Sex und Gender

Kapitel 51

Nimm die Zeit! 

Leonie versteht, wie so oft, die Sichtweisen ihrer Mutter, die meistens christlchen Ursprung sind, nicht. Es ist doch ganz logisch und erklärbar, dass sich Tante Susanne ihr eigenes Baby wünscht. Gerade jetzt in ihrer Situation, bemerkt sie immer wieder, wie die fast nicht wahrnehmbaren Bewegungen ihres Babys sie mit Glück erfüllen. Sie weiß zwar noch nicht, wie ihr Alltag in einigen Monaten ablaufen wird, aber ihre Freude ist trotzdem übergroß.

Am Beginn ihrer Schwangerschaft, während sie in Zukunftsängsten gefangen war, konnte sie sich dieses Gefühl nicht einmal erträumen. Es sieht so aus, als wäre es oft das einzig Richtige, unangenehme und angstmachende Situationen einfach auszuhalten.

Zähne putzend und sich diese Gedanken machend, lächelt Leonie in den kleinen Badezimmerspiegel. Auf diesen Tag freut sie sich schon lange. Sie und ihre Mama werden heute einen Kinderwagen kaufen. Sie weiß nicht warum, aber diese Anschaffung ist etwas ganz Außergewöhnliches. Darüber hinaus brauchen sie auch einen Autositz und eine Erstausstattung für das Baby. Leonie möchte so gerne viele schöne Dinge für ihr Mädchen finden. Eigentlich will Leonie nicht wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, aber ihr Herz ist sich bereits sicher. Es wird eine kleine Katharina.  Aus diesem Grund ist Mama nach Wien gekommen und deshalb hat es auch gestern dieses unglückliche Zusammentreffen zwischen den beiden Schwestern gegeben.

Leonie dachte die ganze Nacht über ihre Tante nach und ehrlich, sie tut ihr von ganzem Herzen leid. So erfolgreich sie im Berufsleben ist, so desaströs verläuft ihr Privatleben. Immer wieder neu verliebt, immer wieder hoffnungsvoll, immer wieder am Boden zerstört. Leonie kann es sich selbst nicht erklären, warum ihre Tante so oft die falschen Typen anzieht. Und so kann Leonie Susannes Wunsch nach einer eigenen Familie wirklich gut verstehen. Aber auch die Sichtweise ihrer Mutter ist nicht von der Hand zu weisen, denn ein Kind wie eine Ware zu behandeln, ist sicher nicht richtig.

Ihre Eltern lieben es in Hotels zu übernachten, insbesondere wenn es köstliche Frühstücksbuffets gibt. Sie buchten ein kleines Hotel in Wien und nun treffen sich die drei schon früh am Samstagmorgen. „Na meine Kleine, du nimmst ja schon ganz schön zu. Wie geht es meinem Enkelkind?“ stolz und fröhlich umarmt Peter sein tapferes Mädel.

 

Mein Enkelkind

„Wunderbar Papa! Die Kleine wächst und macht sich immer mehr bemerkbar.“

„Wie kommst du darauf, es sei ein Mädchen?“, will Peter wissen, während er lächelnd Leonie beobachtet, die sich ein frisches Kipferl mit Marillenmarmelade bestreicht. Sie beißt genussvoll in das traditionelle Wiener Gebäck und strahlt ihren Vater an.

„Weibliche Intuition! Ich weiß es einfach!“, lacht sie und nimmt einen Schluck vom köstlichen Cappuccino.

„Da widersprichst du aber der neuen Genderideologie total. Die sagt nämlich, dass es keine Mädchen oder Jungs gibt, sondern dass wir nur durch unsere Kultur dazu gemacht werden.“, erklärt Peter mit einem Augenzwinkern.

„Findest du denn Gleichberechtigung nicht richtig? Weißt du nicht, dass es immer noch viel zu wenige Frauen in den Vorstandsebenen gibt? Ich glaube, dass wir schon ein bisschen Gender brauchen, um eine Gleichbehandlung zwischen den Geschlechtern zu erhalten.“, setzt Leonie ein.

„Ja gegen Gleichberechtigung habe ich nichts, aber Gleichbehandlung von ungleichem ist einfach ein Stuss. Wir sind nicht gleich. Du bist so anders, du kannst zum Beispiel ein Kind bekommen, ich nicht. Außerdem bist du viel hübscher!“, lachend strahlt Peter seine smarte Tochter an.

„Aber du bist auch ein sehr fescher Kerl.“, mischt sich Ingeborg ein. „Ich bin mit deinem Aussehen so was von zufrieden.“ Peters Ehefrau war bis jetzt ganz still, denn sie muss immer wieder an ihre Schwester denken und es schmerzt ihr das Herz, Susanne so unglücklich zu sehen. Doch noch schlimmer ist es, wenn man erkennt, dass ein Mensch den man liebt, wahrscheinlich einen falschen Weg einschlagen wird und man nichts daran ändern kann, oder  soll. So hatte sie eine schlaflose Nacht, doch jetzt lässt sie sich von der freudigen, lockeren Stimmung der beiden anstecken.

 

Ganz Frau

„Ja Papa, genau. Wir beide sind wirklich verschieden. Aber wie ist es mit den Menschen, die sich nicht sicher sind, die ihre wahre Identität nicht kennen? Was ist mit einem Mann, der glaubt, er stecke im falschen Körper, sollte er nicht sein Leben ändern?“.

„Vielleicht hatte dieser Mann eine schwere Kindheit, oder einen Schicksalsschlag in seinem Leben ertragen müssen und konnte seine Identität nicht im geschützten Familienverbund aufbauen.  Darüber hinaus haben wir wieder das Problem, dass unsere Gesellschaft uns weismacht, dass wir selbst alles machen können. Wir selbst sind quasi die Götter unserer eigenen Leben. Dabei achten wir die Gegebenheiten des Lebens nicht und erzeugen damit so viel Leid. Vom ersten Augenblick eines Lebens sucht der Mensch nach seiner Identität und durch diese Genderideologie werden unsere Jungen und Mädchen, gerade wenn sie sich in der Pubertät befinden, noch mehr verwirrt.“, resümiert Ingeborg

„Von dieser blöden Schreibweise, von der ganzen Verweiblichung unserer Sprache ganz zu schweigen. Ich kann es schon gar nicht mehr hören. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Polizistinnen und Polizisten. Habt ihr schon einmal gehört, dass einer gesagt hätte Verbrecherinnen und Verbrecher? Bei den negativen Tätigkeiten wird komischerweise nicht gegendert.“, lacht Peter und nimmt sich seinerseits eines der köstlichen Kipferl.

Gott und die Sexualität 

„Ja und was mich wirklich traurig macht, ist, dass die Tatsache, dass Gott uns die Sexualität zwischen Mann und Frau als körperlichen Ausdruck der Liebe in ihrer ganzen Schönheit geschenkt hat, völlig außer Acht gelassen wird. Wir können die Liebe der drei göttlichen Personen spiegeln, das müsst ihr euch einmal vorstellen. Sex in der Ehe sollte einfach nur schön sein, denn Gott hat diese vergöttlicht, so Papst Johannes Paul II. Um diese Schönheit leben zu können, brauchen wir aber Mann und Frau“, holt nun Ingeborg weiter aus.

„Du Mama, ich glaube wir brechen jetzt auf, denn wir brauchen einen Kinderwagen, einen Autositz, Erstlingsausstattung und noch vieles mehr!“, unterbricht Leonie ihre Mutter. Sie weiß, wenn Ingeborg von ihrer Theologie des Leibes zu erzählen anfängt, dann sitzen sie noch bis Mittag hier am Tisch.

Peter lächelt in sich hinein. Seine Frau ist von diesem Gedanken, der Widerspiegelung der Liebe Gottes und der daraus entstehenden Schönheit, so begeistert, dass sie jede Gelegenheit wahrnimmt, anderen Menschen von diesen Gedanken zu erzählen.

Mit großem Spaß durchstöbern Mutter und Tochter Kaufhäuser, Boutiquen und spezielle Kindergeschäfte und finden einen sportlichen, grau melierten Kinderwagen inklusive Tragewanne und verstellbarer Rückenlehne. Ihre Mama muss Leonie davon überzeugen, nicht den rosafärbigen zu wählen. Leonie zieht es fast magnetisch zu den Farben hellrosa, rosarot oder pink. Mit jedem ersten Griff hatte sie rosa Strampler, pinke Bettdecken oder rot/weiß gestreifte Plüschtiere in der Hand, sogar rosa Windeltücher wollte Leonie einpacken. Ingeborg schmunzelt und überzeugt ihre Tochter doch wieder, bei neutralen Farben zu bleiben.

 

Rosa

„Weißt du, dass du heute ganz gegen Gender agierst.“, stellt ihre Mutter grinsend fest. „Wenn ich dich heute allein einkaufen geschickt hätte, dann wärst du mit einem rosa Berg von Dingen nach Hause gekommen. Und dann die Überraschung: ein Junge! Da hätten wir alle was zum Lachen gehabt.“, scherzt Ingeborg, während sie die weißen Stoffwindeln, die weißen Babybodys und Strampler in Größe 50 einpackt. Wie klein diese doch sind. Bei jedem Strampler, Jäckchen oder Body entfährt Leonie ein kleiner Freudenschrei und sie hält sich alles an ihren Bauch. „Meine Kleine, wenn du geboren bist, dann wirst du diese hübschen Sachen tragen und meine bezaubernde Prinzessin sein!“, immer wieder wiederholt sie den gleichen Satz und so brauchen beide ewig lang, um alles beisammen zu haben. Mit Sack und Pack beladen, den Kinderwaagen und die Babywippe holen sie später mit dem Auto ab, schlendern sie durch die Innenstadt und finden in einem kleinen italienischen Restaurant Platz.

„Mama, jetzt bin ich aber wirklich hungrig. Ich habe eigentlich immer Hunger, aber da alles so gut schmeckt, ist es eine wunderbare Begleiterscheinung meiner Schwangerschaft. Alles ist einfach köstlich.“, lacht Leonie und vertieft sich in die Speisekarte.

Fruchtigen Fenchelsalat mit Orangen bestellen sie als Vorspeise und Pasta als Hauptgericht. Leonie nimmt Spaghettini mit Tomaten, Oliven und Rucola, Ingeborg bestellt sich Penne all´arrabbiata. Leonie wollte auch gleich die Nachspeise ordern, aber Ingeborg hält sie lachend zurück.

„Lass uns nachher noch in ein Kaffeehaus gehen, denn Peter will uns ja noch treffen. Er ist mit seinem Museumsbesuch bald fertig und so könnten wir uns im Sacher treffen, das liegt ja nahe der Albertina.“, organisiert Ingeborg schon den weiteren Verlauf des Nachmittags.

Plötzlich bleibt Leonie ein Stück Fenchel im Hals stecken und sie bekommt einen heftigen Hustenanfall. Marco. Er bedient gerade den Nebentisch. Leonies Knie werden weich und ihr Gesicht fühlt sich plötzlich ganz heiß an. Sie schnappt nach Luft, hört die Stimme ihrer Mutter, nimmt aber nicht mehr wahr, was diese so von sich gibt. Marco. Sie beobachtet ihn, wie er mit leichten, tänzelnden Schritten durch die Tische huscht. Was ist mit ihr los? „Hoffentlich kommt er nicht an unseren Tisch!“, denkt sie immer panischer werdend. Zu spät. In dem Augenblick dreht er sich um und sie kann sich gar nicht schnell genug abwenden. Ihre Augen treffen sich. Ihr Herz rast und eine unangenehme Hitze breitet sich in ihrem ganzen Körper aus.

 

Kenne ich sie? 

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Nach einem kurzen Schreckensmoment und einem fragenden Blick scheint er sie zu erkennen und ein strahlendes Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. Ganz langsam wendet er sich ihrem Tisch zu und je näher er kommt, desto heftiger fühlt sie eine starke körperliche Anziehung, so dass ihr buchstäblich schlecht wird. Im selben Moment strampelt ihr Baby mit einer Heftigkeit, die sie so nicht kennt.

„…und deshalb ist dieses Spannungsfeld zwischen Mann und Frau so wichtig. Wir brauchen das Geheimnis beider Geschlechter!“, hört Leonie ihre Mutter wieder.

Wenn ihre Mama wüsste, wie stark dieses Spannungsfeld gerade vibriert.

Verzaubert seit jener Nacht!

 

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