Ein neuer Anfang

Kapitel 67

Bewege deinen Arsch!

“Du bewegst deinen Arsch sofort hier her und es ist mir egal wie es dir dabei geht, was du denkst und ob du es für richtig empfindest. Leonie bekommt in den nächsten Stunden dein Kind und du hast die verdammte Pflicht hier zu erscheinen und den kleinen Menschen willkommen zu heißen!“, wütend, laut und aufgebracht brüllt Andreas in sein Handy. Er hat sich in einem kleinen Raum, in dem Besen, Kübel und allerlei Putzutensilien gelagert werden, versteckt, um Marco unbemerkt anrufen zu können. „Wenn du jetzt sofort in den Zug steigst, wirst du noch rechtzeitig hier sein können.  Leonie war mutig genug, einen neuen Anfang zu starten und zu eurem Kind ja zu sagen, und da wirst auch du den Mut finden, hier zu erscheinen, um dein, euer Kind willkommen zu heißen.“

Eine Woche ist es her, dass Marco ihn in großer Verzweiflung anruft. Eine Woche und dieser unbekannte Mann schüttet ihm sein Herz aus, erzählt ihm von seiner tiefen Verzweiflung und seiner ausweglosen Situation, die die tragische Nachricht seiner Erbkrankheit in ihm ausgelöst hat. Marco wusste nicht, an wen er sich wenden sollte, kein Freund, kein Bruder, kein Verwandter stand ihm so nahe, dass er sich anvertrauen wollte.

Als er seiner Mama voll Freude von ihrem neuen Enkelkind erzählt, berichtet sie ihrerseits von der möglichen Erbkrankheit Chorea Huntington, vom Veitstanz. Seit dieser furchtbaren Ankündigung fühlt er sich, als würde er höchstpersönlich auf dem Vulkan tanzen.  Er recherchiert im Internet, liest viel und sieht  einige verstörende Videos über den Verlauf der Krankheit. So erkennt er in den letzten Tagen die Tragweite, die Tragik, die ausweglose Zukunftsperspektive, die ihm im Falle einer Erkrankung  bevorsteht. Tiefe, schmerzende Hoffnungslosigkeit macht sich in ihm breit. Schlagartig ändert sich sein gesamtes Leben. Wen soll er fragen? Wer kann ihm beistehen? Nach sieben quälenden, einsamen Tagen erinnert sich Marco an Andreas, den Unbekannten, der von Gott und vom Sinn des Lebens spricht. Aus reiner Bitterkeit, mit einem Schuss Bosheit gewürzt, ruft  er diesen Traumtänzer an. Er will ihm ins Gesicht brüllen, dass es keinen Gott geben kann. Es kann nicht sein, dass ihm sein erstes Kind genommen  wird und er seinem zweiten Kind höchstpersönlich den Tod bringen würde. Es ist einerlei, ob das Kind sofort sterben muss oder etwas länger lebt. Der Tod kommt auf jeden Fall zu früh, beide Male. Durch Abtreibung oder durch ihn. All diese Gedanken und Sätze schleudert er Andreas in den ersten Sekunden entgegen. „Siehst du! Begreifst du, dass es keinen gütigen Gott geben kann?! Wenn, dann ist es ein boshafter, gemeiner Gott, der am Leid von uns Menschen seine Freude hat und überhaupt unfähig ist, in den Lauf der Geschichte einzugreifen.“, Luft holend beendet Marco lautstark seine Anklage.

Völlig verwundert, so eine Aussage im Entferntesten nicht erwartend, bleibt Andreas stehen und blickt am Kirchturm der Blasiuskirche empor. Er ist gerade unterwegs zur Abendmesse, als ihn dieser verzweifelte Anruf erreicht.

„Hallo Marco. Ich bin gerade zur heiligen Messe unterwegs, in der ich für die Musik zuständig bin, aber wenn du willst, rufe ich dich in einer Stunde zurück. Dann nehme ich mir Zeit und wir können in Ruhe darüber reden.“, unterbreitet Andreas Marco diesen Vorschlag.

„Nein passt schon. Alles in Ordnung.“, schnell und abrupt legt Marco auf.

Kalte, lebensverachtende Gesellschaft

In der Stille des dunklen Kirchenraums versucht Andreas sich einen Reim auf Marcos Verhalten zu machen. Es war ihm aber nicht möglich, im letzten Gespräch, das sie auf der Babyparty geführt hatten, einen Anhaltspunkt zu finden. So lässt er seine fragenden Gedanken abschweifen und hört der Lesung, dem Evangelium und der Predigt aufmerksam zu. Der Priester erzählt vom ersten und zweiten Anfang. Von Maria und dass durch ihr Ja Heilung durch Jesus in die Welt gekommen ist. Heilung? Nun schweifen Andreas Gedanken wieder ab. Er denkt an Leonie, die durch ihr Ja zu diesem Kind  auch irgendwie an Gottes Schöpfung teilnimmt. Oder ist der Gedanke zu verwegen? Sie hat in einer schwierigen Situation Ja zu einem neuen Leben gesagt. Sie hat all ihren Mut zusammengenommen und trotz unserer kalten, lebensverachtenden Gesellschaft wird sie dem Kind das Leben schenken. Wird speziell Leonie dadurch Heilung in die Welt bringen? Kann dieses Kind auch Marco heilen?“, all diese skurrilen Gedanken durchwandern seinen Kopf.

Nach der Messe versucht Andreas Marco zu erreichen, aber dieser hebt nicht ab und so macht er sich auf, seine Freunde im nahegelegenen Pub zu treffen. Ein großes Hallo schallt ihm entgegen und so vernimmt er die Vibration seines lautlos geschalteten Handys nicht.

Um Mitternacht verlässt er gut gelaunt das Lokal und blickt das erste Mal auf sein Telefon. Da sieht er vier Anrufe in Abwesenheit, zwei davon von Marco. Ohne zu zögern tippt er Marcos Namen an und sogleich hebt dieser am anderen Ende ab.

„Bitte entschuldige, dass ich dich vor einigen Stunden so angepöbelt habe.“, fängt Marco, unvermittelt und in leisem Ton mit dem Gespräch an.

Ich habe Zeit für dich.

„Du wirst deine Gründe haben!“, verständnisvoll muntert Andreas den anderen auf. „Ich spaziere gerade durch das stille, kalte Salzburg und habe die ganze Nacht für dich Zeit. Schieß los!“, fordert er sein unsichtbares Gegenüber auf.

Noch etwas zögernd will Marco ablehnen, doch seine Ratlosigkeit übermannt ihn. Was kann es schaden, sich mit einem anderen zu besprechen.

Und so erzählt er Andreas seine Geschichte, angefangen bei seiner Familie, von seinen Eltern, der Vater Österreicher, die Mutter Italienerin. Wie sie sich ein Leben in Wien aufbauten und dass seine Mutter eine großartige Köchin ist. Er erzählt von seinen Brüdern, vom Haus mitten in Wien, das sein Bruder ausgebaut hat, und noch vieles mehr. Andreas spaziert durch die leere Getreidegasse Richtung Süden, am Dom und an der Mozartstatue vorbei. Als er auf den Papagenoplatz eintrifft, sieht er im Dunkeln die Figur des schmiedeeisernen Vogelfängers, die ihm in seiner grazilen Art  immer wieder von neuem gefällt. Von einem Strahler beleuchtet, nimmt diese zarte Figur doch den ganzen Ort ein. Er bleibt stehen und hört aufmerksam zu, wie ihm Marco schildert, dass sein Vater über viele Jahre an einer schlimmen Erbkrankheit litt und daran, viel zu jung, starb. Er spricht in überhastetem Tempo weiter und erzählt, wie ihm seine Mama vor nicht einmal sieben Tagen all das berichtet hat und dass die Möglichkeit besteht, dass auch er diese Krankheit in sich trägt.

Schweigen.

Andreas setzt sich auf den Brunnenrand, blickt hinauf zu Papageno und fühlt Ratlosigkeit in sich aufsteigen. Was kann man einem jungen Mann sagen, der möglicherweise so eine düstere Zukunftsaussicht hat.

„Weißt du, bei meinen Recherchen zu dieser Krankheit fand ich heraus, dass in der Zeit des Nationalsozialismus, Menschen, die an diesem Veitstanz, wie diese Krankheit auch genannt wird, litten, zwangssterilisiert wurden. Und nun werde ich Vater und bin vielleicht für das Leid meines Kindes verantwortlich. Vielleicht war der Tod meines ersten Kindes doch die bessere Wahl, als einem Kind solch eine schwere Last mit zu geben.“, leise und tief verzweifelt stoppt Marco seine Worte.

Immer noch schweigend hört Andreas zu und plötzlich kommen ihm die Worte der Predigt in den Sinn. „Ich glaube nicht, dass ein Tod dem möglichen Leid vorzuziehen ist. Ich glaube eher, dass es immer einen neuen Anfang gibt, den man wagen kann. In der Geschichte gibt es tausende Beispiele und in jedem Menschenleben sind Schicksalsschläge zu finden. Vielleicht geht es darum, trotz schwieriger Verhältnisse, immer wieder neu zu beginnen. Die Frage ist erst einmal, ob du diese Krankheit überhaupt in dir trägst und die zweite Frage, hast du sie weiter vererbt? Hast du dich schon untersuchen lassen?“.

Das alles ist nun einige Tage her und in diesen sprechen die beiden Männer täglich miteinander. Einige Male gelingt es Andreas Marco aufzurichten, doch einige Male spürt er, nichts was er sagt, kann dem anderen helfen. Aber sie lernen sich kennen und auch schätzen. Andreas hört Marco immer wieder zu und so entsteht in dieser kurzen Zeit doch etwas wie Vertrautheit. Darum spricht Andreas jetzt mit scharfem und ungeduldigem Ton, um Marco zu überzeugen.

 

„Leonie war mutig genug, zu eurem Kind ja zu sagen und da wirst auch du den Mut finden, hier zu erscheinen, um dein, euer Kind willkommen zu heißen.“, fordert Andreas Marco aufgebracht auf. In einem gemäßigteren Ton fährt er fort: „In den letzten Tagen hatten wir viele Gespräche und ich erzählte dir von meinem Glauben. Welche Geschichte gefiel dir davon am besten?“, will Andreas unerwartet wissen.

„Die von Maria, dass sie mit ihrem Ja zu Jesus, Heilung in die Welt gebracht hat.“, überrascht, was das mit der Situation zu tun haben sollte, antwortet Marco unsicher.

„Genau. Leonie ist eine starke Frau, sie hat ja zu diesem Kind gesagt und sie wird es immer wieder tun. Sie wird dieses Kind beschützen und wenn du ihr zur Seite stehst, dann werdet ihr alle drei heil werden. Lass dich nicht ins Bockshorn jagen, lass dich nicht entmutigen. Darum wirst du auch jetzt schnellst möglichst hierher anreisen. Leonie bekommt in den nächsten Stunden euer Kind und du sollst der erste Mann sein, den dein Kind sieht und du sollst der erste sein, der es im Arm hält. Vergiss nicht, dieses Kind bedeutet einen neuen Anfang!“, ohne auf eine Antwort zu warten, legt Andreas auf und klopft leise an die Tür des Zimmers, in das Leonie mit ihrer Hebamme verschwunden ist. Ein kräftiges „Herein“ fordert ihn auf, einzutreten.

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Meine Antwort an Leonie:

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