Familie!

Kapitel 66

Wehen!

Andreas blickt Ingeborg hilflos an. Was soll er tun? Soll er wirklich mit Leonie in die Klinik fahren? Ungläubig und verwirrt sieht er um sich, hält Leonie aber immer noch fest umschlossen.

„Ich fahre in die Wohnung und hole die Dinge, die Leonie braucht. Bitte bring sie ins Diakonissenkrankenhaus. Leonie hast du die Nummer deiner Ärztin bei dir, damit wir sie verständigen können?“, gelassen und mit ruhiger Stimme leitet Ingeborg die jungen, unsicher wirkenden Zwei an. Mit Dankbarkeit in den Augen, blickt Leonie zu ihrer Mutter.

„Mein Schatz, wie oft hattest du schon so eine Schmerzattacke?“, will Ingeborg wissen.

„Das zweite Mal. Vor gerade mal einer Stunde überkam mich die erste. Mama, bitte rufe Gerlinde, meine Hebamme an. Mit ihr hätte ich heute sogar noch einen Akupunkturtermin. Diesen kann ich mir, glaube ich, schenken.“, schon wieder ein Lächeln auf ihren Lippen wird Leonie durch die Hilfestellung ihrer Mutter ruhiger.

„Ok. Zwei Wehen innerhalb einer Stunde, da haben wir wahrscheinlich noch genügend Zeit. Aber Andreas, könntest du sie trotzdem gleich in die Klinik bringen, denn eine Untersuchung ist auf jeden Fall gut.“, bittet Ingeborg den jungen Mann noch einmal.

Leonie  loslassend nickt er und fühlt so etwas wie Stärke in ihm hochkommen. Mit einem Lächeln bietet er Leonie seinen Arm an: „Glaubst du, du kannst mit mir in die Tiefgarage gehen, denn dort steht mein Auto.

Jetzt muss Leonie doch leise auflachen, denn der Schmerz ist trotz seiner Heftigkeit wieder fast vergessen. Kurz wundert sie sich über diese Stille in ihrem Körper. „Natürlich kann ich gehen. Vielleicht ist das sogar ganz gut.“. Sie ergreift ganz selbstverständlich Andreas Arm und lächelt ihre Mutter verschmitzt an.

„Ich komme in die Klinik nach.“, die Rechnung bezahlend und mit einer Abschied nehmenden Geste fordert Ingeborg Leonie und Andreas auf, sich auf den Weg zu machen.

Sicher

Sich in Andreas Arm sicher fühlend,  marschiert Leonie mit noch etwas unsicheren Schritten Richtung Altstadtgarage.

„Es tut mir leid, dass du, um mich ins Krankenhaus bringen zu können, Zeit verlierst und Umstände hast.  Aber ich bin dir so dankbar. Gerade vor dreißig Minuten saß ich im Kaffee, sah zur Burg hoch und erinnerte mich an unser Treffen dort oben. Wie wohl ich mich in deinen Armen fühlte. Damals empfand ich tief in mir, dass ich nach Hause gekommen bin.“, so ehrlich wollte Leonie gar nicht sein, aber die Situation, die ihre Gefühle in Aufruhr bringt, lässt sie alle Bedenken vergessen. „Jetzt bekomme ich mein Baby von einem One-Night-Stand. Von einem Mann, der mir versicherte, für das Baby da zu sein. Von einem Mann, der sich trotz seiner Versprechen, seit zwei Wochen nicht mehr meldet.“, etwas traurig, doch mit offenem Herzen erzählt Leonie, was sie in ihrem Innersten bewegt. „Ich hätte es mir so gewünscht, wenn der Vater des Kindes bei der Geburt anwesend wäre oder zumindest danach, das Baby, mein Mädchen, willkommen heißen würde.“.

„Wird es ein Mädchen?“, mit einem Lächeln und Leonie fest im Arm haltend, schreitet Andreas langsam und bedacht über das Salzburger Kopfsteinpflaster.

„Meine Ärztin hat mir nichts verraten, aber ich bin davon überzeugt, dass es ein Mädchen wird. Ein Sohn wäre ja schwierig, denn dieser bräuchte noch mehr den Vater als ein Mädchen.“.

Welch skurrile Situation, denkt Andreas bei sich. „Also ich glaube, ein Mädchen soll auch einen Vater haben. Aber jetzt bringen wir das Baby einmal auf die Welt. Ich bin so stolz auf dich, dass du ja zu diesem Menschen gesagt hast.“, aufmunternd, zieht Andreas Leonie noch enger an sich.

Beide erreichen den Eingang in den Berg, denn um in die Garage zu gelangen, muss man noch einige Meter innerhalb des Tunnelsystems  zurücklegen, die in das Innere des Mönchsbergs führen. Vorbei an Schaukästen, in denen die neuesten Modetrends von Schuhen, Kleidern und Kosmetikartikeln angepriesen werden. Mit dem  muffigen Geruch in der Nase, den die Wände in diesen Gängen seit Leonie denken kann, ausströmen, gehen die Beiden ohne Hast, aber jetzt schweigend weiter. Ganz bedacht, hilft Andreas Leonie in sein Auto und fährt zügig Richtung Klinikum.

Unvermittelt der Sprache beraubt, wohl schweren Stunden entgegen sehend, blickt Leonie geistesabwesend aus dem Fenster. Die vorbeiziehenden Bilder der Straßen, der wunderschönen alten Häuser, des in der Sonne glitzernden Flusses und Andreas an ihrer Seite nimmt sie nicht wahr.

Wer ist er?

In der Klinik angekommen, erwartet sie Gerlinde, ihre Hebamme und empfängt Leonie mit einer freudigen Umarmung. „Ja was macht ihr denn? Dein Baby scheint es aber eilig zu haben. Komm wir sehen uns die ganze Angelegenheit einmal in Ruhe an und der Vater kann euch bei der Verwaltung schon einmal anmelden.“, Leonie mit einer schwungvollen Geste zur Treppe führend, übernimmt Gerlinde das Kommando.

Als sich Leonie noch einmal kurz umdreht, blickt sie in zwei liebende, aber doch fragende Augen und das entzaubert ihr ein vertrautes Strahlen. Sie wollte Gerlinde über Andreas wahre Stellung aufklären aber irgendwie fühlt es sich gut und richtig an und so lässt sie das Gesagte einfach stehen. Gerlinde geleitet sie über eine breite Treppe, durch einen sonnendurchfluteten Flur, in ein kleines entzückendes Zimmer. Sie bittet Leonie, sich auf das Bett zu legen, um eine kurze Untersuchung des Muttermundes machen zu können.

Während der unangenehmen Untersuchung stellt Gerlinde fest, dass dieser etwa zwei Zentimeter offen ist, dass der Gebärmutterhals schon verkürzt sei, dass sich das Baby wunderbar in die richtige Richtung gedreht hat und die Herzschläge des Kleinen laut und regelmäßig zu hören sind. „In einigen Stunden, meine Liebe, wirst du dein Baby im Arm halten können!“, strahlt die Hebamme Leonie an.

Herzschläge!

Ein leises, zaghaftes Klopfen unterbricht die Beiden und nach dem lauten kräftigen „Herein“ von Gerlinde, tritt Andreas zögernd ein. In dem Moment überkommt Leonie eine heftige Wehe. Leonie, wieder vom Schmerz völlig überrollt, starrt zuerst Andreas dann Gerlinde panisch an. Die Hebamme hat ihr gerade den Wehenschreiber, der die Länge, Stärke und Häufigkeit der Wehen misst, um ihren Bauch geschnallt, als diese heftige Schmerzattacke Leonie die Luft raubt.

Die Hebamme stützt Leonie mit beiden Armen, während sie die  Aufzeichnung ruhig beobachtet und unmerklich den Kopf schüttelt. Als alles vorbei ist, sinkt Leonie auf das Polster in ihrem Bett zurück. Gerlinde wischt Leonies schweißnasse Stirn mit einem feuchten, kalten Tuch ab und lächelt die junge Frau aufmunternd an: „Also meine Liebe, das sind schon recht heftige Ausschläge. Wenn du willst, kannst du noch ein bisschen in den Gängen spazieren gehen, aber ich werde den Kreissaal schon einmal für dich herrichten.

Andreas beobachtet das ganze Spektakel und fühlt sich einerseits unwohl, anderseits doch angezogen von der Stimmung und dem Wissen, bald wird ein kleiner Mensch geboren.

Hilfe!

Als Gerlinde den Raum verlässt, traut sich Andreas an das Bett zu treten und nimmt Leonies Hand in seine. „Soll ich bei dir bleiben oder willst du, dass ich gehe?“, leise richtet Andreas die Frage an Leonie, die mit geschlossenen Augen auf dem Bett ruht.

Doch statt einer Antwort starrt Leonie Andreas mit aufgerissenen Augen an, denn die nächste Wehe baut sich auf und überrollt Leonies Körper. Keine Minute lang ist der Abstand zwischen den einzelnen Wehen nun und wie in einem tosenden Meer brechen plötzlich diese Wellen über die beiden herein. Andreas drückt den Notknopf, um Hilfe zu holen. Eine Schwester erscheint und kurz darauf betritt Gerlinde das Zimmer. Nun fallen die Wehen mit einer Dauer von einer Minute alle 30 Sekunden über Leonie her und lassen ihr kaum Zeit um Luft zu holen. Sie wird in einem Eiltempo in den Kreissaal gebracht. Andreas Hand fest und stark haltend, drückt sie mit einer Kraft, die er einer so zierlichen Frau nie zugemutet hätte. Eine Wehe jagt die andere. Es bleibt kaum Zeit, um sich zu entspannen. Wieder einmal bestimmt das Schicksal die Abläufe. Auf einem rosa Ball hockend, von Andreas gestützt, versucht Leonie mit diesen Gewalten der Natur umzugehen. Während einer kleinen Pause reicht ihr Andreas Fruchtzucker, der ihr, da er sofort ins Blut dringt,  wieder etwas Kraft verleiht.

So hätte sich Leonie den Ablauf einer Geburt nie vorgestellt. Immer wieder dachte sie, wenn es so viele Frauen durch all die  Jahrhunderte hindurch überlebt haben, dann wird es für sie auch ein leichtes sein. Weit gefehlt. Sie ist dieser Situation völlig ausgeliefert und das noch dazu mit einem nahezu Fremden. Doch ihr Fokus liegt nur mehr auf dem Ereignis, auf ihrem Baby und sie selbst. So versucht sie ohne Hemmungen mit Andreas zu atmen, sich während der kurzen Pausen  zu entspannen, aber es gelingt ihr kaum. Oft übermannt sie dazu noch Angst und Verzweiflung. Wenn die Schmerzen ihren Höhepunkt erreichen, bleibt ihr nichts anderes übrig, als diese durchzustehen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit und der nächsten schmerzenden Untersuchung von Gerlinde trifft ihre Ärztin ein, die sie ebenfalls noch einmal untersucht. Diese wirklich schmerzlichen, händischen Messungen des Muttermundes könnten sich die Beiden aber wirklich sparen, denkt sich die erschöpfte Leonie, bevor die nächste Wehe sie überkommt.

„OK. Leonie, du bist schon so weit. Der Muttermund ist offen, der Gebärmutterhals verstrichen und das Baby liegt genau richtig. Bei der nächsten Wehe bitte ganz fest pressen!“, fordert sie die Ärztin unvermittelt auf.

An Andreas angelehnt, seine Hand festhaltend, blickt Leonie verängstigt in seine Augen.

„Komm du kannst es. Ich halte dich fest, du kannst dich mit all deiner Kraft an mir abstoßen. Ich werde für dich da sein. Komm wir beide schaffen das gemeinsam, denn du bist bei mir sicher und zu Hause angekommen!“, flüstert er ihr, sie fest umarmend, ins Ohr.

In einem Meer aus Schmerzen schwimmend, verspürt sie die nächste halbe Stunde den ungeheuerlichen Druck zu pressen und verzweifelt fast daran, doch loszulassen. Das Baby hat unglücklicherweise den Kopf gedreht und dadurch ist es umso schwieriger, diesen durch den engen Geburtskanal zu schieben.  Die Geburt verzögert sich immer mehr. Hektik und Panik versuchen sich im Raum Platz zu schaffen, aber die beiden, Ärztin und Hebamme, geben ruhig Kraft und Ermutigung. Immer wieder fordern sie Leonie auf zu pressen, aber trotz der vielen aneinander folgenden starken Wehen, scheint das Baby nicht kommen zu wollen. Da entschließt sich die Ärztin zu einer Episiotomie, einem Dammschnitt, um die Geburt zu verkürzen.

Als ob eine Melone durch ihren Körper gepresst würde, steigert sich der Schmerz ins unermessliche, um dann ganz plötzlich abzufallen. Sie spürt wie das Baby herausgleitet, hört die Glückwünsche und eine dankbare Dunkelheit empfängt sie. Bevor sie weggleitet, hört sie noch von weit her: „Herzlichen Glückwunsch, du hast einem Sohn das Leben geschenkt!“.

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Meine Antwort an Leonie:

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