Echt sein

Kapitel 81

Zuversicht

Der lange innige Kuss ist nun schon eine Woche her und Leonie schwebt noch immer wie auf samtigen, weichen Wolken. Die Sorge um ihren Sohn wurde nicht kleiner, aber die Hoffnung, die seit diesem Tage in ihrem Herzen wächst, gibt ihr Kraft, Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft. Aus dieser Hoffnung schöpfend, trifft sie heute Marco, um mit ihm einen bekannten Psychologen und Freund ihres Vaters zu treffen. Der Wiener Arzt soll Experte auf dem Gebiet der Erbkrankheit Chorea Huntington sein und in einem seiner Vorträge, die Leonie im Internet gefunden hat, zeigt er auf, dass in Österreich einige  Menschen an dieser Krankheit leiden. Leonie hat eingewilligt, mit Marco diesen Arzt aufzusuchen, weil es ihr Zuversicht gibt, aktiv etwas für ihre und Leons Situation zu unternehmen.

In den vergangenen Tagen rief Andreas sie einige Male sehr liebevoll an, aber die alte Angewohnheit sie jeden Tag zu wecken, hat er zu Leonies großem Bedauern nicht wieder aufgenommen. Oft fragt sie sich, was gewesen wäre, hätte sie diesen Fehler des One-Night-Stands nicht begangen? Wäre sie mit Andreas noch zusammen und sogar mit ihm verheiratet? Oder wäre sie wieder Single und glücklich und erfolgreich in ihrem Job? Vor einer Ewigkeit stellte sie sich in einem Salzburger Kaffeehaus Fragen zu ihrem Frausein und wer sie wirklich ist, was sie will und wie sich ihr Leben entwickeln sollte. Welchen Weg hätte sie wirklich beschritten? All diese Fragen durchstreifen immer wieder ihre Gedankenwelt. Mit einem Lächeln hebt sie den Kopf und blickt Marco, der ihr nervös gegenübersitzt, an.

Dummheit

Einmal etwas Unüberlegtes gemacht und  ihr ganzes jugendliches Lebenskonzept wurde durcheinander geschmissen. Wer hätte gedacht, dass diese eine leidenschaftliche Nacht sie hier hin bringen würde, in ein Wiener Restaurant, in gemeinsamer Sorge mit dem Vater ihres größten Lieblings verbunden, darauf wartend, zum Arzt aufzubrechen.

Ein One-Night-Stand hat ihr die größten Sorgen, aber auch das höchste Glück beschert. Nicht dass sie irgendjemanden zu solch einer unüberlegten Handlung ermuntern möchte, nein im Gegenteil, denn wenn alles so gelaufen wäre, wie es in der heutigen Gesellschaft üblich zu sein scheint, hätte sie diese ungeplante Schwangerschaft mit einer Abtreibung beendet und hätte ihr Leben ohne Konsequenzen weitergelebt. Bis auf jene Tatsache, dass sie ihr Kind tötete und mit dieser Schuld ihr Leben lang hätte leben müssen, nicht wissend, dass sie die größte Liebe ihres Lebens verpasst hat.

„Sollen wir wirklich zu diesem Psychodoktor gehen? Ich weiß nicht, was er uns Hilfreiches sagen könnte. Ich glaube, wir lassen Leon einfach testen und sehen dann, wie wir damit umgehen.“, etwas ängstlich blickt Marco Leonie direkt in ihr hübsches, mit kleinen Sorgenfalten durchzogenes und doch strahlendes Gesicht.

Lebensretter

In diesem Moment öffnet sich die Tür und Leonies Blick wird von einem großen, sehr gut aussehenden Mann magisch angezogen. Plötzlich erinnert sie sich und freudig und völlig spontan springt sie auf und geht dem Fremden entgegen.

Pater Paul. Wie sehr freue ich mich, Sie zu sehen. Können Sie sich an mich erinnern? Sind Sie allein, wenn ja, könnten Sie uns bitte kurz Gesellschaft leisten?“, mit atemloser Stimme und viel zu hastig bittet Leonie den Priester an ihren Tisch.

Überrumpelt von der plötzlichen Ansprache der jungen Frau, überlegt der überraschte Mann angestrengt und in seinem Gesicht spiegeln sich Fragen, Verwunderung und nach einigen Sekunden ein Erkennen wieder: „Sind Sie nicht mit Susanne befreundet oder verwandt?“, plötzlich wissend, erhellen sich seine Augen und ein tiefes Lachen erhellt augenblicklich den kleinen Speiseraum in dem Wiener Traditionsrestaurant.

„Ja, ich bin Leonie und Sie gaben mir damals einen lebensrettenden Rat!“, mit einem strahlenden Gesicht führt sie ihn wie selbstverständlich an den kleinen eckigen Holztisch, der so typisch für diese Art von Wiener Beisl ist.

„Leonie. Ich kann mich erinnern. Ging es da nicht um…?“, auf einmal stockt der Priester und blickt die junge Frau verstört an, denn er will  ganz offensichtlich niemanden bloßstellen.

Ungeplant

„Ja es ging damals um eine ungeplante Schwangerschaft und ich kann mich noch so genau an ihre Worte erinnern.“, und plötzlich in die Erinnerung fallend, kommen ihre Gedanken und die Szene von damals klar und bildhaft hoch. „Dein Wille geschehe!“, hört sie wie durch einen Nebel zu ihr dringen und dieser Satz hallt plötzlich mit einer unbändigen Kraft in ihr wieder. Sie beginnt langsam ihr Kind zu streicheln, lächelt in sich hinein und in Gedanken haucht sie ihrer Tochter zu: „Mein Bauch gehört dir und ab jetzt wird das geschehen, was du willst und was dich in deinem Leben stärkt!“, als ob es gestern gewesen wäre, steht das Bild klar und deutlich vor ihrem Blick.

„Sie sagten mir damals „Dein Wille geschehe!“ und diese Satz hat mich darin bestärkt, mein Kind doch am Leben zu lassen. Und ja, ich bin jetzt Mutter von einem kräftigen, entzückenden Sohn, obwohl ich damals glaubte, mit einer Tochter schwanger zu sein.“, mit einem lauten Lachen unterstreicht Leonie ihre damalige Vorstellung.  „Leon heißt er, denn er brüllt wie ein Löwe.“, mit einem wunderschönen Strahlen erzählt Leonie ihre Geschichte und mit jedem Wort erhellt sich das Gesicht des Priesters immer mehr.

„Ich freue mich sehr, dass sie Ihr Kind in ihren Armen halten dürfen!“, ehrliche und ansteckende Freude geht von dem stattlichen Mann aus.

„Danke noch einmal.“, glücklich, und Paul am liebsten umarmen wollend, strahlt Leonie ihr Gegenüber an.

Bergpredigt

„Ich kann mich erinnern, dass Sie mir damals noch mehr kluge Dinge erzählten. So in etwa:  Nicht alles auf einmal schaffen zu müssen oder zu sollen. Wir haben,“, auf Marco zeigend, „gerade wieder eine schwierige Situation und vielleicht schickt Sie auch heute wieder der Himmel.“

Der Priester überlegt einen Augenblick und versucht sich an die Situation von damals zu erinnern. Er durchforstet in Sekundenschnelle sein Bibelwissen und als ob er eine Schublade nach der anderen öffnen und durchsuchen würde, geht er einige seiner liebtesten Stellen der heiligen Schrift durch. „War es die Stelle in der Jesus in seiner Bergpredigt folgenden Satz sagte: „Sorgt euch nicht… Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? Sorgt euch nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“

„Ja, ich kann mich erinnern und mit dieser Aussage haben Sie in mir so viel geändert. Danke dafür!“, wie ein Honigkuchenpferd strahlt Leonie in den Raum hinein. Marco nebenbei sitzend kommt sich überflüssig und ausgegrenzt vor.

„Bitte entschuldigt, aber Leonie, wie könnte ein Priester uns mit so „gescheiten“, er parodiert mit seinen Fingern Gänsefüßchen in die Luft, Ansichten, helfen?“, ein wenig aufgebracht und unverständig sieht Marco Leonie an.

„Pater Paul, Marco, der Vater meines Kindes, trägt die Erbkrankheit Chorea Huntington in sich und darum sind wir verzweifelt und sorgen uns um unseren Sohn.“, versucht Leonie den Priester mit ein zu beziehen.

Sorgt euch nicht

Der Priester schürzt seine Lippen und runzelt die Stirnfalten. „Ganz ehrlich, ich weiß nicht, wie ich hier helfen könnte. Aber auf die Bibelstelle zurück zu kommen, die im Moment nicht zu passen scheint und trotzdem passen könnte. Sorgt euch nicht um morgen.“, sich in seiner Haut nicht ganz wohlfühlend, spricht der Priester, Marco in den Blick nehmend, schnell weiter. „Wie geht es Ihnen? Kennen sie schon einige Fakten?“.

Marco, sich wundernd und überrascht über den neuen Verlauf, antwortet pflichtgemäß: „Ja einiges habe ich schon erfahren und Leonie und ich würden uns in zwei Stunden mit einem Arzt und Psychologen treffen, der uns über eben diese Krankheit informieren könnte. Aber ehrlich, ich habe eine Scheißangst vor meiner und vor der Zukunft meines Sohnes. Mir kommt es so vor, als ob ich den Boden unter den Füssen verlieren würde.“

„Ich bin Priester und versuche Lösungen im Glauben zu finden. Aus meiner Erfahrung sind das oft sehr gute Ansätze. Eines kann ich Ihnen auf jeden Fall versprechen. Es gibt da jemanden, der Teil haben möchte an Ihren Sorgen, an Ihren Nöten und der Ihnen in jeder Lebenslage helfen will und auch kann. Der Sohn Gottes hatte den schwersten Weg, den schwersten Gang, den man sich denken kann, vor sich. Er ging diesen Weg ohne Angst und Murren, um uns von unseren Sünden zu befreien und uns dadurch helfen und beistehen zu können. Dieser mit dem Namen Jesus will uns keinen Regelkatalog aufdrücken, sondern er will, dass wir echt sind. Echt in unserer Gesellschaft, echt in unseren Familien und echt in unserem eigenen Leben, damit wir zu unserem von ihm erdachten Plan finden und damit glücklich werden können.“

„Heißt das, ich habe diese Krankheit bekommen, um mich selbst zu finden und echt zu werden?“, völlig verständnislos blickt Marco den Priester an.

100 %

„Nein das heißt es nicht, es heißt, dass Gott Sie dabei unterstützen wird, dieses Schicksal zu meistern, er wird Ihnen Kraft und Wissen geben, damit Sie mit dieser Krankheit umgehen können. Darum ist dieser Schritt, den Arzt aufzusuchen, ein sehr weiser. Ich als Gottesmann kann nur eines bestärken und bestätigen, Gott will dass Sie und ihr Sohn zu 100 % glücklich werden und darum wird er Ihnen alles nötige ermöglichen, sei es Hilfe von Ärzten, seien es neue Forschungsergebnisse oder sei es die Liebe von Menschen, die Sie in den schwierigsten Zeiten begleiten und Ihnen zur Seite stehen wird. Hier passt dieser Bibelspruch doch ganz gut: „Sorgt euch nicht um morgen, den der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.“

Obwohl den Worten des Priesters nicht glaubend, noch weniger auf diese vertrauend, macht sich in Marco das erste Mal seit langer Zeit eine unbekannte Leichtigkeit breit, man könnte sogar sagen, ein Hauch von Frieden umschwebt plötzlich sein Herz. Marco nimmt einen tiefen Atemzug und blickt den Priester ernst an.

„Leonie hat mir nichts von Ihnen erzählt, aber wenn Sie nur einen kleinen Bruchteil zum Überleben meines Sohnes beitragen konnten, dann werde ich mich auf Ihre Worte und vielleicht auch auf Ihren Gott einlassen.“, seine Stimme wird immer fester und ein Lächeln beginnt das Gesicht des jungen Mannes immer mehr in Besitz zu nehmen, Hoffnung und Leichtigkeit durchbrechen, von seinem Herzen ausgehend, seine Starre und seine Angst.

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Meine Antwort an Leonie:

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