Mut zu dir!

Kapitel 69

Heimgehen

„Heute soll sie nach Hause gehen. Ab heute trägt sie die alleinige Verantwortung für diesen kleinen Kerl. Schafft sie das?“. Fragend sieht sie auf Leon, der tiefenentspannt in seinem Bettchen schläft. Sie ist abreisebereit, hat sich bei der Krankenhausverwaltung abgemeldet und sitzt nun in ihrem Zimmer und wartet auf Marco, der sie abholt und zu ihrer Mutter bringt.

Zuerst hat sie sich gewehrt und diese Aktion in Frage gestellt, aber ihr Körper hat ihr schnell gezeigt, dass sie noch zu schwach ist, all das alleine zu bewältigen. Sie wollte ihre Mutter ganz und gar nicht um diesen Gefallen bitten, denn sie hat sich während der ganzen Schwangerschaft vorgenommen, es mit dem Baby allein zu schaffen. Doch was hat sie sich dabei gedacht? Allein die Stufen hinauf. Allein in ihrer Wohnung sein. Allein die erste Nacht, nicht wissend was sie erwartet. Allein mit Leon ihrem Sohn, dem entzückendsten Baby der Welt, das aber ab jetzt ganz von ihr abhängig ist.

Nervös sieht sie auf die Uhr und bemerkt, dass sie noch einige Minuten Zeit hat und so legt sie sich, angezogen wie sie ist, noch einmal auf ihr Bett, das ihr in den letzten sieben Tagen einen heilenden Zufluchtsort geboten hat. Wird sie die heftigen Ereignisse der Geburt je vergessen?

Er kann die Wahrheit nicht erzählen

„Ich will für Leon da sein!“, bestimmt sieht Marco ihr in die Augen. „Glaub mir, er braucht einen Vater und der will ich sein, auch wenn wir kein Paar sind.“, versucht er sich aus der ungemütlichen Situation zu befreien, die der Vorwurf von Leonie ausgelöst hat. Nun sind vier Tage vergangen und er besucht seinen Sohn zum dritten Mal, obwohl ihn Leonie eigentlich nicht sehen will. Sie ist über sein Schweigen der vergangenen zwei Wochen immer noch gekränkt. Als er gutgelaunt ins Zimmer tritt, attackiert ihn Leonie mit heftigen Vorwürfen. Im ersten Moment will er sich verteidigen, aber in Wirklichkeit kann er ihr den wahren Grund noch nicht nennen. Das alles wäre jetzt einfach ein schlechter Zeitpunkt und so versucht er ihr einen versöhnlichen Vorschlag zu unterbreiten. „Was hältst du davon, wenn ich euch vom Krankenhaus abhole und dich in deine Wohnung bringe?“, versucht er Leonie entgegen zu kommen. Er wird deswegen extra aus Wien anreisen. Für nicht einmal eine Stunde.

Leon nimmt einen tiefen Atemzug und schmatzt dabei laut. Sofort überprüft Leonie, ob alles in Ordnung ist. Doch der kleine Kerl schläft tief und fest, darum legt sie sich wieder beruhigt in ihre Kissen zurück.

Bitte bleib

Mit einem Lächeln erinnert sie sich an das Zusammentreffen an dem besagten vierten Tag und an ihre Wut auf Marco, die ja nur in ihrer Verzweiflung und Angst vor der Zukunft begründet war. Gerade als Marco, Leon im Arm haltend, sich wehren will, klopft es leise und ihre Mutter betritt das Zimmer. Ingeborg will sich wieder zurückziehen, denn sie spürt augenblicklich die dunklen Wolken im Raum. „Bitte bleib.“, hilfesuchend hält Leonie ihre Mama zurück, die durch diese Bitte eine liebende Freude in ihrem Herzen verspürt, die ihr ein Lächeln ins Gesicht zaubert.

Ich komme!

Marco reicht ihr den Kleinen, küsst ihn auf die winzige Stirn und wendet sich zum Gehen. An der Tür dreht er sich kurz um und erklärt mit fester Stimme: „Ich komme am Samstagmorgen, hole euch ab und bringe euch in deine Wohnung. Ich trage dir den Kleinen rauf und bleibe das Wochenende bei euch. Du kannst jetzt schimpfen und wettern, aber dabei bleibts.“

Verwirrt blickt Leonie Marco nach. Ingeborg nimmt ihr liebevoll Leon aus dem Arm und setzt sich, den Blick ganz auf ihren Enkel gerichtet, in den grünen Sessel ihrer Tochter gegenüber.

Ihre Mutter betrachtend, überkommt Leonie Wehmut und so traut sie sich Ingeborg in ihre unruhige Gefühlswelt miteinzubeziehen: „Ich glaube, das schaffe ich nicht. Ich kann doch nicht allein für einen Menschen die Verantwortung übernehmen. Ich frage mich allen Ernstes, warum ich vor meiner Schwangerschaft so geringschätzig über Babys und das Muttersein gedacht und auch gesprochen habe. Wirklich, ich dachte, das kann doch jeder. Mama sein kann man so nebenbei erledigen. Aber sogar hier im Krankenhaus hält mich dieser kleine Mensch gewaltig auf Trab. Bitte Mama verstehe mich nicht falsch, ich werde dieses Kerlchen nie mehr hergeben, aber wie soll ich ihm gerecht werden? Wie soll ich ihm eine gute Mutter sein? Ich habe ja keine Ahnung von all dem.“, mutlos blickt Leonie ihre Mutter an, die in sich ein kleines Lächeln spürt, aber mit leiser, bedachter, aber doch ernster Stimme antwortet. „Mein Schatz, sei nicht so streng mit dir. Mir ging es nicht viel besser, obwohl als Lilly und du zu Welt kamen, war der Druck der Gesellschaft auf uns Mütter noch nicht so groß. Es gab fast keine Abtreibungen und der Wert des Mutterseins war noch viel höher. Wir erlebten einen gegenteiligen Trend, der das Stillen und die natürliche Geburt sehr forcierten. Es gab so viele Informationen darüber und Frauen, die nicht stillen konnten, kamen sich als Versagerinnen vor. Aber wie die Gesellschaft jetzt gerade tickt, ist es für euch Mütter nicht einfach. Ihr sollt schnell wieder an den Arbeitsplatz zurückkehren und darum die Kinder so früh als möglich in die Krippe stecken. Wenn ihr euch gegen diesen Trend stellt, wird euch ein schlechtes Gewissen suggeriert. In dem Kontext, dass ihr als Mütter nichts leistet und dem Staat und der gesamten Gesellschaft auf der Tasche liegt. Was ist das für ein Schwachsinn?“, immer mehr gerät Ingeborg in Rage und ihre Empörung lässt sich fast mit den Händen greifen.

Vielleicht kann nur ich es nicht.

„Aber Mama, ist es vielleicht so, dass Muttersein ein Leichtes wäre, nur ich kann es nicht?“, sorgenvoll blickt Leonie auf ihr Baby, das ruhig in Ingeborgs Armen schläft.

„Nein mein Schatz, das ist ja gerade das Verrückte. Du brauchst nichts zu können, außer zu lieben. Dein Sohn ist das größte Geschenk in deinem Leben. Damit er aufwachsen kann, braucht er deine Zeit, Aufmerksamkeit und vor allem deine Liebe. In dieser Angelegenheit brauchst du weder eine Ausbildung, noch Bücher oder Ratschläge. Du brauchst nichts. Durch deine allumfassende, bedingungslose Liebe, die dir Gott bei der Geburt mitschenkte, wirst du immer wissen, was richtig oder falsch ist.“, versucht Ingeborg ihre Tochter zu beruhigen.

Beide Frauen sind so in ihr Gespräch vertieft, dass sie dem kleinen Löwen, die ihm zustehende Aufmerksamkeit nicht gewähren und über den plötzlichen, spitzen Schrei des Kleinen völlig überrascht sind. Mit einer Heftigkeit, die man einem Baby nicht zutraut, fordert er sein Recht. Schnell aber mit sicherem Handgriff legt Ingeborg ihrer Tochter das schreiende Kind in die Arme und diese versucht den Kleinen an ihre Brust zu legen. Vor lauter Hunger findet Leon nicht seinen Platz und wird immer lauter. Auf Leonies Stirn bilden sich Schweißperlen und sie wird nervös und fahrig. Da nimmt Ingeborg mit sicherem Griff das Köpfchen ihres Enkels und legt ihn gekonnt an Leonies Brust. Der heftige Schmerz, den der erste Zug ihres Babys immer noch verursacht, lässt Leonies Gesicht für einen kurzen Augenblick erstarren, um sich aber sogleich wieder zu entspannen.

Team

„Siehst du mein Schatz, ihr seid jetzt schon ein großartiges Team, obwohl der kleine Kerl erst vier Tage alt ist.“, lächelnd sieht Ingeborg auf ihr Enkelkind, um dann direkt in die strahlenden Augen ihrer Tochter zu blicken. „Hab Vertrauen in dich selbst. Hab Mut. Du wirst es richtig und gut machen. Wenn es dir eine Hilfe ist, kannst du ja die ersten Tage nach dem Krankenhaus in dein altes Zimmer ziehen und ich unterstütze euch, wo ich nur kann.“

Ein heftiges Klopfen reißt Leonie aus ihren Erinnerungen und sie sieht, wie die Tür mit einem Schwung geöffnet wird. Marco steht grinsend im Türrahmen. Er schwingt einen neuen, grau-schwarzen Kindersitz, in dem ein kuscheliger, weicher Löwe thront, im Arm. Den Sitz auf den Tisch platzierend, begrüßt ermit einem Lächeln kurz Leonie , um sich sofort Leon zuzuwenden. „Was bist du nur für ein starker, großer Kerl!“, bückt er sich dem kleinen Gesichtchen entgegen und haucht seinem Sohn einen leichten Kuss auf die kleine, rosige, weiche Wange.

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Meine Antwort an Leonie:

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