Kinderglück

Kapitel 54

Hab ich mein Gehirn verloren?

„Weißt du, plötzlich glauben alle mir sagen zu müssen, was ich zu tun hätte. Nur weil ich schwanger bin, habe ich doch mein Gehirn nicht abgegeben!“, stöhnend, aber lachend zieht sich Leonie auf den Barhocker in Angelikas Bar am Papageno Platz. Ihr, zwar noch immer kleines Bäuchlein, macht sich gerade bei solchen Hochziehübungen doch bemerkbar.

„Also ich freue mich, wenn du mit mir wieder ein gutes Glas Rotwein trinken darfst.“, mit ihrem Glas Leonie zuprostend, strahlt Angelika ihre Freundin an.

In dem Moment wird die Tür, begleitet von einem kalten Luftzug, aufgestoßen und Lilly steht leichenblass im Türrahmen. Angelika springt augenblicklich auf, eilt ihr entgegen und begleitet sie zum nahegelegenen Tisch. „Was ist denn passiert?“, auch Leonie ist sofort zur Stelle und blickt ihre Schwester sorgenvoll an.

Lilly nimmt einen tiefen Atemzug und hält sich an ihrem übergroßen Bauch fest. Gerade letzte Woche erzählte sie Leonie, dass sie 1,25 Meter Bauchumfang gemessen habe und mittlerweile unter der Belastung zu leiden beginnt. Bis zum Geburtstermin sind es noch drei Wochen.

„Es ist so eisig und ich bin vor dem Lokal ausgerutscht und hingefallen.“, ängstlich starrt Lilly in die Runde. „Ich konnte mich nicht abfangen und landete mit voller Wucht auf meinem Hintern. Ich hoffe es ist dem Baby nichts passiert, denn als ich mit meinem ganzen Gewicht landete, durchzuckte mich ein heftiger, stechender Schmerz.“

„Wie geht es dir jetzt?“, sorgend blickt Leonie Lilly an.

 

Kräuterlikör

„Ich spüre gerade nichts, ich hoffe der Schmerz kam nur durch die Wucht des Sturzes. Hast du einen Schluck Wasser für mich? Vielleicht mit einem kleinen Schuss Kräuterlikör, ich zittere wie Espenlaub bei stürmischem Wind.“, lächelt Lilly zaghaft in die Runde.

„Du kannst doch jetzt nicht einen Likör trinken!“, ungläubig starrt Angelika Lilly an.

„Geht es dir auch so, dass alle immer besser wissen, was für dich das Richtige ist?“, schon wieder schelmisch werdend, stellt Lilly diese Frage an Leonie.

„Ja, mir kommt es vor, ich werde von allen behandelt, als ob ich meinen Verstand verloren hätte!“, nun lacht auch Leonie, froh, dass ihre Schwester wieder zu Scherzen fähig ist.

„Bitte bring mir auch einen kleinen Likör. Auf diesen Schreck brauche ich jetzt einen Schluck.“, bestellt sich Leonie diese aufbauende Versprechung.

„Ok, dann gibts Chilly-Schokolikör alkohlfrei!“, grinst Angelika den beiden entgegen und serviert zwei winzige Stamperl, in denen eine dunkle, süße Flüssigkeit schwimmt.

Lilly nimmt den kleinen Schluck und gleich darauf erscheint wieder Farbe in ihrem Gesicht. „Alles OK, war nur der Schreck“, lehnt sie sich in den Sessel zurück und schließt für einen kurzen Augenblick die Augen. Dabei hält sie ihre Hände schützend um ihren Bauch. Leonie lächelt, denn diese Geste ist ihr sehr vertraut.

„Habe ich dir schon erzählt, dass Mama und Oma zu wissen glauben, was für mich und das Baby das Beste wäre?“, gespielt entrüstet nimmt Leonie das Gespräch wieder auf.

Bei welchem Thema sind die zwei sich denn mal einig?“, ungläubig blickt Lilly fragend in den Raum. Aus all dem Erlebten weiß sie, dass es wenige Themen gibt, die diese zwei Streithähne verbindet. „Haben sie dir erklärt, wie man ein Baby wickelt?“, zwinkert sie ihrer Schwester zu.

„Nein, so wichtig war es auch wieder nicht.“, lacht Leonie. „Sie wollten mir erklären, dass ich den Vater meines Babys in unser Leben einladen sollte. Ich arbeite für die Leihmutterschaft, da ist weder der richtige Vater noch die richtige Mutter für das Glück des Kindes von Bedeutung. Warum sollte ich also einen Unbekannten, mit dem ich einmal geschlafen habe, in mein Leben integrieren?“, stellt Leonie fest, die Wut spürend, die beginnt sich in ihr auszubreiten.

„Wie, du willst dem Vater nichts erzählen? Du möchtest das Kind ganz alleine erziehen?“, ungläubig schaltet sich Angelika in das Gespräch ein.

„Ja, was glaubst du? Ich kenne ihn ja kaum.“

„Willst du, dass dein Baby glücklich wird?“, fragend blickt Lilly ihre kleine Schwester an. „Wenn dem so wäre, dann hättest du keine andere Wahl, als ihn in eure Leben aufzunehmen.

Es braucht ein Dorf

„Mein Baby wird auch mit mir alleine glücklich und ich habe ja auch euch alle an unserer Seite. Es heißt ja, ein Kind braucht ein ganzes Dorf, um gut aufwachsen zu können. Unsere Familie ist groß genug, damit dieses kleine Wesen glücklich werden kann!“, immer lauter werdend, verteidigt Leonie ihre Überzeugung.

„Das größte Geschenk, dass wir unseren Kindern machen können, ist, dass sie willkommen und geliebt sind.”, liebevoll blickt Lilly in die fragenden Augen ihre Schwester. “Daraus entstehen die lebenswichtigen Bindungen und nur durch diese werden sie in der Freiheit zu den Personen, die sie sind. Diese Kinder können ihre menschliche Basis, ihre Talente entfalten, können verantwortungsbewusst, empathisch, freundlich, hilfsbereit, liebevoll oder großherzig werden. Dieses Geschenk des Willkommen seins, können Mama und Papa als leibliche Eltern dem Baby am besten schenken. Weil sie es aus ganz naturgegebenen Gründen auch am meisten lieben können. Wenn dem nicht so wäre, dann wären wir schon längst ausgestorben.

Darum bin ich davon überzeugt, dass die Liebe einer Mutter und eines Vaters mit keiner anderen Liebe vergleichbar ist und von niemandem gleichwertig ersetzt werden .“,  stellt Lilly einleuchtend ihre Sicht der Dinge dar. „Kann elterliche Liebe überhaupt ersetzt werden? “, hakt sie noch nach.

„Aber, wie du weißt, war meine Schwangerschaft weder von mir noch von dem Unbekannten gewollt. Also können wir diesem Kind diesen Aspekt gar nicht bieten und dadurch ist deine Argumentation schon hinfällig.“, verteidigt sich Leonie.

„Ich glaube, jedes Kind ist letzten Endes gewollt. Geplant vielleicht nicht, aber gewollt. Unser Unterbewusstsein agiert viel mächtiger, als wir es zu wissen glauben.“, unterbreitet jetzt auch Angelika ihre Ansicht.

Leonie verdreht die Augen und fragt genervt: „Ihr seid also auch der Meinung, dass ich Marco, dem Unbekannten, mitteilen soll, dass er Vater wird. Was mache ich, wenn er nichts davon wissen will?“.

„Das kann natürlich passieren. Wäre auch wahrscheinlich, weil er ja ein ziemliches Früchtchen sein muss, wenn er gleich mit jeder ins Bett steigt!“, lächelt Angelika verschmitzt Leonie zu.

Leonie wollte diesem kleinen Seitenhieb entgegnen, aber da fällt ihr Blick auf Lilly, die plötzlich mit schmerzverzerrtem Gesicht panisch in den Raum starrt.

„Was ist los?“, springt Leonie auf und kniet sich neben Lilly.

„Bitte hol Klaus. Mir ist die Fruchtblase geplatzt!“, keucht Lilly und starrt panisch auf das Wasser, das sich unter ihrem Sessel zu sammeln beginnt.

„Ich hole die Rettung!“, springt Angelika ebenfalls auf.

„Bitte ruf zuerst Klaus an. Wir beide brauchen jetzt den Vater!“, nach Luft schnappend krümmt sich Lilly von Schmerzen gebeutelt zusammen.

Lillys Mann erreicht das kleine Bistro in weniger als fünf Minuten und umarmt seine Frau zärtlich und liebevoll.

„Ich bin gestürzt und jetzt kommt das Baby viel zu früh!“, panisch und mit Angst in der Stimme, schluchzt Lilly ihrem Mann die erschreckende Nachricht entgegen.

„Mein Liebling, das ist unser viertes Kind. Dieser kleine Kerl hat es anscheinend ein bisschen eiliger. Er muss sich ja auch seinen Platz am Tisch sichern!“, mit stoischer Ruhe und leiser Stimme redet Klaus liebevoll auf Lilly ein, die trotz der heftigen Schmerzen in den Armen ihres Mannes merklich ruhiger wird. Tiefe Verbundenheit breitet sich aus.  Als ob eine unsichtbare Kugel die beiden einhüllen würde, als ob Lilly von einem starken Band gehalten werden würde.

Mit Blaulicht erreicht die Rettung den kleinen Platz und Lilly wird mit großer Behutsamkeit in das Fahrzeug gebracht und abtransportiert. Klaus wendet nicht eine Sekunde die Augen von seiner Frau und spricht ihr unaufhörlich Mut zu.

Leonie und Angelika beobachten die Szene verschreckt und wortlos. Tränen der Sorgen treten aus Leonies Augen und sie umschließt ihren Bauch mit beiden Händen. Angelika legt ihr schützend den Arm um ihre Schultern.

„Die männlichste aller Aufgaben ist es, Frau und Kind zu schützen.“, lächelt Angelika dem Rettungsauto nach. „Heute wurden wir Zeugen dieser Männlichkeit!“, ihre Freundin an sich drückend flüstert Angelika Leonie ins Ohr: „Es wird alles gut und morgen werden wir uns über einen neuen kleinen Erdenbürger freuen können.“.

„Glaubst du, ich sollte Marco von dem Kind erzählen? Glaubst du, mein Baby würde sich darüber freuen?“, mit Tränen in den Augen und zaghafter Stimme, am Chillylikör nippend, stellt Leonie die Frage in den Raum.

„Ja. Dein und Lillys Baby können wirklich glücklich werden, wenn ihr sie gemeinsam mit den Vätern willkommen heißt. Deine Schwester hat es uns gerade drastisch vor Augen geführt, wer in der Not für sie am wichtigsten ist. Wir können nur überleben, wenn wir vertrauen, vertrauen können wir aber nur, wenn wir gebunden sind und binden können wir uns nur an Menschen, die wir lieben, die uns lieben und die uns willkommen heißen.“

Leonie, immer noch verschreckt, denkt an Lilly und Klaus und streichelt dabei ihr Baby. „Vielleicht wäre es für dich wirklich schöner, von zwei Menschen ins Leben geholt und willkommen geheißen zu werden!“.

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If we have each other

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