Der verletzte Mann

46. Kapitel

„Was willst du? Was soll ich dir bezahlen?“, ungläubig blickt Marco Martina an.

„Ich will, dass du die Abtreibung bezahlst, denn es war ja immerhin von dir!“, mit Zorn in der Stimme steht Martina dem ihr immer fremder werdenden Mann gegenüber.

„Was ist von mir?“, immer noch nicht begreifend, was da gerade passiert, blickt Marco in die schönen grünen, aber kalten Augen.

„Dein Kind! Wir gehen seit einem halben Jahr miteinander ins Bett und ich wurde schwanger. Ich habe die Schwangerschaft unterbrochen!“.

„Warum hast du mir nichts erzählt? Du kannst das doch nicht allein entscheiden und was heißt hier unterbrochen? Kannst du diesen Zustand in einem halben Jahr etwa weiterführen?“, immer zorniger werdend starrt Marco Martina ungläubig an.

„Bitte entschuldige, aber du warst derjenige, der keine feste Beziehung haben wollte. Du warst derjenige, der sein Leben so frei wie möglich gestalten wollte. Und ja, wir haben ausgemacht, niemand ist dem anderen gegenüber zu irgendetwas verpflichtet. Wahrscheinlich hast du auch deswegen dieses blonde Gift mit nach Hause genommen, nachdem du sie auf der Tanzfläche mit deinen Tanzkünsten verrückt gemacht hast.“

„Wie kommst du darauf, dass ich jemanden mitgenommen hätte? Hat dir diesen Unsinn wieder eine deiner Freundinnen erzählt? Glaub nicht alles, was man dir auf die Nase bindet.“, entrüstet versucht Marco seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, dabei merkt er aber, dass es um seinen Hals immer enger wird.

„Ich habe dich gesehen. Ich war damals doch nicht bei meinen Eltern und wollte dich im Chaya Fuera überraschen.“ Aus Martina spricht Verzweiflung und Enttäuschung. „Dich trifft nicht allein die Schuld. Ich selbst war es, die so auf ihre Freiheit pochte.“ Spannung und Traurigkeit beginnen zwischen ihnen aufzusteigen und lassen sich wahrlich mit Händen greifen.

Dunkelheit. Musik. Tango. Marco schwebt über die Tanzfläche, als ob keine physischen Grenzen bestünden. Die Leichtigkeit mit der sich die beiden drehten, war atemberaubend. Noch nie verspürte er eine so überwältigende Einheit. Leonie. Sie schmiegte sich an ihn und leicht wie eine Feder lag sie in seinen Armen. Es war egal ob er eine schnelle Rechtsdrehung, eine außenseitliche Kehre, verschiedene Promenaden oder einen Valentino tanzte, sie folgte ihm. Die Nacht war ebenso berauschend. Trotz des hohen Alkoholkonsums kann er sich noch an jedes Detail dieser Stunden erinnern. Es war eine Harmonie und eine Lust zwischen ihnen, als wären sie für einander geschaffen. Als er am Morgen erwachte, war sie weg. Ohne sich zu verabschieden, ohne ein Wort zu sagen. Er war trotz der genussreichen Stunden nicht glücklich. Diese Gedanken konnte er schnell ablegen, doch eine für ihn unbekannte Traurigkeit blieb. Nach dieser verheißungsvollen Nacht traf er sie nie mehr wieder, obwohl er im Tanzclub nach ihr Ausschau hielt.

„…und aus diesem Grund habe ich die Schwangerschaft abgebrochen und bitte dich, den Eingriff zu bezahlen“.

Marco schreckt aus seinen Gedanken hoch. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass du ein Kind erwartest. Ist es überhaupt von mir?“.

Angewidert weicht Martina zurück. Marco bemerkt, dass er sich noch weiter in sein Verhängnis verstrickt. „Du kannst mir doch nicht einfach mitteilen, dass du unser Kind getötet hast!“, wieder steigt Zorn auf. „Vielleicht hätten wir eine andere Möglichkeit gefunden.“, versucht Marco die Situation zu erfassen.

„Welche Möglichkeit bitte? Du, der nicht treu sein will und wie ich glaube, nicht treu sein kann. Du, der mit jeder ins Bett geht. Du, dem seine Freiheit so wichtig ist. Wie sollen wir unter diesen Umständen ein Kind großziehen? Ich würde mit dem Kleinen immer allein bleiben.

Ich dachte ich könnte in dieser Beziehung ohne gegenseitige Verpflichtungen und Verantwortung leben. So verliebt wie ich war, dachte ich alles akzeptieren und hinnehmen zu können.  Aber es geht nicht. Ich bin doch konservativer als ich es mir selbst eingestanden habe. Deinen Freiheitsdrang und diese Schamlosigkeit kann ich nicht mehr ertragen.“, wie ein geknickter Baum, über den ein gewaltiger Sturm hinweggefegt ist, verharrt Martina traurig vor ihrer verlorenen Liebe. „Glaub mir, ich kann mir dich als Vater meiner Kinder nicht vorstellen. Leider habe ich mir diese Frage zu spät gestellt. So bitte ich dich, bezahl einfach und wir belassen es dabei. Jeder kann seiner Wege gehen und niemand ist dem anderen zu irgendetwas verpflichtet.“.

„Und das Kind? Du hättest das nicht machen dürfen. Du kannst nicht einfach hergehen und abtreiben, ohne mich mit einzubeziehen. Ich bin Teil dieser Geschichte und es kann nicht sein, dass du allein über meinen Kopf hinweg über unser Kind entscheidest. Bist du noch bei Sinnen?“, immer lauter werdend, übermannt von einem unbändigen Zorn, macht Marco einen Schritt auf Martina zu und packt sie grob an den Oberarmen. Zwei wütende Augenpaare blitzen sich an.

„Willst du mich jetzt schlagen?“, haucht Martina ihm leise entgegen.

„Nein. Bitte entschuldige. Aber es war auch mein Kind.“, resigniert lässt Marco die Arme sinken und setzt sich auf die Parkbank im Schönbrunner Garten. Im majestätischen Neptunbrunnen sprühen die einzelnen Wasserfontänen ihre Figuren in die Lüfte. Die Vögel zwitschern um die Wette, die Bäume, die Blumen, der ganze Park, alles in hellem Sonnenschein getaucht, diese Kulisse stellt einen krassen Gegensatz zu seinem Inneren dar.

Ein Graben tut sich auf und es fühlt sich an, als ob er in die Dunkelheit hinabstürzen würde.

„Wärst du bei mir geblieben, wenn ich es dir erzählt hätte?“, fast schüchtern stellt Martina die für sie so bedeutende Frage. „Liebst du mich?“.

„Was hat das mit der Abtreibung zu tun?“

„Alles mein Lieber, alles!“, von einer tiefen Traurigkeit umweht, sieht sie ihm direkt in seine fragenden Augen, dreht sich um und verlässt mit eiligen Schritten den Park.

Marco sackt in sich zusammen. Tränen schimmern in seinen Augen. „Es war ja auch mein Kind!“, die Verzweiflung überkommt ihn und das Gefühl des Versagens schlägt ihm mit kalter, harter Faust ins Gesicht.

Überrollt vom Gehörten bleibt Marco auf der Parkbank sitzen. Er kann sich nicht erklären, warum ihn das Gefühl dieses Verlustes so hart trifft. Seine Gedanken kreisend wie auf einem Karussell, machen ihn fast verrückt. Es ist auch sein Kind. Er hat über diese Themen noch nie nachgedacht. Noch nie wurde sein Inneres so gekränkt. Er, der immer so locker, leicht und lustig durch die Welt ging. Er, dem sein eigenes Leben das wichtigste war. Chillen war sein Lieblingswort. Plötzlich erinnert er sich an seine Mama und wieder steigen Tränen hoch. Was würde sie dazu sagen, wenn sie erfahren würde, dass ihr Enkelkind nicht leben durfte. Die kleine Italienerin, die wegen ihrer Liebe nach Österreich zog, für seinen Vater alles verließ und ihm 6 Söhne schenkte. Für diese kleine geliebte Frau ist die Familie ihr Leben. Sie verzichtet immer noch auf ihr eigenes und ist einer der glücklichsten Menschen, die er kennt. Für Marco, den Erstgeborenen, hatte sie zwar wenig Zeit, aber sie betonte immer wieder, das der Einsatz des eigenen Lebens für andere, vor allem für seine eigenen Kinder, das größtmögliche Glück bedeutet.

Nun hat er keine Gelegenheit sein Kind kennen zu lernen, es berühren und beschützen zu können. An seine geliebte Mama denkend, die so gerne Oma geworden wäre, lässt er nun den Tränen freien Lauf. Trauer. Schmerz. Versagen.

Ja, so fühlt es sich an, wenn man verloren hat.

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