Mitten ins Herz

Kapitel 62

Einfach nur skurril!

Was für ein ungewöhnlicher, unerwarteter Fortgang eines von Anfang an skurrilen Abends. Leonie sitzt am hintersten Tisch im Beisl von Angelika. Rund um diesen gruppieren sich auch Andrea, Julia, Andreas und Marco, die zu so später Stunde in eine angeregte Diskussion verstrickt sind. Angelika serviert gerade noch einen exzellenten Rotwein und beobachtet die aufgeregte Runde. Was ist Wahrheit? Dieser Frage widmen sich die jungen Leute schon seit gut einer Stunde. Marco und Julia verteidigen den Standpunkt, dass es nicht die eine, objektive Wahrheit gibt. Ihre Sicht der Dinge beläuft sich mehr darauf, dass jeder seine Wirklichkeit hat, der er auch folgen sollte.

Andrea und Andreas hingegen gehen davon aus, dass bestimmte festgelegte Erkenntnisse, Tatsachen und Wahrheiten bestehen und man diese nicht in Frage stellen oder antasten sollte.

Wie bei einer professionellen Diskussionsrunde sitzen sich die Kontrahenten gegenüber und versuchen die anderen mit ihren Argumenten zu überzeugen.

Leonie nippt an ihrem gefühlt hundertsten Apfelsaft und hört den schon etwas alkoholisierten Gesprächspartnern interessiert und auch belustigt zu.

„Nein, ich glaube der heutige Mensch ist intelligent genug, um zu wissen, was für ihn richtig oder falsch ist. Die Kirche und andere Institutionen haben seit ewigen Zeiten mit den sogenannten Wahrheiten und Geboten die Menschheit unterdrückt und manipuliert.“, holt Marco gerade zu einem Rundumschlag aus.

Gescheiter?

„Also das ist jetzt ein kompletter Blödsinn!“, kontert Andrea. „Wieso glaubst du, der heutige Mensch sei gescheiter als vor 100 Jahren? Als sich Europa zwischen zwei Weltkriegen befand, war das Überleben der Menschen ernsthaft bedroht und sie wurde darüber hinaus von falschen Theorien verführt. Darum konnte Hitler an die Macht kommen? Wenn wir in der gleichen Situation wären, dann würden wir genauso reagieren. In Wirklichkeit lassen sich viele Menschen auch heute noch vom Mainstream an der Nase herumführen. Wir merken doch gar nicht, wie sehr uns alle Medien unser Denken prägen.“

„Du sagst, sie sind falschen Theorien gefolgt. Diese wurden aber als wahr betrachtet, also findest du doch auch, dass es eine garantiert gültige Wahrheit gar nicht gibt?“, will nun Julia wissen.

„Doch es gibt die Wahrheit. Es gibt Dinge, Ansichten und Regeln, die einfach wahrhaftig sind, denen man, um ein glückliches Leben führen zu können, folgen sollte. Wie es ja auch in der Mathematik nachweisbar ist“, versucht Andreas eine Wendung in das Gespräch zu bringen.

„Aber jeder Mensch ist doch einzigartig. Jeder hat seine eigene Geschichte, seine Ausbildung und seinen Charakter und darum seinen individuellen Weg. Ich liebe es eigenständig und frei zu sein. Ich will mich nicht zu sehr binden, nicht zu sehr festlegen lassen, denn ich glaube, nur in der Freiheit kann ich mein Glück finden.“, wendet Marco ein. „Darüber hinaus, wer soll mir sagen, was richtig und was falsch ist? Unsere Medien sind ja alle aus dem gleichen Guss. Jeder schreibt vom anderen ab, überall steht das Gleiche.“

„Darum ist es ja so wichtig, dass wir darüber nachdenken, was wir lesen, welche Bücher und welche Videos, welche Medien wir konsumieren.“, ergreift Andrea wieder das Wort. „Mit Erschrecken erkenne ich immer wieder in Gesprächen mit Kommilitoninnen, dass im Zweifelsfall eine Abtreibung eines ungeplanten Kindes für einige eine naheliegende Option wäre. Da ich selbst eine so leidvolle Abtreibung hatte, bin ich schockiert, wie leichtfertig Frauen darüber reden. Diese Damen wissen gar nicht, wovon sie sprechen.  Und die, die es schon getan haben, verschweigen es oft gekonnt. Jedenfalls sind für mich viele Frauen durch Medien und durch die Gesellschaft irregeleitet und glauben tatsächlich, dass sie sich, ihrer Umgebung und vor allem dem Kind mit so einer schrecklichen Tat einen Gefallen tun würden. Für mich ist das Mord und das darf einfach nicht passieren.  Das ist eine Wahrheit, der man nicht widersprechen kann.“, aufgeregt bringt Andrea ihre eigene schmerzvolle Erfahrung mit ein.

Andreas und Marco, von der Heftigkeit der jungen Frau überrascht, blicken sich betreten an.

„Es gibt sicher objektive Wahrheiten, die man nicht umstoßen sollte. Andrea, durch deinen tragischen Verlust hast du das auf eine schreckliche Weise erkennen müssen.“, nickt Andreas Andrea bestätigend zu. „Darum lese ich so gerne christliche Autoren, denn sie haben eine Wahrheit über den Menschen angenommen, die in den Errungenschaften und der Tradition der großen Denker des Abendlandes fußen. In einem langen Prozess bekamen diese Autoren in einer genialen Art eine Erkenntnis von Ansichten, Einschätzungen und Lebensvorgaben, die man als Wahrheiten bezeichnen kann. Wie es auch in einem von mir kürzlich gelesenen Buch zum Thema Freiheit heißt: die zehn Gebote schränken uns nicht ein, sondern sie bringen uns die Freiheit. Du sollst nicht töten ist so ein Gebot und eine unumstößliche Wahrheit, oder Andrea?“, einfühlsam, aber doch nachhaltig bringt Andreas seine Gedanken auf den Punkt.

Was ist wahr?

„Dann erzähl mir einmal einige dieser Wahrheiten, die für dich so unumstößlich sind!“, auffordernd blickt Marco Andreas an.

“OLE”

„Olé“, Angelika imitiert einen Torero und stößt Leonie sanft und lachend in die Seite. Im Gegensatz zu den vier schon etwas beschwipsten jungen Leuten, sind die beiden noch nüchtern und betrachten lästernd, wie die beiden alten Quälgeister Statler und Waldorf der Muppets, das Spektakel.

Kampf!

Auch Leonie hat das unbestimmte Gefühl in sich, dass die Diskussion immer mehr zu einem Stierkampf der beiden Männer ausartet. Oder ein anderer Kampf?

„Dass Mann und Frau gleichwertig sind. Dass Frauen nicht zwangsverheiratet oder beschnitten werden dürfen. Dass man ein ungeplantes oder behindertes Kind nicht umbringen darf. Dass sich kein Mensch selbst töten darf. Dass wir uns um den Nächsten kümmern sollen. Dass jeder Mensch eine Würde besitzt, die unangetastet bleiben muss. Dass man das Eigentum eines anderen respektieren soll. Dass es Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, eine Freiheit für Jedermann und auch für Jederfrau geben muss! Sind das fürs erste genug Grundwahrheiten, die jeder respektieren sollte?“

 

Olé!“, wieder imitiert Angelika einen Torero und beide prusten los, doch die Kontrahenten nehmen keine Notiz.

„Warum dürfen dann Frauen in deiner Kirche keine Priesterinnen werden? Was ist da mit deiner Freiheit? Da werden Mann und Frau nicht gleichwertig behandelt. Oder warum sollte ein alter oder auch junger kranker, unter starken Schmerzen leidender Mensch nicht das Recht haben, seinem Leiden ein Ende zu setzen?“, immer wütender werdend, starrt Marco Andreas an.

„Frauen können in der Kirche viel, viel mehr bewirken, als allgemein bekannt ist. Sie verfügen sogar über größere Kompetenzen, als es Diakoninnen in der alten Zeit hatten. Darüber hinaus geht es bei den Priestern um die Nachfolge Jesu, der erstens ein Mann war und der zweitens den vollkommenen Einsatz seiner Nachfolger fordert, das heißt Ehelosigkeit und Verzicht auf leibliche Liebe. Es ist auch nicht gut, ungleiches gleich zu behandeln. Und wir sind uns einig, Mann und Frau sind wahrlich nicht gleich. Gleichwertig, aber eben nicht gleich(artig). Jesus war bei weitem seiner Zeit voraus, denn er hob die Frauen in ihrem Stand. Er zog mit ihnen herum, ließ sich berühren und salben, redete mit ihnen und Frauen waren die ersten, die seine Auferstehung bezeugten.“

Verschieden

Leonie beobachtet schweigend das Duell der beiden Männer. Wie unterschiedlich sie doch sind. Der eine groß blond und sehr bedächtig. Der andere zwar nicht viel kleiner, aber schwarzhaarig und impulsiv. Der eine geprägt von seinem Glauben, der andere von der Sehnsucht nach seiner eigenen Freiheit und der Lust am Leben. Der eine mehr verstandesbestimmt, der andere situationsbestimmt. Trotzdem fühlt sie sich auf eine bestimmte Art und Weise von beiden angezogen. Von Andreas vor allem auf der geistigen Ebene und von Marco fühlt sie sich körperlich magisch angezogen.

Von einem weiß sie, dass er sie liebt, aber vom anderen erwartet sie ein Baby.

„Aber mir ist die Kirche mit ihren Geboten doch zu eng. Sie hindert uns Menschen, uns voll zu entfalten. Ich glaube an einen Gott und dass er um uns ist, aber diese Rituale in der Kirche sind alt und verstaubt. In unserer heutigen Zeit brauchen wir keine alte Institution mehr, die uns vorschreibt, was gut und richtig ist.“, sich ein neues Glas Rotwein einschenkend, blitzt Gewissheit aus Marcos Augen.

„Bekommst du in deinem Leben keine Probleme serviert, die dich an deine Grenzen bringen?“, will nun Andrea interessiert wissen. „Die dich mitten ins Herz treffen, aus denen du dich nicht selbst befreien kannst?“, richtet nun auch Andreas nüchtern und klar die Frage an Marco.

In die Enge getrieben, seinen Schmerz über das verlorene Kind auf keinen Fall öffentlich machen wollend, antwortet er hastig und schnell. „Nein. Mein Leben, das ich nach meiner Freiheit ausrichte, hat sich bis jetzt bestens entwickelt.“, er zeigt glücklich auf Leonies Bauch. „Und wie man an diesem Baby sieht, kann eine von der Kirche abgelehnte Tat,“, er blickt Andreas triumphierend in die Augen „ein so wunderbares Ergebnis hervorrufen.“

Marco umkreist den Tisch und umarmt Leonie leidenschaftlich. Trotz seiner kleinen Weinseligkeit fühlt sie sich in seinen Armen wohl und kuschelt sich in diese bekannte und wohltuende Umarmung. Wieder spürt sie ein starkes körperliches Verlangen und erinnert sich an die verhängnisvolle Nacht. Mitten ins Herz. Sie lehnt den Kopf an Marcos Schulter und blickt ihre Freunde lächelnd an.

„Meine Lieben, ich bin müde und meine Füße schmerzen ungemein. Ich gehe heim und lege mich und mein Baby ins wohltuende Bett.“, sich verabschiedend, ganz selbstverständlich Marcos Hand haltend, verlässt sie freudig und beschwingt mit ihm das Lokal.

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