Magnetische Pole

Kapitel 52

Marco, es tut so weh! 

„Es tuat so weh, wenn ma verliert, wenn an die Kraft zerissen wird.“ Sein Herz verkrampft sich immer  wieder. Er kommt von dem Schmerz, den der Tod seines unbekannten Kindes in ihm ausgelöst hat, nicht los. Eine abgrundtiefe Verlorenheit macht sich immer wieder in ihm breit. Er versuchte vieles, um diesem elenden Gefühl zu entkommen. Er ging wie gewohnt zur Arbeit in die Bank,  hielt am Abend seine Tanzstunden, zog nachts mit Freunden los,  aber nichts half. Immer wieder holte ihn diese Verlassenheit ein, immer wieder hat er das Gefühl etwas wertvolles für immer verloren zu haben, immer wird ihm bewusst, er konnte sein Kind nicht schützen.

Am besten gelingt es ihm Distanz zu seiner Verzweiflung aufzubauen, indem er mit seiner Trainingspartnerin, mit der er für die österreichische Meisterschaft im Tango Argentino trainiert, übt. Die einzelnen Figuren  erfordern viel Konzentration und Einfühlungsvermögen, gerade el Ocho, die Acht, bedarf höchster Aufmerksamkeit. Sie ist die weiblichste Figur, denn durch ihre akzentuierte Beckenbewegung ist der Ocho die wohl erotischste Schrittfolge. Marco muss seine Partnerin so führen, dass sie den Ablauf Schritt-Drehen-Schritt-Drehen mit Hingabe und Leichtigkeit tanzen kann. Alles liegt in seinen Armen, die Frau, die Bewegung, die Drehungen. Dabei ist es ihm wirklich nicht möglich, an andere Dinge zu denken, schon gar nicht irgendwelche Probleme zu wälzen. Bei diesem Tanz muss man sich ganz auf den anderen einlassen. Wie der Tanz gelingt, hängt ausschließlich von ihm, vom Tänzer ab. Die Frau hingegen soll sich führen lassen, sie muss sich ihm und dem Tanz vollkommen hingeben. Erst dann strahlt dieser dieSchönheit und Erotik aus, die jeden anderen Tanz bei weitem übertrifft. Dem Mann muss es gelingen, ein Spannungsfeld zwischen ihm und seiner Partnerin aufzubauen, das sie wiederum mit ihrer Lockung verstärkt.

Wenn er nach so einem Trainingsabend müde nach Hause geht, die Kreuzung mit Hilfe von Ampelweibchen überquert und in den Medien etwas über Gender hört, muss er immer über  solche Ideologien und Anliegen wie Gender, Gleichheit zwischen Mann und Frau, Gleichbehandlung der Geschlechter schmunzeln. All diejenigen, die diese Forderungen umsetzen wollen, haben wahrscheinlich noch nie einen Tango Argentino getanzt.

Aber dann holt ihn seine Trauer wieder ein. Seiner Mutter ist sein Gemütszustand schon aufgefallen, aber er hat sich nicht getraut ihr die Wahrheit zu gestehen. Dass ihr Enkelkind nicht leben durfte, würde ihr das Herz brechen. Nach längerem Nörgeln ihrerseists, hat er heute beschlossen, sie in dem Restaurant zu besuchen, indem sie als Italienerin und hervorragende Köchin  ab und zu in der Küche aushilft. Ihre Pasta all arrabbiata ist die beste in ganz Österreich. Nein in ganz Europa, in der ganzen Welt.

Tanto felice

„Hallo Mamma, son tanto felice, perche ritorno da te.“, singt er lauthals und parodiert Pavarotti während er durch den Hintereingang die Küche des Lokals betritt. „Hallo Mama, ich bin so froh, denn ich kehre zurück zu dir,“, übersetzt er singend und umarmt seine kleine Mama liebevoll, während sie in ihrer scharfen Tomatensauce rührt.

Elenora liebt dieses Lied und Pavarotti ist ihr ganz besonderer Star. Sie lacht laut auf und umarmt ihren Sohn stürmisch.

„Na mein Kleiner, was machst du denn hier? Hast du etwa Hunger? Da musst du dich aber leider ein bisschen gedulden, ich habe noch einige Essen zuzubereiten, aber dann koche ich dir etwas Leckeres. Setz dich an den Tisch und warte noch 20 Minuten. Luigi, der zweite Kellner, ist heute leider wegen der Grippe ausgefallen und so muss ich auch noch servieren,  es dauert also noch etwas.“, erklärt Elenora ihrem Sohn und schenkt ihren verschiedenen Pastasaucen, die alle gleichzeitig in kleinen Pfannen vor sich hin köcheln, wieder ihre ganze Aufmerksamkeit. Marco nimmt am kleinen Küchentisch Platz. Das hat er sich aber anders vorgestellt. Eigentlich müsste seine Mutter um diese Uhrzeit schon fertig sein, um ihm seine Lieblingspasta mit Tomaten, Oliven und Rucola frisch zuzubereiten, um dann mit ihm alleine im Restaurant diese Köstlichkeit mit einem Glas Rotwein zu genießen. Aber heute scheint das Chaos ausgebrochen zu sein. Der Inhaber des kleinen Lokals, der auch für den Service zuständig ist, scheint völlig überfordert zu sein.

Teuren Lebensstil und viele Frauen

Marco beobachtet belustigt die Szene und freut sich insgeheim, nicht diesen Beruf  gewählt zu haben. In seiner Teenagerzeit hat er sich immer ein nettes Taschengeld in den verschiedenen Lokalen dazuverdient, aber schon während des Wirtschaftsstudiums entschied er,  sich mit Geld und Veranlagungen zu beschäftigen. Jetzt ist er ein überaus gutverdienender Fondsmanger, der durch die Provisionen seiner sehr erfolgreichen Transaktionen wirklich viel verdient. Ansonsten könnte er sich seinen Lebensstil, seine teure Wohnung und auch seine Reisen nie finanzieren. Auch seine vielen Frauenbekanntschaften wären als Kellner nie möglich gewesen, denn er spielt schon sehr gerne den großzügigen Verführer. Und was hat er jetzt davon? Einsamkeit, Verlassenheit und Trauer.

„Hallo mein Sohn, könntest du bitte helfen?“, seine Mutter steht, die Hände in die Hüften gestemmt, vor ihm und blickt ihn finster an. „Du könntest ja von alleine drauf kommen aber ich muss dem gnädigen Herrn anscheinend in die Schuhe helfen !“, entrüstet hält sie ihm zwei Vorspeisenteller mit Antipasti unter die Nase. „Das gehört auf Tisch 5, rechts neben der Tür. Hilf uns noch eine halbe Stunde, dann koch ich dir etwas! OK? Tisch 5 bitte sehr.“So schnell kann er gar nicht schalten, als dass er schon auf dem Weg, beladen mit zwei köstlich aussehenden Tellern, Richtung Restaurant ist.  „Das ist wieder typisch Mama. Ich hoffe es sieht mich keiner meiner noblen Freunde oder Kollegen. Die würden sich krumm lachen, mich  mit Tellern beladen zu sehen.“, denkt er sich noch als er den gut gefüllten Raum betritt. Stimmengewirr schlägt ihm entgegen und er erinnert sich an seine Zeit als 18-Jähriger. Diese Arbeit machte ihm damals wirklich Spaß. Hier geschieht Leben. Hier bei gutem Essen und gutem Wein entsteht Gemeinschaft, hier entsteht Freude. Ach wie hat er das vermisst.  So tänzelt er durch die Tische, nimmt Bestellungen auf, scherzt und lacht mit den Gästen und kommt sich nicht eine Minute zu gut vor. Nein ganz im Gegenteilt, dieses Dienen hat etwas, das einem Menschen richtig guttut.

Cicco, der Inhaber, wies ihm sogleich die rechte Seite des Lokals zu und er fand sofort wieder in seine Routine.

Leonie

Und da sieht er sie. Sie sitzt im linken Teil des Lokals und starrt ihn ungläubig an. Er nimmt einen tiefen Atemzug, denn einige Augenblicke weiß er nicht, wer sie ist. Doch plötzlich erscheint der Film vor ihm. Dunkelheit. Fuerta. Tango. Leonie. Seine Gesichtszüge ziehen sich automatisch in die Breite, sein Herz beginnt heftig  zu schlagen. Von dieser wunderhübschen jungen Frau geht eine Lockung aus, die er so noch nie  verspürt hat. Als ob ihn ein Magnet anziehen würde. So verläßt er seinen ihm zugewiesen Bereich und geht mit langsamen Schritten auf sie zu. Wie von einem unsichtbaren Band gezogen, nähert er sich ihr. Doch in ihrem Gesicht spiegelt sich weder Freude noch Begeisterung, eher zeigt ihre Mimik aufkommende Panik.

Beide starren sich eine gefühlte Unendlichkeit an und es scheint als ob Funken zwischen ihnen sprühen würden. Marco beginnt mit leiser verführerischer Stimme:  „Hallo meine Schöne“.  Die Frau, die ebenfalls am Tisch sitzt, blickt verdutzt von einem zum anderen. Sie sieht die beiden jungen Menschen vor sich stehen, beide stumm den anderen tief in die Augen blickend.

„Oh entschuldigen Sie, gnädige Frau. Sie müssen die Schwester sein. Ich begrüße Sie. Ich bin Marco, ein sehr enger Freund dieser hübschen jungen Dame,“, charmant und galant wendet sich Marco an Ingeborg und deutet einen Handkuss an.

„Oh Grüß Gott. Freut mich Sie kennenzulernen und danke für das Kompliment. Ich bin Leonies Mutter nicht ihre Schwester!“, lacht Ingeborg und entzieht dem jungen Mann ihre Hand.

Es kehrt zu ihm zurück

Währendessen starrt Leonie mit aufgerissenen Augen Marco an. „Oh Gott, bitte hilf mir. Ich wollte diesen Mann nie wieder sehen und dann treffe ich ihn gerade wenn ich für unser Baby das Leben organisiere. Was heißt hier unser Baby?!“, entsetzt über ihre eigenen Gedanken steigt immer mehr Panik in ihr hoch. Der kleine Mensch unter ihrem Herzen scheint ebenfalls beunruhigt zu sein, denn er strampelt schon die ganze Zeit wie wild.

„Hallo.“, knapp und eisig begrüßt Leonie den ihr gegenüber stehenden Mann, doch Marco packt sie ungestüm und zieht sie an sich. In dem Moment spürt er die kleine Wölbung um ihre Leibesmitte und er blickt verwundert auf den kleinen Bauch. Ganz spontan legt er seine Hand auf diesen und fühlt eine Wärme in sich aufsteigen, die ihn fast umhaut.

„Hallo Mamma, son tanto felice, perche ritorno da te.“, das Lied von Paverotti kommt ihm wieder in den Sinn. „Mama ich kehre zurück zu dir!“,  in dem Moment spürt er kleine zarte Bewegungen unter seiner Hand. In diesem Augenblick  entsteht etwas Neues in ihm, das sich in sekundenschnelle  in seinem Herzen und in seinem ganzen Körper ausbreitet. Seine Hand auf Leonies Bauch liegend, blickt er hoch und zwei eisblaue, kalte Augen starren ihn wütend an.

Da wendet sich Leonie abrupt ab, greift panisch nach ihrem Schal, ihrer Jacke und stürmt aus dem Lokal. Ingeborg und Marco blicken sich verdutzt und ratlos an.

„Hallo Mamma, son tanto felice, perche ritorno da te.” beschwingt fühlt er, dass etwas zu ihm zurück kehrt.

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Meine Antwort an Leonie:

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