Erwachsene Männer

Kapitel 55

Ein absolutes No-Go

Dreimal hat er versucht, Leonie zu erreichen. Dreimal wollte er mit ihr sprechen. Dreimal!  Sich so um eine Frau zu bemühen, ist für ihn eigentlich ein No-Go. Ihm, dem talentierten Tango-Tänzer, ihm, dem erfolgreichen Banker, ihm, dem gutaussehenden Österreich-Italiener. Es kann doch nicht sein, dass ihm, dem sonst immer alle Mädchen zu Füßen liegen, nun diese eine, auch wenn sie besonders ist, den Kontakt verwehrt.

Marco erscheint es, als ob all seine Vorstellungen von sich selbst ins Wanken geraten würden. Vor kurzem erfuhr er, dass sein Kind nicht leben durfte und jetzt blitzt er dreimal bei einer Frau ab, die ihm wirklich etwas bedeuten könnte. Wo ist seine Welt geblieben, in der er der Macher ist, in der er alles unter Kontrolle hat? Wo ist seine Selbstsicherheit, sein Selbstbewusstsein? Es fühlt sich an, als ob ihm alles durch die Finger gleiten würde.

„Martina. Hättest du Zeit für mich?“, fast etwas ängstlich stellt Marco diese überraschende Frage an seine Exfreundin.

Martina, aufgrund der letzten Auseinandersetzung völlig verwundert, sagt überrumpelt augenblicklich zu. „Ja. Wann?“

„Gleich?“

„OK!“

Nun sitzen sich beide in einem überfüllten, lauten Touristencafé gegenüber, sich selbst fragend, warum. Martina, ärgerlich über sich selbst, wegen der intensiven Gefühle, die sie immer noch für diesen Mann zu hegen scheint, schweigt und blickt fragend in das Gesicht ihres Gegenübers, der in gebeugter Körperhaltung niedergedrückt im Sessel zu versinken droht. „Er tut ihr leid, wirklich leid“., denkt sie kurioser Weise bei sich und so etwas wie Muttergefühle spürend.

„Was hättest du von mir gebraucht, um dem Kind das Leben schenken zu können?“, mit leiser, zaghafter Stimme stellt Marco diese völlig unerwartete Frage an seine Exfreundin, die davon sichtlich tief getroffen ist.

„Willst du das wirklich wissen?“, ungläubig fühlt sich Martina immer unwohler.

„Ja.“

„Wie lange hast du Zeit?“, versucht sie die traurige, schwere Stimmung aufzulockern.

„Ich weiß es nicht, aber mir schwimmen gerade die Felle davon.  Die Vorstellung meines Lebenskonzeptes ergibt für mich keinen Sinn mehr. Es schmerzt mich, dass das passieren hat müssen.“, unruhig und nervös rutscht Marco auf seinem

Stuhl herum.

Bei diesem Anblick, der sie an einen kleinen Jungen erinnert, muss Martina unwillkürlich lächeln. Wie sehr ist ihr diese Szene bekannt.

„Ich hätte einen erwachsenen Mann gebraucht. Einen, der eine ernste Beziehung zu mir leben will. Der nicht nur Sex verlangt, sondern auch Verantwortung über sein Verhalten übernehmen kann und sich nicht bei jeder kleinen Schwierigkeit in Luft auflöst. Nicht einen, der mir als Antwort auf meine Fragen immer wieder mit derselben Phrase entgegnet: „Können wir das nicht morgen entscheiden?“, in Wut kommend, starrt Martina ihren Exfreund an.

„Ich wollte einen erwachsenen Mann, der mir treu ist. Für den ich seine Prinzessin bin. Der alles tut, um mich zu gewinnen, zu halten und an sich zu binden, einfach weil das sein größtes Glück wäre.“

„Ich wollte einen erwachsenen Mann, der mit mir Zeit verbringt, dem es wichtig ist, wie es mir in meinem Beruf geht, welche Wünsche ich habe und mich auch bei meinem Weiterkommen unterstützt. Der am Abend wissen will, wie mein Tag war und der ehrlich an mir und meinem Leben interessiert ist.“

„Ich sehne mich nach einem Mann, der gerne an einem regnerischen, langweiligen Sonntag mit mir kuschelnd auf der Couch liegend den Tag verbringt und nicht immer am Sprung ist und überall gleichzeitig sein will.“.

Plötzlich wird Martina einiges bewusst und sie erkennt den Ursprung ihrer Gefühle. Es waren mütterliche Emotionen, die sie vor einigen Minuten für den traurigen Jungen empfand und deshalb holt sie immer zorniger werdend aus: „Einen Mann, der nicht immer nach seiner Mama schreit, wenn es nicht nach seinen Wünschen läuft. Einen, der nicht so an seine Mama gebunden ist. Du telefonierst fast jeden Tag mit ihr oder glaubst sie besuchen zu müssen. Wenn ich das Baby bekommen hätte, hätte ich einen losgelösten Mann gebraucht und keinen der, wenn ich ihn kritisiere, wie ein kleiner Junge vor mir sitzt. Schau dich doch einmal an! Hängende Schultern, eingezogener Kopf und Hundeblick. Als ob ich deine Mutter wäre, die dich gerade dabei erwischt hat, wie du in die verbotene Schublade mit den Süßigkeiten gegriffen hast.“

Wütend blickt sie auf und sieht in völlig ungläubige, verständnislose Augen. „Weißt du, wenn du tanzt, wenn du mich hältst und führst, dann bist du so ganz Mann. Du gehst den ersten Schritt, du gibst den Anstoß zur nächsten Drehung, du handelst selbstständig, triffst Entscheidungen und dadurch ergreifst du die notwendige Initiative. Damals bei unserem ersten Tanz habe ich mich in dich, in einen richtigen Mann verliebt. Aber wenn es um persönliche Beziehungen und Bindungen geht, verlierst du dich in deinem eigenen Egoismus.“, betrübt schließt Martina ihr Plädoyer.

„Das hätte dich trotzdem nicht dazu genötigt, abzutreiben!“, versucht Marco nicht alle Schuld abzubekommen.

Staubsauger

„Als ich in dieses Abtreibungszentrum hineingegangen bin, war ich am Boden zerstört. Ich war mit der Schwangerschaft und deinem tagtäglichen Egoismus überfordert. Dieses Baby hat mich in meiner Existenz wahrlich bedroht. Ich konnte nicht mehr klar denken. In den hellen, freundlichen Vorräumen war es, als würde ich in eine Zahnarztpraxis treten. Eine sympathische, ältere Dame empfing mich und ich wartete nur sehr kurz. Der Arzt begrüßte mich freundlich und fragte mich, ob ich eine Vollnarkose oder eine leichte Betäubung haben möchte. Ich entschied mich für die Betäubung und dann ging alles sehr schnell. Ich war leicht benommen, aber ich hörte immer ein lautes Geräusch, als ob jemand den Boden saugen würde. Als ich mit Blutungen und leichten Schmerzen im Unterleib wieder zu Hause in meinem Bett lag, verfolgte mich dieses laute, nervende, durchdringende Sauggeräusch. Auch jetzt noch höre ich dieses und ich ertrage es nicht einen laufenden Staubsauger in meiner Nähe wahrzunehmen.“, völlig ausgelaugt krümmt sich Martina in ihren Sessel zusammen.

Erschrocken und wortlos beobachtet Marco seine Exfreundin und eiskalte Schauer jagen ihm über seinen Rücken.

„Als Mutter deines Kindes, wäre ich auf einen erwachsenen Mann angewiesen, einen, der mich und das Baby gegen alle Gefahren bewahrt, gegen all die Einmischungen von außen. Ich hätte einen schützenden, starken Ritter gebraucht!“.

Nun treten Tränen in Martinas Augen und einige suchen sich leise und vereinzelt ihren Weg über das bleiche, von Trauer gezeichnete Gesicht. „Ich hätte einen erwachsenen Mann gebraucht, der mir schon vor dieser schrecklichen Tat, die Sicherheit und Zustimmung gegeben hätte, die ich als werdende Mutter gebraucht hätte. Nicht erst wenn es zu spät ist!“, mit erstickender Stimme, den Tränen ihren Lauf lassend, wendet sie sich ab und vergräbt das Gesicht in ihren Händen.

Schockiert von Martinas genauer Beschreibung, steht er auf, umrundet den Tisch und kniet sich neben die Weinende.

Jedes Wort – eingeforen!

„Bereust du diesen Schritt?“, will Marco, betroffen und befangen, flüsternd wissen.

„Ja von ganzem Herzen. Weißt du, dass die Babys  abgesaugt werden? 80 Prozent der Abtreibungen werden mit dieser Methode durchgeführt. Sie werden abgesaugt!“ panisch schreit Martina diese Wahrheit in den überfüllten Raum. Für einen kurzen Moment scheint es, als ob jede Bewegung, jeder Lärm, jedes Wort in diesem Caféhaus eingefroren wäre. Martina nimmt einen tiefen Atemzug und fährt bitter weiter: „Wie wenn man Schmutz vom Boden saugen würde. Beim Verlassen der Abtreibungsklinik wusste ich, dass es ein Fehler war. Ein nie wieder gut zu machender Fehler. Ich war allein, einsam und bis in mein tiefstes Innerstes beschämt. Niemand war da. Niemand der mich auffing, niemand der mich in den Arm nahm.“, ratlos und durch Wimperntusche verschmierte Augen stiert Martina den vor ihr knieenden Mann an.

„Warum hast du es dann gemacht? Warum hast du mir nichts erzählt?“.

„Weil du noch nicht erwachsen bist. Weil ich von dir keine Hilfe erwarten konnte. Sei mal ehrlich. Wie hättest du reagiert, wenn ich dir erzählt hätte, du würdest Vater werden?“

Marco zuckt unmerklich zusammen, steht auf und setzt sich.  Er starrt durch das große Fenster auf die überfüllte Straße. Nicht nur auf der vorbeiführenden Kreuzung herrscht hektisches Treiben, nicht nur in dem überfüllten Café breitet sich dieses aus, nein, auch in ihm steigt Panik aus seinem Herzen auf und schnürt ihm die Luft ab und er hört von weit her ein saugendes lautes Geräusch.

„Vielleicht wäre das Baby eine Chance für uns gewesen, aber ich hatte solche Angst, dich damit zu konfrontieren.“, traurig blickt Martina an Marco vorbei und beobachtet ungewollt eine glücklich wirkende Frau, die gerade ihr Baby mit vielen Küssen überschüttet und liebkost. Ein stechender, doch vertrauter Schmerz durchbohrt ihr Herz. Seit ihrer Abtreibung verspürt sie beim Anblick eines Babys, eines Kindes oder einer Schwangeren diese Wunde, diese tiefe Verletzung.

Nach einer gefühlten Ewigkeit nimmt Marco Martinas Hände in seine und blickt sie ebenso mit verwundeten Augen an: „Es tut mir so leid. Es tut mir so leid, dass alles so gekommen ist. Was kann ich tun, wie kann ich dir, wie kann ich uns helfen?“.

„Ich weiß es nicht. Wir oder besser ich habe zu schnell entschieden und das hat unserem Kind das Leben gekostet!“, gefasst, aber mit einer unbeschreiblichen Traurigkeit endet Martina.

„Wir müssen einen Weg finden, mit dieser furchtbaren Tat fertig zu werden!“.

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Tolles Lied! Hört mit!

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