Für immer verbunden

Kapitel 53

Gehts noch?

„Wie kannst du nur!“, schreiend stürmt Leonie ins Wohnzimmer ihres Elternhauses. „Er hat mich diese Woche dreimal angerufen und ich wusste nicht, wie ich ihn abwehren könnte!“, mit einem wütenden Blick baut sie sich vor ihrer Mutter auf. Ingeborg, die mit ihrer Mutter am Kaffeetisch sitzt und ihren obligaten Nachmittagskaffee genießt, blickt Leonie verständnislos an. „Wie kannst du nur meine Handynummer diesem Mann weitergeben? Hast du noch nie etwas von Datenschutz gehört?“, immer wütender werdend durchquert Leonie den Raum.

„Aber dieser Marco ist doch ein enger Freund von dir. Ich dachte mir nichts dabei, ihm deine Nummer zu geben!“, zögernd versucht Ingeborg sich zu rechtfertigen. „Ich war zwar verwundert, dass du so schnell das Restaurant verlassen hast, aber ich dachte nicht darüber nach. Dieser Marco war so charmant.“, mit einem kleinen Lächeln erinnert sich Ingeborg an das überaus nette Kompliment im Restaurant.

Durch das Lächeln ihrer Mutter noch zorniger werdend, platzt es aus Leonie laut heraus: „Das gibt dir nicht das Recht, mit meinen persönlichen Daten herum zu schmeißen!“, Leonie bleibt abrupt stehen. Plötzlich weicht die Kraft aus ihrem Körper und sie sinkt neben ihrer Oma auf den Sessel. „Ich wollte diesen Mann nie mehr wiedersehen. Verstehst du?“.

„Oh, bitte entschuldige. Du hast Recht, das war nicht in Ordnung. Ehrlich gesagt, ich hatte danach ein schlechtes Gewissen. Nach unserem Essen warst du den ganzen Nachmittag so verschlossen und da habe ich begriffen, dass dieses Zusammentreffen für dich unangenehm gewesen sein musste. Aber ich hatte ihm die Nummer schon im Restaurant gegeben. Es tut mir wirklich leid.“, versucht Ingeborg, ihre aufgebrachte Tochter zu beruhigen.

„Aber jetzt ehrlich, warum ist es für dich so schlimm, wenn dieser junge Mann mit dir Kontakt aufnehmen will? Er ist überaus sympathisch und sieht darüber hinaus auch noch sehr gut aus.“, will Ingeborg jetzt doch wissen.

„Ich will ihn einfach nicht sehen. Punkt aus!“, erzürnt springt Leonie auf, obwohl sie erst Sekunden vorher Platz genommen hat.

Vater?

„Ist er der Vater deines Kindes?“, fragt Gertrude ihre Enkelin gerade heraus.

Leonie zuckt heftig zusammen und starrt mit Schrecken ihre Oma an. Typisch Gertrude, immer ganz direkt. Leonie will widersprechen, doch der Kloß in ihrem Hals lässt die Worte ersticken. Eine einzelne Träne findet ihren Weg über das erstarrte Gesicht.

Ingeborg steht auf, holt ein Gedeck aus dem Wohnzimmerschrank, legt ihrer Tochter ein Stück Gugelhupf auf den Teller, geht in die Küche und bringt einen frischen Cappuccino, den sie vor Leonie stellt. Während dieser ganzen Zeit herrscht Stille. Diese ermöglicht Leonie, sich zu fassen.

„Ja Omi, er ist der Vater. Der biologische Vater und ich will nicht, dass er Kenntnis von dem Kind erhält. Es war ein One-Night-Stand, da war nur Sex, kein Kennen, keine Verpflichtung, keine Liebe.

Gertrude

„Mama, sag mir endlich, wer ist mein Vater?“, wütend starrt Ingeborg ihre Mutter an. „Seit 15 Jahren schuldest du mir diese Antwort. Ich will, ich muss es wissen. Du hast mich weggegeben, du hast dich die letzten 15 Jahre nie um mich gekümmert. Jetzt wo du dein zweites Kind erwartest, will ich endlich wissen, wer mein Vater ist oder war. Ich habe doch das Recht darauf!“ ruft der Teenager trotzig aus.

Aber was bringt es dir? Was ist, wenn er kein guter Mensch gewesen ist? Was wenn ich dir erzähle, dass er sich nicht einen Dreck um uns geschert hat? Was wenn ich dir erzähle, dass er nichts von dir wissen wollte?“, mit traurigen Augen blickt Gertrude schweigend und nachdenkend an ihrer zornigen Tochter vorbei.

„Ingeborg, ich wollte dich doch nur beschützen.“, spricht Gertrude aus, was sie sich selbst 15 Jahre vorgelogen hat. In Wirklichkeit ist es die Reaktion auf die tiefe Verletzung in ihrem Frausein. Anton hat sich keinen Deut um sie beide gekümmert, deshalb wollte sie ihn leiden sehen. Sie wollte ihm sein Kind nicht gönnen. Das war auch ein wesentlicher Grund, warum sie Ingeborg zu ihren Großeltern brachte. Diese Gedanken und Erkenntnisse verfolgen Gertrude schon eine geraume Zeit und als ob die Wahrheit an die Oberfläche drängen würde, wird ihr ganz deutlich klar, was sie wahrhaftig fühlt.  Ein Schmerz durchzuckt Gertrudes Körper und ihr Baby strampelt, als ob es die Gefühle bestätigen möchte. Wie Schuppen fällt es von ihren Augen. Hat sie durch dieses Verhalten mehr geschadet, als gewonnen? Hat sie, durch die Geheimhaltung, Ingeborg in ihrer Entwicklung beeinträchtigt und gehemmt?“, fragend blickt Gertrude in die zornigen und doch traurigen Augen ihrer Tochter.

Schutz!

„Weißt du mein Mädchen, ich wollte dich wirklich nur beschützen. Dein Vater hat es nicht so gut mit uns gemeint und darüber hinaus waren die Zeiten sehr schwierig. Es ging damals nur um das eigene ich“. Gertrude versucht sich Zeit zu verschaffen. Während ihrer zweiten Schwangerschaft und durch die Liebe ihres Mannes Alfred, wurde ihr in letzter Zeit viel bewusst. Sie war und wird mit Anton für immer verbunden sein. Nicht nur durch ihr gemeinsames Kind, nein auch durch die Stunden in denen sie körperlich vereint waren. Sie hat diese Tatsache immer bei Seite geschoben, aber durch die zärtliche, leise und treue Liebe Alfreds, wird ihr immer mehr klar, dass Liebe so viel mehr ist als kurze Momente des Glücks. Liebe, auch die körperliche Liebe, verbindet Menschen auf ewig.

Wie sagte es der große Schriftsteller Antoine de Saint-Exupery im kleinen Prinzen: „Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.”

Die Wahrheit kommt immer ans Licht

Die Wahrheit steht ihr in dem Moment drastisch vor Augen. Anton, der Vater Ingeborgs, wird immer ein nicht zu leugnender Bestandteil in ihrem Leben sein. In ihrem Leben und natürlich auch im Leben ihrer Tochter.  

Ingeborg blickt genau in dem Moment in das Gesicht ihrer Mutter und als ob beide genau wissen, was der andere denkt, lächeln sie sich versöhnlich zu. „Mein Engel, ich weiß, wovon du sprichst!“, wendet sich Gertrude an Leonie. Ich war fast in derselben Situation. Anton, der Vater deiner Mutter, wollte von uns beiden nichts wissen und dadurch war ich gekränkt, verletzt und böse. Ich entschied ihn aus meinem Leben und was noch viel schlimmer war, aus dem Leben deiner Mutter auszuschließen. Ich glaube, das war der Hauptgrund, warum ich Ingeborg zu ihren Großeltern brachte. Ich wollte auf keinen Fall, dass Anton einen Kontakt zu seiner Tochter aufbauen konnte. Mein Tun und die daraus entstehenden Konsequenzen waren mir nicht annähernd bewusst. Ich verletzte damit viele Menschen, Anton, meine Eltern, mich selbst und was das Traurigste war, ich legte damit viele Steine in das Leben meiner Tochter, deiner Mutter. Mir wurde erst durch die Liebe zu meinen Mann Alfred bewusst, dass ich immer mit Anton verbunden sein werde. Wir haben uns körperlich vereint und damit sind wir auf ewig aneinander gebunden. Noch mehr durch unser gemeinsames Kind. Aber durch diese Lüge, der ich 15 Jahre selbst geglaubt habe, konnte und wollte ich all diese Zusammenhänge nicht sehen. So habe ich Ingeborg 15 Jahre ihres Lebens ihren Vater gestohlen. 15 Jahre in denen sie ihn so notwendig gebraucht hätte. 15 Jahre, in denen wir alle viel verloren haben.“, ernst aber mit einem gütigen Lächeln blickt Gertrude ihre Enkelin an.

„Ich spreche hier von einem One-Night-Stand. Ihr beide habt keine Ahnung, wie sehr ich mich danach geschämt habe. Ich hatte getrunken, war aufgewühlt und dieses innige Tanzen, dieses festgehalten werden, diese absolute Männlichkeit hat alle Schranken in mir gebrochen und ich stieg mit einem Unbekannten ins Bett. Ich will einfach nicht, dass er in mein, in unser Leben tritt. Ich will es nicht. Ist das so schwer zu begreifen?“, wie ein verletztes Reh blickt Leonie in die Augen ihrer Mama und Oma.

Sei doch mutig

„Bitte Schatz, glaub mir, es ist für dich und für dein Kind essentiell, diesen Mann in eure Leben einzuladen. Ich selbst habe lange nach meiner Identität gesucht, gelitten und war viele Male sehr verzweifelt. Immer wieder fragte ich mich, von wo komme ich her, wer bin ich?  Bin ich es nicht wert, einen Vater haben zu dürfen? Mama kannst du dich an unser Gespräch erinnern? Ich war 15 und du schwanger zu Susanne. Du hast mir in dieser Zeit so einiges erzählt. Nach Hause kommen, war damals ein starkes, beruhigendes Gefühl, dass ich nie wieder vergessen werde. Wie ihr beide wisst, dauerte es noch viele Jahre, bis ich mit mir und mit meiner Geschichte ins Reine gekommen bin,“ lächelnd blickt Ingeborg ihre Mutter an, „aber damals war der erste große Schritt getan. Bitte Leonie glaub mir, seit du mit diesem Mann geschlafen hast, bist du psychisch und physisch an ihn gebunden, allein schon durch das Hormon Oxytocin. Dieses Oxytocin heißt nicht umsonst Bindungshormon und es wird beim Sex und beim Stillen ausgeschüttet. Ich habe einmal gelesen, dass wenn es die beiden schönsten Dinge der Welt, Sex und Stillen, nicht geben würde, wir schon längst ausgestorben wären.

„Kannst du dich an ein Gespräch erinnern, indem ich dir meine wichtigste Lektion aus meinem Leben schilderte?“, fragend blickt Gertrude ihre Enkelin an. „Diese Erkenntnis war und ist, dass nur die Liebe zählt. Überall wo ehrliche Liebe währt, Liebe, die das Wohl des anderen im Blick hat, Liebe, die sich nach dem anderen sehnt, Liebe, die im Geben und im Nehmen erfüllt wird, das ist das wahre Glück auf dieser Erde!“.

„Ja es geht um das Wohl des anderen.“, schaltet sich Ingeborg noch einmal ein. „und wenn du das Wohl deines Kindes im Blick hast, wirst du erkennen, dass Marco ein Teil in eurem Leben sein wird und du durch dieses Kind immer an ihn gebunden bist. Ob du das willst oder nicht.“, lächelt Ingeborg ihrer Tochter aufmunternd entgegen.

„Nein, das will ich nicht und ich werde eine andere Lösung finden. Mein Baby gehört mir!“, denkt Leonie trotzig bei sich, während sie, wie immer, ihre Hände schützend um ihren Bauch legt.

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Eros Ramazzotti, Anastacia - I Belong To You

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