Herzenswurzeln

Kapitel 68

Stark, mächtig, groß.

Erschöpft, ausgelaugt und müde kriecht Leonie die steile, nicht enden wollende Bergwiese hoch. All die außergewöhnlichen Blumen, die um sie herum in kräftigem blau, rosa, gelb und weiß blühen, nimmt sie nur schemenhaft wahr. Sie versucht ihren Kopf langsam Richtung Himmel zu heben, doch die letzten Kraftreserven schwinden immer mehr ins Nirgendwo. Mit eisernem Willen schafft sie es doch und in ihrem Blickfeld erscheint ein Plateau. Auf diesem ragt ein großer, mächtiger Baum  empor. Sein stark wirkender Stamm, wild und rau, in hellgrau und braun gesprenkelt, fordert sie auf, sich an ihm hochzuziehen. Mühsam kommt sie auf ihren müden Beinen zu stehen und lehnt sich an den großen Riesen. Die schroff und hart wirkende Oberfläche strahlt Wärme aus. Sie spürt die Unebenheiten in ihrem Rücken und die harten und spitzen Ausbuchtungen des allumfassenden Panzers schmerzen sie, aber der Halt und die Stütze, die ihr dieser mächtige Naturgenosse bietet, lassen sie aufatmen und ruhiger werden. Langsam gleitet sie, am Baum lehnend, hinab und kommt auf der weichen Mooswiese zusammengekauert zum Stillstand. Als würde der neue Begleiter ihr Kraft verleihen, hebt sie den Kopf mit mehr Elan und ihre Augen erblicken alte, starke, weit verzweigte Äste, die ein gigantisches, in hunderten Grüntönen getauchtes Blätterdach halten. Sonnenstrahlen blitzen durch die knorrigen Äste und verwandeln jedes Blatt in eine einzigartige, für sich stehende Anmut. Den Kopf in den Nacken gelegt, nimmt ihr diese Schönheit, dieses eindrucksvolle Gemälde der Natur, schier den Atem. Endlich kommt Ruhe über sie, ihre Glieder beginnen sich zu entspannen und sie schließt, das Bild der vielen vom Wind bewegten Blätter vor sich, die Augen. Es wird langsam dunkel um sie herum und bleierne Müdigkeit überkommt sie. Immer noch spürt sie die Spitzen und Dornen der rauen und mächtigen Rinde, die sich in ihr Fleisch, in ihren Rücken bohren. Trotz der Schmerzen lehnt sie sich noch stärker an den feststehenden Baum und so etwas wie Glück durchfließt warm und langsam ihren Rücken und durchströmt ihren ganzen Körper. Dieses Glücksgefühl scheint vom Baum auszugehen und zaubert ihr ein Lächeln ins Gesicht. Plötzlich vernimmt sie von weit her ein Piepsen, das in gleichmäßigem Schlagen immer lauter und aufdringlicher näherkommt. Leonie versucht ihre Augen zu öffnen, aber ihre Lider fühlen sich schwer und müde an. Nach langem Mühen schafft sie, das laute Piepsen neben sich wahrnehmend, ihre Lider einen Spalt zu öffnen. Weißes, kaltes Licht durchdringt ihren Kopf und ein Schmerz, von ihrem Rücken ausgehend, durchdringt ihren ganzen Körper, um sich in ihrem Unterleib brennend zu sammeln. Ein Stöhnen entfährt ihrer Kehle und wie im Reflex schließen sich ihre Lider von selbst. Das Piepsen an ihre Seite schnellt hoch, um aber gleich wieder in einen gleichmäßigeren Ton abzufallen. Langsam versucht sie erneut ihre Augen zu öffnen und blickt direkt in zwei fragende, ängstlich wirkende Gesichter.

Wo bin ich?

Kein Baum, kein Blätterdach. Weißes, hartes, kaltes Licht und vier fragende Augen. Wo ist sie? Was ist passiert? Sie möchte in die sanfte Dunkelheit zurückschwimmen, aber eine weiche, weibliche Stimme, die von ihrem Kopfende zu erklingen scheint, hält sie zurück.

„Da ist sie ja wieder. Herzlich willkommen, junge Mama!“, ein fröhliches, junges Gesicht schiebt sich in ihr Blickfeld und drängt die erleichtert wirkenden Gesichter in den Hintergrund.

„Guten Morgen und Herzlichen Glückwunsch. Sie sind seit gestern für den Rest ihres Lebens Mama. Nach der Geburt gab es aber leider durch einen plötzlichen Blutsturz einige Probleme und ihre Ärztin musste kurzfristig eine kleine Operation durchführen. Aber jetzt ist alles in bester Ordnung, ihr Herzrhythmus ist fast wieder ganz normal, nur ihr Kreislauf wird noch einige Zeit brauchen, um sich zu stabilisieren. Sie müssen daher die nächsten Tage noch im Bett bleiben.“, während die sympathische Krankenschwester Leonie all diese Informationen unterbreitet, werkelt sie am Bett herum und bringt die Lehne in eine Hochlage. Langsam fährt das Bett mit Leonies Oberkörper nach oben, ihr Radius wird weiter und das gesamte Zimmer erscheint in ihrem Blickfeld.

Ein Schreck durchfährt sie. Zwei Männer sitzen ihr gegenüber und einer hält ein weißes Bündel im Arm. Völliges Unverständnis macht sich in ihr breit, aber gleichzeitig schwimmen langsam Erinnerungsfetzen der letzten Stunden in ihr hoch. Die belastende Geburt, die völlig überfordernden, heftigen Schmerzen und Abläufe und Andreas, der ihr den Rücken hält. All diese Bilder werden immer deutlicher und sie spürt wieder den ungeheuren Schmerz in ihrem Unterleib, das Herausgleiten und die dankbare Dunkelheit.

Nein!

„Habe ich gestern meine Tochter geboren?“, leise, zaghaft und ein wenig ängstlich stellt Leonie diese Frage und wendet ihren Kopf in Richtung der Krankenschwester, ohne die beiden Männer aus den Augen zu lassen.

„Ja, Sie haben gestern ein wunderschönes Baby geboren, dessen Leben Sie ihm schon lange davor geschenkt haben!“, plappert die Schwester, an deren Kittel der Name Anja geheftet ist, munter weiter. „Gestern haben Sie diesen kleinen Menschen zur Welt gebracht und herzlichen Glückwunsch, es ist ein prächtiger, starker Junge!“, freudestrahlend wendet sich Schwester Anja den sitzenden Männern zu.

Das Schöneste auf der Welt

„Nein das kann nicht sein. Ich habe doch eine Tochter!“, fast panisch versucht sich Leonie aufzurichten, aber der Schmerz in ihrem Unterleib hält sie zurück und lässt sie ermattet in ihre Polster sinken. Tränen der Enttäuschung beginnen über Leonies Gesicht zu laufen und Verzweiflung breitet sich in ihr aus. Sie sieht gerade noch, wie Andreas aufspringen will, aber die Krankenschwester ihn mit einer kleinen, aber bestimmten Geste daran hindert. Wie ein gut erzogener Hund reagiert Andreas sofort und nimmt wieder auf seinem Sessel Platz. Schwester Anja wendet sich, mit dem weißen Bündel im Arm, Leonie zu. Mit drei Schritten ist sie am Bett und legt Leonie ohne Vorwarnung und Kommentar das Kind in die Arme.

Zwei große dunkle Augen blicken direkt in ihre, sie blicken ihr direkt ins Herz. Eine Welle ungeahnter, großer, überwältigender Gefühle übermannen sie. Sie schluckt einen dicken Kloß hinunter und Tränen fließen über ihre Wangen. Sie hat noch nie so etwas Schönes gesehen.

Ganz langsam beugt sie sich hinunter und hebt gleichzeitig den Kleinen ein wenig hoch und trotz der Schmerzen, bringt sie ihr Gesicht ganz nahe an seines.

Das muss Liebe sein.

„Hallo mein Kleiner. Du bist anscheinend für Überraschungen gut.“, ein Lächeln umrahmt ihr Gesicht und in dem Moment begreift Leonie, was sie in heftigen Wellen durchströmt. Es muss Liebe sein. Eine Liebe, die sie nicht kennt. Es ist eine Liebe von ungeheurer Kraft. Es ist eine Liebe, die augenblicklich alles durchströmt, alles hält, alles umfasst. „Hallo mein Kleiner.“, mehr kann sie nicht sagen. Sie kann nur sehen, schauen und staunen. „Wie soll ich dich nun nennen? Ich habe keinen Namen für dich.“, ganz leise und ein wenig ratlos flüstert Leonie in Richtung der kleinen entzückenden Ohren.

Leon

„Leon!“, mit kaum vernehmbarer Stimme, um diese besondere Stimmung im Zimmer nicht zu zerstören, macht sich nun Marco zurückhaltend bemerkbar.

Fragend sieht Leonie hoch, keiner Entgegnung fähig.

„Andreas und ich hatten die Idee!“, auf seinen Nachbarn zeigend, versucht Marco sich zu erklären. „Denn weißt du, dieser kleine Kerl ist ein starker, ein mutiger Junge. Er ist der Sohn einer Königin!“. Marco lächelt nun mit breitem Grinsen Leonie entgegen, „Und er verdient darum auch einen königlichen Namen. Aber vor allem kann er wie ein Löwe brüllen!“.  Marco will aufstehen, überlegt es sich aber und bleibt doch sitzen, denn er spürt intuitiv, diese Gemeinsamkeit zwischen Mutter und Kind soll er nicht stören.

Leonie hält ihren Sohn fest im Arm und schließt für kurze Zeit ihre Augen. Sie findet sich wieder am Baum gelehnt, die raue Rinde im Rücken spürend und ihr Baby in ihren Armen liegend. Sie blickt kurz hinauf in das wunderbare Blätterdach, um dann wieder das Gesicht ihres Sohnes zu suchen. Fest hält er seinen Blick auf sie gerichtet. Als wären ihre Augen das einzig wirklich wichtige, was es hier auf dieser Erde, die er vor kurzem betreten hat, zu betrachten gäbe.

Wurzeln – Herzenswurzeln

„Mein kleiner Löwe, du hast mich von Anfang an erschüttert und mich verändert. Ich werde dich beschützen und festhalten. Siehst du den mächtigen Baum? So wie er werde ich dir Halt und tiefe, breite und kräftige Wurzeln geben. Ich werde alles versuchen, damit dein Stamm so stark und widerstandsfähig wird, wie dieser an dem wir lehnen, damit du mit allen Seiten des Lebens zu Rande kommst. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, damit dein Blätterdach so wunderschön, edel und allumfassend wird, wie dieses über uns. Du sollst all deine Ideen, Wünsche, deine Gaben und Stärken so leben können, damit in deiner Lebenszeit viele einzigartige, wunderschöne, lebende Blätter in der Sonne leuchten können, denn ich weiß, du wirst für mich und die ganze Welt Heilung sein.“, diese eigenartigen Gedanken denkend, ist sich Leonie nicht sicher, ob sie unter diesem starken Baum verweilt oder ob sie  in ihrem Krankenbett liegt. Aber sie spürt ihr Kind an ihrer Seite, von ihren Armen beschützend und sicher gehalten, so wie sie es schon während der gesamten Schwangerschaft getan haben. Sie weiß intuitiv, diese Arme werden immer da sein und ihr Kind beschützen. Diese Arme, dieser Körper, dieser Leib, diese Seele sind die einer Mutter.

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Meine Antwort an Leonie:

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