Schuld  -  Vergebung

Kapitel 71

Mutig komm ich vor den Thron

Überglücklich, in ihrer Küche das Frühstück bereitend, denkt Ingeborg an ihre geliebte Tochter. An die Tochter, mit der sie sich so lange mühte, diejenige die freie Sexualität leben wollte, die die Leihmutterschaft in Österreich etablieren will, die nicht an Gott glaubt und eigentlich für Abtreibung einsteht. Diese Tochter liegt glücklich und entspannt oben in ihrem alten Kinderzimmer, ihr Baby schläft an sie geschmiegt. Die Mutter wagt einen Blick in das stille, einen tiefen Frieden ausströmende Zimmer und beobachtet für einige Momente die junge Mama und ihren entzückenden Sohn. Ingeborg lächelt in sich hinein und ihr Herz macht einen freudigen Sprung. „So kann sich eine verzwickte Situation in Gottes Gefallen auflösen“, denkt sie bei sich und schließt leise und behutsam die Tür. Beschwingt summt sie, den Tisch mit Tassen und Tellern deckend, ein neues Lied, das sie in der letzten heiligen Messe zum ersten Mal hörte. „Mutig komm ich vor den Thron!“.

Ein kurzes Klopfen an der Haustüre schreckt sie aus ihren Gedanken und sie blickt auf ihre Küchenuhr. Für Marco und ihre Mutter ist es noch zu früh, stellt sie stirnrunzelnd fest. Sie öffnet und Andrea steht vor ihr. Ingeborg umarmt ihre Zieh-Tochter voller Wiedersehensfreude. Wie sehr liebt sie diese junge Frau, die schon so viel Schmerz und Leid, gerade durch ihre Abtreibung ertragen musste. Ingeborg versucht es immer wieder, Mutter und Tochter zusammen zu bringen, aber der Schmerz und die Schuldzuweisungen auf beiden Seiten lassen die beiden Frauen nicht über ihre Schatten springen.

…frei gesprochen durch den Sohn!“, summt Leonies Mama, während sie Andrea fest im Arm hält. Andrea lächelt und schält sich langsam aus der liebevollen Umarmung. „Ein neues Kirchenlied?“, Ingeborg kennend, strahlt Andrea die Mutter ihrer besten Freundin, die in den letzten Jahren auch für sie wie eine Mutter war, an.

Ungewöhnlich

„Ja es ist wunderbar. Ein ungewöhnlicher Text, den ich sehr erfüllend finde. Die Liebe in Person ist hier, gerecht und treu steht er zu mir.“, singt Ingeborg die Stelle noch einmal, um dann mit dem Refrain wieder zu starten: „Mutig komm ich vor dem Thron, freigesprochen durch den Sohn!“.

Andrea lächelt ungezwungen: „Darf ich mich heute auf ein Frühstück einladen? Ich weiß, dass gestern Leonie mit Leon nach Hause gekommen ist und ich möchte den Kleinen noch gerne einmal halten. Er ist einfach so süß!“.

„Du weißt, du bist hier zu Hause und immer, immer willkommen. Ich freue mich, wenn ich dich bevor du nach Wien gehst, noch sehe. Ich finde es wirklich super, dass du endlich das machst, was sich Gott für dich ausgedacht hat.“, grinst Leonies Mutter Andrea schelmisch zu.

„Leonie und ihr Baby schlafen noch und ich glaube wir gönnen uns einen Kaffee in dieser wohltuenden Stille.“, schlägt Ingeborg vor und erhält ein freudiges Nicken.

„Was hast du da zuerst gesummt? Irgendetwas mit freigesprochen durch den Sohn. Was meinst du damit?“, will Andrea wissen, während sie Ingeborg dabei beobachtet, wie sie den Kaffee aus der Maschine lässt, nebenbei die Milch wärmt und alles auf ein entzückendes, kleines Tablett mit Zitronenmuster stellt. Butter, Gertrudes selbstgemachte Marillenmarmelade, Schwarzbrot und kleine Semmeln stehen schon einladend auf dem Tisch. „Wenn die anderen kommen, dann beginnen wir mit dem großen Frühstück. Ist das für dich in Ordnung?“

„Liebe Ingeborg, du warst und bist die alte, weise Frau in meinem Leben und darum verbringe ich die Zeit so gerne mit dir und das noch viel lieber mit einer Tasse Kaffee.“, strahlt Andrea ihre Freundin an. Ingeborg blickt etwas verdutzt über dieses Kompliment und Andrea verbessert sich lachend: „Nein natürlich bist du nicht alt, aber weise. Aber bitte sing noch einmal dieses schöne Lied.“, muntert Andrea Ingeborg auf, die noch einmal den Refrain erklingen lässt.

„Glaubst du, auch ich werde einmal freigesprochen?“, plötzlich und unvermutet kippt die Stimmung von ausgelassen in eine unbehagliche Schwere. Traurig, mit einer leichten Wehmut in ihrem Blick sieht Andrea Ingeborg fragend an.

Jedem wird vergeben, der

„Ja natürlich bist du freigesprochen!“, verständnislos versucht Ingeborg die junge Frau zu verstehen. „Du hast ja deine Schuld erkannt und dein Tun bereut. Gott hat seinen Sohn gesandt, damit er unsere Sünden trägt und sie erlöst. Das ist der Urgedanke unseres Glaubens. In dem Lied heißt es so wunderbar: Der mich erlöst hat, lädt mich ein, ganz nah an seinem Herz zu sein. Ich glaube wirklich, dass Gott uns in seine Arme nimmt und uns alles was wir bereuen, verzeiht. Bei jeder Beichte werden unsere Verfehlungen gelöscht.“.

Unverzeihlich

„Ich habe aber meine Abtreibung noch nicht gebeichtet. Ich traute mich nicht. Sein eigenes Kind zu töten, ist unverzeihlich, da kann sogar Gott nichts machen!“, traurig tut Andrea ihre Überzeugung kund.

„Nur Gott schenkt dir Vergebung und damit Frieden. Nur Gott kann dir verzeihen und erst dann kannst auch du dir selbst vergeben. Glaube nicht, dass du das allein hinbekommst. Du brauchst ihn. Unbedingt!“, ernst und mit einer gewissen Strenge spricht Ingeborg aus, wovon sie absolut überzeugt ist. „In dem Lied heißt es: Die Liebe in Person ist hier, gerecht und treu steht er zu mir.“

„Wie soll er zu mir stehen, wenn ich mein eigenes Kind getötet habe? Das kann niemand verzeihen. Gott nicht und auch ich nicht. Darüber hinaus ist durch dieses Unglück meine erste und einzige Liebe umgekommen.“

„Es gibt nichts, das Gott nicht vergeben würde oder könnte. Du vergisst eine Tatsache, auf der unser ganzer Glaube aufgebaut ist. Jesus, der Sohn Gottes, ist nur aus diesem Grund ans Kreuz gegangen, damit er unsere Sünden erlöst und zwar jede erdenkliche. Wenn du bereust und es auch beichtest, dann bist du freigesprochen und das für immer.“, aufmunternd legt Ingeborg ihren Arm um die traurige junge Frau und drückt sie an sich. „Wie wohltuend, einen lieben Menschen an seiner Seite zu haben,“, denkt Andrea und lehnt sich dankbar an Ingeborgs Schultern.

Guten Morgen

„Na, wenn haben wir da? Schau Leon deine Tante besucht uns,“, fröhlich, trotzt der Müdigkeit, betritt Leonie die Küche, Leon an ihrer Schulter lehnend. „Hallo Tantchen, kannst du ihn halten? Ich brauche unbedingt einen Kaffee. Ich sag es euch, das war heute eine anstrengende Nacht. Mir kommt vor, als hätte ich überhaupt nicht geschlafen!“, ihren Sohn in Andreas Arme legend, wendet sich Leonie der Kaffeemaschine zu.

Andrea blickt in das kleine Babygesicht und Tränen fließen über ihre Wangen. Sie erträgt es fast nicht, Babys oder Kinderwagen zu sehen. Alles was auf Kinder hinweist, schmerzt sie und erinnert sie an ihr eigenes, verlorenes.  Immer wieder stellt sie sich die Frage, warum sie damals nicht stärker, mutiger und entschlossener gewesen ist.

Leonie setzt sich mit einem Stöhnen an den Tisch und blickt verwundert auf Andrea. Da wird ihr plötzlich die Situation klar und sie nimmt den Schmerz ihrer liebsten Freundin wahr. Sie rückt ganz nahe an Andrea und flüstert ihr ins Ohr: „Möchtest du seine Patin werden?“.

Andrea zuckt unmerklich zusammen und mit dem Blick auf Leon verharrend, antwortet sie: „Nein, ich glaube ich bin nicht würdig, diesen kleinen Kerl über das Taufbecken zu halten und ihn im Glauben zu begleiten. Danke für dein Vertrauen, aber ich bin die Falsche.“, ernst, aber bestimmt lehnt sie Leonies Wunsch ab.

„Du spinnst ja wirklich, wer oder was sollte dich daran hindern? Was heißt hier keine Würde? Wenn nicht du, wer dann?“, will Leonie verständnislos und aufgewühlt wissen.

„Hallo, hast du es vergessen? Ich habe abgetrieben und soviel ich weiß, ist das eine schwere Sünde.“, verteidigt sich Andrea.

Bitte, werde seine Patin

„Du hast wirklich einen Knall. Das hat ja mit dem nichts zu tun.“, aufgebracht versucht Leonie Andrea zu überzeugen. „Du hast für Leons Leben gekämpft und so bitte ich dich, werde seine Patin!“.

„Ja ich würde es mir auch wünschen.“, mischt sich nun Ingeborg ein. „Versuche dein Leid mit Jesus zu lösen und nichts steht dem entgegen, dass du seine Patin wirst.  Glaub mir, alles ist in Gott und durch Gott möglich.“

Andrea sieht von einer zur anderen. Sie blickt in die Gesichter der ihr liebgewonnen Frauen. Leon ist eingeschlafen und kuschelt sich genüsslich in ihre Arme.

„Der mich erlöst hat, lädt mich ein, ganz nah an seinem Herz zu sein.“, erinnert sie sich an die Textstelle des Liedes und drückt ganz leicht den schlafenden Leon an ihr Herz.

„Kann ich vielleicht auch noch so ein Wunder erfahren? Kann auch ich noch ein glückliches Leben mit einem eigenen Kind leben?“, diesen innigen Wunsch, diese Sehnsucht denkend, blickt Andrea fragend in die Runde.

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Meine Antwort an Leonie:

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