Streben nach Glück

45. Kapitel

„Ja meine Liebe, das Streben nach Glück ist für alle Menschen von großer Bedeutung! Diesen Wunsch hat jeder in sich. Die Suche nach dem Glück ist eine innere Konstante jedes menschlichen Lebens!“, freudig schließt Angelika ihre kleine Ausführung und sieht ihre Freundin an, die im Gegenlicht der Sonne strahlt.

Nach dem ehrlichen, intensiven Gespräch mit Gertrude verabschiedete sich Leonie eilig und überstürzt von ihrer Großmutter. Die Erzählung ihrer Vergangenheit war heftig und Leonie wollte nicht mit ihrer Omi über eine Entscheidung diskutieren. Nein, sie hat ihr nicht einmal bestätigt, dass sie ein Kind erwartet. So umarmt sie ihre geliebte Omi, haucht ihr einen  zärtlichen Kuss auf die alten, aber zarten Wangen und verabschiedet sich zu schnell von ihr, um ihr nicht in die Augen sehen zu müssen.

Damals, in der ersten Nacht nach dem Zusammenstoß mit Andreas, hat sie sich vorgenommen, mit ihr nahe stehenden Frauen über ihre Zukunft zu sprechen. Aber, dass sie sich jetzt in einer so prekären Lage befindet und wirklich die Ratschläge ihrer Lieben hören will, hätte sie sich vor 4 Monaten nicht gedacht. „Sie will doch nur glücklich sein. Hat sie nicht ein Recht auf ihr Glück?“, denkt sie, während sie an der Salzach entlang Richtung Stadt fährt.

Leonie wählt die Nummer ihrer Freundin Angelika. „„Hallo?“, bist du zufällig in der Stadt?“.

„Ja meine Liebe. Komm zu mir ins Beisl. Ich fahre morgen in den Piemont, um Weine zu kaufen und bin gerade dabei meinen Bestand aufzunehmen. Dabei kannst du mir wunderbar helfen und mir sagen, welchen Barolo ich kaufen soll.“, lädt Angelika sie gutgelaunt ein.

Nach dem Zählen und Notieren des Weinlagers, sitzen beide vor Angelikas noch geschlossenem Bistro auf dem kleinen Marmorbänkchen der Papageno Statue. Der in ein gelb-goldenes Licht getauchte Platz vermittelt Leonie, die ein Glas Barbaresco in der Hand hält, ein wohliges, wärmendes Gefühl.

„Ich möchte glücklich sein und wie kann ich es werden?“, wiederholt Leonie ihre Frage.

„Ja, glücklich sein zu wollen ist wichtig. Du musst zwischen kurzfristigem und langfristigem Glück oder kurzfristigen und langfristigen Wünschen unterscheiden.“, beginnt ihre kluge und weise Freundin zu erklären.

„Es gibt Wünsche, die man sich sofort erfüllen will, die aber nicht glücklich machen können und es gibt Wünsche, die auf jeden Fall Glück bereiten. Der Unterschied ist, dass es sich bei Ersteren oft um ein Verlangen nach Dingen handelt, die von Neigungen, Trieben oder spontanen Wünschen ausgelöst werden. Diese Erfüllung bringt meistens nur ein kurzfristiges Glücksgefühl.“, über Leonies Gesicht huscht ein Lächeln, denn so kennt und liebt sie ihre philosophierende Freundin.

„Die wirklich glückbringenden Wünsche sind diejenigen, über die man lange nachdenkt und die man sich erst nach reiflicher Überlegung erfüllt. Für etwas reif werden, ist in diesem Zusammenhang ein treffender Zugang. Ein jeder Apfel braucht seine Zeit, jeder Wein braucht, um wirklich exzellent zu werden, eine gewisse Dauer um zu reifen!“, lächelt Angelika Leonie an und prostet ihr zu.

„Aber wenn ich glücklich sein will, brauche ich meine Freiheit, meine Eigenständigkeit und das wiederum widerspricht den ganzen Regeln, Geboten und Vorschriften, mit denen wir leben. Ich darf das nicht und soll jenes nicht tun. Wie soll da ein Mensch glücklich werden können?“, ratlos blickt Leonie ihre Freundin an.

„Du hast recht. Im Suchen nach Glück ist Freiheit eine Grundvoraussetzung. Dieses Streben nach Glück ist sogar in der amerikanischen Verfassung verankert und der Staat ist verpflichtet seine Bürger dabei zu unterstützen. Also muss er den Menschen Freiheit, Sicherheit, Bildung und viele andere Dinge gewähren, damit diese nach ihrem eigenen Glück streben können. Doch es ist wichtig für eine Gesellschaft, dass es Regeln gibt und glaub mir, wenn diese Gesetze, diese Regeln dem inneren Menschen, seiner natürlichen Menschlichkeit entsprechen, dann stehen diese Gesetze, Gebote und Regeln nicht wie gedacht gegen das persönliche Glück, sondern die beiden bedingen sich gegenseitig. Das Herz und der Verstand jedes Menschen wissen, dass es gut ist, sich an Regeln, die die Gesellschaft aufgestellt hat, zu halten. Aber wie gesagt diese Regeln müssen der menschlichen Natur entsprechen! Also man soll Steuern zahlen, aber nicht zu hohe, man soll nicht lügen, nicht stehlen und auch nicht töten! “, führt Angelika aus.

„Töten!“, durch Leonies Herz fährt ein schneidender, stechender Schmerz, als ob ihr jemand ein Messer in ihre Mitte gerammt hätte. Doch sie nippt an dem wunderbaren Wein und versucht sich nichts anmerken zu lassen.

„Aber wie weiß ich denn, welche Wünsche mich glücklich machen? Wie weiß ich, ob es sich um kurzfristige oder langfristige Anliegen handelt?“, will Leonie leise wissen.

„Es gibt zwei Definitionen. Glück und Glückseligkeit. Ich liebe das Wort Glückseligkeit. Es erinnert mich an das Wort Seele, obwohl es nur mit einen e geschrieben wird. Ich glaube Glückseligkeit hat mehr mit geistigen und seelischen Glück zu tun!“, schwärmt Angelika und streckt ihr Gesicht der Sonne entgegen. „Wie wohl es doch tut, wenn die Sonne auf deine Haut scheint. Dieses warme Gefühl lässt alle meine Endorphine tanzen. Aber ich muss achtsam sein. Viele Menschen sehen nur das kurzfristige Glück, den nächsten Moment und ehe sie sich versehen, verbrennen sie sich dabei. Vielen geht es nur um sich selbst und sie vergessen dabei darüber nachzudenken, was sie persönlich oder die Gesellschaft auf lange Sicht hin froh und glücklich machen könnte. Wir müssten wieder Glückseligkeit anstreben und nicht nur Happiness und Fun.“, ernst geworden blickt Angelika ihre Freundin an.

Leonie fühlt sich ertappt. Sie schweigt und trinkt das Glas mit einem Zug leer. „Will sie auch nur Happiness und kurzfristiges Glück? Plötzlich hat sie es eilig, denn sie will noch jemanden zu Rate ziehen. Sie steht kurzer Hand auf, küsst auch Angelika flüchtig auf die Wange und verlässt auch diese wieder überstürzt.

Zuhause angekommen wählt sie die Nummer von Heike S., die sie schon seit einer Woche in ihrem Handy abgespeichert hat. Nach dem zweiten Klingeln nimmt Heike ab und da hört Leonie das erste Mal die Stimme, der mittlerweile vertrauten Person. Mit einer warmen, eher tiefen Stimme meldet sich Heike S: „Heike Schmidt, Grüß Gott.“

Einen tiefen Atemzug nehmend antwortet Leonie, „Hallo hier ist Leonie!“.

„Oh hallo meine Liebe. Wie freue ich mich dich zu hören. Es hat mir so viel Spass bereitet, mit dir zu chatten, aber dich zu hören ist noch viel schöner!“, die Freude, die vom anderen Ende herüber klingt, zaubert Leonie ein Lächeln auf ihr Gesicht.

„Heike darf ich dich etwas fragen? Ist es nicht legitim, wenn ich einfach glücklich sein will und ein Kind in dieses Glück nicht hinein passt? Bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich so denke?“, platzt es aus Leonie.

„Meine Liebe, das Streben nach Glück ist im Menschen verankert. Es ist eine Konstante in jedem menschlichen Dasein. Aber was ist für dich denn wirkliches Glück?“, will Heike wissen.

Leonie überlegt und wird auf einmal ruhig. „Geliebt zu werden und auch lieben zu können!“. antwortet sie, plötzlich ganz sicher geworden.

„Ja, da hast du Recht. Wenn wir geliebt werden, sind das die glücklichsten Momente in unserem Leben. Wenn wir zum Beispiel  Menschen um uns haben, die uns so nehmen wie wir sind, die uns unterstützen und die für uns da sind, wenn es uns schlecht geht. Was glaubst du macht glücklicher, lieben oder geliebt werden?“, spricht Heike Leonie an.

Stille.

Große Ruhe senkt sich auf Leonie herab: „Eigentlich wäre die erste Antwort, geliebt zu werden ist das größtmögliche Glück, aber vielleicht erlangt man Glückseligkeit, wenn man jemanden lieben kann.“

„Darf ich dir widersprechen? Ich glaube wir Menschen, im Besonderen wir Frauen, brauchen beide Arten des Liebens. Wir wollen lieben und geliebt werden und das in einer ausgewogenen Balance. Wen glaubst du, liebe Leonie, kannst du mit Sicherheit am meisten, am bedingungslosesten lieben? Und wer kann  dich von Anfang an so annehmen, wie du bist und dich so lieben, ohne Bedingungen, ohne Gründe, ohne Vorbehalte. Gibt es einen Menschen in deinem Leben, der das kann?“, ganz leise tippt Heike an Leonies Herz.

„Ja ich glaube, es gibt so einen Menschen!“, denkt Leonie bei sich und unbewusst legt sie ihre Hände auf den Bauch und ein warmes, ganz wohliges Gefühl steigt in ihr auf. Wieder spürt sie dieses feine zarte Band, diese neue Verbundenheit. Diese neue Verbundenheit zu ihrem Kind.

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