Lebens-Engagement

Kapitel 89

Den Augenblick

„Leon sitzt!“, aufgeregt und begeistert ruft Marco nach Leonie, die im elterlichen Garten im Liegestuhl vor sich hindöst. Währenddessen genießt Marco  mit seinem kleinen Sohn auf einer grün-blau karierten Decke spielend, diesen spätsommerlichen Tag. Auf seinen Arm gestützt, seinen kleinen Schatz beobachtend, kann er, wie schon so oft, sein Glück nicht fassen. Trotz seiner kranken Gene, trotz seiner oft bedrückenden Zukunftsaussichten, kann er diese wunderbaren Augenblicke über alles wertschätzen. Doktor Rösslhuber, sein Psychotherapeut, mit dem er sich seit kurzem regelmäßig trifft, hilft ihm dabei ungemein, seine Situation anzusehen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Ein von ihm selbst gestecktes Ziel ist es, dieser Krankheit, dieser harten und oft hoffnungslosen Realität, vielleicht auch etwas Positives abgewinnen zu können und irgendwann dadurch Frieden spüren zu dürfen. „Ein wichtiger Schritt dabei wäre es, sich der schönen und erfüllten Stunden bewusst zu sein.“, so sein Arzt, der dieses bewusste glücklich sein, als ein Auftanken des persönlichen Glückstanks beschreibt, aus dem Marco in schwierigen Situationen zu schöpfen fähig sein wird.

Die Stunden mit Leon sind solche besonderen Momente, in denen er seine Sorgen vergisst, in denen er ganz ins Hier und Jetzt eintauchen kann, in denen er ganz mit diesem kleinen Kerl verbunden ist. Das einzige, das in dieser kostbaren Zeit Priorität hat ist, dass es seinem Sohn, seinem Leon gut geht.  Das kindliche Lachen aus Leons entzückenden Mund belohnt ihn und füllt seinen Glückstank immer wieder aufs Neue auf.

Ein Schrei

„Leon kann sitzen!“, wiederholt er und fotografiert das etwas schwankende Baby, um diesen denkwürdigen Moment für immer fest zu halten. Leonie erhebt sich aus ihrem gemütlichen Halbschlaf und blickt lächelnd zu den beiden hinüber. „Ich habe es ganz vergessen, dir zu erzählen, dass er schon seit einigen Tagen selbstständig sitzt und gar nicht mehr zu der einen oder anderen Seite fällt.“, mit einem Gähnen legt sich Leonie wieder in ihren Stuhl zurück und schließt glücklich ihre Augen.

Doch ein markdurchdringender Schrei lässt sie jedoch erschreckt hochfahren.

Sie springt auf und sieht wie Marco Leon in die Höhe reißt und panisch ihren Namen schreit. Leonie stürzt aus ihrem Sessel und eilt zu ihrem Sohn, der ihr komplett steif und mit immer blauer werdendem Gesicht und weit aufgerissenen Augen entgegen starrt.

„Mama, Papa! Leon!“, schreit sie und reißt dem völlig erstarrten Marco das Baby aus den Armen. Leon, immer steifer werdend, seine Augen immer mehr aus den Augenhöhlen hervortretend und seine Hautfarbe sich immer blauer färbend, starrt seine Mutter, die den Boden unter ihren Füssen zu verlieren scheint, an.

„Mama, Papa!“, Leonie sinkt mit dem Baby in die Knie, herzt ihn mit verzweifelten Wiegebewegungen und versucht ihn zu sich zurück zu holen. Doch der Kleine verharrt in einer Art Schockzustand in den Armen seiner Mutter.

Ingeborg und Peter, von verschiedenen Seiten des Hauses kommend, erreichen das Drama gleichzeitig und Peter nimmt Leonie das Baby mit sicherem Griff aus ihrer verzweifelten Umklammerung.

Ein Wunder

„Keine Sorge. Das ist wahrscheinlich ein Fieberkrampf, den auch du als Baby hattest. Ich nehme ihn dir ab und du wirst sehen, er erholt sich gleich wieder.“, das Baby in seinen beschützenden Armen haltend, dreht sich Peter nun doch in Eile um, streift dabei Leon die Hose ab und taucht die Beine des Kindes in das kalte, klare Wasser im nebenstehenden, rustikalen Brunnen ein.

Wie durch ein Wunder nimmt Leon einige Augenblicke später einen tiefen Atemzug, seine rosige Gesichtsfarbe kehrt zurück und die Starrheit löst sich so schnell, wie sie gekommen ist.

Aus seiner Lähmung erwachend, tippt Marco hastig und hektisch in sein Handy und schreit mit anhaltender Panik in dieses: „Bitte komm! Leon. Wir sind bei Leonies Eltern.“.

Der ganze Spuk dauerte nicht mehr als fünf Minuten, doch für Leonie und Marco fühlt es sich wie eine Ewigkeit an.

„Das war ein Fieberkrampf!“, mit dem Baby zu den erschrockenen Eltern zurückkommend, legt Peter der leichenblassen Mutter das Kind in die Arme. Leonie sinkt auf die Decke zurück und presst ihr Baby mit Verzweiflung und durchdringender Angst an ihre Brust.

„Mein Schatz, du hattest als Baby auch einige dieser schrecklich aussehenden, aber in Wirklichkeit harmlosen Krämpfe.“, den Kleinen mit einer Decke zudeckend, kniet sich Ingeborg neben ihre Tochter und legt ihr schützend den Arm um die Schultern.

Leonie, das jetzt tief schlafende, erschöpfte Baby festhaltend, ist nicht fähig sich zu erheben und bleierne Leere breitet  sich in ihr aus. Um den Kleinen nicht zu wecken und durch völlige Erschöpfung gelähmt, bleibt sie auf der Kinderdecke sitzen und bemerkt im ersten Augenblick nicht, wie Andreas mit schnellen, aber keineswegs hastigen Schritten, seinen schwarzen Arztkoffer unter den Arm geklemmt, in den Garten eilt. Nach einem kurzen Hallo kniet er sich ebenfalls auf die Decke und beginnt mit einer sanften Untersuchung des ruhenden Kindes. Nebenbei lässt er sich von Peter den genauen Vorgang beschreiben. Auch er vermutet einen eher ungefährlichen Fieberkrampf, aber beordert trotzdem die Rettung zur Adresse von Leonies Eltern.

„Dem Kleinen geht es jetzt gut. Ich glaube auch, dass es ein Fieberkrampf war, aber um sicher zu sein, dass es nichts anderes bedeuten könnte, möchte ich es doch noch in der Klinik abklären lassen. Leonie fährst du im Rettungsauto ins Landeskrankenhaus mit? Dort werden wir einige Untersuchungen machen und dann wissen wir, was los ist.“, mit einem aufmunternden Lächeln blickt Andreas die immer noch erstarrte junge Mutter an.

Danke

„Kommst du mit?“, zaghaft, an ihre Wut auf diesen Mann denkend, wagt es Leonie kaum, ihn um diesen Gefallen zu bitten, aber die Sorge und die Angst um ihren Sohn überschattet jede ihrer sonst so mächtigen Emotionen.

„Danke, dass du so schnell gekommen bist.“, hinter dem Rettungswagen nachfahrend, sitzt Marco, immer noch geschockt, neben Andreas und kann die Ereignisse der letzten Stunde noch nicht begreifen.

„War das, was eben passiert ist, für Leon lebensgefährlich?“, wieder Panik in sich verspürend, starrt Marco seinen Freund an.

Warum dein Einsatz

„Wenn es ein Fieberkrampf war und dieser nicht lange dauerte, dann ist er harmlos. Man nimmt an, dass so ein Fieberkrampf eine Gegenreaktion des Körpers ist, damit das Fieber nicht zu hochsteigen kann. Einige Babys, 2 – 5 Prozent der europäischen Kleinkinder, können die Höhe des Fiebers noch nicht regulieren und darum fällt der Körper in eine Art Schock, um eben den Anstieg zu vermeiden.  Eigentlich ist dieser harmlos, nur wenn dieser Krampf über 10 – 15 Minuten dauert, dann kann er gefährlich werden. Da es sich aber auch um einen epileptischen Anfall handeln könnte, habe ich Leonie zur Abklärung mit dem Kleinen ins Krankenhaus überwiesen.“, erklärt Andreas weiter.

„Warum setzt du dich für das Leben ein?“, nur um etwas zu sagen, fragt Marco weiter.

„Ich liebe das Leben und bin so dankbar, dass ich hier auf dieser Erde leben und auch wirken darf. Darüber hinaus bin ich davon überzeugt, dass alle Menschen, von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod, beschützt werden müssen. Für dieses Anliegen erschien mir der Beruf des Arztes der dafür geeignetste zu sein. Weißt du, in unserer Gesellschaft wird nach nur 70 Jahren, seit der furchtbaren Zeit des zweiten Weltkrieges, wieder über unwertes und wertes Leben diskutiert. Es wird die Frage gestellt, wer darf leben und wer nicht? Eine Feministin erklärte sogar in ihrem Video, dass Abtreibung eine Art des Tötens ist, die sie verteidigen können muss. Durch den Vorfall mit Leon konnten wir erleben, wie wertvoll das Leben ist und ja, wir müssen alles, ja alles Erdenkliche tun, um dieses menschliche Leben zu schützen.“, antwortet Andreas mit ruhiger, dunkler Stimme, seinem immer noch bleichem Freund.

Im Stillen

Seinen schweigenden Freund von der Seite sehend, fragt sich Andreas im Stillen, warum dieser junge Mann so viel tragen muss.  Zu seinem eigenen Grauen wird ihm bewusst, dass er dieses Unglück noch verstärken wird, da er die Frau, die die Mutter von Marcos Sohn ist, liebt. Welch eine verzwickte Geschichte. Andreas atmet tief durch und verfolgt den Rettungswagen, der in einem rasanten Tempo durch die Stadt rast.

Um die drückende Stille zu umgehen, fährt Andreas fort. „In unserer Zeit ist es für uns Ärzte nicht einfach, denn in so vielen Fragen, wie der Pränataldiagnostik, der Abtreibung oder der Sterbehilfe, sind wir als Ärzte besonders gefordert, uns unserem hippokratischen Eid bewusst zu sein.  Wir müssen sehr achtsam sein, dass wir nicht von Politikern oder der gesamten Gesellschaft instrumentalisiert werden. Deshalb sollten wir für unser ärztliche Gewissen einstehen und es auch immer wieder fördern und auch fordern. Besonders wir Ärzte müssen die Möglichkeit haben, gewisse Handlungen auch ablehnen zu dürfen, eben diese, die wir mit unserem Gewissen nicht vereinbaren können. Darum kämpfe ich für das Leben.“, das Krankenhaus erreichend, sucht Andreas einen öffentlichen Parkplatz, da es ihm nicht erlaubt ist, dem Rettungswagen bis zum Kinderkrankenhaus zu folgen.

Komm schon

Mit hängenden Schultern geht Marco neben seinem guten Freund, in Richtung Kinderkrankenhaus, her. „Was ist, wenn es nicht ein Fieberkrampf war, was ist, wenn es mit meiner Krankheit zu tun hat?“, ängstlich und verzweifelt richtet er die Frage an Andreas.

Dieser klopft ihm kurz auf seine Schultern und fordert ihn allein schon mit dieser Geste auf, diese zu straffen. „Komm schon, dein Sohn braucht jetzt einen starken Vater. Wir werden es bald wissen und ich bin fast sicher, dass es wirklich nur ein harmloser Fieberkrampf war. Ich kann dir eines versprechen, wir sind in Salzburg medizinisch top ausgerüstet und darum werden wir bald wissen, was los ist. Wie gesagt, ich kämpfe um jedes Leben und ich habe es dir schon einmal versprochen, ich werde dir, Leonie und auch Leon mit all meiner Kraft zur Seite stehen.“.

Das Krankenhaus erreichend, treten die beiden Männer durch die Flügeltür ein und sehen gerade noch, wie der kleine Leon auf einer Trage Richtung Untersuchungszimmer geschoben wird. Leonie, in ein Gespräch mit einem Arzt vertieft, bemerkt zuerst nicht, dass Marco und Andreas an ihre Seite getreten sind. Mit ihren verweinten Augen, Marco gar nicht wahrnehmend, dreht sich Leonie zu Andreas, der mit einem Kopfnicken von seinem Kollegen begrüßt wird, um und stürzt sich in seine Arme. „Ich habe solche Angst!“, mehr zu sagen, ist ihr nicht möglich, denn ihre Stimme versagt und ein dicker Kloß schnürt ihr den Hals zu. Tränen strömen über ihr Gesicht und in ihrer Verzweiflung hält sie sich mit all ihrer noch verbleibenden Kraft an Andreas fest, der daraufhin seine starken Arme beschützend um sie legt.

Marco, der neben den Beiden steht und die Innigkeit der Umarmung wahrnimmt, erkennt sofort die Situation und langsam schleicht sich ein Wissen in ihm hoch, das seine Verwirrtheit, die ihm immer noch in den Knochen sitzt, noch mehr verstärkt und diese bis ins tiefste seines Herzens dringen lässt.

„Sie liebt ihn.“, war sein einziger, überwältigender, schmerzhafter, aber komischerweise auch erleichternder Gedanke.

„Sie liebt Andreas!“.

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Meine Antwort an Leonie:

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