Tiefe Wunde

Kapitel 63

Welch schönes schlafendes Gesicht!

Marco erwacht neben der noch schlafenden Leonie. Sie hat ihn ohne Worte eingeladen, bei ihr zu übernachten. Stillschweigend schlenderten sie gestern Abend zu ihrer kleinen Wohnung in der Gstättengasse. In vier Wochen ist ihr Geburtstermin und im Mutterschutz befindend, hat sie ihr kleines Zuhause wieder bezogen. Wo sie mit dem Baby wohnen wird, steht noch in den Sternen, denn die Wohnung wird im kommenden Jahr sicher zu klein. Ihre Mutter hat ihr angeboten ins Elternhaus einzuziehen, aber das will Leonie auf gar keinen Fall.

Marco betrachtet das schlafende Gesicht und erinnert sich an die letzten Stunden. Wie er mit diesem Andreas im Restaurant erschienen ist, wie Leonie zuerst erschrocken, aber dann doch freudig die beiden begrüßt hatte. Er erinnert sich an die Gespräche und die Diskussionen über die Wahrheit.

Richtig aufgewühlt hat ihn Andrea, die mit so einer Klarheit von ihrer eignen Abtreibung erzählte und so mutig den verursachten Schmerz danach ansprach. Er wollte sich nicht die Blöße geben und von seinem Verlust berichten, aber innerlich drängt es ihn immer mehr, diesen übermächtigen Schmerz hinaus zu schreien.

Grauschwarze Regenschauer

Als sie gestern in die Wohnung gelangten, wollte sich Leonie nur kurz ausruhen und ihre bleischweren Füße hochlegen, doch sie schlief augenblicklich ein. Marco deckte sie zu und legte sich neben sie. Während seines unruhigen Schlafes, schreckte er auf. Im Traum begegnete ihm ein kleines Mädchen, das hilfesuchend ihre Arme nach ihm ausstreckte, aber er erreichte sie nicht und sie glitt in einen beängstigenden, grauschwarzen Nebel und Regenschauer ab. Dieser Alptraum verfolgt ihn schon lange.

„Guten Morgen!“, verschlafen blinzelt Leonie unter der Decke hervor. Sie setzt sich langsam auf, sieht an sich hinunter und entdeckt, dass sie noch ihr gestriges Outfit trägt. „Bin ich gestern wirklich sofort eingeschlafen?“,  fragend blickt sie Marco an.

„Ja. Du hast noch gar nicht richtig in deinem Bett gelegen, da warst du schon weg.“

„Ach das tut mir leid, aber so eine Schwangerschaft ist doch sehr anstrengend und es ist ja auch ganz schön spät geworden.“, versucht sie die auftretende Peinlichkeit abzuwehren.

„Es war erst kurz nach Mitternacht. Du musst also wirklich hundemüde gewesen sein.“, lächelt Marco ihr entgegen. „Soll ich dir einen Kaffee machen?“, beschwingt erhebt er sich und verschwindet in die Küche.

Hastig steht Leonie auf und huscht ins Bad. Oje, wie sieht sie denn aus? Schnell schlüpft sie unter die Dusche und wird sofort munterer. In ihren grauen Lieblingsjogger eingehüllt, erscheint sie frisch und fröhlich in ihrer kleinen Küche. Da erinnert sie sich, dass sie ja die Mädels für heute zum Frühstück eingeladen hat. Sie blickt auf die Uhr und in dem Moment läutet es schon an der Tür. Das ist wieder so typisch von den beiden neugierigen Freundinnen. Lachend drückt sie auf den Türöffner.

Als es an der Wohnungstür pocht, blickt Marco verwundert auf. Er war gerade dabei den zweiten Kaffee zu bereiten. „Ich habe gestern die Mädels eingeladen und wie du siehst haben sie es nicht vergessen.“, wendet sich Leonie fröhlich zur Tür.

„Guten Morgen. Ich bin leider allein.“, zwinkernd stahlt Andrea Leonie an.  „Julia musste kurzfristig arbeiten und ich bringe dir, oder muss ich sagen ‚euch‘, ein paar Semmerl.“, kichernd versucht Andrea an Leonie vorbei zu schielen, dabei flüstert sie leise in Leonies Ohr: „Störe ich?“

„Nein komm rein. Frühstücke mit uns!“, überrascht von ihrer wahrnehmbaren Erleichterung, die sie gerade durchströmt, macht sie Andrea breitwillig Platz und führt sie in die kleine Küche.

Marco ist über den Besuch nicht sehr erfreut, aber er lächelt Andrea trotzdem an und reicht ihr einen Kaffee.

Nach nur fünf Minuten hallt Gelächter durch den kleinen, sonnendurchfluteten Raum. Die drei genießen das kleine, aber feine Frühstück. Leonie bestreicht sich die eine Hälfte der Semmel mit Butter und einer von Omi selbstgemachten Marillenmarmelade. „Ich sag es euch, neben den Bewegungen meines Babys ist so eine Marillen-Semmel mit einem Kaffee doch das schönste in meinem jetzigen Leben!“, lachend beißt sie in das knisternde Brötchen.

„Du isst schon immer gerne, aber mir kommt es vor, als ob du das Essen in den letzten Monaten noch mehr genießt.“, grinst Andrea ihre Freundin herzlich an.

Alles Doppelt

„Eine Schwangerschaft ist zwar oft wirklich mühsam, anstrengend und ermüdend, wie ihr es ja gestern erlebt habt, aber wenn es um den Genuss geht, sei es in der Badewanne, in der Sonne oder bei Tisch, spürt sich alles viel intensiver, viel näher, viel authentischer an, als ohne Baby im Bauch. Ich kann es gar nicht beschreiben, aber es ist so, als ob ich alles mal zwei erlebe. Den Stress, den Druck und auch die Müdigkeit spüre ich viel stärker, aber das Essen genieße ich doppelt, die Ruhe genieße ich doppelt und alles was schön ist, bekomme ich doppelt geschenkt.“, strahlend blickt Leonie in die Augen ihrer Gegenüber und streichelt dabei behutsam und selbstvergessend ihren Bauch.

„Ach bitte entschuldige!“, Leonie blickt Andrea, entsetzt aufgrund ihrer Unsensibilität, an.

„Nein, du hast Recht, du sollst dich ja freuen. Du bist guter Hoffnung. In meinem Beratungsgespräch habe ich letztes Mal über diesen Verlust gesprochen, nicht mit meinem Baby schwanger gewesen zu sein.“, traurig starrt Andrea an Marco vorbei, auf einen fixen Punkt an der Wand.

„Ganz ehrlich, ich habe gestern deine Offenheit bewundert!“, richtet nun Marco seine Worte an Andrea. „Du hast über deinen Schmerz gesprochen und über dein Unverständnis, wie leichtfertig Frauen über eine Abtreibung reden. Ich finde dich sehr, sehr mutig.“, bewundernd sieht er Andrea direkt ins Gesicht.

War nicht fähig!

„Das habe ich lange nicht gekonnt. Aber ich möchte Ärztin werden und habe für mich selbst beschlossen, bevor ich zu studieren beginne, mache ich in meinem Seelenhaus sauber. Ich suchte mir eine Therapeutin, die auch bei einem Abtreibungstrauma helfen kann und fand eine wunderbare Frau, die mir in den letzten Monaten wirklich geholfen hat.“, ernst aber gefasst erzählt Andrea ihre Geschichte.

„Sieglinde, Sozialpädagogin, erklärte mir, dass oft nicht die Abtreibung verschwiegen wird, sondern der Schmerz, der daraus entsteht. Dieser Schmerz wird oft verdrängt und gar nicht wahrgenommen. Es bedarf für viele Frauen eines unwahrscheinlichen Kraftakts, diese tiefen Wunden zu unterdrücken. Nicht die Abtreibung ist das Tabuthema, sondern der Schmerz, der sich danach zeigt, wird in unserer Gesellschaft völlig tabuisiert. Wenn eine Frau bereit ist, und es gehört viel Mut dazu, über dieses Geschehnis, das eigene Kind auf so eine tragische Art und Weise verloren zu haben, zu sprechen  dann kann schon viel passieren. Wenn sie bereit ist zu sagen, was sie schon immer sagen wollte, wenn sie bereit ist, über Umstände zu sprechen, warum dieses Kind nicht leben durfte, wenn sie bereit ist, über diesen Schmerz zu reden, dass sie nie mit diesem Kind Kontakt aufnehmen konnte, dann bereitet sie einen Boden für mehr. Für Heilung, Wiederherstellung und Aufarbeitung. Je mehr Frauen darüber sprechen , umso mehr werden die wahren Hintergründe auch in der Gesellschaft sichtbar. In den wenigsten Fällen ist Gewalt im Spiel und viele Frauen sind  nach einer Abtreibung schockiert, warum sie das getan haben. Die Gründe sind oftmals Rahmenbedingungen wie finanzielle Nöte, Partnerverlust, Jobverlust oder wie bei mir, dass ich noch in die Schule ging und eine Karriere als Klavierspielerin in Aussicht hatte. Aber wenn sich Frauen im Nachhinein dieser, im Vergleich zu einem Menschenleben, nichtigen Gründe bewusst werden, dann bekommen sie oft tiefe, alles zerfressende Schuldgefühle. Sie spüren plötzlich eine Lieblosigkeit, die in ihnen und um sie herrscht. Diese Lieblosigkeit zerstört die Seele.“, ernst und traurig erzählt Andrea weiter.

Mit Gott

„Aber ich habe angefangen mir dies alles klar zu machen. Ich weine oft und trauere über mein Baby. Mit Sieglinde komme ich immer weiter, und durch sie wird mir so vieles klar. In den Gesprächen mit ihr kann ich das erste Mal diesen Schmerz benennen. Ich kann ihn bewusst wahrnehmen und immer wieder zerreißt es mir mein Herz. Aber ich hoffe, dass ich bald bereit bin, beichten zu gehen, um Jesus zu bitten, mir zu vergeben. Laut Sieglinde ist Heilung nur durch Gott möglich, aber ich muss erst lernen, diesen schon bekannten Zustand des Leids und des Schmerzes auch ehrlich und von ganzem Herzen loslassen zu wollen. Ich sag euch, das ist wahrlich nicht einfach. Aber ich will aus dieser einsamen Lieblosigkeit heraus und wieder in die allumfassende Liebe eintauchen.“, schon etwas fröhlicher, greift sie nach einem Brötchen und bestreicht es ebenfalls mit Marillenmarmelade.

Leonie betrachtet Andrea und Marco und sie fühlt es stark und sicher, dass die beiden etwas verbindet. Eifersucht steigt in ihr hoch. „Aber warum?“, denkt sie bei sich. „Wie kann sie sich am Abend zu diesem Mann hingezogen fühlen, um dann einfach einzuschlafen? Kann Liebe so reagieren?  Ist sie verliebt? Oder will sie die Beziehung nur aus dem Grund, weil er der Vater ihres Kindes ist?“, sich in Gedanken fragend, aber doch genüsslich, lehnt sie sich in den Stuhl zurück, nimmt ihre Kaffeetasse zwischen ihre Hände und beobachtet still und aufmerksam Marco. Ja, er ist ein wirklich fescher Kerl, aber hat er gestern nicht immer wieder betont, dass er seine Freiheit hochschätzt, dass er sich nicht von äußeren Umständen bestimmen lassen will? Jetzt sitzt er ihr gegenüber und hängt fasziniert an den Lippen ihrer Freundin.

„Ja, meine Lieblosigkeit hat Martina in die Abtreibung getrieben, diese Lieblosigkeit rund um mich, hat es mir nicht ermöglicht, mein Kind zu schützen. Diese Lieblosigkeit zerstört meine Seele.“, leise murmelt Marco diese Wahrheit in den Raum. Leonie und Andrea starren ihn ungläubig an.

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It hurts

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