Ein Recht auf ein Kind?

50. Kapitel

Was soll das denn?

Susanne blickt erstarrt in die Augen ihrer Nichte. Leonie bekommt von einem One-Night-Stand ein Kind. Sie, die junge Frau geht mit einem Unbekannten ins Bett und wird gleich schwanger. Das darf doch nicht wahr sein! Und dann wollte sie noch abtreiben. Wie ungerecht ist das denn? Tränen steigen auf, doch sie sitzt im Kreise ihrer Familie und will sich keine Blöße geben. Was heißt hier eigentlich Familie? Es sind ihre Mutter, ihre Schwester und deren beiden Töchter. Ist und bleibt das die Familie, die sie sich gewünscht hat? Trauer steigt immer höher und sie muss alles geben, um nicht loszuheulen.

 

Es gibt keine Ritter mehr!

Dieser Nachmittag vor einigen Wochen hat Susanne darin bestärkt, sich ihre eigene Familie zu wünschen. Nicht nur zu wünschen, Sie wird ihre eigene Familie bekommen und sie wird sich von nichts mehr aufhalten lassen. Sie will ein Kind, koste es was es wolle. Seit so vielen Jahren sucht sie verzweifelt einen Partner. Sie hatte viele Beziehungen aber keiner hat sich als der Märchenprinz oder besser gesagt als ein wahrer Ritter herausgestellt. Aber brauchen wir in unserer modernen Zeit überhaupt noch Männer? So viele Menschen, Männer wie Frauen, gehen ihre eigenen Wege und haben nur Karriere, Freiheit und ihr eigenes Glück im Blick. Von Verantwortung, Treue und Vertrauen sind viele weit weg.  Susanne lebte zwar auch dieses freie ungebundene Leben, aber jetzt sehnt sie sich danach, Verantwortung übernehmen zu dürfen und mit einem geliebten Menschen tiefes und verbindendes Vertrauen aufbauen zu können. Diese Gedanken gehen ihr seit Wochen durch den Kopf und oft drehen sie sich so schnell im Kreis, dass sie sich wie ein Tornado verselbständigen und in ihr heftige Gefühle auslösen, die sie oft in Euphorie und eine Hochstimmung versetzen, aber auch in Panik und Depressionen stürzen. So ist ihr Wunsch nach Familie, nach ihrem eigenen Kind, das nur ihr gehört, immer stärker geworden. Dieser Wunsch wurde zu ihrem Fixstern.

Doch der Weg sollte nicht einfach werden. Der erste Versuch auf künstlichem Weg schwanger zu werden, war eine Insemination, wo ihr, von ihr ausgewählte Samen in ihre Gebärmutter eingebracht wurden. Die Trauer und der Schmerz waren sehr groß, als der erhoffte Erfolg ausblieb. Aber sie bekam gesagt, dass es in ihrem Alter nicht sofort funktionieren könnte und es dafür umso schöner werden würde, wenn sie ihr Baby letzten Endes im Arm liebkosen kann.

 

Der Wunsch wird immer stärker!

 

Genau dieser Wunsch nach einem Kind wird immer größer und stärker und überkommt sie oft mit einer unbändigen Gewalt.

In den letzten drei Monaten hat sie sich mit dem Thema intensiv auseinandergesetzt und mit ihrer Frauenärztin, die ja auch ihre Freundin ist, einen Fahrplan ausgearbeitet. Sie wird es noch einige Male mit einer Insemination versuchen und wenn das nicht funktioniert, möchte sie eine In-vitro-Fertilisation probieren. Nach Hormonbehandlungen, damit mehr Eizellen in ihr heranreifen, werden ihre eigenen Eizellen mit Samen im Reagenzglas zusammengebracht und ihr die erfolgreich befruchteten wieder eingesetzt. Um die Befruchtung zu unterstützen, könnten auch mittels intrazytoplastmatischer Spermieninjektion (ICSI) die Samenzellen direkt in die Eizelle eingebracht werden.

 

Eine werdenede Mutter – welche Schönheit!

In Österreich ist die Gesetzeslage noch sehr streng, darum wird sie entweder nach Großbritannien oder nach Holland reisen, um sich als alleinstehende Frau  ihren Kinderwunsch erfüllen zu können.

In Gedanken versunken, schlendert Susanne durch ihre geliebte Stadt Wien, die durch den frischen, leichten Schneefall wie eine Winterwunderwelt erstrahlt. Da erblickt sie im Fenster eines kleinen Cafés, Leonie. Ihre Nichte wird von Tag zu Tag hübscher. Sie sitzt alleine, in einem Buch versunken, an einem kleinen runden Tisch und strahlt etwas ganz Besonderes aus: Ruhe und Frieden. Wenn man genau hinsieht, erkennt man die winzige Wölbung unter ihrem taubengrauen, grobgestrickten Pullover. Susanne kommt es vor, als ob sich der Stil und die Farben von Leonies Mode immer mehr ändern. Mehr weiß, grau und rosa Töne schleichen sich in das Outfit ihrer Nichte ein. In dem Moment sieht Leonie hoch und lächelt Susanne überrascht aber herzlich an . Sie winkt ihr einladend zu und so betritt Susanne das kleine, nette Café.

 

Der Duft von Zimt

Der Duft von frisch Gebackenem, gemischt mit Zimt und Kaffee, begrüßen sie und Freude steigt in Susanne hoch. Eine werdende Mutter ist immer ein ganz besonderer Anblick. Leonie kommt ihr freudestrahlend entgegen und umarmt sie mit einer übergroßen, ihr innewohnenden Herzlichkeit. Susanne spürt den kleinen Bauch und ein winziger, schmerzlicher Stich durchfährt ihr Herz. Aber die Freude ihre Nichte so unerwartet sehen, ist größer und so drückt Susanne Leonie fest an sich.

„Na Tantchen? Wie kommst du in diese Gegend?“ freut sich Leonie und schält sich liebevoll aus der Umarmung.

„Ich habe einen Termin bei Gudrun, meiner Frauenärztin. Du weißt ich möchte ein Baby und so besprechen wir die nächsten Schritte.“

Ingeborg

In dem Moment öffnet sich die Eingangstür des kleinen schnuckeligen Cafés und Ingeborg betritt das Lokal. Susannes Gesicht verfinstert sich augenblicklich, denn ihre große Schwester wollte sie heute absolut nicht treffen. Ingeborg ist ihr gegenüber oft so überheblich, als ob sie alles besser wisse und Susanne kann ihr Gerede von Familie, Glauben und Werte nur schwer ertragen. Sie versteht Leonie immer mehr, wenn ihre Nichte in der Vergangenheit über ihre Mutter lästerte. In ihren Gedanken nennt Susanne Ingeborg öfters etwas verächtlich: „Die Königin“.

Doch in Ingeborgs Gesicht spiegelt sich Freude und sie umarmt zuerst ihre Tochter, um sich dann Susanne hin zu wenden. Sie bemerkt die Spannung nicht und zieht ihre kleine Schwester an sich.

„Das ist aber eine unerwartete Überraschung. Ich freue mich dich zu sehen, Schwesterherz. Was machst du in dieser Gegend?“, dieselbe Frage stellend, blickt Ingeborg Susanne an, um neben ihr Platz zu nehmen.

Susanne sieht etwas ärgerlich auf und erst da bemerkt sie, dass das Interior des Raumes ebenfalls in den Farben weiß, grau und rosa gehalten ist und augenblicklich tritt Entspannung in ihren Gemütszustand ein.

 

Ein Mädchen

Rosa. Ein Mädchen. Das ist ihr sehnlichster Wunsch.

„Na was machst du hier?“, will Ingeborg neugierig geworden wissen.

„Ich treffe meine Freundin Gudrun.“

„Die Frauenärztin?“

„Ja“, antwortet Susanne knapp.

„Tante Susanne wünscht sich auch ein Baby und möchte mit ihrer Freundin über die mögliche Vorgehensweise sprechen,“ verplappert sich da Leonie.

„Wie, ein Baby?  Möchtest du ein Kind adoptieren?“ Ingeborg blickt verdutzt in das ärgerlicher werdende Gesicht ihrer Schwester.

„Nein, ich wünsche mir mein eigenes Kind und so suche ich Möglichkeiten mir diesen Wunsch zu erfüllen.“, erklärt Susanne immer aufgebrachter werdend, denn sie weiß, ihre Schwester wird dieses Vorgehen nicht gutheißen.

Die plötzliche Kälte zwischen den beiden Schwestern ist augenblicklich spürbar und Leonie blickt verdutzt von einer zur anderen. „Welche Möglichkeiten gibt es denn, um ein Kind auf diese Art zu bekommen?“ will Leonie wissen, nur damit etwas gesagt wird.

 

Baby-Take-Home Rate?

Susanne denkt kurz darüber nach, ob sie sich auf eine Diskussion mit ihrer Schwester einlassen sollte. Sie kennt Ingeborg und ihre christlichen Einstellungen. Aber es ist ihr Recht auf eigenes Glück und so nimmt sie einen tiefen Atemzug und beginnt zu erzählen: „In den ersten Versuchen probiere ich es mit einer Insemination, einer Samenspende und wenn das nicht glückt, dann probiere ich es mit einer In-Vitro-Fertilisation, kurz IVF.“

„Kennst du die Baby-Take-Home-Rate einer In-Vitro Behandlung?“, fragt Ingeborg in einem liebevollen, leisen Ton. Susanne, überrascht von der ruhigen und gelassenen Reaktion ihrer Schwester, zieht die Stirn in Falten. „Welche Rate meinst du“?

„Die Baby-Take-Home-Rate. Die Rate, die aussagt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, ein

 

Baby zu bekommen und soviel ich weiß, liegt diese bei IVF bei 17-20%, bei unter 35-Jährigen. Je älter die Frau ist, desto geringer der Erfolg. Glaubst du wirklich, das ist eine gute Idee, da du ja zudem noch alleinstehend bist?“, will Ingeborg, jetzt doch ernst geworden, wissen.

„Hast du von Reproduktionsrechten gehört? Jeder Mensch darf sich weiterpflanzen und so ist es mein gutes Recht mir ein Kind zu wünschen!“, aufgebracht will Susanne aufspringen, aber Leonie hält sie mit einer leichten Bewegung zurück.

„Du hast Recht, du darfst dir natürlich ein Kind wünschen. Aber ich glaube, man sollte Kinder nicht wie eine Ware betrachten. Man kann sich einen Porsche wünschen und möglicherweise auch kaufen, Kleider kann man sich wünschen und kaufen, aber man sollte sich nie ein Kind kaufen können! Wir müssen aufpassen, dass uns unsere Wünsche nicht blind machen, für das was gut und richtig ist.“, verständnisvoll versucht Ingeborg ihrer Schwester entgegenzukommen, aber Susanne springt auf, packt sich ihren Mantel und wendet sich zum Gehen, doch bevor sie das Café verlässt, dreht sie sich um und blickt traurig in die Gesichter der beiden Frauen.

„Ihr habt ja gar keine Ahnung, wie weh es tut, nicht Mutter sein zu dürfen. Ihr redet euch leicht.“, mit tränenerstickter Stimme dreht sich Susanne um und flüchtet aus dem Gebäude.

 

Die wahre Tragik

Ingeborg blickt ihrer Schwester traurig nach und seufzt: „Das ist die wirkliche Tragik in unserer Gesellschaft. Weil alles möglich erscheint, glaubt der Mensch er habe auch das Recht auf alles. Auf Arbeit, auf Gesundheit, auf Wohlstand und auf den anderen Menschen. Dabei vergisst er, dass es Grenzen gäbe, die gewahrt bleiben sollten. Ich bin überaus glücklich, dass du diese Grenzen erkannt hast und dich für dieses Baby, für seine Würde, aber auch für deine Würde entschieden hast. Du stärkst damit alle Frauen in ihren Nöten.

Leonie blickt ihre Mutter verwundert an, denn soweit hat sie noch gar nicht gedacht. Aber der Gedanke gefällt ihr sehr gut. Durch ihre Entscheidung für das Baby, stärkt sie Frauen, auch ja zu ihren Kindern zu sagen. Vielleicht wäre das eine Aufgabe in ihrer Zukunft? Sie lächelt in sich hinein, denn ganz automatisch liegen ihre Arme um ihr Baby, das diese liebende und schützende Berührung mit kräftigem Strampeln beantwortet.

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Meine Antwort an Leonie:

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