Erhebe dich

Kapitel 58

Vater!

„Du wirst Vater!“, hat sie ihm durch das Telefon kurz und bündig mitgeteilt. „Du brauchst keine Verpflichtungen übernehmen, ich schaff das allein!“, war alles was er hört.

Wie eine mächtige Welle, schnell und gewaltig, rollen diese Worte auf ihn zu. Er zieht die Luft durch die Zähne und ein zischendes Geräusch entsteht, so laut, dass es ihn erschreckt.

Seine Gefühle wirbeln wie in einem Hauptwaschgang durcheinander. Emotionen springen von traurig, erschreckt, überfordert bis hin zu freudig und glücklich und wieder zurück.

Er wird Vater. Er kann es gar nicht glauben. Fragen über Fragen strömen auf ihn ein und da versucht er seine Mutter anzurufen. Doch bevor sie sich meldet, erinnert er sich an den Vorwurf von Martina: „Du fragst bei jeder Gelegenheit deine Mama! Werde endlich erwachsen!“, hallen ihre Worte noch in seinen Ohren und er legt hastig auf. Doch er ist völlig durcheinander. Sein erstes Kind durfte nicht leben und jetzt soll er doch Vater werden? Das alles innerhalb einiger Wochen, Tage und Stunden.

Plötzlich wird es ihm in seinem Büro zu eng, er entschuldigt sich und verlässt das imposante Gebäude im ersten Wiener Bezirk, in dem die Investmentfirma den obersten Stock gemietet hat. Als er ins Freie tritt, schlägt ihm kalter, eisiger Wind entgegen. Nicht nur sein Herz fröstelt. Er schlendert durch die Habsburgergasse Richtung Graben, an tausenden Touristen vorbei und findet sich vor dem Stephansdom wieder. Der schneidend kalte Wind umschwirrt ihn und durch einige Fremde gedrängt, findet er sich im dunklen, ihm nicht vertrauten Kirchenraum wieder. Wie ein Magnet zieht es ihn nach vorne, wo gerade die heilige Messe gefeiert wird. Die laute, aber angenehme Stimme des Priesters hallt durch den vorderen Bereich und ganz wie von selbst nimmt er auf einer der Bänke Platz.

„Jesus wurde für uns leibhaftiger Mensch. Das feierten wir vor kurzem an Weihnachten. Gott ist als Kind, als Neugeborenes auf die Welt gekommen. Völlig schutzlos, völlig auf die Fürsorge von Maria und Josef angewiesen. Nur durch eine Flucht nach Ägypten konnte Josef das Baby und seine Mutter beschützen. Jesus, der Sohn Gottes, war absolut auf die Liebe und Fürsorge seiner irdischen Eltern angewiesen. In einigen Wochen gedenken wir seines schmerzvollen und grausamen Todes. Auch hier scheint es, dass er schutzlos ausgeliefert ist. Niemand steht ihm zur Seite. Judas verrät ihn, Petrus verleugnet ihn und die Jünger verstecken sich. Aber nicht ganz. Maria, seine Mutter, Maria Magdalena und Johannes stehen ihm bei, bleiben unter dem Kreuz stehen. Sie bleiben ihrer Liebe zu ihm treu!“, erschreckende, aber doch schöne Bilder, verwoben mit der melodiösen Stimme des Priesters, entstehen in Marcos Vorstellung. Andächtig und bewegt hört er dieser fantastischen Geschichte zu.

 

Vorhang zu

„Und dann der Tod! Jesus stirbt am Kreuz. Alles aus. Schluss. Vorhang zu!“, endet der Mann auf der Kanzel dramatisch.

„Tod, ja mein Kind ist tot.“, durchzuckt dieser immer wieder erschreckende Gedanke Marcos Kopf.

„Doch das Geschehen ist nicht zu Ende. Nein, jetzt beginnt erst die wahre Geschichte !“, mit lauter Stimme beginnt der Priester von neuem. „Jesus hat in seinem Leben viele Wunder vollbracht, er hat viele kluge Sätze gesagt, er hat viele Menschen bewegt, angesprochen und sogar geheilt, aber dieser Tod war der Grund seiner Menschwerdung. Er ist für uns gestorben, um nach drei Tagen den Tod zu besiegen und uns damit das Leben im Himmel zu ermöglichen. Damit beginnt die großartigste Geschichte der Liebe.“, schließt der Pfarrer seine Predigt.

Die Messe ist zu Ende und Marco bleibt ratlos auf seiner Bank sitzen. Er hat sich mit dem christlichen Glauben noch nie richtig auseinandergesetzt und so ist das Gehörte für ihn absurd, unverständlich und nebulös. Das eine seiner Kinder musste sterben und das andere darf leben. Alles scheint in den Händen von Menschen zu liegen? Ist es richtig, dass ein Menschenleben vom Wohlwollen anderer abhängt? Dieser Jesus ist  scheinbar Gott und wurde Mensch, brauchte als kleines Kind den Schutz von anderen und wurde dann am Ende umgebracht. Er kennt das Symbol des Kreuzes, weiß aber nicht warum und wieso das so und nicht anders geschehen ist.

Rien ne va plus

„Kann ich Ihnen helfen?“, erkundigt sich der Priester, vor ihm stehend und  Marco direkt in seine Augen blickend. „Was heißt hier großartigste Geschichte der Liebe? Er ist tot. Aus vorbei. Rien ne va plus. Nichts geht mehr.“, zornig starrt Marco den Mann an, der sich ungefragt an seine Seite setzt.  „Ich habe ein Kind verloren, es wurde abgetrieben.“, von Ekel gepackt, spuckt Marco diese Worte dem Priester sinnbildlich entgegen.

Drei Leben

„Und vor nicht einmal einer Stunde erfahre ich, dass ich doch Vater werde. Sie sprechen vom Tod, der in der großartigsten Geschichte der Liebe zu enden scheint?“

„Ein Tod ist ein Tod und hat bestimmt nichts mit Liebe zu tun.“, verzweifelt will Marco aufstehen und den Dom verlassen.

„Wissen Sie, es gibt drei Leben. Das Leben des Ungeborenen, das Leben, das wir beide gerade hier auf dieser Welt leben und das Leben im Himmelreich.“, beginnt der Priester mit versöhnlicher Stimme, die Marco auffordert, doch wieder Platz zu nehmen.  „Jesus ist für uns gestorben, um dann den Tod zu bezwingen und für immer überwindbar zu machen. Der Grund für sein Handeln war, dass er die Schuld der Menschheit auf sich genommen hat, dafür den verdienten Tod gestorben ist und die Menschen durch seine Auferstehung frei gemacht hat. Somit können wir das Leben im Himmelreich erlangen, ein Leben in Ewigkeit und wir können erwarten, dass wir nach unserem Tod all unsere Lieben wiedertreffen werden. Der christliche Glaube vertritt die Ansicht, dass es eine leibliche Auferstehung gibt – das gibt es sonst in keiner Religion. “, geduldig erklärt der Priester fundamentale christliche Wahrheiten.

„Wie, das verstehe ich jetzt nicht. Sie sagen, Jesus ist gestorben, um weiterzuleben. Dass der Sinn seiner Geburt sein Sterben ist. Dass wir im Himmel weiterleben werden?“, völlig ungläubig sieht Marco sein Gegenüber an. Durch die Fenster hinter dem  Altarraum fallen in diesem Augenblick einzelne Sonnenstrahlen und erhellen den ganzen Raum mit einem wunderbaren, warmen Licht. Marco spürt plötzlich so etwas wie Frieden.

„Heißt das, dass ich mein getötetes Kind im Himmel wiedersehen kann?“,

„Ja, meiner Überzeugung nach, werden sie ihr Kind treffen.“, erklärt der Priester dem völlig verblüfften jungen Mann.

Hat der Mensch alles in der Hand

„Vor einigen Wochen erzählte mir meine Freundin, dass sie unser Kind abgetrieben hat und jetzt erfahre ich, dass ich durch einen One-Night-Stand Vater werde. Wie sie sich vorstellen können, bin ich jetzt etwas überfordert. Und dann höre ich zufällig ihre Predigt über den Tod und die großartigste Geschichte der Liebe. Darüber, dass ich mein Kind vielleicht doch noch kennenlernen könnte, dass mit dem Tod nicht alles vorbei sei!“.

„Ja. Diese übermächtige Liebe, die Gott zu jedem Menschen hat, macht uns alle zu etwas ganz Besonderem. Jedes Kind ist ein Kind Gottes, ist sein Geschöpf und er wird es nie aus den Augen verlieren. Es ist ein großes Unrecht, den kleinen Menschen das Leben hier auf Erden zu verweigern und wir alle werden dieses Tun noch bitter bereuen. Aber Gott wird seine Kinder aufnehmen und so werden auch Sie, wenn Sie an Gottes Liebe glauben, wenn Sie auf seine Liebe vertrauen, Ihr verstorbenes Kind wiedersehen.“, voller Güte sieht der Priester Marco mit einem Lächeln an.

„Erhebe Dich!“, fordert plötzlich der Priester Marco auf, der daraufhin sofort aufspringt.

“Ich meinte nicht körperlich,”, zu du gewechselt, lächelt der Priester Marco an. “Erhebe dich! Erhebe Dich zum Vater. Erhebe Dich zu deiner männlichen Kraft. Die männlichste aller Aufgaben ist es, Frau und Kind zu schützen. Wenn Du die Liebe unseres Vaters kennen lernen willst, dann, indem Du selbst Vater mit all der Verantwortung, der Zeit und dem Engagement wirst und Du Dein lebendes Kind und seine Mutter beschützt.“, auffordernd lächelt der Priester Marco an.

Erhebe dich

 

„Erhebe Dich! Diese zwei Worte immer vor sich hersagend, schlendert Marco zu dem vereinbarten Treffpunkt. Als er bei einem Blumengeschäft vorbei geht, kauft er kurzerhand alle roten Rosen. Der riesige Strauß fühlt sich an, als ob dieser ein übermächtiger Schutzschild wäre. Ein Schutzschild mit dem er sein Kind begleiten, behüten und beschützen will. Da spürt er eine Stärke, eine Kraft und einen Frieden in sich wachsen, der ihm in dieser Weise, unbekannt ist.

Als er die Mitte des Leibes von Leonie berührt, verspürt er eine leichte, sanfte Bewegung unter seiner Hand. Ein Strahlen erhellt sein Herz und Dankbarkeit durchströmt seinen ganzen Körper.

„Danke, dass du unser Kind leben lässt!“, beseelt von freudigen Gefühlen, blickt er in das Gesicht dieser hübschen Frau und fühlt sich, seit langem, glücklich.

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Fels

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