Gott und die Sexualität

42. Kapitel

…von der Nacht in Florenz!“

Verwundert. Müde. Leonie betritt die Küche. Täuschen sich ihre Ohren? Sie glaubt sie hört nicht richtig. Ihre Mutter singt lautstark einen alten Schinken mit. Leonie lehnt sich an den Türpfosten und sieht lächelnd und genussvoll Ingeborg zu, die mit einem tänzelnden Schritt Tassen, Teller, Messer und andere Utensilien für das Frühstück auf ein Tablett richtet und dabei aus vollem Halse mitträllert: „Und sie tramt jetzt immer öfters vom Riccardo  und vom Zauber  einer Nacht in Florenz!“

Leonie schmunzelt, denn so kennt sie ihre Mama nicht. Als sich Ingeborg beschwingt dreht, erblickt sie ihre Jüngste und lässt fast vor Schreck das Tablett fallen. Doch es gelingt ihr noch rechtzeitig auszubalancieren und dieses auf der Anrichte abzustellen.

„Guten Morgen mein Schatz. Hast du gut geschlafen?“, kommt Ingeborg Leonie entgegen und haucht ihr einen zarten Kuss auf die Stirn. „Ja Mama, wunderbar! Es ist wirklich schön, wieder einmal in meinem alten Zimmer zu schlafen. Aber schon komisch, denn ich dachte ich würde mich in diesem Haus nicht mehr wohl fühlen, aber ehrlich gesagt, ich freue mich auf die gemeinsamen Wochenenden in den nächsten 12 Monaten.

“So früh schon österreichischer Pop? Gefällt dir das Lied? Weißt du nicht, dass die Sängerin von einem Seitensprung träumt?“, verwundert aber lachend strahlt Leonie ihre Mutter an.

„Horch einmal genau hin. Es ist ein trauriges Lied und diese Frau ist alt und einsam geworden. “und manchmoi friert sie in der Nocht in diesen Augenblicken fühlt sie sich verrot´n., gibt Ingeborg eine Passage aus dem Text wörtlich wieder, während sie das Tablett wieder aufhebt und Leonie mit einem zärtlichen Blick auffordert, ihr in den Garten zu folgen.

Leonies Stimmung hebt sich in dem Augenblick, als sie nach draußen tritt. Mit leuchtenden, gelben Farbtönen in allen Nuancen, begrüßen sie Sonnenhütte, Goldruten und Sonnenblumen. Das Rosenbeet an der rechten Seite strahlt ihr in verschiedenen Rottönen, hervorgehoben durch violetten Lavendel, entgegen. Der frischgemähte Rasen breitet sich wie ein Teppich vor ihr aus und gibt der schier unbändigen Farbenpracht rund um ihn, eine wohltuende Ruhe. „Mama! Wie schön! Ich habe ganz vergessen, wie einmalig dieser Anblick ist.“, ruft Leonie überwältigt aus.

Ingeborg lächelt still in sich hinein und freut sich über das Gesagte, das augenblicklich ihr Herz erwärmt. Beide Frauen beginnen gemeinsam den Tisch mit Marmelade, Butter und frischen Kipferln zu decken. „Ah ja, es ist Samstag, da gönnen sich ihre Eltern immer frisches Gebäck.“, denkt Leonie und serviert zwei Cappuccinos an den einladenden Tisch. Mutter und Tochter nehmen Seite an Seite, den Blick auf den Garten gerichtet, Platz.

„Ich habe gerade eine Kolumne gelesen, dass sich Einsamkeit in unserer Gesellschaft immer mehr verbreitet und sie sehr oft der Auslöser für Krankheiten wie Schlaganfall, Depressionen, Krebs, Herzinfarkt und viele andere sei. Was dabei interessant ist, ist dass es sich hier nicht nur um soziale Isolation handelt, sondern um einen anhaltenden inneren Schmerz der Beziehungslosigkeit. Diesen Schmerz stellt auch Stefanie Werger so treffend, im Lied von Florenz, dar . “Ihr Herz hat sich in Falten g´legt, weil er sich von ihr wegbewegt, wenn sie sei Zärtlichkeit am meisten braucht“- wieder stimmt Ingeborg Teile vom Text an.

„Ja aber sie träumt trotzdem von einem Seitensprung. Das kann ja in deinem Weltbild so gar nicht Platz finden, oder änderst du deine Meinung?“, neugierig wartet Leonie auf eine Antwort.

„Das ist ja gerade das Fatale. Menschen glauben mit Sexualität ihren Durst nach Liebe, nach Sicherheit und nach einem Zuhause stillen zu können und fallen durch den schnellen Konsum von Sex noch schneller in eine Einsamkeit, in eine Verlassenheit zurück. In unserer Gesellschaft ist der Hunger nach Beziehungen enorm groß. Jeder will glücklich sein, was ja verständlich ist, aber keiner macht sich mehr die Mühe genauer hinzuschauen und auch darüber nachzudenken.“, entwirft Ingeborg ein düsteres Bild.

„Über was sollen wir denn nachdenken?“, blickt Leonie ihre Mutter fragend an. Zu ihrem Unbehagen muss sie zugeben, dass das Gehörte logisch klingt.

„Wir sollten unseren Blick wieder mehr der wahren Bedeutung von Sexualität, Liebe und Beziehung zuwenden. Mir gefällt dieses Lied deshalb so gut, weil es die Situation, die, wie ich glaube, viele Frauen betrifft, in einem Satz auf den Punkt bringt. “sie wird net mehr geliebt – sie wird genommen.zitiert Ingeborg noch einmal eine Zeile des Textes.

Genommen!

Als Leonie dieses Wort hört, krampft sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. In einem kurzen Flashback sieht sie sich im Zug nach ihrem One-Night-Stand sitzend und weiß in dem Moment was sie beschämt und so verletzt hat. Ja, sie wurde nicht geliebt, sie wurde nur genommen. Ein schwerer, dicker Kloß schnürt ihr den Hals ab und Tränen suchen sich ihren Weg. Leonie richtet sich auf. Um nicht die Fassung zu verlieren, nimmt sie bewusst einen langsamen Schluck Kaffee.

Aus den Augenwinkeln betrachtend, nimmt Ingeborg den Stimmungswechsel wahr, kann sich aber nicht erklären, warum ihre Tochter plötzlich steif wie ein Brett neben ihr sitzt.

Als ob sie nichts bemerkt hätte, spricht die Mutter weiter: „Dieses Nehmen ist die Krux der ganzen Geschichte. Viele sind davon überzeugt, dass es ihnen zusteht, sich einfach das zu nehmen, was sie für ihr Wohl gerade brauchen. Ich nehme mir die Freiheit, leben zu können wie ich will. Ich nehme mir dieses und jenes und so ist es auch ganz selbstverständlich andere Menschen zu gebrauchen, wie ich es will. Es geht um mich und nur um mich. Beim Sex kann schnell ein höchstmöglicher Lustgewinn erzielt werden, weil das Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet wird. Deshalb glauben viele Menschen, dass Sexualität allein glücklich macht. Aber keiner merkt, dass gerade durch dieses Tun der andere und auch man selbst zutiefst verletzt wird. Gott hat uns diese wunderbare Sache der körperlichen Vereinigung geschenkt und wir sollten achtsam damit umgehen!“, erzählt Ingeborg mit einem leichten, unbeschwerten Ton weiter, obwohl sie in sich spürt, dass sie sich, auch weil sie Gott erwähnt hat, auf sehr dünnes Eis begibt.

Da Leonie immer noch schweigsam neben ihr sitzt, fährt Ingeborg weiter: „Du musst dir die Sexualität auf drei Ebenen vorstellen. Bei der ersten Stufe geht es nur um den körperlichen Aspekt, da bleiben beide meistens leer zurück. Bei der zweiten Stufe spielt Zuneigung eine gewisse Rolle und Mann und Frau fühlen sich nachher ganz wohl. Bei der dritten Stufe werden Körper, Geist und Seele angesprochen. In dieser Ebene will ich, dass es dem anderen gut geht und nur so kann man erfüllen und auch selbst erfüllt werden. Diese dreidimensional gelebte Sexualität ist ein Heilsplan Gottes, um auch das Leben auf dieser Welt weiterzubringen. Diese Aufwertung, Aufrüstung, dieses Upgrade der Sexualität wäre in unserer Zeit so notwendig, so wichtig, damit niemand mehr einen anderen Menschen, um seiner eigenen Bedürfnisse willen, gebraucht!“, führt Ingeborg weiter aus.

Gebrauchen! Hat das gestern nicht auch ihr Vater erwähnt? Einen Menschen wie eine Ware gebrauchen. Leonie will ihrer Mutter entgegnen, will ihr sagen, dass das alles altmodisches Gewäsch wäre, dass wir froh sein könnten, so viele Möglichkeiten zu haben, so viele unterschiedliche Ausbildungen zu absolvieren, so verschiedene Lebenskonzepte zu leben und so verschiedene Wege gehen zu können. So frei zu leben. Aber etwas in ihrem Inneren hält sie davon ab. Immer noch hält sie die Tasse in ihrer Hand und blickt in den Garten. Sie merkt nicht, dass ihre Mutter neben ihr ebenfalls still geworden ist.

Stille.

In Leonie wird es still. Welch wunderbarer Zustand. Stille. Frieden. Nach einer gefühlt endlosen Zeit wendet sich Leonie ihrer Mutter zu und legt ganz sacht ihren Kopf auf Ingeborgs Schulter. Sie denkt an Heike S., an Omi, an Lilly, Angelika, Susanne, Andrea und Julia. Sie denkt an all diese wunderbaren Frauen in ihrem Leben. Sie denkt an ihren Vater, Marco und an Andreas. Wärme steigt auf und sie fühlt wieder diese Verbundenheit, dieses zarte, feine Band, das gestern erstmals zu ihrem Vater entstanden ist. Diese Verbundenheit scheint in ihr zu wachsen und sich mit allen diesen geliebten Menschen zu verknüpfen. Ja sogar Marco ist im Kreis dabei.

Stille.

Wie wunderbar, den angelehnten Kopf des geliebten erwachsenen Kindes an der eigenen Schulter spüren zu dürfen. Ingeborgs Augen füllen sich mit Tränen. Mit Tränen der unbändigen Freude. „Still sitzen, diesen Moment nicht stören!“, denkt Ingeborg bei sich und sie spürt eine Empfindung in sich wachsen. Wie ein zartes, feines Band entsteht etwas Neues in ihr.

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