Es lohnt sich

Kapitel 64

Nicht die ganze Wahrheit!

Mit einem kleinen Schauer erinnert sich Marco an Leonies und Andreas Blicke. Sein Schmerz hat sich schließlich und endlich doch seinen Weg nach außen gebahnt. Doch er will ihnen nicht die ganze Wahrheit auf die Nase binden. Langsam wird ihm sein Egoismus, seine Ich-Bezogenheit und seine Lieblosigkeit bewusst. Bei den Mädchen faselt er daher etwas von Karriere, von finanziellen Problemen und dass Martina sowieso nicht die Richtige gewesen wäre.

Doch ein tiefes Unbehagen lässt ihn nicht los und so verabschiedet er sich früher als geplant und nimmt die nächstbeste Zugverbindung nach Wien. Doch während der ganzen Fahrt beschäftigten ihn dieselben Gedanken. Ist er der Egomane? Ist er überhaupt beziehungsfähig? Noch keine seiner Partnerschaften hat länger als 6 Wochen gehalten. Bis auf Martina. Mit ihr war er einige Monate liiert. Doch in dieser Zeit lebte er trotzdem sein eigenes Leben und hat sich in seiner Freiheit nicht einschränken lassen. Ist er das Paradebeispiel eines selbstverliebten Mannes? So über sich selbst nachdenkend, sitzt er im Zug nach Wien und kommt in Wirklichkeit zu keinem Schluss. Ähnelt er vielleicht seinem Vater? Seine Erinnerungen an diesen sind nebulös und verschwommen, er sieht ihn nur schemenhaft in seinem Bett liegend.

So beschließt er seine Mutter zu befragen und in Wien angekommen, nimmt er die U-Bahn nach Oberlaa. Als sie nicht ans Telefon geht, ahnt er schon warum. Elenora wird sicher wieder auf die Kinder seines Bruders aufpassen, denn das sind die Momente, in der das Handy für sie tabu ist. Sie hatte nie Zeit für ihre eigenen Kinder, immer war sie geschäftig, immer hatte sie zu tun und so genießt sie die gemeinsamen Stunden mit den drei Kleinen. Dabei lässt sie sich unter keinen Umständen stören. Sein Bruder Anton wohnt mit der Familie im Haus seiner Mutter, in der Steineichgasse in der Nähe des Kurparks Oberlaa. Die alte Dame hat ihrem Sohn das kleine Häuschen mit dem Garten übergeben und er sanierte das gesamte Haus. Die fünfköpfige Familie bewohnt die beiden oberen Stockwerke. Nonna, wie Elenora liebevoll von ihren Enkeln genannt wird, wohnt im Erdgeschoss und ist ihren Lieblingen dadurch immer nahe und genießt die gemeinsame Zeit.

Mama

Mit gemischten Gefühlen verlässt Marco die U-Bahn und schlendert die Straßen entlang, bis er in die Gasse gelangt. Seine Schritte sind nicht wie sonst leicht und beschwingt, die hängenden Schultern und sein Gang muten eher an, als ob er eine schwere Prüfung vor sich hätte. Doch es drängt ihn, seine Mutter noch heute zu sprechen. Kurz erinnert er sich an die mahnenden Worte von Martina, ob seiner innigen Beziehung zu seiner Mutter, doch zum einen möchte er ihr die freudige Nachricht bringen, dass sie auch von ihm zur Großmutter gemacht wird und zum anderen möchte er mit ihr über seine vermeintliche Bindungsangst sprechen.

Als er in den kleinen Vorgarten tritt und an der Haustüre klingelt, steigt das beängstigende Gefühl immer höher. Freudig öffnet Elenora die Haustüre, den kleinen Raul, der ihn mit einem schokoladigen Grinsen anlächelt, im Arm. Der kleinste der drei Enkel, liebt seine italienische Nonna über alles.

„Ja wen haben wir denn da?“, freudig umarmt Elenora ihren Sohn, obwohl sie Raul, immer noch auf ihrer Hüfte sitzend, hält. „Was für eine Überraschung, komm rein, wir sitzen gerade bei einer gemütlichen Tasse Kakao.“

Marco folgt seiner Mama und weiß nicht, ob er den richtigen Zeitpunkt gewählt hat. Aber  egal, jetzt ist er hier.

„Du Mama, findest du, dass ich egoistisch und lieblos bin?“, völlig überrascht von sich selbst schießt es aus ihm heraus. „Glaubst du ich bin bindungsunfähig?“

„Was willst du wissen?“, ungläubig stellt seine Mutter diese Frage, während sie Raul in seinen Kindersessel setzt, sich der winzigen Kochzeile zuwendet und Marco sich an den kleinen Küchentisch setzt, der von Spielkarten und Brettspielen übersät ist.

„Willst du auch eine heiße Schokolade?“, war aber gleich ihre nächste Frage, denn wenn Eleonora Zeit gewinnen will, lädt sie immer zum Essen oder Trinken ein.

„Ja unbedingt. Du weißt ja, dass ich bei deiner süßen, puddingähnlichen Köstlichkeit noch nie widerstehen konnte.“, Erinnerungen an seine Kindheit kommen in ihm hoch und es breitet sich Freude und Leichtigkeit in ihm aus.

Lächelnd stellt Eleonora kurz darauf den großen Becher vor ihn und setzt sich ihm gegenüber. Mehr als drei Menschen haben in diesem kleinen Raum nicht Platz. Raul spielt selbstvergessen mit kleinen bunten Kugeln, die er mit einem Löffel von einem Teller in den anderen zu heben versucht. Gelingt es ihm, jauchzt er fröhlich und lauthals auf, aber die meisten der Perlen purzeln an ihm vorbei und kullern lautstark auf den Boden. Eleonora hebt diese mit einer liebevollen Gelassenheit immer wieder auf und legt sie zurück auf den Plastikteller.

„Liebe. Ist das Liebe?“, denkt Marco bei sich und schlürft einen kleinen heißen Schluck.

„So. Du findest du seist egoistisch? Ich glaube, du bist nicht mehr oder weniger selbstverliebt, als Männer es eben sind, oder sagen wir viele deiner italienischen Vorfahren es waren. Du aber bist deinem österreichischen Vater sehr ähnlich und der war, bis zu dem Moment als er schwer krank wurde, liebenswert, hingebungsvoll und für seine Familie aufopfernd. Er war der charmanteste, herzgewinnendste Mann, den ich je kennen gelernt habe und mein Glück und das seiner Kinder, war für ihn das höchste Ziel.“, plötzlich traurig werdend, aber voller Liebe blickt Elenora ihrem Sohn direkt ins Gesicht.

Die Liebe kann alles tragen

„Ich kann mich nicht genau erinnern, aber war Papa wirklich so schwer krank?“, fragend schaut Marco auf und plötzlich beginnen sich alte Bilder in seinem Kopf zu zeigen.

„Ja. Kannst du dich nicht erinnern? Du warst gar nicht mehr so klein, als er starb. Er hatte eine schlimme Krankheit und 15 Jahre nach der ersten Diagnose starb er.“

Die Krankheit zerstört

„Ich glaube, ich erinnere mich dunkel. Ich sehe ihn im Garten sitzen. Bewegungsunfähig. Warum haben wir nie darüber gesprochen? Warum hast du nie irgendetwas erzählt?“, jetzt doch mit einem mulmigen Gefühl auf eine Antwort wartend, starrt Marco seine Mutter an.

„Weißt du diese Krankheit, Veitstanz oder auch Huntington-Krankheit genannt, hat deinen Vater zerstört und sie wollte auch mich zerstören. Dein Vater hat letztendlich seinen schlimmen Zustand akzeptiert und mit viel Geduld ertragen. In dieser schweren Zeit habe ich gelernt, dass Liebe fast alles tragen kann, auch wenn dein Partner zu nichts mehr fähig ist und am Ende in die völlige Demenz verfällt.“

„Kann es sein, dass mein unbändiger Freiheitsdrang und auch die Angst vor festen Beziehungen in der Krankheit meines Vaters begründet liegen?“, fragend blickt Marco auf.

Zu einfach

„Ich glaube, dieser Schluss wäre zu einfach. Aber vielleicht habe ich dich während der alles überschattenden Leiden und nach dem Tod deines Vaters einfach zu früh in diese sogenannte Freiheit oder Selbstständigkeit geschickt. Du warst ja doch noch zu jung, aber ich hatte nach den vielen zermürbenden Jahren einfach keine Kraft mehr. Und ja, ich glaube, durch all diese Umstände, habe ich dir in all den Jahren vieles durchgehen lassen, ich habe dich viel zu oft dir selbst überlassen. Als Teenager hast du mir die Früchte dann wahrlich präsentiert und deine Schandtaten damals waren nicht von schlechten Eltern. Du warst in dieser Zeit für mich nicht mehr erreichbar. Du hättest deinen Vater so notwendig gebraucht, so dringend seine grenzenlose Liebe spüren müssen. Nie konntest du darauf vertrauen, dass er dich auffängt, dass du springen darfst, vom Baum oder auch ins Leben. Nie konntest du dir sicher sein, dass es jemanden gibt, der dich auffängt. Wie sehr schmerzt es mich, dass auch du so einen Verlust erleiden musstest.“, traurig und sich zum hundertsten Mal bückend, um für Raul die Glaskugeln auf zu heben, erzählt Elenora zum ersten Mal aus ihrer gemeinsamen Vergangenheit.

„Was ist, wenn ich dir erzähle, dass ich Vater werde!“

„Wirst du?“, ein Strahlen erhellt Elenoras ganzes Antlitz.

„Ja ich werde Vater. Ich bin mit der Mutter in Kontakt und ich mag sie auch gerne, aber das Baby war nicht geplant.“, jetzt doch stolz werdend grinst Marco seine Mama an.

Sein Sohn

„Welch eine gute Nachricht! Ich freue mich für dich!“, Elenora steht auf und umarmt ihren Sohn fest und herzlich. „Ich dachte du wärst nie dazu bereit, aber wie so oft hat der liebe Gott etwas anderes geplant. Als du damals zu Tanzen begannst, da änderte sich vieles und jetzt wirst du Vater. Ich bin so stolz auf dich, denn du bist ein rechtschaffener, junger Mann geworden, trotz meiner ganzen Fehler und unserer schweren Vergangenheit. Du weißt, was richtig und gut ist und glaube mir, wenn du in dich und auch in Gott vertraust und dich ganz und gar in diese Vaterrolle hingibst, auch wenn es mühevoll, anstrengend und überfordernd sein wird, wirst du ein wunderbarer Vater. Du bist mein Sohn und vor allem bist du der Sohn deines Vaters und deshalb kannst du dich für andere einsetzen. Eines kannst du mir glauben, du bist auf jeden Fall kein liebloser Mensch, im Gegenteil.“, besänftigend und freudig drückt Elenora ihren Sohn an sich.

„Aber Mama,“, plötzlich kommt Marco ein furchtbarer Gedanke und entsetzt löst er sich aus der Umarmung und starrt seine Mutter an. „Chorea Huntington! Ist das nicht eine Erbkrankheit?“, spürend wie Panik in ihm aufsteigt, stößt Marco sich von ihr weg.

Von der Intensität überrollt, starrt die Mutter ihren Sohn an. „Ja sie kann vererbt werden. Aber ich glaube nicht, dass ihr sie mitbekommen habt. Ich wollte euch testen, aber was bringt es. Anton hat sich bevor er Vater wurde, selbst einem Test unterzogen und er ist nicht betroffen und seine Kinder höchstwahrscheinlich auch nicht.“

„Aber wenn ich sie vererbt bekommen habe? Was ist, wenn ich sie meinem Kind weitergegeben habe? Was, wenn mein Kind durch mich krank ist? Was ist, wenn ich am Unglück dieses Babys Schuld trage?“, immer panischer werdend durchschreitet Marco hektisch die kleine Wohnung. Raul fängt an, ob der Spannung die plötzlich im Raum herrscht, zu schreien.

„Komm, beruhige dich. Du trägst keine Krankheit in dir, davon bin ich überzeugt. Du hast dem Kind das Leben geschenkt. Du bist sein Vater und du wirst es glücklich machen!“, entschlossen hält die kleine Frau ihren Sohn an den Schultern fest.

„Nein Mama, so toll bin ich nicht. Dieses Kind darf, aufgrund des Mutes seiner Mutter, leben, aber mein anderes Kind durfte es nicht, denn durch meine Lieblosigkeit und meinen Egoismus hat Martina vor einigen Monaten unser Kind getötet.“, Marco blickt auf und starrt in das entsetzte Gesicht seiner kleinen italienischen Mama.

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What a beautiful name it is!

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