Wen soll ich lieben?

Kapitel 65

Zwei Wochen!

Seit dem besagten Wochenende ist der Kontakt zu Marco unterbrochen. Was ist mit den Männern los? Was macht sie falsch? Marco meldet sich seit zwei Wochen nicht und in vierzehn Tagen hat sie ihren voraussichtlichen Geburtstermin. Leonie wird nun doch nervös. Seit ihrem letzten Treffen, bei dem Marco von seinem ersten Kind, das nicht leben durfte, sprach, ist er wie vom Erdboden verschluckt. In ihren Tagträumen hat sie es sich schon so schön ausgemalt, dass nun doch der Vater ihres Kindes bei der Geburt dabei ist, dass sie mit ihm vielleicht doch eine Beziehung aufbauen könnte und sie zu dritt eine richtige Familie wären. Aber er hebt nicht ab, ruft auch nicht zurück und beantwortet weder ihre SMS noch ihre Whatsapp Nachrichten. Sie wollte sich auf die Geburt vorbereiten, aber die Gedanken an Marco lassen sie nicht los. Um ihren Sorgen Einhalt gebieten zu können, verspürt sie das typisch weibliche Verlangen mit jemanden darüber zu reden. Gedankenverloren tippt sie die Nummer ihrer Mutter ein. Als auf dem Display die Nummer ihrer Mama erscheint, schreckt Leonie kurz hoch. Warum Mama? Warum nicht Julia, Andrea, Omi oder Lilly? Warum ruft sie ausgerechnet Mama an? Wo sie doch gar nicht so innig mit ihr ist. Auf das Gespräch wartend, überschlagen sich ihre Gedanken.

„Hallo Mama!“, mit Tränen erstickter Stimme haucht Leonie die Begrüßung ins Telefon.

„Was ist los?“, fast panisch antwortet Ingeborg. „Geht es bei dir los? Hast du Wehen?“, schießen die sorgenvollen Fragen aus Ingeborg heraus.

Diese Besorgnis zaubert Leonie nun doch ein Lächeln auf ihr Gesicht. „Nein, nein! Keine Panik. Ich wollte einfach mit dir quatschen. Ich hätte einige Fragen zur Geburt.“, kurz holt Leonie Luft, „und auch zu Männern.“, hastig hängt sie diese wichtige Frage an.

Ingeborgs breites Grinsen ist durch das Telefon spürbar. „Wenn das so ist, dann komme ich in die Stadt und wir treffen uns in einer halben Stunde im Kaffee am Alten Markt. Ist das für dich OK?“.

„Ja Mama. Ich freue mich.“, wirklich ehrlich meinend, legt Leonie beruhigt auf. Vielleicht weiß es ihr Herz, ihrer Mama kann sie immer vertrauen.

Panik

Leonie schlüpft in ihre dunkelblaue Hose und wirft sich den grauen Pulli über. Gerade als sie ihre Jacke anziehen will, durchdringt ein heftiger Schmerz ihren ganzen Körper und lässt sie erstarren. Ängstlich hält sie ihren Bauch umschlungen und ganz langsam, an der Wand anlehnend, beugen sich ihre Knie und in Zeitlupe sinkt sie auf den Boden. Sie schließt die Augen und versucht ruhig ein und aus zu atmen. Nach einigen Sekunden ist alles vorbei. Verwundert und erschreckt bleibt sie am Boden hocken. Was war das? Eine Wehe? Das wäre ja noch zu früh. Panik steigt auf, aber sie versucht sich zu beruhigen. Vielleicht hat sie sich nur unglücklich bewegt und sich dabei etwas verrissen. Jedenfalls scheint jetzt alles gut zu sein und so beschließt sie, doch in die Stadt zu gehen.

Nach dem ersten zögerlichen Tritt ins Freie, einen tiefen Atemzug der frischen März Luft nehmend, scheint alles vergessen zu sein und sie schreitet freudig und motiviert Richtung Altstadt. Sie spaziert an der Salzach entlang, überquert die vierspurige Straße und schlendert durch die noch ruhige Getreidegasse. In den Sommermonaten ist hier fast kein Durchkommen, denn diese berühmte Gasse quillt tagtäglich mit Touristen aus der ganzen Welt über. Nach zehn Minuten erreicht sie das Kaffeehaus. Mit großen Schritten hat der Frühling Einzug gehalten, die Temperaturen sind angenehm warm und welch eine Freude, die Kellner haben einige Tische im Freien bereitgestellt und Leonie ergattert einen davon. Seit sie schwanger ist, ist der Hunger ihr treuer Begleiter und so bestellt sie, noch bevor ihre Mama eingetroffen ist, zwei Cappuccinos und die für dieses Kaffee berühmten Nusskipferln. Diese köstliche Mehlspeise ist aus einem Butter-Blätterteig hergestellt, mit einer Nussmasse gefüllt und einer Zitronenglasur überzogen. Beim ersten Biss glaubt man, sich im kulinarischen Himmel zu befinden. Verträumt genießt Leonie diese Köstlichkeit und blickt auf den historischen, Alten Markt. Welch wunderschöne Stadt doch Salzburg ist.

„Guten Morgen mein Schatz.“, mit einem Kuss weckt Ingeborg Leonie aus ihren Träumen.

„Hallo Mama. Ist es nicht wunderbar?“

„Ja, vor allem bei so einem guten Frühstück.“, lächelt Ingeborg in die Sonne, die schon den ganzen Platz in wärmendes, strahlendes Licht taucht.

Leonie beobachtet ihre Mutter, die genussvoll neben ihr Platz nimmt und erinnert sich an den Tag, als sie sich genau in diesem Kaffeehaus das erste Mal Fragen zu ihrem Leben stellte. Nun ist ein Jahr vergangen und sie hat sich diese Fragen nicht selbst beantworten müssen, nein, das Schicksal hat ihr dieses Problem abgenommen. Ein Kind erwartend, sich zwischen zwei Männer befindend und einer ungewissen Zukunft entgegensehend, hat sich ihr Leben anders entwickelt, als sie es sich vor einem Jahr vorgestellt hätte. Ein Lächeln verzaubert ihr hübsches Gesicht.

Wen soll ich lieben?

„Mama ich möchte so gerne wissen…,“, unsicher versucht Leonie ihre Gedanken und Fragen in ihrem Kopf zu sortieren und so stellt sie diese gerade heraus. „Wie weiß ich, welcher Mann der Richtige für mich und welcher der richtige Vater für mein Kind sein könnte?“, spricht sie laut aus, was in ihrem Kopf seit Tagen wie ein Karussell kreist.

„Der wahrhaft liebende will die Einheit im Geist und auch im Glauben!“, diesen weisen Satz von Gertrude le Fort habe ich vor kurzem gelesen und ich finde ihn treffend und wahr. Wenn du mich fragst, wer der Richtige sei, dann glaube ich der, der mit dir im Geiste und auch im Glauben verbunden ist.“. Ingeborg schmunzelt, wohlwissend, dass diese Antwort nicht in Leonies Sinn ist.

„Mama kannst du mir nicht eine ganz normale Antwort geben?“, schelmisch lächelt Leonie zurück.

Im Geist und im Glauben

„Schatz, du willst, in Erwartung deines Kindes, wissen, welcher Mann zu euch passt.  Bitte entschuldige, aber diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Wen liebst du? Marco oder Andreas?“, jetzt doch nachdenklich geworden, spricht Ingeborg aus, was sich Leonie nie ernsthaft beantworten wollte.

Sein fester Griff

„Ich weiß es nicht. Zu Marco fühle ich mich immer wieder körperlich hingezogen, sein Lächeln, seine Bewegungen und auch sein fester Griff sind anziehend, fast schon erotisch. Doch sein Freiheitsdrang und seine immer wieder betonte Selbstständigkeit verheißen eigentlich nichts Gutes. Er ist nun mal der Vater meines Kindes und gerade ihr habt mir geraten, dass ich ihn in mein Leben einladen soll. Nun habe ich das getan, es war auch kurz wunderschön und sah vielversprechend aus, aber jetzt meldet er sich seit vierzehn Tagen nicht mehr. Vielleicht war es ihm schon jetzt zu eng.“, ganz ungewollt drängen sich Tränen in ihre Augen und eine findet den Weg über Leonies Gesicht.

„Und Andreas… weißt du, dass ich ihn hier in diesem Kaffee das erste Mal getroffen und beinahe umgerannt habe? Ich stolperte unverhofft in seine Augen, in die Tiefe seiner Seele hinein. Mit ihm kann ich so wunderbar reden, so wunderbar zusammen sein. Die Zeit mit ihm ist in Wirklichkeit sehr erfüllend und einfach schön. Leonie erinnert sich an den Moment, als er sie das erste Mal umarmte und sie in seinen Armen liegend, dachte: „Hier wollte ich schon immer sein!“. Wehmütig blickt sie an ihrer Mutter vorbei, hinauf auf die Festung Hohensalzburg. „War es dort oben, als ich mich so mit Andreas verbunden fühlte?“, immer noch nachdenkend verliert sich ihr Blick in der weißblauen Weite des Himmels über der Burg. „Wenn ich nicht den Fehler mit dem One-Night-Stand begangen hätte, wäre ich jetzt sicher mit ihm zusammen. Wie lautete dein Spruch von vorhin?“.

„Der wahrhaft liebende will die Einheit im Geist und auch im Glauben! Der den du liebst und der mit dir eine Einheit bilden will, der soll diese auch im Geist und im Glauben leben wollen. Wer ist dir im Geist und im Glauben näher?“.

„Ach Mama. Im Geiste ist es auf jeden Fall Andreas, nur, ich bin nicht gläubig!“, fast ein wenig traurig wird Leonie bewusst, dass sie vielleicht doch etwas vermisst.

„Die echte Liebe mein Schatz, ist die Liebe der Hingabe. Sie ist kein Vertrag und kein Verkauf. Liebe ist, sich an den anderen verschenken zu wollen. Wenn du Mama bist, wirst du dieses ganz selbstverständlich akzeptieren, tun und leben. Liebe ist, für den anderen da zu sein. Liebe ist immer zuerst ein du, dann ein ich.“

Vergleichen? 

„Kann man Mutterliebe mit der Liebe zu einem Mann vergleichen?“, argwöhnt Leonie.

„Nein es ist natürlich nicht dasselbe, aber doch das Gleiche. Bei beiden geht es um den Einsatz für den anderen, das allumfassende Wollen, das es dem anderen gut geht. Der einzige Unterschied ist darin zu finden, dass es für Eltern selbstverständlich ist, diesen Aspekt der Hingabe, zum Wohle der Kinder, zu leben, da sie klein, abhängig und schutzbedürftig sind. Wenn sich aber zwei erwachsene Menschen treffen, dann begegnen sich zwei Egos und da wird die ganze Sache schon um vieles schwieriger. Jeder will seinen eigenen Weg gehen, will sich selbst finden, will sich selbst bewusst sein, will sich selbst lieben und das alles, bevor er auf den anderen zugeht. Darum ist die Liebe zwischen Mann und Frau auch oft so schwer. Darüber hinaus unterscheiden sich die beiden nicht nur in all ihrem Sein, in ihren Körpern, Emotionen und Geschichten, sondern auch in ihren Zielen und in ihren Lebensauffassungen. Darum gefällt mir dieser Satz von Gertrude le Fort so gut, denn wenn beide diese Einheit im Geiste und im Glauben suchen, dann entsteht daraus eine gute, sichere Basis, ein solides Fundament. Du weißt, dein Papa und ich beten jeden Abend miteinander und das hat uns durch viele schwierige Zeiten getragen. In der Einheit im Geist und im Glauben findet man gerade als Paar einen festen Halt. Beides kann sich natürlich auch in der Sexualität auswirken.“

„Da sind wir am Punkt, der mich an Andreas etwas abschreckt. Stell dir vor, er hat die Idee, vor der Ehe keinen Sex haben zu wollen. Ist das nicht doch etwas zu altmodisch?“

„Ja, für eure Generation ist das sicher ungewöhnlich. Aber ehrlich, gefällt dir der Gedanke nicht auch, dass ein Mann dich so wertschätzt, so achtet und ehrt, dass er auf die Zeit warten will, in der die Liebe den ehelichen Schutz und die Ordnung erhält, um ihre ganze Schönheit entfalten zu können. Aber meine Kleine, ich glaube jetzt ist es nicht an der Zeit, sich darüber ernsthaft Gedanken zu machen, denn du musst dich nun auf die Geburt konzentrieren. Du wirst sehen, wenn das Baby da ist, dann hast du sowieso keine Zeit, keine Lust und auch keine Kraft dir darüber Gedanken zu machen.“.

Grüß Gott

„Grüß Gott. Ihr hübschen Ladies!“

Leonie und Ingeborg heben gleichzeitig die Köpfe und blicken in zwei grüngraue, strahlende Augen.

„Andreas, hallo. Komm setzt dich zu uns!“, voller Freude steht Leonie auf, um Andreas an ihren Tisch einzuladen, doch plötzlich sinkt sie zusammen. Derselbe heftige Schmerz durchzuckt sie und sie krümmt sich zusammen. Angst und Panik steigen in ihr hoch und kalter Schweiß bildet sich blitzartig auf ihrer Stirn. Nach Luft ringend starrt sie ihre Mutter und Andreas an.

Ingeborg springt auf und will ihrer Tochter helfen, aber Andreas ist schneller und umfasst Leonie mit einem starken, sicheren Griff. Er hält sie fest und wartet geduldig bis Leonie durchatmen kann.

„Mein Schatz, das sieht nach einer Wehe aus. Andreas könntest du sie in die Klinik bringen?“, wie selbstverständlich übernimmt Ingeborg ruhig und gelassen die Führung. Sich am  Arm von Andreas  festhaltend, schafft Leonie es noch, ihre Mutter dankbar anzulächeln.

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