Angst vor der Entscheidung!

43. Kapitel

Entscheidung!

Warum ist es so schwer? Es geht um ihren Körper. Es geht um ihre Zukunft. Es geht um ihre Freiheit. Warum? Sie dachte sie hätte sich schon gegen die Schwangerschaft entschieden, aber es fühlt sich so an, als ob sich ihr Verstand und ihr Herz im Kampf befinden würden.

Schon wieder. Wie jeden Morgen ist ihr übel und so schleicht sie sich ganz leise zur Toilette. Alles schläft noch um diese frühe Stunde. Erschöpft legt sich Leonie danach wieder zurück in ihr Bett, aber es ist unmöglich weiter zu schlafen. So zieht sie sich leise an und steigt kurzerhand auf ihr Fahrrad. Mit Zorn und Verzweiflung beginnt sie in die Pedale zu treten. Sie fährt in einem Höllentempo durch die morgendliche Vorstadt Salzburgs und findet sich einige Zeit später vor dem Haus ihrer Großmutter wieder. Kann sie die alte Dame so früh überraschen? Leonie steigt ab und klingelt verhalten an der Tür ihrer geliebten Omi.

„Guten Morgen, mein Schatz!“, überrascht, aber voller Freude umarmt die alte Dame ihre Enkelin. Sie zieht Leonie so stark an sich, dass es ihr fast den Atem nimmt. Wie gut ihre Großmutter riecht. In Leonie steigt die ganze Verzweiflung hoch.

„Ich freue mich, dass du mich zu so früher Morgenstunde besuchst. Wie geht es dir, mein Liebling?“, strahlt Gertrude Leonie an.

„Wunderbar Omi“, wollte die Enkeltochter antworten, aber da bricht der Damm und es rutscht ihr ein trauriges „Ich weiß nicht.“, heraus. Tränen füllen ihre Augen und verblüfft von ihren eigenen Worten, starrt die junge Frau ihre Großmutter an.

„Ich weiß es nicht Omi. In Wirklichkeit geht es mir richtig schlecht. Ich habe alles was ich mir wünsche, einen sehr gut bezahlten Job, eine liebe Familie, sehr gute Freunde. Aber trotzdem weiß ich nicht ein noch aus!“, immer noch verwundert über ihre eigene Reaktion, sprudeln die Worte aus Leonie heraus.

„Ich weiß.“, mit großem Ernst blickt Gertrude in die traurigen Augen ihrer Enkelin. „Ich bin im Bilde, mein Schatz! Komm und lass uns Kaffee trinken.“, versucht Gertrude Leonie aufzumuntern.

„Omi, was soll ich nur tun?“, schießt es aus Leonie heraus, bevor sie beide in der kleinen Laube, die noch ihr Großvater gebaut hat, Platz genommen haben. „Ich soll mich entscheiden. Mein Verstand sagt tue es und mein Herz schreit buchstäblich dagegen.“

„Leere! Nichts als Leere.“, kläglich blickt Gertrude den Arzt an. „Wenn sie dieses Kind nicht wollen, gebe ich ihnen eine gute Adresse, wo sie diese Schwangerschaft unterbrechen können.“, sachlich erklärt ihr Gegenüber die Situation. Ein kurzer Gedanke durchzuckt Gertrudes Kopf: „Was heißt hier  unterbrechen?“

Leere! In dem Moment, als sie ihre Tochter in die Arme ihrer Mutter gelegt hatte, brach ihr Herz in tausend Stücke. Sie konnte den Verlust ihres Kindes nicht überwinden. Wo war das kleine Wesen, das sie so sehr liebte.

In Paris zurückgekommen, stürzte sich Gertrude mit einer unbeschreiblichen Gier nach Freude und Glück in ihr wiedergefundenes Singleleben. Sie arbeitete viel und am Abend durchstreifte sie Bars, Tanzlokale oder private Partys. Sie fing an Männer aufzugabeln. Sie spielte mit ihnen, flirtete und landete jedes Mal mit dem Fremden im Bett. Nur in diesen kurzen Affären spürte sie ihre Leere nicht mehr.

Leere! Schwanger!

Gertrude betrat die Klinik und nach 3 Stunden war alles vorbei. Ein Taxi holte sie ab und brachte sie in ihre Wohnung zurück. Von den Medikamenten benommen, legte sie sich in ihr Bett und schlief sofort ein. Plötzlich standen zwei kleine Mädchen an ihrem Bett. Sie hielten sich an den Händen und lächelten Gertrude mit einer Liebe an, die sie so noch nicht kannte. Gertrude schrak schweißgebadet aus dem Traum auf. Doch das Bild der beiden Mädchen hat sich mit einem unsagbaren Schmerz in ihr Herz gebrannt.

„Mein Herz will das nicht!“, hört Gertrude und kommt aus ihrer Vergangenheit zurück. Vor ihr sitzt eine weinende Leonie.

„Ich verstehe dich. Ich habe es noch nie einem Menschen erzählt, weil ich mich so für mein Tun schämte. Ich war in der gleichen Situation, wie du jetzt. Meine Entscheidung damals war falsch, egoistisch und verhängnisvoll. Ich habe mich gegen das Leben gewendet. Mein Herz war lange Zeit ein Ort der Leere, Kälte und Gefühlslosigkeit.“, ehrlich versucht Gertrude ihren inneren Schmerz und ihre Traurigkeit in Worte zu fassen.

„Aber warum weißt du es? Warum weißt du, dass ich schwanger bin, aber dieses Kind nicht will!“, möchte Leonie überrascht wissen.

„Meine Kleine!“, Gertrude blickt ihre Enkelin mit so viel Liebe an, dass sich Leonies Augen wieder mit Tränen füllen. „Ich bin eine Frau, deine Großmutter und liebe dich über alles. Natürlich weiß ich es. Schatz, wir sind verbunden. Mein Herz und dein Herz schlagen im gleichen Rhythmus.  Durch meine eigenen Fehler, die mir so viel Leid gebracht haben, weiß mein Inneres schon seit einiger Zeit, dass es dir nicht gut geht, aber ich musste warten bis du zu mir kommst.“, Gertrude greift nach Leonies Händen.

„Ich weiß es ist oft schwer Entscheidungen zu treffen, wenn Verstand und Herz sich nicht einig sind. Ich musste ein hohes Alter erreichen, bevor ich gelernt habe aufmerksam auf Gegebenheiten, Situationen, Notwendigkeiten zu achten und vorrangig auf mein Herz zu hören. Du weißt, ich habe aus lauter Egoismus, dem Drang nach Selbstfindung und meiner Freiheitssehnsucht den großen Fehler gemacht, deine Mutter wegzugeben. Aber das war nicht mein einziger schwerer Irrtum.“, beginnt Leonies Großmutter nach einem langen, tiefen Atemzug zu erzählen.

„Ich hatte damals in Paris viele Affären!“, beginnt Omi ihre Geschichte.

„Du meinst One-Night-Stands?“, wirft Leonie ein.

„Ja, ich glaube ihr nennt das heute so!“, erzählt Gertrude vermeintlich ruhig weiter. Doch Leonie merkt unwillkürlich, dass sich ihre, sonst so starke Großmutter, gar nicht wohl in ihrer Haut fühlt. „Ich hatte viele solcher Begegnungen und so passierte das Unvermeidliche, ich wurde wieder schwanger. Desillusioniert, enttäuscht und ernüchtert durch das Erfahrene, ließ ich, ohne viel zu überlegen, mein Kind töten.“, zu schnell und zu nüchtern erzählt Gertrude ihre Vergangenheit. „Ich machte mir nicht mehr die Mühe, irgendetwas abzuschätzen, darüber nachzudenken oder jemanden zu fragen. Mein Herz war nicht mehr fähig zu fühlen und so war der Eingriff für mich nicht mehr, als ob ich zu einem Zahnarzt gehen würde. Dachte ich zumindest für sehr lange Zeit. Darüber hinaus lebten viele junge Menschen dieses freie, ungezügelte Leben. In der großen Stadt war es nicht ungewöhnlich abzutreiben.  Jeder lebte in einem Hype, es ging jedem nur um sich selbst. Die berühmten 68er halt!“, Gertrudes Blick schweift an Leonie vorbei, als ob sie in diese Zeit zurücksehen könnte.

Ungläubig starrt Leonie ihre geliebte Omi an und beide verharren in einem langen Schweigen.

„Mein Engel. Wie du dich jetzt entscheidest, dass wird deine Zukunft bestimmen. Entscheide nicht vorschnell und informiere dich über alle Möglichkeiten und Lösungen. Es gibt immer mehrere Wege. Die Metapher der Türen fällt mir dabei ein. Wenn man eine Tür schließt, öffnen sich fünf neue. Aber glaub mir, aufgrund meines Lebens, meines Leids, weiß ich es bestimmt: wenn man eine Tür durch Lügen, Betrügen oder durch Mord schließt, dann können keine neuen zu Freude, Glück und Liebe aufgehen. Ich habe das Portal zu deiner Mutter und zu ihren Schwestern verschlossen und habe sehr lange gebraucht, wieder in das Haus des Lebens gelangen zu können. Man sollte keine Türen öffnen, hinter denen Totes verwahrt wird. Durch die Liebe deines Großvaters öffneten sich für mich wieder neue Räume des Glücks und des Lebens. Ich fand zu meiner Tochter Ingeborg, Susanne kam zur Welt und durch dich und Lilly bekam ich neue Chancen geschenkt.“, immer fester wird die Stimme ihrer Großmutter.

„Bitte mein Liebling, entscheide dich für das Leben. Lass nicht zu, dass sich die Geschichte wiederholt. Habe die Kraft und den Mut, Menschen in deiner Umgebung um Hilfe zu bitten. Höre auf dein Herz, auf deine innere Stimme. Dein innerer Friede wird dir zeigen, dass du auf dem richtigen Weg bist.“, liebevoll blickt die Großmutter ihre Enkelin an und sanft und doch fest drücken die alten Hände die zarten, verletzlichen jungen.  „Ich danke Gott jeden Tag, dass er mein Leben, trotz den von mir geschlossenen Türen, noch so wunderbar gelingen ließ!“, leise und ruhig beendet Gertrude ihre Geschichte. Plötzlich spürt die alte Dame ein feines, leichtes Etwas in ihr wachsen. Eine Verbundenheit, wie ein zartes feines Band, entsteht in ihr und sie weiß, dieses Band ist das Band der Liebe zur Tochter ihrer Enkelin.

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