Liebt sie!

Kapitel 59

Endlich.

Leonie freut sich, die kleine Leonora kennen lernen zu dürfen, denn nun darf sie Lilly endlich besuchen. Leise und bedacht betritt sie das Krankenzimmer, in dem sich ihre Schwester von der schweren Geburt erholt. Als sie zaghaft und langsam die Türe öffnet und in das Zimmer eintritt, entdeckt sie im Bett genau der Tür gegenüber, die schlafende Mutter.

Leonie will wieder leise verschwinden, da schlägt Lilly die Augen auf und lächelt ihr entgegen. Leonie erschreckt, als sie das bleiche Gesicht ihrer Schwester sieht. Auf Zehenspitzen schleicht sie in die Mitte des Zimmers, greift sich einen Stuhl, der an der Wand gelehnt steht und nimmt behutsam Platz. Da entdeckt sie, ganz an Lilly gedrückt, ein kleines Bündel.

Strahlende Augen erhellen ihre beiden Gesichter und schwesterliche, liebende Blicke treffen sich. Leonies Herz schlägt augenblicklich schneller und wie ein leichter Schmetterling umschwirrt Freude ihr Herz.  Sie zieht die weiße, leichte Stoffwindel, die das Gesicht des Neugeborenen bedeckt, sachte zur Seite. Hervor kommt ein kleines, rundes, hübsches Babyantlitz, das im Schlaf versunken die ganze Schönheit der Welt symbolisiert.  Welch ein Wunder!

Leonie beugt sich über den Säugling und küsst sanft Leonoras Wange, um dann Lilly herzlich zu umarmen. „Ich freue mich so für dich, Schwesterherz!“, haucht sie in Lillys Ohr. „Du hast ein kleines Wunder geboren.“

„Es ist immer wieder ein unglaubliches Erlebnis, ein Kind zur Welt bringen zu dürfen.“, lächelt Lilly und legt sich wieder auf das Kopfkissen zurück. Es ist ihr anzusehen, dass sie noch geschwächt ist.

„Bitte sag mir, wie verläuft so eine Geburt?“, fast ein bisschen ängstlich will Leonie es aber doch wissen. Je näher sie ihrem eigenen Geburtstermin kommt, umso sorgenvoller kommen immer wieder Angst und Furcht in ihr hoch.

Wie soll sie diese Frage beantworten?

Lilly ist sich nicht sicher, wie sie diese Frage nach dieser schwierigen und schmerzvollen Geburt beantworten soll. Einerseits möchte sie Leonie nicht beunruhigen, andererseits weiß sie aber, dass sich ihre Schwester nur noch mehr Sorgen bereiten würde, wenn sie schweigt.

„Man kann sich gar nicht vorstellen, dass so etwas schmerzhaftes, schreckliches und etwas so schönes, wunderbares und einzigartiges wenige Sekunden voneinander getrennt erfahrbar sein kann.“, ehrlich antwortend aber doch ernst geworden, blickt Lilly ihrer Schwester ins bleicher werdende Gesicht.

„Diese Geburt war für mich die schwierigste, denn durch den Sturz begann diese, obwohl weder das Kind noch mein Körper dazu bereit waren. Die heftigen Schmerzen hörten nicht mehr auf und die Wehen kamen so schnell und heftig hintereinander, dass mir fast keine Zeit blieb, um zu atmen. Aber bitte sieh sie dir an. Ist sie nicht jeden Einsatz wert? Ist dieses Kind nicht das größte Gottes-Geschenk? Sind wir Frauen nicht  die Gesegneten auf diesem Planeten?  Weißt du, wir und nur wir Frauen haben den Zugang zum Geheimnis des Lebens.“, voller Freude strahlt Lilly ihre kleine Tochter an.

„Wir haben eine Leonora, eine Lena, eine Lilly und eine Leonie! Weißt du, dass diese vier L auch für Leben und Liebe stehen könnten?“, offenbart Leonie ihrerseits ihre Ideen.

„Das ist ein wunderbarer Gedanke. Wir Frauen werden in unseren Familien für die Liebe zuständig sein. Nicht dass wir den Männern die Show stehlen wollen, aber ich glaube, da wir das Geheimnis des Lebens kennen, kennen wir auch das Geheimnis der Liebe besser.“, mit einem sanften Lächeln über diese Gedanken, beugt sich Lilly über ihre Tochter und gibt ihr einen lauten Schmatz auf ihre kleine Stirn. Sie hebt die noch schlafende Leonora hoch und legt sie in Leonies Arme.

„Weißt du, hier im Bett liegend, denke ich viel über meine Kinder nach und frage mich, ob ich auch allen vier eine gute Mutter sein kann.“, plötzlich schwebt Traurigkeit durch den Raum und Leonie sieht ihre Schwester verständnislos an.

Ist das nicht würdelos?

Lilly versucht die richtige Position in ihrem Bett zu finden, drückt auf den Knöpfen herum, einmal auf, dann wieder hinunter, bis es ihr nach einer gefühlten Ewigkeit endlich passt. Sie versucht sich zu entspannen, aber die Sorge steht ihr noch im Gesicht. „Überall höre ich, dass ich meine Kleinen so schnell wie möglich abgeben soll. Aber ich möchte das nicht. Ich möchte allen meinen Kindern Zeit geben, sich an ihre Schwester zu gewöhnen, sie kennen zu lernen und die Liebe zu ihr aufbauen zu können. Darüber hinaus lese und höre ich oft in unseren Medien, dass wir Mütter spätestens nach einem Jahr wieder arbeiten sollen, als unser gutes Recht, wie es vermittelt wird. Kannst du dir vorstellen, dieses schutzlose Wesen einer fremden Person zu überlassen? Ist das nicht würdelos?“

Leonie hält die kleine Leonora fest in ihren Armen und ist fasziniert und hingerissen. „Nein, ich könnte diesen Goldschatz auch nicht in fremde Hände geben. Ich würde sie gar nicht mehr loslassen wollen. Aber warum beschäftigen dich gerade jetzt solch schwere Gedanken?“, will Leonie wissen.

„Ich weiß es nicht, aber siehst du das Kreuz, dass an der Wand hängt?“, Lilly zeigt auf ein schlichtes einfaches Holzkreuz. „Als ich in der Nacht nach der Geburt allein und ohne Baby ins Zimmer gebracht wurde, habe ich diesen kleinen Menschen so vermisst. Leonora musste ja noch zwei Tage in den Brutkasten. Ich dachte, ich kann sie doch nicht allein lassen, ich war aber selbst zu schwach und so lag ich da, einsam, ausgelaugt und müde und sah dieses Kreuz. Und da habe ich das Leid Jesu plötzlich verstanden.

Durch meine Schmerzen, durch diese schlimmen Stunden ist meine Liebe zu diesem kleinen Menschen nur noch größer geworden. Ich glaube Jesus hat  uns genau das gezeigt. Er hat aus Liebe diese Schmerzen ertragen, damit wir durch unsere Schmerzen, durch unseren Einsatz für den Anderen mehr lieben können. Ich weiß, das klingt verrückt, aber mir kommt es vor, als ob ich dieses Kind und meine anderen Kinder deshalb so sehr liebe, weil ich für sie diese Schmerzen erleiden musste. Ich glaube darum sind Frauen zu solch großer Liebe fähig. Vielleicht ist das Erleiden dieser Schmerzen, die für das Leben notwendig sind, der Grund, dass uns das Beschützen und Bewahren der Würde anderer Menschen so tief ins Herz eingeschrieben ist“, jetzt nicht mehr traurig, sondern immer freudiger werdend, blickt Lilly ihre Schwester und ihre kleine Tochter mit einem durchdringenden, liebenden Blick an.

In dem Moment fängt Leonora an sich zu räkeln und beginnt augenblicklich an zu schreien. Leonie, überrascht über die Lautstärke, zu der die Kleine fähig ist, überreicht Lilly schleunigst ihr brüllendes Kind.

Lilly nimmt die Kleine mit sicherem, festem Griff und legt sie gekonnt an die Brust. Augenblicklich herrscht wieder Ruhe im Raum.

„Ja, die Kleine weiß schon was sie will.“, schmunzelt Lilly. „Dieser kleine Mensch weiß genau, was für sie gut und richtig ist. Bei all meinen Kindern konnte ich das beobachten. Als ob sie einen inneren Kompass hätten. Vielleicht ist das ihr inneres Wissen über ihre eigene Würde?“

„Also du glaubst, es ist falsch, diese kleinen Personen schon früh von der Mutter zu trennen? Ich möchte eigentlich so bald wie möglich wieder arbeiten gehen. Ist das sinnvoll?“, etwas verunsichert blickt Leonie ihre stillende Schwester an. Dieses Bild von Lilly mit ihren Babys hat sie immer am meisten geliebt.

„Natürlich ist es möglich, aber sinnvoll? Diese Kleinen müssen so viel lernen und wir sollten sie doch individuell fördern. Sie müssen gehen, sprechen und essen lernen, sie müssen gewickelt werden und noch so vieles mehr. Ihr innerer Kompass muss richtig ausgerichtet werden. Warum glaubst du, heißt es Muttersprache? Weil sie von uns Müttern meistens diese lebensnotwendige Fähigkeit der Sprache erlernen. Wer zeigt ihnen, dass sie angenommen sind, dass sie geliebt werden, wenn nicht ihre eigenen Mütter? Unsere Politiker nehmen immer mehr Geld in die Hand, um Kleinkindergruppen in den Kindergärten zu ermöglichen.  Wenn sie nicht von mir, wenn sie nicht von dir geliebt werden, von wem dann? Sollten das die angestellten Pädagogen übernehmen müssen? Wäre das überhaupt möglich? Darf so etwas von jemandem verlangt werden?“, aufmüpfig lächelt Lilly ihrer jüngeren Schwester zu.

„Die Männer gehen für uns in den Krieg, sie kämpfen für uns, sie sollen uns beschützen. Wir gebären unsere Kinder, all dieses bemächtigt uns Männer und Frauen zu großer, bedingungsloser Liebe. All das befähigt uns, die Würde jedes Einzelnen zu erkennen. Dadurch werden wir uns unserer eigenen Würde bewusst und werden so auch unseren Nächsten würdevoll begegnen, denn Anderes wäre ja wiederum unter unserer Würde, oder? Wenn wir unsere Kinder nicht lieben, dann liebt sie keiner!“

Leonie hört ihrer Schwester aufmerksam zu, aber ihre Sinne sind ganz auf diese Szene vor ihr ausgerichtet.

Eine stillende Frau. Das ist Schönheit, das ist Würde in ihrem vollen Ausdruck!“, denkt sie lächelnd bei sich und dabei streichelt sie ihrerseits ihr Baby, mit immer größer werdender Liebe.

„Wenn wir unsere Kinder nicht lieben, dann liebt sie keiner!“

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Bedingungslos!

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