rechtsanwaltbüros, gefüllt ist, traut sich Leonie nicht laut zu sprechen.

„Kannst du dir vorstellen ein Kind zu bekommen und es dann hergeben zu müssen?“, will Leonie von Stefan wissen.

„Nein, kann ich mir gar nicht vorstellen!“, lacht Stefan Leonie an.

„Ach ja, du bist ja ein Mann. Aber ehrlich, wenn ich nur daran denke, ich müsste Leon hergeben, dann bricht mir bei dieser Vorstellung schon das Herz.“, erklärt Leonie ihrem Gegenüber.

„Ja, aber die Frauen brauchen ja das Geld. Für sie ist es eine großartige Chance, Einkommen für ihre Familie zu erwirtschaften!“.

Soziale Schieflage

„Ja und da sind wir beim Punkt. Es werden Frauen aus armen Ländern dazu gebraucht und so wird die soziale Schieflage dieser armen Frauen ausgenützt.“, immer wütender werdend, blitzt Leonie in den überfüllten Raum.

„All diese gescheiten Leute haben ja gar keine Ahnung, was es heißt, ein Kind zur Welt zu bringen. Welch intensive Beziehung du zu diesem, deinem Kind aufbaust. Die gesamten neun Monate sind jeden Tag eine Beziehungsgeschichte. Jeden Tag wird noch ein Liebesstrang mehr zu deinem Kind gewoben. Und da sollte man diesen kleinen Menschen einfach weggeben? Einfach einer fremden Person in die Arme legen?“, völlig ungläubig blickt Leonie Stefan an.

„Diese Beziehungs- und Liebesgeschichte kann gar nicht passieren, denn den Frauen wird per Vertrag verboten eine Verbindung zu ihrem Kind aufzubauen!“, versucht Stefan sich zu wehren.

„Sag geht’s dir noch gut? Keine Verbindung, wie soll denn das gehen?“, aggressiv und viel zu laut fährt Leonie Stefan an.

„Entschuldige, aber ich kann da jetzt nichts dafür. Ich habe mir nur die Verträge aus den USA durchgelesen und da steht das dezidiert drinnen.“, versucht sich Stefan seinerseits zu wehren.

Da steigen plötzlich Tränen in Leonies Augen und sie versucht sie mit aller Kraft zurück zu halten.

„Aber das geht doch nicht. Man kann doch das Kind nicht der Mutter wegnehmen. Wer hat sich so eine Grausamkeit nur ausgedacht?“, völlig ratlos blickt Leonie in die Runde und ihr Herz pocht so laut als ob es zerspringen möchte.

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Meine Antwort an Leonie:

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