Ungezähmte Männer

44. Kapitel

Verloren!

Jetzt habe ich wieder verloren. Die Liebe ist ein Unding, dem man nicht vertrauen darf.

Eingeknickt und mit hängenden Schultern verlässt Andreas den Domplatz und kämpft um seine Fassung. Es gebührt sich nicht, als Mann Emotionen zu zeigen. In seinem Herzen spürt er einen Aufruhr und seine Beine wehren sich weiter zu gehen. Sein ganzer Körper will umdrehen, um Leonie, trotz ihrer Worte, in die Arme zu schließen. Er kämpft. Doch seine Erfahrungen, seine Blessuren aus der Vergangenheit halten ihn zurück und treiben ihn weg von ihr. Menschen kann man nicht vertrauen, noch weniger Frauen. Er hat es früh kennengelernt und wird nun erneut in seinem Urteil bestätigt.

„Andreas, hörst du mich? Schon wieder bist du nicht mit den Gedanken bei der Sache. Wir besprechen gerade den nächsten Event.“, etwas verstimmt richtet Stefan sein Wort an Andreas.

Andreas blickt verständnislos auf und findet sich unter den Männern seiner Glaubensgruppe wieder. Die Traurigkeit über den Verlust von Leonie holt ihn immer wieder ein und die Ereignisse auf dem Domplatz überrollen ihn so oft. Er fühlt sich in einer Zeitspirale gefangen, wie im Film, „Und täglich grüßt das Murmeltier“. Er versteht nicht, warum ihre Liebe nicht existieren sollte .

Das ist jetzt 3 Wochen her und trotzdem ist der Schmerz nicht kleiner geworden.

„Möchtest du mit mir über das reden, was dich schon so lange Zeit umtreibt?“, verständnisvoll klopft Stefan, der Gründer ihrer Glaubensgruppe, ihm auf die Schultern.

„Nein, lass mal. Mir geht es gut!“, versucht Andreas sich aus der unangenehmen Situation zu befreien.

„Gar nichts ist gut. Ich merke seit geraumer Zeit, dass etwas nicht stimmt. Du bist verschlossen und lachst kaum noch. Du weißt, ich kann in den Augen anderer lesen. Und deine haben sich von fröhlichen in traurige gewandelt. Komm guter Freund, raus mit der Sprache!“, aufmunternd lächelt Stefan seinen treuen Kameraden an.

Andreas möchte sich am liebsten in seine Höhle zurückziehen. Er will seinen Schmerz, sein Unverständnis und seine Enttäuschung nicht teilen. Aber in den Augen seines Freundes erkennt er Anteilnahme. Er erkennt Verständnis und Freundschaft. Da erinnert er sich an den Augenblick, als er im Krankenhaus erwachte und in dieselben Augen blickte. Zu diesem Mann hat er bedingungsloses Vertrauen, dieser Gedanke, dieses Gefühl durchfährt ihn wie eine kühlende, wohltuende Briese.

„Ja du hast Recht. Gar nichts ist gut. Ich habe mich vor vier Monaten in eine junge Frau verliebt. Diese Liebe war plötzlich da, als ich sie das erste Mal im Kaffee traf. Zuerst hat mich diese hübsche Frau fast umgeworfen und dann mitten ins Herz getroffen. Fast so wie Liebe auf den ersten Blick, oder auf den ersten Zusammenstoß.“, erinnert sich Andreas lächelnd an ihr erstes Treffen in der Eingangstür des Kaffeehauses.

„Wie heißt sie denn?“, will Stefan wissen.

„Leonie“, den Namen mit einer Zärtlichkeit aussprechend, blickt Andreas traurig bei Stefan vorbei.

„Wir trafen uns ein paarmal und meistens kamen wir ins Streiten. Sie ist ein sehr kritischer Geist und mit Gott hat sie noch nicht viel Kontakt gehabt. Aber, ich weiß nicht, durch diese Gespräche, durch diese Diskussionen kamen wir uns auf eine Art und Weise näher, die ich noch bei keiner Frau gespürt habe. Sie war oft nicht meiner Meinung und trotzdem habe ich mich in sie verliebt. Doch plötzlich änderte sich etwas in ihr und ohne Vorwarnung beendete sie die Geschichte, bevor diese richtig angefangen hat.

Wir hatten noch gar keine Zeit uns richtig kennen zu lernen. Sie will das wir Freunde bleiben. So ein Schwachsinn!“, Zorn steigt plötzlich in Andreas hoch.

„Ja, und hast du sie zurück gehalten? Oder hast du sie einfach gehen lassen“, fragt Stefan ungläubig.

„Wie? Gehen lassen? Natürlich. Sie will Karriere machen, nach Wien ziehen und keine Fernbeziehung leben!“, irritiert blickt Andreas seinen Freund an.

„Noch einmal. Du hast sie wirklich  kampflos aufgegeben?“, will Stefan nochmal wissen.

„Was heißt aufgegeben? Ich verstehe deine Ansicht nicht. Was hätte ich den tun sollen? Sie festhalten? Festbinden?“ zornig geworden, wegen des Unverständnisses seines Freundes, blitzt er Stefan an. So hat er sich das Gespräch nicht vorgestellt. Hallo!  Er ist er Arme! Er ist der Verlassene! Er hat nichts falsch gemacht!

„Ach mein Lieber, kennst du nicht die Bibel? Welche Themen haben wir in den letzten Jahren so häufig diskutiert. Den Menschen so zu lieben, wie er ist. Seine Freiheit zu akzeptieren, aber trotzdem für ihn da zu sein. Glaubst du wirklich es geht Leonie um ihre Karriere? Wissen wir nicht, dass der Mensch sich nach Liebe sehnt und gelingende Beziehungen anstrebt?“, auffordernd blickt Stefan seinen zornigen Vertrauten entgegen.

„Was glaubst du, ist ein ganz wichtiges männliches Merkmal? Was wünschen sich Frauen von uns? Das wir bei den ersten Schwierigkeiten abziehen? Wie ein gekränkter, beleidigter Junge? Wünschen sie sich nicht seit je her Ritter, die ihre eigenen Ängste und Zweifel überwinden, sich für sie einsetzen und um sie kämpfen? Durchhaltevermögen, Sicherheit, Verständnis aber vor allem wünschen sie sich, dass wir für sie da sind!“, beendete Stefan sein Plädoyer für Beziehungen.

Andreas sieht seinen schnellen Abgang am Domplatz plötzlich in einem anderen Licht. Nein, er sieht Leonie. Wie sie ihn anblickt, trotz ihrer Worte. Es war Sehnsucht in ihren Augen, gemischt mit einem Funken von Hoffnung. Er wird ganz still und ganz allmählich kommt etwas in ihm in Gange.

„Weißt du mein guter Freund, Liebe geschieht einfach. Aber sie muss beschützt werden. Wir haben gerade den Epheser gelesen. „… denn er gibt sein Leben für sie hin!“, dass mein Freund ist unsere Aufgabe. In den alten Zeiten sind Ritter für die Herzensdamen in Kämpfe gezogen. Frauen wurden besungen und die Gunst einer Frau zu erlangen, war das höchste, das ein Mann erreichen konnte. Es gibt eine ungewöhnliche biblische Auslegung der Situation im Paradies: Wenn Adam Eva vor Gott entschuldigt  und sie in Schutz genommen hätte, dann wären wir vielleicht noch im Garten Eden.“

„Aber was soll ich denn nun machen? Es ist drei Wochen her und ich habe seit dem nichts mehr von ihr gehört. Sie wird gar kein Interesse mehr an mir haben.“, verzweifelt legt Andreas seine Stirn in Falten.

„Das ist eine gute Frage. Vielleicht rufst du sie einfach an. Bevor du schreibst, ist es immer besser zum Hörer zu greifen und Hallo zu sagen. Hab den Mut. Sei ein Mann und setz dich für deine, für eure Liebe ein. Nur so kannst du beweisen, dass dir etwas an ihr liegt!“, brüderlich legt Stefan seinem Freund den Arm um die Schultern und lächelt ihn an.

„Ich glaube gerade in unserer Zeit ist es wieder gefragt,, ein echter Mann mit ritterlichem Benehmen zu sein und auch zu werden. Und eines kann ich dir versprechen, wenn die Geschichte gut ausgeht, dann hast du für dich und für Leonie, für euren gemeinsamen Weg ein stabiles, starkes Fundament erbauen können. Ein Fundament, auf dem sich ein gemeinsames Haus, ein gemeinsames Leben errichten lässt.“

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