Trotz Fehlern göttlich

Kapitel 56

Leonora.

„Leonora, Lena, Lilly, Leonie. Vier Mädchen, vier Namen, vier L. Liebe und Leben! Vielleicht sind wir vier für die Liebe und für das Leben geschaffen!“, mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht, diese verrückten Gedanken denkend, freut sich Leonie über das neue Menschenkind. Welch ein Wunder ist das denn? Da lieben sich Mann und Frau und daraus entsteht, sinnbildlich aus dem Nichts, so etwas Schönes, Fantastisches. Glücklich streichelt sie ihren Bauch und tiefe Freude durchströmt sie. Leider konnte sie ihre Schwester nicht treffen, da Lilly sich nach der schnellen und sehr anstrengenden Geburt ausruhen und erholen muss. Hektik, aufgeregte Stimmen und eilig laufende Schwestern und Ärzte um sie herum wahrnehmend, kommt sich Leonie, im Flur der Kinderstation, wie in Grey’s Anatomy vor. Durch ein kleines Fenster, das in das Babyzimmer zeigt, beobachtet sie die kleine Leonora im Brutkasten schlafend. Welch ein süßes, hübsches Baby.

Nun spaziert sie, gedankenversunken und freudig im Herzen, vom Salzburger Landeskrankenhaus ausgehend über den Mönchsberg, vorbei am Museum der Moderne, weiter auf dem idyllischen Wanderweg zur Burg Hohensalzburg. Sie erinnert sich an die gemeinsamen Spaziergänge mit Andreas und so in den schönen Erinnerungen schwelgend, merkt sie nicht, dass der Weg auf schattigen Plätzen stellenweise eisig und schneebedeckt ist. Hier oben hatten sie und Andreas wunderbare Stunden erlebt, aber auch heftig über Abtreibung diskutiert. Und jetzt schlendert sie, mit einem Baby unter ihrem Herzen, auf diesen verschlungenen Pfaden. Wie verliebt sie damals in Andreas war und wie schnell sich alles verändert hat. Durch ihren blöden Fehler, durch ihren One-Night-Stand, zerstörte sie diese junge Liebe.

Plötzlich geht alles schnell. In Gedanken versunken übersieht sie die eisige Stelle, rutscht aus und stolpert vorwärts. In letzter Sekunde ergreift sie einen, über den Weg hängenden Ast, und kann sich mit Mühe halten. Mit zittrigen Beinen verharrt sie auf der Stelle.

Lilly. Nach dem gestrigen Sturz platzte ihre Fruchtblase und ihre Tochter kam drei Wochen zu früh auf die Welt. Und jetzt wäre sie bald in dieselbe Gefahr geraten. Erschrocken setzt sich Leonie auf einen großen Stein, der den Wegrand säumt. Sie nimmt einen tiefen Atemzug und blickt auf ihre zittrigen Hände. Der Schreck fesselt ihren Körper.

Da beginnt ihr Handy, trommelnd und laut, die Stille zu stören.

„Kann es sein, dass ich eine wunderschöne Frau, ganz allein, verlassen und ängstlich auf einem Stein sitzen sehe?“, überrascht vernimmt Leonie Andreas lachende Stimme. Sie blickt sich um, sieht aber niemand.

Wo ist der Ritter?

„Nein meine Liebe, so einfach findest du mich nicht!“, flötet Andreas in sein Handy. Leonie schmunzelt und wendet sich um. Zwischen den Bäumen und Sträuchern, wie ein lauernder Wolf, taucht Andreas nur einige Meter hinter ihr, in seinem Laufoutfit, auf.

„Dich schickt der Himmel!“, lacht sie laut heraus und atmet dabei erleichtert auf. „Ich hatte schon Bedenken, wie ich wieder von diesem Berg herunterkommen soll.“, mit strahlenden Augen blickt Leonie in das fröhliche Gesicht ihres Freundes.

„Was machst du denn zu so früher Stunde auf diesem Berg?“, besorgt sieht Andreas in das immer noch bleiche Gesicht.

„Meine Schwester hat gestern durch einen Sturz ihr Baby drei Wochen zu früh bekommen und ich wollte sie so schnell wie möglich sehen und mich überzeugen, dass alles in Ordnung ist. Doch sie haben mich wieder nach Hause geschickt und da habe ich, ohne nachzudenken, diesen Weg gewählt. Als ich so gedankenversunken dahin schritt, passte ich nicht auf und wäre selbst fast gestürzt.“

„Was gibt es denn so Wichtiges, dass du nicht auf deine Schritte achtest?“, will Andreas jetzt doch ernst geworden wissen.

„Ach nicht so wichtig“, will Leonie fast ein wenig ertappt antworten, aber als sie in das warmherzige Gesicht ihres Gegenübers blickt, fängt sie an, ihm ihre Gedankengänge zu öffnen.

„Ich habe mich an unsere Spaziergänge auf diesem Weg erinnert, wie verliebt ich war und dass ich durch einen Fehler, diesen One-Night-Stand, alles kaputt gemacht habe.

„Ja, aber du hast durch diesen „Fehler“, Andreas zeichnet mit den Fingern die Anführungszeichen nach, „das wunderbarste Geschenk bekommen, das ein Mensch sich vorstellen kann. Du trägst ein Menschenkind unter deinem Herzen!“, lächelnd blickt Andreas auf die Wölbung unter Leonies weißer, kuscheliger Winterjacke. Der Pelzkragen umschmeichelt ihr zartes, immer noch blasses Gesicht. Sie wirkt wie eine feine zerbrechliche Porzellanpuppe und sein Herz macht einen freudigen Satz.

Verloren

„Aber wir haben uns verloren!“, fast panisch wird Leonie der Verlust in diesem Moment wieder bewusst.  „Weißt du, meine Familie bedrängt mich, Marco, den Vater des Kindes, in mein Leben einzuladen und wenn ich das tue, hätte ich für einen anderen Mann keine Kraft. Zu allem Überfluss wäre ich jetzt auch noch gestürzt und hätte vielleicht mein Baby verloren!“, ohne Punkt und Komma, immer verzweifelter werdend, sprudelt es aus Leonie heraus.

Römer 8.28

Beschützend legt Andreas seinen Arm um Leonies Schultern und beruhigt sie damit augenblicklich: „Weißt du, dass Gott, bei jedem der ihn liebt, alles zum Guten führt? Das steht in Römer 8.28.“, lächelt er ihr aufmunternd entgegen.

„Was ist Römer 8.28?“, will Leonie leicht spöttisch wissen. Ihr ist natürlich klar, dass Andreas seine Weisheiten oft aus der Bibel zitiert.

„Du weißt es doch!“, lachend zieht er sie näher an sich.

„Aber im Ernst, du hast zwar nicht so klug gehandelt, wie du selbst sagst, einen Fehler begangen, aber sieh dich an. Du strahlst, bist wunderhübsch und wie mir scheint auch glücklich. Gott hat deine Tat zum Besseren gewendet. Denn er ist wie dein Vater, der dich liebt.“

„Ja, du hast Recht, dieses Kind erfüllt mich jetzt schon mit so viel Glück, Freude und Zuversicht. Das hätte ich mir nicht einmal im Traum vorstellen können. Aber es ist mein Kind und irgendwie fällt es mir schwer, diesen Nichtsnutz in mein Leben einzuladen.“, langsam wandern die beiden auf dem eisigen und jetzt abschüssigen Weg weiter. Sich an Andreas festhaltend, schreitet Leonie vorsichtig aus.

„Deine Bereitschaft ist deine Grenze!“, beginnt Andreas zu philosophieren.

„Was meinst du damit, hast du den auch aus der Bibel?“

„Nein, aus Fionn, einer wunderbaren irischen Sagensammlung. Ein alter Dichter, der an einem Fluss die Überfahrt für Reisende durchführt, erzählte seinem Gehilfen diese Weisheit. Deine Bereitschaft sind deine Grenzen!“, wiederholt Andreas das Gesagte.

„Und was hat das mit mir zu tun?“, will jetzt Leonie neugierig wissen.

Trotz Fehler göttlich

„Du bist trotz deines Fehlers göttlich. Du bist ein Kind Gottes und so wird er alles, was passiert, zum Guten wenden. Denn du bist im Wesen Gott, deinem Vater ähnlich. In dieser Ähnlichkeit bist du zur bedingungslosen Liebe fähig. Durch das Ja zu diesem Kind hast du das bewiesen. Wenn du nun auch den Vater des Kindes in eure Leben einlädst, erklärst du dich bereit, neue Wege zu gehen und beweist deinen Mut. Weil du einfach weißt, dass es für das Kind richtig ist. So weitest du deine Grenzen. Du wirst zwar einige Probleme bewältigen müssen, aber die glücklichen, freudigen Momente werden alles überwiegen.“, entfaltet Andreas seine Sichtweise, wohl wissend, dass er gegen sich selbst spricht. „Wenn dein Baby von  einem weiteren Menschen  geliebt werden kann, wenn es einen Mann, seinen Vater, kennen lernen darf und wenn du darüber hinaus auch noch Gott in eurem Leben Platz gibst, dann kann ich dir garantieren, werden deine Grenzen des Glücks, der Freude  und der Liebe weit und offen werden.“, lachend bleibt Andreas stehen, denn sie sind jetzt sicher in der Stadt angekommen. Vor ihnen ragt der Dom in seiner imposanten Größe auf.

Leonie, immer noch in seinem Arm eingehängt, lächelt in sich hinein. Den ganzen Weg hat sie sich keine Sekunde gefürchtet. Er führte sie gefahrlos auf eisigem, nassem Boden. Er hielt sie fest und brachte sie in Sicherheit. Wie lange hatte sie dieses Gefühl der Sicherheit schon nicht mehr gespürt.

Eine leichte, kaum spürbare Wehmut, macht sich in ihr breit. Leonie streichelt ihr Baby und blickt in Andreas frohes, männliches Gesicht. „Danke dir, für deine sichere Begleitung und deine schönen Gedanken. Auch dass du nie aufhörst mir deinen Glauben und Gott näher bringen zu wollen. Aber jetzt werde ich mich ganz auf mein Kind konzentrieren und wenn auch du der Meinung bist, dass es das Richtige ist, werde ich Marco nächste Woche anrufen, um ihm die großartige Nachricht seiner Vaterschaft zu erzählen!“, dankbar umarmt Leonie Andreas.  „Es tut mir so weh, dass es mit uns nicht geklappt hat.“, leise und sacht flüstert sie ihm diese Traurigkeit ins Ohr.  „Aber du wirst immer, immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben.“

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