Hoffnung!

Kapitel 73

Wie konntest du nur?

Ingeborg hält ihr Gesicht, geschützt durch ihre Hände, vor ihrer Mutter verborgen. All das, was sie gerade erfahren hat, lässt sie wanken und verzweifeln. Gerade sie, die mit all ihrer Kraft für das Leben der ungeborenen Kinder kämpft, muss erfahren, dass ihr Bruder oder ihre Schwester nicht leben durfte.

„Mama, wie konntest du nur? Ich dachte der Verlust von mir war schon schmerzhaft genug. Ich war immer der Meinung, meine Distanz, meine Abwehr dir gegenüber, ist allein der Tatsache geschuldet, dass du mich nicht haben wolltest, dass du mich nicht liebst und mich aus diesen, für mich so schmerzhaften Gründen, zu deinen Eltern geschickt hast. Aber die Erkenntnis, dass du meine Schwester, meinen Bruder, die ja nach mir geboren wären, getötet hast, fühlt sich gerade so an, als ob sich ein großes, schwarzes Loch vor mir auftut. Ganz langsam verstehe ich diese Leere in meinen Herzen. War die Lust, die Begierde, die Sehnsucht nach frei gelebter Sexualität wirklich so groß, so erstrebenswert?“, verzweifelt richtet Ingeborg ihre Ungläubigkeit und ihre aufsteigende Wut auf ihre Mutter.

Letzten Sonntag konnte Gertrude im Anblick ihres Urenkels und dem immer stärker drängenden Wissen der Endlichkeit ihres eigenen Lebens, ihr dunkles Geheimnis nicht mehr bewahren. Sie hatte Leonie, als es um das Leben von Leon ging, diesen Schatten, der über ihr ganzes, langes Leben hängt, gebeichtet. Überraschenderweise spürte sie danach eine unbekannte Freiheit und einen tiefen, inneren Frieden. Von diesem Tage an nahm sie sich vor, mit ihrer Tochter Ingeborg dieses dunkle Wissen zu teilen. Dieser, für sie überwältigende, mutige Vorsatz musste sich aber erst seinen Weg zur Umsetzung bahnen und darum kam die Enthüllung plötzlich und unvorbereitet am Sonntag zu Tage. Deshalb lud sie Ingeborg heute zu dieser Aussprache ein.

Die Alpträume verblassen langsam!

Ab dem Zeitpunkt, als sie den Entschluss der Offenlegung der drängenden Wahrheit fasste, blieben die Besuche der beiden Mädchen, die ihr seid der Abtreibung immer wieder im Traum begegneten, fast aus. Ihr Erwachen wurde friedlicher. So als ob sich die Wahrheit ihr Recht erkämpft und damit ihr Gewissen und die bohrenden Gedanken immer ruhiger werden könnten.

Allein in Paris. Einsam. Verzweifelt.

„Was soll ich nur tun?“, fragend blickt Gertrude ihre Freundin Anneliese an. Beide sitzen in der kleinen trostlosen Wohnung mitten in Paris und denken über die ausweglose Situation nach. Gertrudes Periode ist überfällig und die Angst wieder schwanger zu sein, lässt ihr Blut gefrieren. Nicht schon wieder. Sie kann unmöglich ihren Eltern noch ein Kind zumuten.

„Warum stellst du dich so blöd an? Weißt du nicht, dass das noch kein Kind ist? Es ist doch nur ein Zellklumpen, eine himbeerartige Substanz, eben nur ein Schwangerschaftsgewebe. Alle Mediziner sind sich da einig und so kannst du es einfach wegmachen lassen. Gott sei Dank haben wir die moderne Medizin und es gibt schon einige Ärzte, die sich darauf spezialisiert haben. Also was hindert dich daran, es einfach abzutreiben?“, fast ein wenig stolz erzählt Annelise von ihrem neu erworbenen Wissen.

„Aber ich habe schon ein Kind verloren. Soll ich dieses auch noch aufgeben?“, mit einem immer kälter werdenden Blick sieht Gertrude ihre Freundin fragend an.

„Hast du mir nicht zugehört? Es ist noch kein Kind. Jeder Arzt wird dir das bestätigen. Ich weiß nicht warum du dich so zierst. Das ist unsere Chance. Durch die Abtreibung werden wir Frauen frei. Du wirst sehen, irgendwann werden alle erkennen, dass es ein Recht ist, mit seinem Körper das zu tun, was man selbst will und nicht mehr ein Kind nach dem anderen austragen zu müssen!“.

„Mama?“, Ingeborg richtet sich an ihre Mutter, die mit ihren Gedanken weit weg zu sein scheint.

„Mama! Was ist plötzlich los mit dir? Du bist ja kreidebleich?“.

Gertrude blickt Ingeborg mit leeren Augen, in denen sich Tränen zu sammeln beginnen, an. Das Gespräch mit ihrer Freundin war in den Untiefen ihres Bewusstseins bis heute verborgen geblieben und es fühlt sich an, als ob diese vergessenen Sätze langsam an die Oberfläche schwimmen möchten. „Du wirst dich doch nicht gegen diese Neuerungen stellen? Wir Frauen werden dadurch endlich frei! Wir werden endlich glücklich. Wir werden endlich selbstbestimmt. Das pfeifen nicht nur die Spatzen von den Dächern. Viele Zeitungen und Medien schreiben es und täglich werden es mehr!“, leise wiederholt Gertrude die Worte, die ihr Anneliese damals an  den Kopf geworfen hat.

„Und deshalb hast du es getan? Deshalb hast du dein zweites Kind getötet?“, will Ingeborg mit sanfter gewordener Stimme wissen.

Erst spät kamen die Zweifel.

„Ja. Es sah so aus, als ob Abtreibung die einzige Lösung wäre. Nach dem großen Schmerz des Verlustes von dir, war ich in meinem Herzen distanziert, kalt und gefühllos. Außerdem ermutigten mich all meine damaligen Freunde zur Abtreibung. Ich war in einer modernen, progressiven, sehr gefragten Clique und wir diskutierten in den Pariser Bars, im Viertel St.-Germain-des-Prés bis in die Nächte hinein. Es war eine Zeit, in der es den Anschein hatte, dass wir alles umkrempeln könnten, als ob es keine Grenzen gäbe und so war es für mich nur logisch und richtig es zu tun. Darüber hinaus kannte ich den Vater des Kindes nicht wirklich!“, offen und ehrlich beginnt Gertrude zu erzählen. „Erst viele Jahre später, als ich mit Alfred verheiratet und deine Schwester ein Baby war, kamen die ersten Zweifel.“.

Es waren doch nur Kaulquappen!

Nach einer längeren Nachdenkpause und einen tiefen Atemzug nehmend, führt Leonies Großmutter ihre Geschichte weiter aus: „All die Akteure in den Gremien, die für Abtreibung kämpften, benutzten eine ausgeklügelte Strategie. Sie arbeiteten mit einer Bildsprache, die nie Kinder oder Menschen beschrieb. Sie nannten es Schwangerschaftsgewebe, Zellhaufen oder sogar Kaulquappen. Dass aus diesen dann bei jeder Geburt ein Mensch herauskommt, das negierten sie gekonnt. Und so fiel auch ich in diese Schlangengrube. Der Kampf um die Legalisierung der Abtreibung begann nicht in den Medien, sondern leise und versteckt.  Sehr fokussiert und zielgerichtet propagierten sie die Freiheit der Frauen, die zum höchsten Gut erkoren wurde. Das für diese Freiheit die Möglichkeit der Abtreibung notwendig war, wurde nicht oft gesagt, aber immer als unabdingbar, alternativlos und nicht verhandelbar angesehen. Ich vertraute nicht nur auf die Meinung meiner Freunde, sondern vor allem den Medien, dem Fernsehen und damals auch dem überall schallenden Radios.“, Gertrude hält, ob der Erkenntnis dieser Wahrheit, ihren Atem an und starrt in das schweigende Gesicht ihrer ältesten Tochter. „Als ich von Lebensschützern zum ersten Mal so kleine Füßchen in die Hand gedrückt bekam, wurde mir bewusst, was ich getan habe. Aber der Mensch ist ein Meister im Verdrängen und so war es nur ein kurzes Aufflackern meiner Schuld, um sie dann wieder geruhsam für viele Jahre einschlafen zu lassen. Sogar meine Albträume führte ich auf die Überlastung und Überforderung in meinem Leben zurück!“.

Ingeborg, einen eigenartigen Frieden in sich wachsen spürend, hört ihrer Mutter aufmerksam und ohne Gedanken der Verurteilung zu. Sie hätte viele Fragen, aber ihr Innerstes flüstert ganz leise, dass es jetzt besser wäre, einfach nur zuzuhören.

„Richtig munter wurde ich erst, als ich merkte, dass Leonie schwanger ist und sich nicht über das Baby freut. Ich erkannte mich selbst und all meine versteckten, unterdrückten Gedanken, Emotionen und Verletzungen kamen langsam, aber sicher zu Tage. Ich bekam Panik, dass meine geliebte Enkeltochter denselben Fehler begehen würde. Gott sei Dank hörte sie auf meinen Rat!“, ein schüchternes Lächeln huscht über Gertrudes Gesicht.

Du hast Leon gerettet!

„Du hast Leonie zu dem Kind geraten?“, ungläubig starrt Ingeborg ihre Mutter an.

„Ja. Als ich sie am Sonntag beobachten konnte, ihren Sohn liebkosend, glücklich über seine Existenz, da wusste ich, ich muss es euch erzählen.“, mit traurigen, aber ehrlichen Augen blickt Gertrude an Ingeborg vorbei, auf ein großes Familienfoto an der Wand.

„Mama, du hast für das Leben meines Enkelkindes, deines Urenkels gekämpft und dafür werde ich dir immer, immer, immer von ganzem Herzen dankbar sein.“, Ingeborg setzt sich neben ihre Mutter und umarmt sie mit fester, sicherer, entschiedener Liebe.

Ihre Tränen endlich fließen lassen könnend, schmiegt sich Gertrude in die Arme ihrer Tochter: „Ich habe so viele Fehler gemacht, ich habe aus egoistischen Gründen zwei meiner Kinder verloren. Diese Schuld wird immer bestehen bleiben. Aber das Leon leben darf, ist auch für mich ein wunderbares Geschenk und ich danke Gott dafür“, mehr zu sagen, ist der alten Dame nicht mehr möglich, da eine Welle von Tränen sie übermannen und diese sie noch enger und näher in die Arme ihrer geliebten Tochter drängen.

Festhaltend

Eine gefühlte Ewigkeit hält Ingeborg ihre Mutter, die den ganzen Kummer vor ihrem Kind ausbreitet, fest umschlossen. Beide spüren wie sich all die Verletzungen, all die Missverständnisse und all die Trauer aufzulösen beginnen.

Nachdem Gertrude ruhiger geworden ist, lächeln sich die beiden Frauen schüchtern aber mit einem Strahlen in ihren Herzen an.

„Mama, darf ich dir einen Vorschlag unterbreiten?“, unsicher blickt Ingeborg in ein nickendes, tränenverschmiertes Gesicht.

„Nächste Woche gibt es in unserer Pfarre einen  „Abend für früh verstorbene Kinder und Sternenkinder“ In einem wunderschönen Ambiente, im verdunkelten, nur mit Kerzen erleuchteten Kirchenraum, kann man beten, trauern und wenn man will auch beichten. Andrea will dort ihre Beichte ablegen und ich begleite sie. Kommst du mit?“

Lächelnd strahlt Gertrude ihre verlorene und wiedergefundene Tochter an: „Ja, ich glaube es ist an der Zeit, Vergebung zu erbitten!“, freudig umarmt nun Gertrude ihrerseits den geliebten Menschen und Frieden macht sich im Raum und in beiden Herzen breit.

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Meine Antwort an Leonie:

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