Dein Wille geschehe

47. Kapitel

„Na meine Kleine, wie geht es dir in dieser großen, ungestümen Stadt?“, umarmend und küssend begrüßt sie Susanne liebevoll.

„Mir geht es wunderbar“, lachend versucht Leonie sich aus den sie umschlingenden Armen zu befreien. „Mein Job ist herausfordernd, die Leute, die ich treffe, sind interessant und ich glaube ich kann etwas für Österreich bewirken. Vielleicht gehe ich sogar einmal in die Politik. Mich würde es sehr interessieren!“, erzählt Leonie ihrer Tante von den letzten Tagen.

Es ist Mittwochnachmittag und seit den Gesprächen am Wochenende kreisen die Gedanken über die Zukunft in Leonies Kopf unaufhörlich. Sie ist immer noch hin und her gerissen, denn die Arbeit macht ihr viel Spaß und es ist einfach unmöglich allein für ein Kind verantwortlich zu sein und trotzdem Karriere zu machen. Sie hat die Situation gedreht und gewendet, aber immer wieder kommt sie zum selben Ergebnis: entweder Arbeit oder Kind.

Nun sitzt sie im Kaffee Sacher ihrer Tante gegenüber und genießt die Sachertorte mit dem weißen köstlichen Berg aus Schlagsahne. Eines muss sie mit einem Lächeln zugeben: trotz ihrer morgendlichen Übelkeit schmeckt ihr das Essen als Schwangere so viel besser und sie könnte den ganzen Tag in sich hineinfuttern. Vor allem alles was gebacken, frittiert oder gebraten ist.

„Meine Süße, macht es dir etwas aus mich zum Stephansdom zu begleiten? Ich treffe meinen Freund Paul. Du weißt schon, den Priester. Er hat nur heute vor der heiligen Messe für mich Zeit und ich muss ihn etwas wichtiges fragen. Weißt du, ich werde mich von Niklas, meinem Freund, trennen, denn es ist nicht mehr so, wie ich es mir vorstelle. Aber mein größter Wunsch ist ein Kind. Meine biologische Uhr tickt. Paul ist zwar überaus konservativ, was seinen Glauben betrifft, aber in weltlichen Dingen sehr aufgeschlossen. Invitro und Samenspende haben ja nichts mit dem Glauben zu tun und darum möchte ich mit ihm darüber sprechen. Wenn du willst kannst du gerne zuhören, denn Paul ist ein hochintelligenter, wortgewandter Zeitgenosse und auf sein Urteil vertraue ich, seit wir uns als Jugendliche kennen. Ich besuche ihn selten, aber wenn er die heilige Messe feiert, genieße ich seine Predigten immer sehr.“, erklärt Susanne mit einem fröhlichen Lächeln.

Welche Ironie. Ihre Tante wünscht sich ein Baby und hat nicht den richtigen Partner. Sie hätte einen Vater, einen Freund und ein Kind. Was läuft denn auf dieser Welt nur schief? Trotzdem könnte dieses Gespräch interessant werden.

„Ja, ich komme mit.“, lächelt Leonie und steckt sich genussvoll den letzten Bissen der vorzüglichen Schokoladentorte mit einer übergroßen weißen Haube in den Mund.

Leonie und Susanne erreichen schwatzend den großen imposanten Dom, der würdevoll im Zentrum der Hauptstadt Österreichs thront. Im selben Moment kommt auch Paul zum vereinbarten Treffpunkt und wie beim letzte Mal, umarmen sich die beiden, als ob sie ein Liebespaar wären. Leonie lächelt in sich hinein. Naja, dieser Paul ist ja auch ein wirklich gutaussehender Kerl.

Nun sitzen sie in seinem Büro in der Wollzeile und Susanne beginnt etwas zögerlich ihren Wunsch darzustellen. Nach einigen Worten wird sie mutiger und selbstsicherer. Am Ende ihrer Darstellung ist sie davon überzeugt, vollkommen richtig zu liegen und so blickt sie ihren Jugendfreund glücklich über ihre Idee an: „Und deshalb wünsche ich mir auf diesem Weg ein Kind und du hast da sicher nichts dagegen einzuwenden, oder?“, will Leonies Tante wissen.

„Susanne, ich finde dein Vorhaben nicht richtig. Du darfst nicht vergessen, wir reden hier von einem Menschen. Nach deinem Plan willst du dir ein Kind bestellen und es vielleicht ohne Vater aufziehen. Weißt du nicht, dass jeder Mensch ein Recht auf Vater und Mutter hat? Darüber hinaus muss jeder seine Wurzeln kennen, um glücklich werden zu können. Das Leben, meine Liebe ist nicht einfach und du würdest diesem kleinen Menschen von vornherein einen großen, schweren Rucksack aufhalsen?“, fragend sieht Paul Susanne in die Augen.

„Ja, aber ich ermögliche einem Menschen ein Leben und ich würde dieses Kind über alles lieben. Ich verstehe dich nicht. Du bist sonst so modern und fortschrittlich und bei diesem Thema so konservativ!“. Enttäuschung spricht aus Susanne und sie starrt Paul wütend an.

„Spiel jetzt nicht die Beleidigte. Du kennst mich doch und weißt wie sehr ich mich fürs Leben einsetze. Natürlich ist jedes Leben, auch das künstlich gezeugte, wertvoll und schützenswert. Aber soll man immer alles bekommen, was man will?  Soll man sich über alle natürlichen Grenzen hinwegsetzen, nur um sein eigenes Glück zu sichern? Heiligt der Zweck wirklich alle Mittel? Ich verstehe die Welt nicht mehr. Die einen wollen ihre Kinder nicht und töten sie zu Tausenden. Die anderen wollen Kinder, mit oder ohne Partner, und bestellen sie einfach. Kinder sind doch keine Ware. Wohin soll uns dieser Weg, dieses Tun noch führen? Was passiert mit uns, was passiert mit unserem Menschenbild?“. Traurigkeit macht sich in dem kleinen, einfachen Büro breit. Über Paul hängt ein schlichtes Kreuz, das Leonie erst jetzt auffällt.

Susanne hat Paul so noch nie erlebt. Was ist mit diesem überlegten, gelassenen Mann heute los? „OK, ich sehe, ich kann doch nicht mit dir über dieses für mich so wichtige Thema sprechen.“, enttäuscht springt Susanne auf und wendet sich zur Tür.

Spannung durchdringt den ganzen Raum und Leonie legt ihre Hände über den Bauch. Als Susanne wütend gehen will, hält etwas Starkes Leonie zurück. „Entschuldigen Sie, hätten Sie für mich noch eine Minute Zeit?“, völlig überrascht stellt Leonie Paul diese ungewöhnliche Frage.

„Ja gerne.“ Paul steht auf und legt freundschaftlich den Arm um Susannes Schultern. „Komm schon, meine Liebe, denk noch einmal darüber nach. Was hast gerade du uns in unserer Clique immer wieder am lautesten verkündet, wenn wir nicht weiterwussten? Das Leben sei kein Wunschkonzert, so dein Credo. Es gibt Gegebenheiten und Situationen, die man einfach akzeptieren muss. Je früher man sich damit abfindet, desto schneller kann man das Leben wieder positiv sehen.“, lächelt Paul Susanne warmherzig und aufmunternd entgegen.

Susanne aber will diese Weisheiten nicht hören, dreht sich um und verlässt wütend den Raum.

Wie ein begossener Pudel verharrt Leonie auf ihrem Sessel. Es ist ihr überaus unangenehm und sie würde am liebsten aufstehen und ihrer Tante folgen. Aber sie bleibt sitzen. Sie blickt hoch und während der Priester langsam ihr gegenüber Platz nimmt, steigen Tränen in ihr hoch und der große Kloß in ihrem Hals weitet sich aus und nimmt ihr die Luft zum Atmen.

„Ich bin von einem One-Night-Stand schwanger und kann das Kind nicht bekommen. Eine mögliche Karriere könnte gerade starten, den Vater kenne ich nicht und ich bin noch nicht bereit für ein Kind. Diese Geschichte ist mir zu groß. Ich möchte irgendwann einmal eine Familie, einen Mann und Kinder. Aber jetzt noch nicht. Es ist einfach der falsche Zeitpunkt!“, wie aus einem Maschinengewehr schießen die Worte aus ihr heraus.

Paul hört ruhig zu und ein warmes, stilles Lächeln erhellt sein Gesicht.

„Wie schön. Sie sind von Gott gesegnet. Ich freue mich für sie!“, strahlt der Priester der Nichte seiner Freundin entgegen.

„Nein, sie haben mich falsch verstanden. Ich will dieses Kind nicht, es ist nicht der richtige Zeitpunkt!“, ungläubig blickt Leonie ihr Gegenüber an.

„Glauben Sie mir, es gibt selten den richtigen, den perfekten Zeitpunkt, um ein Kind zu bekommen. Ich verstehe Ihre Sorgen wirklich gut, denn in unserer Gesellschaft sind Kinder großteils nicht willkommen. Jesus sagte in seiner Bergpredigt folgenden Satz: ‚Sorgt euch nicht… Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung? Sorgt euch nicht um morgen, den der morgige Tag wird für sich selbst sorgen.‘ Ein Kind zu bekommen, ist die schönste, aber auch die schwerste Aufgabe, die euch Frauen gestellt wird und ja ich verstehe Sie, dass Sie das Gefühl haben, unter dieser Anforderung zu zerbrechen.  Doch versuchen Sie nicht das ganze Leben auf einmal zu leben. Den ganzen Weg auf einmal zu gehen. Gehen Sie Schritt für Schritt. Leben Sie immer nur das heute, erledigen Sie die Aufgaben dieses Tages und nicht die von morgen. Bitten Sie Menschen in Ihrer Umgebung um Hilfe, denn ein Kind braucht sowieso ein ganzes Dorf um sich optimal entwickeln zu können und übergeben Sie Gott Ihre Sorgen. ‚Jesus sorge Du‘, ist mein Leitsatz, den ich viele, viele Male am Tag flüstere, bete, sage und oft auch hinausschreie. ‚Jesus sorge Du!‘“.

Ununterbrochen, während Paul diese Worte spricht, fließen Leonies Tränen über ihre glühenden Wangen. Als ob die Schleusen ihres Herzens geöffnet worden wären, strömen Unglück, Traurigkeit, Angst, Verzweiflung und Hilflosigkeit aus ihr heraus. Paul reicht ihr ein Taschentuch, das sie mit einem zaghaften Lächeln dankbar nimmt, um ihr nasses Gesicht darin zu vergraben.

„Jedes Kind ist ein Geschenk Gottes und er hat Sie dazu auserwählt, Mutter sein zu dürfen. Glauben Sie mir die Bibel und die gesamte Menschheitsgeschichte sind voll von ungeplanten Kindern. Die Mutter Gottes hat das wohl berühmteste Kind, Jesus, auch nicht wirklich geplant. Aber sie hat Ja gesagt. Ja mir geschehe nach deinem Wort. Und was hat uns dieser Jesus geschenkt? Die Erlösung von all unserem Leid. Was bringen uns all diese Kinder? Nehmen Sie dieses Geschenk an und ich verspreche Ihnen, es ist das schönste, beste und größte, dass Sie in Ihrem Leben je bekommen werden.“. In dem Moment steht der Priester auf und kniet sich vor das Kreuz, das an der weißen sonst leeren Wand über ihm hängt. Er beginnt das Vater unser laut zu beten. Da kommt Ruhe über Leonie. Sie hört der leisen, starken und vertrauensvollen Stimme andächtig zu. Leonie betrachtet ihre Hände, die sich wieder um ihr Kind legen und plötzlich wird es ihr klar. Es wird ihr klar wie sie wirklich glücklich werden kann. Immer wieder legt sie in angespannten Situationen ihre Arme, ihre Hände um ihren Bauch. Wie hat es ihre Mutter erklärt, Augen können nicht lügen und auch der Körper kann es nicht. Ihre Hände schützten schon immer das Kind, ohne dass es Leonie bewusst war. Nein, sie wird ihr Baby nicht hergeben, geschweige denn töten lassen. Nein, sie wird sich nie mehr von ihrem Kind trennen und ja sie wird dieses Baby in ihre Arme schließen, um es sein Leben lang zu beschützen. In diesem Moment erwärmt ein Lächeln ihr Gesicht, ihren Körper und ihr ganzes Sein.

„Dein Wille geschehe!“, hört sie wie durch einen Nebel zu ihr dringen und dieser Satz hallt plötzlich mit einer unbändigen Kraft in ihr wieder. Sie beginnt langsam ihr Kind zu streicheln, lächelt in sich hinein und in Gedanken haucht sie ihrer Tochter zu: „Mein Bauch gehört dir und ab jetzt wird das geschehen was du willst und was dich in deinem Leben stärkt!

 

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