Liebessprachen

Kapitel 57

Papa

„Du wirst Vater!“

„Wie?“

„Vor einigen Wochen hatten wir Sex. Erinnerst du dich nicht an unseren One-Night-Stand? Tja, und jetzt bekomme ich ein Baby.“

„Bitte noch einmal, Männer brauchen für gewöhnlich etwas länger. Du sagst ich werde Vater?“

„Ja“

Stille

„Ich freue mich“.

„Du hast aber keine Verpflichtungen. Fühle dich frei. Ich schaffe das auch allein.“, ein zischendes Geräusch am anderen Ende der Leitung. Leonie sieht es direkt vor ihren Augen, wie Marco die Luft angestrengt durch die Zähne zieht.

„Ich freue mich aber und ich möchte Verpflichtungen haben.“, langsam und bedächtig antwortet Marco und Leonie spürt den Schock, der von der anderen Seite auszugehen schien.

Mit einem Lächeln erinnert sich Leonie an dieses kurze, skurrile Telefonat, das sie gestern mit Marco führte.

Jetzt ist sie auf dem Weg in die Wiener Innenstadt. Marco hat sie inständig um ein Treffen gebeten, er hat sie buchstäblich angefleht. Er will teilhaben an ihrem Glück, er will Vater sein, er will, er will, er will. Wie ein sprudelnder, anschwellender Bergbach strömten die Worte nur so aus ihm heraus. Nach anfänglichem Schock hörte er nicht mehr auf zu reden, sich zu freuen und immer wieder seine Bereitschaft kundzutun, dass er ein Teil ihrer beiden Leben sein möchte.

Verantwortung übernehmen!

„Hallo Omi, weißt du was ich gerade mache?“, von Freude erfüllt, möchte Leonie diese, für sie so unerwartete Wende mitteilen. Weder Andrea noch Julia waren erreichbar, Lilly ist immer noch geschwächt und so ruft sie kurzerhand ihre Großmutter an..

„Hallo mein Engel. Bitte erzähl es mir!“, freut sich Gertrude über den unerwarteten Anruf.

„Ich treffe Marco, den Vater des Kindes und stell dir vor, er möchte Verantwortung übernehmen und am Leben unseres Kindes teilhaben. Er freut sich sogar sehr! Omi ich bin so glücklich!“, aufgeregt erzählt Leonie die neuen, überraschenden Entwicklungen.

„Das finde ich richtig gut. Ich freu mich für dich und du  hast dadurch die Möglichkeit viele Ausdrucksweisen der Liebe kennen zu lernen.“, Gertrude lächelt ins Handy und es wird ihr warm ums Herz.

„Aber Omi, Liebe ist Liebe, da gibt es doch keinen Unterschied oder weiß ich da wieder etwas nicht?“, lachend bahnt sich Leonie den Weg durch den Stadtpark Richtung Kärntnerstraße.

„Mein Schatz, du erfährst gerade die Liebe einer Mutter und ich glaube diese Liebe kennt alle Sprachen!“.

Liebestank

„Spricht die Liebe Sprachen?“, neugierig geworden bleibt Leonie stehen und nimmt einen leichten Duft, der sanfte Freude in ihr Herz zaubert, war.

„Es gibt die fünf Sprachen der Liebe, auf die ich in meinen Leben immer wieder gestoßen bin. Jeder Mensch hat seine eigene Hauptsprache und wenn du diese kennst, wird dein Leben mit deinen Mitmenschen viel einfacher. Es gibt eben eine Sprache, mit der man Liebe vermitteln kann, um dadurch des anderen Liebestanks aufzufüllen.“

„Frühling. Omi es riecht schon nach Frühling.“, in dem Moment wird Leonie bewusst, was sie vor kurzem wahrgenommen hat und ihr Herz einen freudigen Sprung machen ließ. Frühling! Leonies Lieblingszeit im Jahreskreis. Frühling, der vielleicht gerade jetzt in ihr Leben eintritt.

„Sprachen der Liebe. Wie soll ich das verstehen?“ fragt Leonie, aufmerksam geworden, nach.

„Die Liebe kann sich verschieden ausdrücken. Jeder Mensch hat so seine eigene Methode, dem anderen seine Zuneigung zu zeigen. Der eine, in dem er dem anderen hilft, der andere, dass er seine Mitmenschen lobt und ihnen Anerkennung zollt. Ein Dritter liebt es Zeit zu zweit mit dem geliebten Menschen zu verbringen und einem anderen macht es große Freude Geschenke, die von Herzen kommen, zu schenken. Als fünfte Sprache der Liebe gibt es die körperliche Liebe, die sich über Zärtlichkeit und auch Sex offenbart. Natürlich spricht man nicht nur eine Sprache, aber eine ist doch die Muttersprache der Liebe.“

„Dann Omi, spreche ich die Sprache des Körpers, denn ehrlich, ich spürte damals eine ungeheure Anziehung, von diesem Mann ausgehend.“, lachend setzt Leonie ihren Weg durch den erwachenden Park fort.

„Ich weiß nicht ob ein One-Night-Stand etwas mit Liebe zu tun hat.“ wirft Gertrude in den Gedankenaustausch ein.

„Mama erzählt uns immer wieder, dass wir nur durch den Körper unsere Empfindungen, Gefühle, Emotionen und unsere Liebe ausdrücken können. Du erzählst mir, dass die Liebe verschiedene Sprachen hätte und so glaube ich, die Sprache der Zärtlichkeit und des Körperkontaktes ist mir am nächsten.

Tanzen

Durch den innigen, wunderschönen Tanz entstand eine ungeheure Anziehung zu diesem Mann. Wenn er mir Komplimente gemacht hätte oder mich über den grünen Klee gelobt hätte, dann hätte ich bestimmt keinen Sex mit ihm gehabt. Omi du bist echt super! Ich glaube, mir wird jetzt so manches klar.“, immer freudiger werdend beschleunigt Leonie ihre Schritte.

„Bist du der Meinung, auch dieser Marco spricht die gleiche Sprache?“, Gertrude macht dieser Dialog immer mehr Spaß.

„Ja, ich glaube das muss so sein, da wir uns ja völlig überstürzt ins Bett geschmissen haben.“.

Rote Rosen

Da entdeckt Leonie Marco am Anfang der Kärntnerstraße, gegenüber der imposanten Wiener Oper. Sie bleibt abrupt stehen und glaubt ihren Augen nicht zu trauen. Da steht doch dieser adrette junge Mann mit einem großen Strauß roter Rosen, wartend und sich nervös umblickend, allein auf der überfüllten Straße. Leonie lächelt in sich hinein und flüstert ins Telefon.

„Omi ich muss aufhören, ich sehe ihn. Stell dir vor, er trägt einen riesigen Strauß roter Rosen in seinen Armen. Ich glaub es nicht. Was geht da denn ab?“

„Warum flüsterst du?“, lachend amüsiert sich Gertrude. „Glaubst du er hört dich?“

„Ha, du hast recht, ich bin wirklich noch viel zu weit weg. Bin ich blöd oder nervös? Ich höre jetzt auf, Omi, aber danke, mit dir zu quatschen ist einfach cool. Du bist zwar nicht meine Generation, aber du weißt einfach so viel. Danke und Bussi.“, lächelt Leonie und legt, bevor ihre Omi etwas antworten kann, auf.

„Hallo!“ leise begrüßt Leonie Marco, der ihr gerade den Rücken zu wendet.

Schwungvoll dreht er sich um und umarmt sie mitsamt der Rosen stürmisch, obwohl der nicht mehr so kleine Bauch eine zu enge Umarmung verhindert.

„Danke.“, war das einzige, das er mit leiser Stimme hervorbringt.

„Danke!“

Leonie schiebt ihn leicht von sich und nimmt ihm die Blumen ab. „Sind die für mich?“, diese unsinnige Frage stellend, blickt sie Marco direkt ins Gesicht.

Dunkle, fast schwarze, leuchtende Augen strahlen ihr entgegen. Sie spürt wieder diese körperliche Anziehung. Ist das wirklich ihre Sprache der Liebe?

„Warum danke?“

„Weil du mich angerufen hast und mich sehen willst. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich darüber freue. Wir hatten ja nur eine Nacht, wir kennen uns kaum und trotzdem willst du das Baby bekommen. Warum? In unserer Zeit ist es ja normal, sich gegen so ein ungeplantes Kind zu entscheiden. “, völlig nervös trippelt Marco von einem Fuß auf den anderen.

Es ist mein Kind

„Am Anfang wollte ich ja abtreiben. Aber nach einiger Zeit wurde mir bewusst, dass es trotz allem ein Kind, mein Kind ist. Es ist ein Mensch. Ich habe rechtzeitig erkannt, dass mir so eine schwerwiegende Entscheidung nicht zusteht. Ich bin doch nicht Gott, ich kann doch nicht über andere Menschenleben verfügen.“,  So deutlich auf den Punkt gebracht, wird ihr diese Wahrheit noch mehr bewusst und sie spürt eine Wut in ihr aufsteigen. „Ich weiß, es ist in unserer wohlhabenden Gesellschaft an der Tagesordnung, Kinder zu töten. Vielleicht sprechen wir ja alle die Sprache des Todes!“

„Sprache des Todes?“

„Ja, auf dem Weg hier her hatte ich ein Gespräch mit meiner weisen Omi und sie erklärte mir die fünf Sprachen der Liebe, darum ist mir nur der Gedanke gekommen, dass wir in Österreich, in der westlichen Welt, statt der Sprache der Liebe vielleicht die Sprache des Todes sprechen. Bitte entschuldige meine düsteren Gedanken, wo ich so einen herrlichen Blumenstrauß im Arm halte.“, lächelt Leonie Marco an und richtet ihr Gesicht Richtung der schon wärmenden Sonne.

Marco tritt einen Schritt näher und deutet auf Leonies Bauch. „Darf ich?“

„Ja natürlich.“

Ganz behutsam legt er seine Hand auf die Mitte ihres Leibes und ein Lächeln erhellt seine Augen, sein ganzes Gesicht. „Danke. Danke, dass du unser Kind leben lässt.“

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Words

Wörter, auch eine Sprache der Liebe.

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