Alternativlos?

48. Kapitel

„Bei diesen hohen Kosten können wir uns die vier fast nicht leisten!“, aufgeregt gestikuliert Lilly am runden Holztisch und schimpft lautstark vor sich hin, was eigentlich gar nicht ihrer Art entspricht.

Drei Generationen von Frauen sitzen am Tisch und Gertrude ist über dieses Treffen überaus glücklich. Sie hat Lilly, Leonie, Ingeborg und Susanne zu einem Samstagnachmittags Kaffee eingeladen, um sie mit einer Botschaft zu überraschen. Sie hat sogar Klaus gebeten, auf die drei Kinder aufzupassen, damit niemand diesen für Gertrude wichtigen Moment stören könne. Gerade wollte sie beginnen, als Lillys Verzweiflung ausbricht.

„Ich freue mich über mein Baby, doch Klaus und ich sprachen über eine neue, größere Wohnung und das ist in der Stadt oder auch in ihrer Umgebung anscheinend nicht möglich. Zu weit weg von der Stadt geht auch nicht, da Klaus für seine Kunden Notdienste für technische Probleme anbietet und die meisten Firmen in der Stadt sitzen. Wir sehen einfach keine Alternative, als zu sparen und doch in unseren alten Räumen zu bleiben. So was nennt man, glaube ich alternativlos!“, traurig nimmt Lilly noch einen Schluck von dem stärkenden Kaffee. Dazu hat Omi köstliche Sacher Schnitten gebacken, die ihre Stimmung doch ein bisschen aufzuhellen vermögen. Sie nimmt ein großes Stück und garniert es liebevoll mit cremiger Schlagsahne.

Leonie schmunzelt über ihre große Schwester und fühlt sich mit ihr auf eine ganz neue Art tief und innig verbunden. Ja, sie sind beide Mütter und es scheint Lilly auch so zu schmecken, wie ihr selbst. Vor allem Schokolade.

„Bitte entschuldigt meine Jammerei.“, Lilly blickt auf den fabelhaften, violetten Lavendelstrauß, der die Kaffeerunde ziert. Er strömt Freude aus und mit seinen wohlriechenden Düften zieht er die fünf Frauen in seinen Bann.  „Aber die finanzielle Seite ist wirklich schwierig. Wir bekommen zwar von der neuen Regierung diesen zukunftsweisenden Familienbonus, der verschafft uns mit vier Kindern eine große Erleichterung, aber trotzdem, es wird echt eng. Nicht nur in der Wohnung. Vieles ist so teuer geworden. Lebensmittel, Kleidung, eigentlich alles. Es ist für junge Familien fast nicht mehr machbar, mehr Kinder zu bekommen. Darüber hinaus gibt es fast nur 2 Zimmer Wohnungen und die größeren sind zu teuer. Klaus arbeitet wirklich viel, aber irgendwie ist das Geld immer wieder knapp. Und das nächste Problem ist, wenn ich nicht bald zu arbeiten beginne, verliere ich für meine Rente wertvolle Jahre. Die Arbeit als Mutter zählt ja nicht und so sollte ich eigentlich mein Baby so schnell wie möglich in die Krippe geben, damit ich Sozialabgaben, Pensionsvorsorge und Steuern zahlen kann. Aber ich will das nicht. Ich bin davon überzeugt, gerade durch meine Ausbildung als  entwicklungssensible Sexualpädagogin, dass gerade dieser kleine Mensch mich am Anfang am meisten braucht.“, endet Lilly und nimmt sich noch ein Stück dieser vorzüglichen Mehlspeise.

Trotz Lillys Sorgen lächelt Ingeborg lautlos in sich hinein, ihren beiden Töchtern gegenüber sitzend. Was für schöne Frauen sie doch geworden sind. Beide strahlen etwas aus, das man nur mit dem Herzen sehen kann. Bei Lilly weiß sie, was ihre Tochter so selig wirken lässt. Man könnte fast glückselig sagen.  Es ist die Schwangerschaft, die jede Frau von innen heraus verschönt. So als ob zwei Menschen um die Wette leuchten würden. Aber Leonie?  Ihre Jüngste hat sich, seit dem letzten Wochenende verändert. Sie sitzt hier am Tisch, Kaffee und Schokowürfeln vor sich, in einer gelasseneren, freieren und ja auch glücklicheren Haltung. Der Körper kann nicht lügen. Das hat sie durch die Theologie des Leibes gelernt.

Susanne, verweilt etwas verhalten am Tisch. Warum hat ihre Mutter gerade diesen Samstag darauf bestanden, dass sie nach Salzburg kommen sollte. Sie ist immer noch böse auf Paul und dieses Wochenende nahm sie sich eigentlich vor, sich über In-vitro-Fertilisation und Samenspende genau zu informieren. Sie wollte auch ihre Freundin, die ihre Frauenärztin ist, treffen, aber wenn sich ihre Mutter etwas in den Kopf setzt, ist es schwer andere Wege zu gehen. Doch das Zusammensein im Kreis der Frauen ihrer Familie genießt sie und so ist sie gestern Abend von Wien nach Grödig gekommen. Sie liebt dieses kleine entzückende Haus und so freut sie sich eigentlich immer über die gemeinsame Zeit mit ihrer Mama. Aber heute ist es anders. Lilly bekommt ihr viertes Kind und kann es sich fast nicht leisten und sie, die alles hat, soll kein Kind bekommen? Ein Schmerz, der heftiger ist, als erwartet, durchdringt ihr Herz.

Ernst blickt Gertrude in die Runde der geliebten Frauen. Sie nimmt einen großen Atemzug und beginnt etwas zögerlich, ihre Neuigkeit zu erzählen, denn sie weiß, dass sie einen Menschen mit dem, was sie vorhat, sehr verletzen wird. Aber sechs Menschen kann sie helfen.

„Lilly, ich weiß aus meiner eigenen Erfahrung, dass ein Kind eine große Aufgabe ist, die einem oft überrumpelt und auch übermannt. Ich habe mich dazu entschlossen, in eine kleinere Bleibe zu ziehen. Dieses Haus ist mir mittlerweile zu groß. Darum möchte ich dir und Klaus dieses Juwel schenken. Dann hätte nicht nur Lena ein eigenes Zimmer, auch Christoph und Klausi würden ihr kleines Reich bekommen.  Wenn ihr den Dachboden ein bisschen renoviert, würde sich ein schönes Büro für dich und deinen Mann ausgehen. Außerdem hätten die Kinder einen wunderbaren Garten und für dich wäre es eine große Erleichterung, nicht mehr mit Sack und Pack auf den Spielplatz ziehen zu müssen. Du könntest im Haus arbeiten, während die Kinder im Garten spielen. Na, was hältst du davon?“, mit einem glühenden von Freude übermannten Gesicht strahlt Gertrude in die Runde.

Susannes Gesicht verhärtet sich augenblicklich und Lilly blickt entgeistert ihre Großmutter an.

„Wie meinst du das. Du kannst uns doch nicht dein Haus schenken. Es würde mehr deinen Töchtern zustehen und nicht uns.“, verblüfft schaut Lilly von ihrer Großmutter zu ihrer Tante.

„Ja, du hast recht, Susanne wäre die eigentliche Erbin, aber sie hat keine Kinder, ist erfolgreich im Job und es fehlt ihr an nichts. Ihr hingegen würdet dieses Haus notwendig brauchen. Ich glaube man muss mehr nach der Situation, nach den Bedingungen entscheiden und nicht danach, wer das größere Recht auf etwas hat.“, verwundert über Lillys Einstellung blickt Gertrude ihrer Enkelin und ihrer Tochter in die Augen.

Susanne hat es die Sprache verschlagen. Tränen steigen auf. Sie weiß ihre Mutter hat Recht, aber.

Lilly lächelt und streichelt ihr Kind. Omi ich finde es wirklich ganz, ganz lieb von dir uns dein Haus schenken zu wollen. Aber wenn ich eines gelernt habe, dann dass man der Liebe Ordnung geben muss. Meine Lena ist die Erstgeborene und hat damit auch einige Rechte, die halt die anderen nicht haben. Aber auch Pflichten, die für ihre Brüder nicht zählen. Ich danke dir von Herzen über dein Angebot und werde mit Klaus darüber reden. Aber eines kann ich schon sagen, es ist nicht gut, wenn du uns das Haus schenkst. Ja, wenn wir ein paar Jahre in diesem Schmuckkästchen wohnen könnten, bis wir selbst wieder Luft haben, wäre das eine große Hilfe. Aber ich kenne meinen Mann, er möchte das sicher nicht. Er träumt schon immer von seinem eigenen Haus. Bitte sei mir nicht böse, geliebte Omi, mieten gerne aber bitte nicht schenken.“, fest und entschlossen blickt Lilly in die verdutzten Gesichter der anderen vier Frauen.

Jetzt ist Gertrude ein bisschen enttäuscht, aber da legt ihr Ingeborg den Arm um die Schulter. „Mama, sie hat Recht. Deine Enkelin ist eine sehr kluge Frau. Sie soll zuerst mit ihrem Mann sprechen und wenn er es auch will, dann sollen sie die nächsten 10 Jahre zu günstigen Konditionen dieses Häuschen bewohnen. Aber es bleibt auf jeden Fall in deinem Besitz. Du hilfst ihnen damit ungemein, gibst aber deine Rechte nicht aus der Hand. Schau, Gesetze, Bedingungen und auch Lebenssituationen können sich ändern. Man weiß nie, welche Überraschungen das Leben noch bringen wird.“, drückt Ingeborg ihre Mutter fest an sich. Allein durch diese Berührung wird Gertrude ruhiger und ihre Enttäuschung flacht ab.

„Ja ihr habt recht, das Leben bringt viele nicht geplante Überraschungen.“, leise meldet sich Leonie zu Wort.

Fragend blicken vier Augenpaare die junge, plötzlich etwas verschreckte Frau an.

Jetzt nimmt Leonie einen tiefen Atemzug und ein Gedanke durchblitzt ihren Geist. „Jesus sorge du!“, durchfährt sie und sie lächelt den Damen entgegen.

„Ich bin von einem One-night-stand“ schwanger, wollte das Kind abtreiben, habe es mir aber anders überlegt und werde das Baby behalten!“, nüchtern, aufgeregt und schnell, aber mit einem Lächeln im Herzen teilt Leonie ihre Überraschung mit.

Schweigen. Stille. Und dann ein lautes Aufschreien! Ja noch ein Baby! Noch ein neuer Mensch!

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