Mama

Kapitel 60

Babyparty

Ingeborg fand typische amerikanische Bräuche schon immer dumm und sinnlos. Halloween, Santa Claus, Zahnfee und diese blöden Babypartys.

Doch wie schnell kann man seine Meinung ändern, wenn es einen selbst betrifft. Andrea, Julia und Angelika organisieren heute eine Babyparty für ihre Töchter und nun freut sich Ingeborg ganz besonders auf dieses Fest.

Auf das zweite Klingeln hin, öffnet Gertrude ihre Tür. Sie ist in ihre neue Wohnung umgezogen, damit die Umbauarbeiten in ihrem kleinen, geliebten Häuschen stattfinden können. Die junge Familie, mit ihren mittlerweile vier Kindern, hat nun einmal andere Ansprüche an ein Haus, als eine alleinstehende Urgroßmutter. Am Anfang schmerzt Gertrude der Gedanke, dass ihr Haus nicht mehr so sein sollte, wie ihr geliebter Mann es gebaut hat. Aber als sie das Engagement von Lilly und Klaus, ihre Ideen und ihre Freude mitbekommt, beginnt sie sich doch über die Veränderungen zu freuen.

Mittlerweile hat sie sich schon fast in ihrem neuen Zuhause eingewöhnt und sie genießt die gewonnene Zeit, die sie sich durch diese kleinere Wohnung geschaffen hat. Weniger Zimmer und ein viel kleinerer Garten machen sich auf dem Zeitkonto deutlich bemerkbar. Doch sie hat sich den Wechsel leichter vorgestellt und der Verlust schmerzt sie mehr als gedacht. Besonders ihren Märchengarten mit den vertrauten, alten Bäumen, den bunten Blumenbeeten und den vielen Vögeln, die sie jeden Winter fütterte, vermisst sie sehr. Doch heute freut sie sich über alles, denn es gibt eine Babyparty für ihre beiden Lieblingsmenschen, die bei ihr immer ganz besonders verträumt und verrückt sein können. Lilly und Leonie.

Alten Baum verpflanzen?

„Guten Morgen Mama, bist du fertig?“, Ingeborg steht vor der Wohnungstür und lächelt ihrer Mutter entgegen.

„Ja mein Schatz, ich bin schon ganz gespannt auf dieses Fest. Ich mag solche verrückten Einladungen, die erinnern mich an meine Zeit in Paris.“, lächelnd begrüßt Gertrude ihre Tochter.

„Also eine Babyparty mit deiner wilden, ausgelassenen Zeit in Paris zu vergleichen, ist etwas abenteuerlich!“, schmunzelt Ingeborg und begleitet ihre Mutter zur Tür. Gott sei Dank hat sie die Wohnung im Erdgeschoss bezogen, denn die alte Dame hat in den letzten Monaten körperlich deutlich abgebaut. „War es vernünftig, einen alten Baum zu verpflanzen?“, fragt sich Ingeborg in Gedanken.

„Es ist eine gute Idee, dass heute Männer dabei sind und ich freue mich auf Peter, Klaus und die Kinder. In Amerika sind solche Partys ja immer reine Frauensache, oder?“, beglückt setzt sich Gertrude in Ingeborgs Auto.

„Wie schön es ist, einem Menschen Freude zu bereiten.“, denkt Ingeborg und will das Auto starten. Doch sie hält inne und wendet sich an ihre Mutter.

„Ich bin überglücklich, dass meine Mädels Mütter werden. Lilly ist eine so wunderbare Mama und Leonie wird von Monat zu Monat hübscher.“, ergriffen bleibt Ingeborg, die Hände im Schoß liegend, im Auto sitzen.

„Willst du nicht losfahren?“

Plötzlich überkommt Ingeborg eine tiefe Liebe zu ihrer Mutter: „Mama, ich danke dir, dass du mir damals das Leben schenktest, dass du mir eine wunderbare Kindheit bei Oma und Opa ermöglicht hast. Ich weiß, es wäre natürlich gut gewesen, wenn du mit mir gelebt hättest, aber ich verstehe es jetzt immer mehr, dass es damals die bessere Lösung war.“, ganz bewegt beugt sich Ingeborg über den Schaltknüppel zu ihrer Mutter und umarmt sie innig.

Gertrudes Augen füllen sich mit Tränen und die alte Dame lässt sich in die Arme ihrer Tochter fallen.

8 Menschen

„Mama, wir beide dürfen heute das Leben feiern. Durch dein Ja zu mir, hast du auch ein Ja zu Lilly und Leonie gesagt und daraus sind jetzt ein Christoph, eine Lena, ein Klaus, eine Leonora und noch ein Baby hervorgekommen. Mama, durch dieses Ja, hast du acht Menschen das Leben geschenkt! Ich liebe dich.“, flüstert Ingeborg ihre tiefe Zuneigung in Gertrudes Ohr.

Gertrude, der es schwer fällt, solche großen Liebesbezeugungen anzunehmen, löst sich aus Ingeborgs Umarmung und wehrt die mächtigen Gefühle, wie immer, ab.

„Aber ohne deinen Vater wäre ich nie Mutter geworden. Denn ohne Männer hätten weder ich, noch du noch Lilly, noch Leonie die Möglichkeit bekommen, Mama werden zu können. Auch wenn diese, wie bei mir und Leonie, eigentlich nicht Väter sein wollten. Aber ohne das Gegenüber werden wir keine Eltern. Ohne die Männer werden wir keine Mütter und ohne uns Frauen werden die Männer keine Väter.“, Gertrude versucht ihr Gefühlschaos mit sachlichen Argumenten, ausgelöst durch Ingeborgs Liebesbezeugung, in den Griff zu bekommen.

Ingeborg, ihre Mutter kennend, startet das Auto und fährt rückwärts aus dem Parkplatz.

Dankbarkeit

„Eigentlich war es immer sie selbst, die keine Nähe zu ihrer Mutter suchte, aber jetzt fühlt sie immer häufiger Gefühle der Zuneigung und wahrhaftige Dankbarkeit und Liebe für sie“, schmunzelnd denkt Ingeborg über sich selbst und ihre Mutter nach und lässt der alten Dame dadurch Zeit.

Nach einer wohltuenden Stille beginnt Ingeborg ihrerseits wieder das Thema aufzugreifen.

„Weißt du was das Grandiose, das Erstaunliche ist?  Wir können uns die Kinder wirklich nicht selbst machen und besorgen? Wir müssen immer, ja immer über das andere Geschlecht gehen. Auch bei der Invitro brauchen wir die Männer. Auch dort braucht es Mann und Frau. Da kann Gender noch so hüpfen und springen. Gott hat es so gedacht und darum wird es auch so gemacht!“, lacht Ingeborg über ihren Kalauer.

„Für diese Art von Witzen ist sonst dein Mann zuständig.“, lacht nun Gertrude laut heraus. „Ich finde diese Wortwitze immer gut und weiß nicht warum im Duden so etwas wie ‚nicht sehr geistreicher Wortwitz‘ steht.“, immer noch vor sich hin grinsend  hält Gertrude nun nach einem freien Parkplatz in der Innenstadt Ausschau. In der Nähe von Angelikas Restaurant ist es immer besonders schwer und so fährt Ingeborg doch in die nahe gelegene Parkgarage.

Rosa. Pink. Rot

Als sie die Tür in das kleine Lokal öffnen, schlägt ihnen lustiges lautes Stimmengewirr entgegen. Klausi stürmt seiner Oma und Uroma entgegen. „Mein Baby ist auch da!“, brüllt er und schmeißt sich in Ingeborgs Arme. Peter kommt ihnen ebenso entgegen, umarmt seine Schwiegermutter und küsst seine Frau lange und innig.

„Hallo meine Schönen. Es ist schon einiges los. Lilly und Leonie genießen ihre Babyparty. Was glaubst du hat Angelika extra für die beiden gekocht?“, mit lachenden Augen strahlt Peter seine Frau an.

„Gnocchi?“, fast ein bisschen eifersüchtig stellt Ingeborg diese Frage.

„Nein mein Schatz, das ist doch deine Spezialität für unsere Mädels. Andrea, Julia und Angelika haben zu Ehren von Leonora und Leonies Baby, denn die drei glauben, dass es ein Mädchen wird, nur rosa Gerichte gekocht.“, lachend führt Peter die beiden in den hinteren Bereich des Lokals.

Ingeborg traut ihren Augen nicht, alles, wirklich alles ist in rosa, rot und pink. Rohnensalat, Schrimps Salat, Tomatensuppe, kleine Schinkenpäckchen mit Frischkäse, Entenbrust, Rosa Ravioli in Buttersauce, Himbeertorte und pink verzierte Muffins. Ingeborg schüttelt freudig den Kopf, denn ihr kommt dieses Bild irgendwie bekannt vor. Sie begrüßt Andrea, Julia und Angelika mit herzlichen Umarmungen.

Als sie sich umdreht, erblickt sie Lilly, immer noch etwas bleich um ihre Nase und Leonie, mittlerweile kugelrund und glücklich am kleinen Tisch an der Wand sitzend. Beide haben kleine Schüsseln Tomatensuppe vor sich stehen und sind ins Gespräch vertieft. Daneben steht Klaus, er hält die schlafende Leonora im Arm und ist mit Christoph und Peter in ein Männer Thema vertieft. Jedenfalls lassen ihre interessierten Gesichtsausdrücke  diesen Schluss zu.

Ihre Mutter hat sich zu Angelika und den anderen Mädels gesellt, wo Lena mit großen Augen neugierig und freudig den Erzählungen der verschiedenen Generationen von Frauen lauscht.

Muttertag. Es ist wie ein großer Muttertag! Welch wunderbare Gesellschaft, welch wunderbare Menschen sind hier zusammengekommen, um Leonora und das kleinste Baby der Familie zu feiern.

Urgroßmutter, Mütter und Töchter, alle in einem Raum, alle feiern ein Fest. Wie Muttertag und das im Winter. Ingeborgs Herz schlägt vor Freude und sie ist überglücklich.

Ein kalter Windstoß schlägt ihr entgegen und sie dreht sich um und blickt zur Tür. Ein großer blonder junger Mann betritt den Raum, gefolgt von einem etwas kleineren schwarzhaarigen. Marco.

Ingeborg freut sich diesen jungen Mann zu sehen und blickt zu Leonie. Der Gesichtsausdruck ihrer Tochter spricht Bände.

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Lilly und LeonieOmis Lieblingsmenschen

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