Im Du zum Ich

Kapitel 70

Verträumt beobachtet Marco die schlafende Leonie, die sich in das Sofa vor dem großen Fenster im Wohnzimmer ihrer Eltern kuschelt. Ihren Sohn in den Armen haltend, den Kopf zur großen Scheibe gewandt, sodass der Sonnenuntergang ihre Silhouette in besonderem Licht hervorstreicht, ergibt dieser Anblick von Mutter und Kind ein atemberaubendes Bild. Im Englischen heißt es so wunderbar „breathtaking“. Diese Schönheit raubt ihm den Atem. Er wollte noch gerne mit ihr über die nächsten Tage sprechen, aber nach dem wunderbaren Essen, das Ingeborg für sie zubereitet hat, den liebevollen Gesprächen mit Peter und dem Stillen ihres Sohnes, wurde die junge Mutter plötzlich müde und beide, Mutter und Kind, schliefen auf dem Sofa neben ihnen ein. Ingeborg deckt ihre Tochter liebevoll zu und sie und Peter verlassen auf leisen Sohlen das Zimmer. Nun sitzt er in diesem fremden Haus seinem Sohn gegenüber und genießt noch für eine kurzen Augenblick die Stille und das idyllische Bild vor sich.

Leise und bedacht schleicht er aus dem Raum und verabschiedet sich von Leonies Eltern. Bevor er die Haustüre schließt, hält Ingeborg ihn zurück: „Wenn Sie wollen, dann kommen Sie doch morgen zum Frühstück. Leon freut sich sicher darüber.“, mit einem strahlenden Lächeln lädt Ingeborg Marco ein. Berührt und freudig nimmt er die Einladung an, hält aber dagegen: „Ich komme sehr gerne, aber ich glaube nicht, dass Leon das mitkriegt. Er ist ja noch so klein!“.

„Täuschen Sie sich nicht, junger Mann. Wissen Sie, Babys nehmen schon vieles wahr, mehr als wir glauben. Man sagt ja, diese Kleinen sind noch mit Gott verbunden und lernen in ganz schnellen Schritten unsere Welt kennen. Dabei müssen wir sie unterstützen und ihnen helfen. Leon freut sich, Ihre Stimme zu hören und gerade Sie als Vater haben eine schon bestehende, natürliche Verbindung zu Ihrem Sohn. Er kann doch nur von Ihnen, von uns lernen. Wir Menschen lernen nur am Du. Wir brauchen einander. Aber jetzt lass ich Sie gehen. Wir freuen uns auf jeden Fall, wenn Sie morgen bei uns vorbeikommen.“, freudig verabschiedet Ingeborg Marco.

„Wir lernen am Du? Diese Sichtweise hat er noch nie gehört. Lernen wir uns nicht selbst kennen? Ist es nicht wichtig, dass wir uns mit uns selbst auseinandersetzen, damit wir wissen, wer wir sind?“. Diese Fragen in seinen Gedanken kreisend, tippt er den Namen von Andreas ein, der ihm in den letzten drei Wochen ein guter Freund geworden ist.

„Weißt du, dass wir nur am Du lernen?“, ein wenig schelmisch beginnt Marco mit diesem eigentümlichen Satz.

„Ja. Diese Gedanken hege ich in letzter Zeit immer öfters. Das muss die Gegenbewegung zu diesem ganzen Selbstfindungsquatsch sein.“, antwortet Andreas ganz spontan und selbstverständlich.

Verblüfft über diese Reaktion stockt Marco, um dann fortzufahren. „Nein wirklich, ich habe gerade Leonie zu ihren Eltern gebracht und sie haben mich für morgen eingeladen, mit dem Hinweis, dass Leon sich darüber freuen würde. Als ich das bezweifelte, erklärte mir Leonies Mutter diese Sichtweise. Aber ehrlich, ich verstehe sie  nicht.“

„Du bist in Salzburg? Sollen wir uns in der Stadt treffen? Ich bin gerade mit meinen kleinen Patienten fertig geworden und in drei Stunden habe ich eine Worship-Probe im Dom. Ich hätte also Zeit für ein Gulasch und ein gut gekühltes Bier in einem der netten Beisl in der Innenstadt.“, lädt Andreas Marco beschwingt auf ein Treffen ein.

„Du arbeitest am Samstag?“, ungläubig blickt Marco auf sein Handy, während er in seinen Wagen steigt.

„Also Ärzte arbeiten eigentlich immer, aber ich habe im Moment drei kleine Patienten, die jeden Tag Injektionen und Infusionen benötigen und da ich ihnen die langen Krankenhausaufenthalte ersparen will, besuche ich sie zu Hause. Die drei sind mutige kleine Menschen, die in ihrem Leben schon viel Leid erfahren mussten und so tue ich alles, um es ihnen und ihren Familien leichter zu machen. Also, kommst du?“, mit einem Lachen in seiner Stimme will Andreas wissen, ob sie sich treffen können.

Männerfreundschaft. Marco hat nie näher über diese Art von Beziehung nachgedacht.  Aber durch diesen Arzt hat er in den letzten Tagen viel gelernt. Mit einem gebildeten Menschen, der bedacht auf Werte, Mitmenschlichkeit und seinen Glauben ist, tut es gut seine Zeit zu verbringen. Vielleicht hat das Leonies Mutter mit dem Du gemeint. Über das nachdenkend, fährt er Richtung Innenstadt.

Als er das urige Beisl in der Altstadt betritt, sieht er Andreas an einem Tisch sitzen und sich angeregt mit zwei Männern unterhalten. „Nein ich glaube nicht, dass diese Partei rechts ist, nur weil sie sich für den Lebensschutz einsetzt. Wissen Sie, dass in Österreich jeden Tag einhundert Kinder getötet werden und da nennen Sie Menschen, die diese schützen wollen, rechtsradikal? Nichts ist so radikal, wie einem Menschen das Leben zu nehmen.“, aufgebracht blitzt Andreas sein Gegenüber an, als wolle er ihm am liebsten an die Kehle gehen. So hat Marco diesen sonst so sanften Menschen noch nicht erlebt.

„Was war da los?“ grinsend führt Marco Andreas an einen entfernteren Tisch, immer noch überrascht über den Emotionsausbruch.

„Ich war früher da und habe mich an den Tisch der beiden Männer gesetzt. Ich kenne sie und weiß, dass sie Christen sind, die sich auch in der Kirche einbringen.“, leise, fast verschwörerisch beginnt Andreas zu erzählen. „Sie sprachen von den Märschen für das Leben und bezeichneten die Teilnehmer als rechtsradikal und fundamentalistisch. Da konnte ich meinen Mund nicht halten und ehe ich mich versah, war ich in einen heftigen Streit verwickelt.“, lächelt Andreas etwas gequält.

„So kenne ich dich gar nicht.“, fast ungläubig, aber mit einem kleinen Lächeln blickt Marco verstohlen zu den anderen hinüber. „Du bist richtig zornig, fast böse.“

„Weißt du, diese beiden sind Christen und pro Choice.“, fragend schüttelt Andreas seinen Kopf.

„Was heißt pro Choice?“, will Marco wissen.

“Pro Choice ist der Werbeslogan für Abtreibungsbefürworter und bedeutet Wahlfreiheit. Wenn es die Situation erfordert, dann sind diese beiden der Meinung, dass die Frau die Wahl hat über das Leben ihres Kindes bestimmen zu dürfen. Ich weiß, viele Österreicher sind dieser Überzeugung, aber bitte nicht wir Christen. Gerade wir sollten uns für die Ärmsten, Schwächsten, Kleinsten und die Schutzlosesten einsetzen und sie nicht töten.“, mit hängenden Schultern, traurig und getroffen, sitzt Andreas auf seinem Stuhl.

„Ich bin Kinderarzt, ich soll diese kleinen Menschen retten, soll alles geben, damit sie in diese Welt geboren werden können, dass sie groß und glücklich werden. Gerade meine kleinen Patienten, die ich vor nicht einmal zwei Stunden behandelt habe, sind mit ihren Familien so tapfer und kämpfen jeden Tag für ihr Leben. Und da kommen zwei Gutmenschen,“, fast angewidert stößt Andreas diese Bezeichnung aus „und sind der Meinung, dass es OK wäre Kinder, die nicht geplant oder krank sind, zu töten!“.

„Kann man dieses Streitgespräch auch so deuten, dass du von den anderen lernen solltest?“, will Marco wissen.

„Nein. Ich glaube von solchen Idioten kann man nichts lernen.“, schießt es aus Andreas heraus und er blickt in Richtung des anderen Tisches. Lange verharrt sein Blick in dem immer voller werdenden Gastraum. Marco nimmt deutlich wahr, wie sein Freund mit sich kämpft.

„Im Du lerne ich das ich, so oder ähnlich sagte es Martin Buber.“, mit dem Kopf nickend, denkt Andreas laut vor sich hin. „Ich hätte sie auf Jesus hinweisen können. Vielleicht sogar mit dem Satz: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf. Das sagt er in Matthäus 18.5, in dem berühmten Text: Lasset die Kinder zu mir kommen.“, Andreas blickt Marco fragend an und fährt fort: „Ich hätte klüger vorgehen sollen, denn wenn die Kinder nicht das Licht der Welt erblicken, können wir nicht ins Himmelreich kommen. Wir brauchen diese Kinder. Wir haben es nötig von ihnen zu lernen, damit wir durch sie Gott näherkommen können.“, murmelt Andreas so vor sich hindenkend.

„Glaubst du, dass ich durch meinen Sohn lerne? Dass ich durch ihn Gott kennen lernen kann?“, ernst geworden beginnt Marco den Gedankenfaden weiter zu spinnen.

„Ja davon bin ich überzeugt. Leon spürt es genau, wenn gerade du ihn im Arm hältst. Darum habe ich dich auch gedrängt, ins Krankenhaus zu kommen, damit du der erste Mensch bist, der ihn hält. Leider hatte er es dann doch zu eilig, und als Leonie in  Ohnmacht fiel, blieb mir nichts anderes übrig, als den Kleinen, der wie ein Löwe brüllte, zu halten. Glaub mir, als ich ihn in meinen Arm nahm, wurde er augenblicklich ruhig und sah mich mit großen, fragenden Augen an. Ich werde diesen Blick nie mehr vergessen.“, in Erinnerung schwelgend, lächelt Andreas Marco aufrichtig an. „Als Kinderarzt habe ich schon vielen Babys und Kindern geholfen, sie gehalten und getröstet, aber dieser Augenblick mit deinem Sohn war außergewöhnlich und ich glaube, dieser spezielle Moment hat mich wieder ein klein wenig zu einem besseren Menschen gemacht.“, grinst Andreas in das gemütliche Gastzimmer.

„Und jetzt hast du es mit deiner letzten Aktion wieder versaut!“, lacht Marco befreiend. „Aber ehrlich, bei einem Baby und einem Kind verstehe ich diese Geschichte mit dem Du. Mir ist schon klar, dass sie uns als Erwachsene brauchen, aber irgendwann sollt man sich doch selbst finden, sich seiner selbst bewusst werden und sich selbst lieben.

„Genau das ist der Fehler in unserer Gesellschaft. Alle glauben, durch diesen Selbstquatsch werden sie glücklich. Das Gegenteil ist der Fall. Alle Menschen, die nur um sich selbst kreisen, vereinsamen zunehmend und werden depressiv, krank und unglücklich. Ich glaube sogar, dass alles, wirklich alles, das ganze Universum, diese Welt, diese Erde, alles was zwischen uns Menschen passiert, auf ein Du aufgebaut ist. Ja, sogar meine Beziehung zu Gott ist auf das Du hingerichtet.“, versöhnter sieht Andreas auf und da kommt einer seiner Kontrahenten gerade auf ihn zu.

„Stimmt es wirklich, dass einhundert Kinder pro Tag abgetrieben werden?“, ungläubig aber ehrlich will das der etwas jüngere der beiden wissen.

„Ja leider. Sogar der in Österreich führende Abtreibungsarzt hat diese Zahl bestätigt.“, antwortet Andreas.

„Darüber muss ich ernsthaft nachdenken. Danke für die Information.“, kurz nickend verlässt der Mann ihren Tisch.

Marco blickt dem Weggehenden nach und ernst und nachdenkend spricht er aus, was ihn zutiefst bewegt: „OK, jetzt verstehe ich es. Am Du erkenne ich mein ich!“

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