Glaube?

Kapitel 72

Familie

Leonie blickt in die zusammengewürfelte Runde, die sich an diesem sonntäglichen Frühstückstisch versammelt hat. Neben ihr, ihren Sohn liebevoll festhaltend, Andrea, ihre beste und liebste Freundin, die noch immer an ihrer Abtreibung zu leiden scheint. Leonie hat das Gespräch zwischen Mama und ihrer besten Freundin nicht im vollen Umfang mitbekommen, aber sie hat noch einige Gesprächsfetzen, die von Glauben, Vergebung und Jesus handelten, aufgeschnappt. Sie spürt deutlich, als sie sich neben ihre Freundin setzt, deren Verletzung und so trägt sie ihren geheimen Wunsch schon früher als beabsichtigt vor. Ihre langjährige Freundin soll die Taufpatin ihres Sohnes werden. Leonie ist sich bewusst, die Leiden ihrer Freundin damit nicht schmälern zu können, aber gerade Andrea hat vehement um das Leben Leons gekämpft. Aber nicht nur sie. Liebevoll blickt Leonie zu ihrer Omi und plötzlich überkommt sie eine überraschende Erkenntnis. „Gerade die beiden Frauen, die eine Abtreibung persönlich erlebt haben, setzten sich am vehementesten für Leons Leben ein!“, gedankenversunken und nur mit einem halben Ohr den anderen zuhörend, schweift ihr Blick über den mit köstlichen Speisen gedeckten Tisch. Still beobachtet sie alle Personen, die an diesem versammelt sind.

Neben Andrea befindet sich Marco, der immer wieder liebevoll den Kopf seines Sohnes streichelt und liebkost. Glücklich, zufrieden, beinahe selbstverständlich, als wäre er schon lange Teil dieser Familie, verweilt er in der gemütlichen Runde und diskutiert angeregt mit ihren Eltern.

Ihr geliebter Vater, neben Marco sitzend, normalerweise ein gelassener Mann, erhebt gerade seine sonst so ruhige Stimme.

Gertrude, ihre Omi und neben ihrem Vater ihr absoluter Lieblingsmensch, thront zwischen Peter und Ingeborg und man merkt ihr an, dass sie solche Treffen mit gutem Essen, anregenden, lehrreichen, aber auch kontroversen Diskussionen über alles liebt. Doch zu Leonies Verwunderung bemerkt sie immer wieder einen dunklen Schatten, der kurz über Omis, sonst immer fröhliches, Gesicht zu huschen scheint.

Mama

Und schließlich zwischen ihr und ihrer Oma, den Kreis der Menschen, die sie liebt, schließend, sitzt Ingeborg, ihre Mama. Ganz Hausfrau und Mutter bewirtet und umsorgt sie, die fröhliche Gesellschaft überblickend, ihre Gäste mit wahren Köstlichkeiten, die sie auf den Tisch zaubert. Trotz ihrer Geschäftigkeit nimmt sie lebhaft an der Diskussion teil. Sie fragt sogar jeden einzelnen, welche Art der Zubereitung der Frühstückseier  bevorzugt wird. So gibt es für Andrea und Omi Rühreier, für ihren Vater weichgekochte und für Marco Spiegeleier. Zuerst war es Marco peinlich, einen solchen Wunsch auszusprechen, aber Ingeborg serviert ihm, so wie sie es selbst liebt, die Spiegeleier mit zartem, frischem Schnittlauch. Wie sehr ist Leonie ihre Mutter mit diesem Umsorgen, diesem für alle das Beste wollen, über viele Jahre auf die Nerven gegangen. Wie lange war sie davon überzeugt, ihre Mutter würde allen und jeden nur aus dem Grund dienen und helfen, weil sie sich selbst für wertlos hält und um dadurch mehr Aufmerksamkeit und Liebe zu erfahren. Darum rebellierte Leonie auch so oft gegen sie. Jetzt ist sie Mutter und komischerweise ändert sich ihre Einstellung nun schrittweise. Wie geht sie mit ihrem Sohn um?  Reagiert sie nicht auch ähnlich?

Ersatzreligion

„In dem Moment, wo in einer Gesellschaft die Werte, die Richtung und Ziele zu fehlen beginnen, da suchen sich Menschen Ersatzreligionen.“, richtet sich ihr Vater an Marco, der interessiert zuhört. „Die 68er, von der wir Kinder und ihr die Enkelkinder sind, haben geglaubt, sie müssten alles, alles über Bord werfen. Werte wie Treue, Glaube, lebenslange Liebe und viele andere, die über hunderte von Jahren von Politik, Institutionen und auch von den Kirchen propagiert, unterstützt und gefördert worden sind, wurden für nichtig und schlecht erklärt.“, erläutert Peter mit ernster Stimme.

„Die damals jungen Menschen haben die Schuld an den zwei Weltkriegen und dem daraus entstandenen Unglück, den engen Strukturen der Familie, den starren Ansichten der Politiker und den unmodernen, rückständigen und einschränkenden Sexualansichten der Kirchen in die Schuhe geschoben. Sie haben wirklich geglaubt, wenn man all diese Werte abschafft, dann würden die Menschen glücklich werden. Mama, gerade du hast damals diese Ansichten vertreten und auch bis ins Letzte gelebt. Erzähl du uns, wie das alles so gekommen ist.“, richtet sich Ingeborg mit einer zu lauten, heftigen Stimme an ihre Mutter. Immer noch ist der tiefe Schmerz, den Ingeborg in ihrem Inneren zu tragen scheint, zu spüren.

Gertrude, um die große Trauer ihrer Tochter wissend, versucht ruhig und gelassen zu reagieren, aber es gelingt ihr heute Morgen, aus unerklärlichen Gründen, nicht. Etwas nervös antwortet sie. „Ja, wir waren damals einfach verblendet. Wir wollten von den, für uns verstaubten, Ansichten nichts mehr wissen. Wir wollten alles, aber wirklich alles ändern, ernsthaft verbessern und in eine neue Zukunft führen. Was waren wir naiv, ich würde sogar behaupten, was waren wir dumm!“, heftig und mit Emotionen geladen, spricht Gertrude ihre innersten Gedanken und Gefühle aus.

Wisst ihr es nicht?

„Meine jungen Leute!“, Gertrude blickt Leonie, Andrea und Marco, einen nach dem anderen ernst und eindringlich an, um dann in einem eigenartigen Ton weiterzufahren: „Jetzt bin ich schon einige Jährchen alt, ich habe viel gesehen und viel erlebt. Wisst ihr was am Ende eines Lebens am meisten schmerzt? Es sind die Fehler, die man aus ideologischen, blindwütigen Ansichten gemacht hat. Ich war damals durch Schriften einer Simone de Beauvoir, einer Margret Sanger, eines Kendler so fanatisch und engstirnig, dass ich glaubte über Werten wie Treue, Scham, Enthaltsamkeit, Ehe zwischen Mann und Frau und auch über der Liebe zu stehen. Wir lebten damals ein freies, ungezwungenes Leben, jeder mit jedem. Wir verloren jede Ehrfurcht und jeden Respekt.“, traurig erzählt Gertrude aus ihrer Vergangenheit.

„Aber es klingt spannend.“, versucht Marco ein wenig Freude in das Gespräch zu bringen.

Zerstörung

„Das war es aber nicht. Im Gegenteil. Wir zerstörten nicht nur die Gesellschaft, die Kirchen, nein als erstes und schlimmstes zerstörten wir unsere Kinder und uns selbst. Damals fing es an, ungeplant „passierte“ Kinder abzutreiben. Leise und von der Bevölkerung nicht wahrgenommen, zogen die Leute, die mit mir auf der Wiese kifften, in alle Institutionen ein und waren lange Lehrer, Richter und Parlamentarier. Sie bereiteten den Weg für eine gottlose Welt. Dieser Geist, der an nichts mehr glaubte, hat unsere Gesellschaft entkernt.“, Gertrude blickt Marco, der sich unter dem Blick der alten Dame unwohl fühlt, streng an.

Leonie wundert sich über diesen unnachgiebigen, sehr selten an ihrer Großmutter wahrgenommenen, Zug.

„…und in dieses Vakuum der glaubenslosen Welt sind dann die anderen Denker gestoßen. All die Klimaretter, die Genderleute und die Abtreibungsbefürworter. Alle aus dem gleichen linken Eck.“, kommentiert Ingeborg.

Verwirrt beobachtet Leonie ihre Lieben. Wie konnte sich das Gespräch in diese ernste Richtung entwickeln? Ist ihr da etwas entgangen?

War es von langer Hand geplant?

„Also, wenn ich euch älteren Generationen zuhöre, dann kommt mir fast der Verdacht, dass es eigentlich von langer Hand geplant sein könnte, dass ich oder besser meine Mutter, in die Versuchung geführt wurden, mein Baby abzutreiben, zu töten.“, mischt sich nun auch Andrea ernst und nachdenklich ein. Abwesend und sich in ihrer Haut nicht wohlfühlend, reicht sie den unruhig werdenden Leon an Leonie weiter.

„Ja. Ich glaube, durch die vielen Jahre, in denen diese Menschen tätig waren und ihre Ideologien wie Religionen aufbauten, haben diese Leute ihre Wahrheiten in der Gesellschaft fanatisch aber auch klug positioniert. Es zählten keine Fakten , wie etwa, das ein Menschenherz ab der sechsten Woche schlägt und es eben kein Zellklumpen, sondern ein Mensch ist.  Sie bauten den Feminismus wie einen Glauben an etwas Höheres auf und so ist es heute selbstverständlich, ein Kind, für  dieses Ziel der absoluten Frauenbefreiung, zu opfern. Im gleichen Atemzug wird das Klima gerettet und die Geschlechtervielfalt propagiert.“, fasst Peter zusammen.

Schlangengrube

„Und viele Menschen, so auch ich, stürzten in diese Falle, in diese Schlangengrube. Wir trennen uns von unseren Kindern, heben die persönliche Freiheit auf den Altar des höchsten Gutes und laufen den Hohepriestern der Moderne nach!“, immer aufgebrachter meldet sich Gertrude zu Wort.

„Aber wie lange wird dieser Wahnsinn noch gehen?“, leise stellt Andrea diese bedeutende Frage.

„Ich frage mich das auch sehr oft. Wie viele Kinder müssen noch sterben, bis die Gesellschaft kapiert, dass das ein großes Unrecht ist.“, tief ausatmend und mit dem Kopf nickend, blickt Peter in die Runde.

Sehnsucht

„Aber die gute Nachricht ist, der Mensch sucht seine Spiritualität. Es ist zwar ein geistiges und moralisches Loch entstanden, das nun andere versuchen zu füllen, aber wenn die Kirchen es schaffen, die Menschen von diesen Untergangsprophezeiungen, die die Klimaaktivisten verbreiten, wegzubekommen und ihnen stattdessen Hoffnung, Glaube und Liebe vermitteln, dann wird sich alles wieder in die richtigen Bahnen leiten lassen.“, ist Ingeborg hoffnungsvoll überzeugt.

„Aber was macht man, wenn man das erste Kind verliert, weil man es an die eigenen Eltern abschiebt und das zweite gar nicht leben lässt?“, plötzlich bricht aus Gertrude heraus, was sie bis jetzt nur Leonie anvertraut hat.

Ingeborg blickt Gertrude mit aufgerissenen Augen an.

Schreckliche Wahrheit

„Heißt das?“, nicht fähig diese Wahrheit auszusprechend, starrt Ingeborg ihre Mutter an.

Nur ein leichtes Nicken Gertrudes bestätigt Ingeborgs grausamen Verdacht.

Den unruhigen, schon hungrigen Leon von einer Schulter auf die andere legend, will Leonie dieses Gespräch nicht verlassen, doch der Kleine wird immer ungeduldiger.

Wieder durchzuckt sie eine furchtbare Erkenntnis. An diesem Tisch sitzen sechs Menschen, davon sind drei direkt mit einer Abtreibung konfrontiert. Wenn sie diese Rechnung ausweitet, heißt das, 50 Prozent der österreichischen Bevölkerung sind direkt mit diesem schweren Thema konfrontiert. Leonie nimmt ihren kleinen, quengeligen Sohn und blickt ihm direkt in seine winzigen, wunderschönen, dunklen Augen. Laut, damit es alle hören, spricht sie aus, was sie schon länger umtreibt:

„Mein Schatz. Auch ich hätte dich beinahe nicht bekommen. Dieser Gedanke schmerzt mich tief in meinem Herzen. Danke Gott für all diese Menschen an diesem Tisch, die für dein Leben gekämpft und uns so vor der größten schlimmsten und entzetzlichsten Katastrophe ever bewahrt haben.”. Mit Tränen der Ergriffenheit und einem scheuen Lächeln strahlt Leonie ihre Familie glücklich und zu tiefst dankbar an.

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Meine Antwort an Leonie:

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